Claudia Pechstein konnte das Ergebnis nicht mehr schocken
Muss Claudia Pechstein ihre Kufen nun endgültig an den Nagel hängen? Die Eisschnellläuferin bleibt auch nach dem Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes CAS für zwei Jahre gesperrt. Pechstein selbst wirkte wenig überrascht und strebt nun die nächste Gerichtsentscheidung an.
"Das zu akzeptieren, ist für mich unglaublich hart. Nach dem wochenlangen, unwürdigen Hin und Her war das Urteil aber abzusehen", erklärte Pechstein in einer ersten Reaktion, "ich bin nicht mehr über das Ergebnis geschockt, sehr wohl aber darüber, wie es zustande gekommen ist. Erst die ISU, jetzt der CAS. Ich habe lernen müssen, dass es ausgerechnet vor Sportgerichten offenbar keinen Platz für das im Sport so oft beschworene Fairplay gibt."
Ein Präzendenzfall
Der CAS geht in seiner richtungsweisenden Urteilsbegründung in diesem Präzedenzfall davon aus, dass die erhöhten Retikulozytenwerte der 37-Jährigen "nur durch eine unerlaubte Manipulation des eigenen Blutes" zu erklären seien. Die schmerzhafte juristische Niederlage ist für die Berlinerin nach neunmal olympischem Edelmetall (5/2/2), 44 WM- und EM-Medaillen (9/25/10) und sechs Weltrekorden der Anfang vom Ende.
Nach der Veröffentlichung des 66-seitigen Urteils droht die Kündigung ihrer Stelle bei der Bundespolizei. Auch finanziell steht sie beim erwarteten Rückzug von Sponsoren vor einem Scherbenhaufen. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) bestätigte umgehend, dass sie aus der Verbandsförderung ausgeschlossen und somit eine Teilnahme an den Olympischen Winterspielen unmöglich sei.
"Es ist ein schwerer Schlag für den deutschen Sport, wenn die Karriere einer derart erfolgreichen Athletin wie Claudia Pechstein auf diese Art und Weise zu Ende geht", sagte DOSB-Präsident Thomas Bach und forderte die Athletin "in ihrem wohlverstandenen Interesse zur umfassenden Aufklärung" auf. Das Urteil werde aber den Kampf gegen Doping nach vorne bringen, so der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, weil "die Bedingungen für eine indirekte Beweisführung konkretisiert wurden". Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) wertete die CAS-Entscheidung als "starken Rückenwind" für die Anstrengungen der Welt Anti Doping-Agentur (WADA) und des Weltverbandes ISU. Für WADA-Präsident John Fahey ist die Entscheidung "ermutigend für die Zukunft".
Letzte Hoffnung Schweiz
290 Tage nach ihrer Suspendierung bei der Mehrkampf-WM in Hamar hatte Pechstein auf dem Eisoval Hohenschönhausen noch demonstrativ Trainingsrunden gedreht. Jetzt bleibt ihr als letzte Hoffnung der Gang vors Schweizer Bundesgericht. Erst in der vergangenen Woche hatte das Zivilgericht einer Beschwerde des ehemaligen deutschen Eishockey-Nationalspielers Florian Busch gegen ein CAS-Urteil nach drei Monaten Wartezeit stattgegeben.
Reaktionen:
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Werner Franke (Molekularbiologe und Dopinggegner): "Ich hatte das für mich erwartet - insbesondere wegen der rhythmischen Korrelation der Werte mit Wettkämpfen. So etwas gibt es in der Natur nicht."
Die ISU hatte Pechstein am 3. Juli wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt, dagegen war sie vor dem obersten Sportgericht in Berufung gegangen. Die Sperre läuft danach rückwirkend vom 8. Februar 2009 bis zum 7. Februar 2011. Der CAS begründete in seinem Richterspruch, die Athletin weise "abnormale Retikulozyten-Werte verglichen mit der allgemeinen Bevölkerung in Europa und anderen Spitzenläufern und auch im Vergleich mit ihren eigenen Werten auf". Diese Abnormalitäten konnten aus Sicht des CAS "nicht vernünftig durch die verschiedenen Rechtfertigungen der Athletin oder einen medizinischen Hintergrund ausgeräumt werden".
Reaktionen: Von "Schwarzer Tag" bis "Ermutigend"
In jedem Fall wird die CAS-Entscheidung nun die Tür für weitere Sperren mit indirektem Beweis öffnen. Zahlreiche internationale Sportverbände haben Listen von Athleten, deren Blutbilder Abnormalitäten aufweisen. Pechstein, die Doping stets bestritten hat, sieht sich als Opfer dieser Strategie der WADA, die am 1. Januar 2009 mit ihrem neuen Code den indirekten Beweis ohne positiven Befund möglich gemacht hatte. "Wie man mich ohne Beweis, aufgrund eines einzigen Indizes, das zudem in der Wissenschaft noch sehr umstritten ist, sperren kann, wird mir für immer unbegreiflich bleiben", sagte sie. Ihr Anwalt Simon Bergmann sprach von einem "schwarzen Tag für die Sportrechtssprechung".
DESG-Präsident Gerd Heinze beklagte sogar einen riesigen "Schaden für den deutschen Sport, den deutschen Verband und Claudia Pechstein". Seine Kritik richtete sich auch in Richtung WADA: "Sie sollte das nicht als Sieg des Blutprofils feiern. Die WADA hat es nicht geschafft, für ihren neuen Code rechtzeitig auch die Rahmenbedingungen klar zu machen. Wir und Claudia müssen das jetzt ausboxen." Auch der Verband muss mit dem Verlust des Hauptsponsors und damit einer gewaltigen finanziellen Lücke im Budget rechnen.
Der Teamchef der deutschen Eisschnellläufer, Helge Jasch, reagierte bestürzt: "Ich bin platt, mir verschlägt es die Sprache. Wir sind damit sportlich geschwächt, schließlich können nicht 20 Leute in unserem Team zu Medaillen laufen." Für den Nürnberger Pharmakologen Fritz Sörgel war der Fall dagegen "von Anfang an" klar: "Ich hatte nicht an die Blutkrankheit geglaubt. Für alle, die es an indirekten Beweisen forschen, ist das Urteil ermutigend. Es ist immer eine gewisse Unsicherheit mit drin, aber diese ist im Fall Pechstein sehr klein."
"Das ist alles einfach unbegreiflich"
Zwiespältig reagierte der Kölner Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer. "Ich bin sicher, dass der indirekte Nachweis von Doping-Missbrauch aufgewertet wird und die Entscheidung eine positive Stimmung bei den Verbänden erzeugt", sagte der Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Nicht wohl ist mir aber, dass das Urteil nur auf einen Parameter, die erhöhte Anzahl von Retikulozyten im Körper, beruht."
Pechstein war lange Zeit fest von einem Freispruch ausgegangen. Erste Zweifel waren ihr vor gut zwei Wochen gekommen, als der CAS das ursprünglich für den 5. November angekündigte Urteil am Abend davor um gut 14 Tage verschoben hatte. "Seitdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Fall nicht sportjuristisch, sondern sportpolitisch entschieden wird", erklärte Pechstein, "als dann die nächste Verschiebung kam, war mir mehr denn je klar, was passieren wird."
Sie sei "fest davon überzeugt, dass ich verurteilt wurde, weil hinter den Kulissen Kräfte gewirkt haben, die den indirekten Beweis in diesem Präzedenzfall nicht scheitern sehen wollten", schimpfte Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin, die für die eigene Verteidigung knapp 250.000 Euro ausgegeben haben soll. "Wenn die Umkehr der Beweislast im Anti-Dopingkampf Schule macht, dann kann man ja zukünftig keinem talentierten Kind oder Jugendlichen mehr mit gutem Gewissen empfehlen, Leistungssport zu treiben. Denn am Ende steht man womöglich, so wie ich jetzt, unverschuldet vor den Trümmern seiner Karriere. Das ist alles einfach unbegreiflich."