
USC-Fans machen klar, wer in Los Angeles das Sagen hat
In einer Woche beginnt in den Universitätsstädten der USA die Football-Saison, bereits jetzt scharren nicht nur die Spieler mit den Hufen. Dabei spielen im College-Football gerade Rivalitäten zwischen den Traditions-Unis eine große Rolle. sportal.de stellt in einer zweiteiligen Serie zehn dieser Duelle vor.
The Game
Wenn die Wolverines der University of Michigan auf die Buckeyes der Ohio State treffen, dann kennen Studenten, Spieler, Trainer, Professoren und Ehemalige beider Universitäten keine Freunde mehr auf der anderen Seite. Von einer Schlacht bis zum letzten Blutstropfen ist bisweilen die Rede. Dabei hat Michigan mit 57 gewonnenen und 43 verlorenen Partien, sowie sechs Unentschieden noch die Nase vor den Buckeyes vorne. Über 100.000 Zuschauer kommen jedes Jahr zu dem Duell in die Stadien der Rivalen, das oft auch nur schlicht The Game - das Spiel - genannt wird.
Seit 1897 bekämpfen sich die beiden Mannschaften meist im Kampf um die Krone der Big Ten Conference bis zum Äußersten. Historiker behaupten bisweilen sogar, dass die Ursprünge dieses Spiels bis ins Jahr 1835 zurückzuverfolgen sind, als sich der Bundesstaat Ohio und das noch nicht als Bundesstaat anerkannte Territorium Michigan im Toledo War, der eher in der Politik als auf dem Schlachtfeld geführt wurde, um das Gebiet um die Stadt Toledo stritten.
60 Jahre später verlagerten sie diesen Konflikt auf das Footballfeld. Und dies durchaus erfolgreich: Seit 1913 machten die Teams 70 Titel der College-Liga unter sich aus, zuweilen war ihre Übermacht in der Big Ten so groß, dass einige Scherzbolde die Liga als "Big two and little eight" betitelten.
Zu der Zeit war es auch, dass die legendären Coaches Wayne Woodrow Hayes und Glenn E. Schembechler ihre Klingen kreuzten. Woody Hayes, seit 1951 Coach an der Ohio State hatte den zehn Jahre jüngeren Bo Schembechler erst als Spieler und später Assistant Coach unter seinen Fittichen, ehe dieser zum großen Rivalen wechselte und von 1969 bis zu Woodys Karriereende 1978, dem ehemaligen Mentor das Leben schwer machte. Dabei entschieden seine Teams fünf der Duelle für sich, vier gingen an Ohio State und Hayes, ein Spiel endete Unentschieden. Trotzdem hatte der Ältere am Ende nur versöhnliches über seinen Ex-Schützling zu sagen: "Wir haben Jahr um Jahr gegeneinander gekämpft, aber wir waren auch große Freunde."
Große Freunde sind mittlerweile auch die Verantwortlichen beider Hochschule, die im Zuge des alljährlichen Spiels nicht nur einige Events auf dem Campus der jeweils austragenden Universität ausrichten, sondern auch den Blood Battle ins Leben gerufen haben. Dabei wird in einer groß angelegten Aktion an beiden Schulen "um die Wette" Blut gespendet, zudem finden auch andere karitative Veranstaltungen statt.
Hu, Hu, Hubschraubereinsatz
Auch wenn die University of Southern California eine ähnlich gesunde Rivalität quer durch das Land mit den Notre Dame Fighting Irish verfolgt, das innerstädtische Duell mit der University of California, Los Angeles hält die gesamte Stadt in Atem. Während die UCLA Bruins die Nase in den meisten Sportarten wie Basketball, Leichtathletik, Wasserball oder Tennis vorne haben, zählt für die meisten Südkalifornier nur ein Duell: Im Football haben die Teams beider Universitäten in der PAC 10 (Pacific Conference) und deren Vorgängerliga Pacific Coast Conference seit 1916 87 Titel unter sich aufgeteilt.
Dabei geht es aber nicht nur um Titel und die Victory Bell, die der Sieger mit nach Hause nehmen darf. Die Woche vor dem Duell ist traditionell mit "Angriffen" auf Statuen und Maskottchen der Rivalen oder Verunglimpfungen der Gegner geprägt. So wurde im letzten Jahr die Statue des UCLA-Bären mit Rot und Gold, den Farben der USC, beschmiert. Von 1999 bis 2008 waren solche Scherze nicht möglich gewesen, hatten die Verantwortlichen der UCLA den Bären in der Spielwoche in einer großen Kiste verschwinden lassen und damit laut Los Angeles Times "in den Winterschlaf" geschickt. Auf dem 15 Meilen entfernten Campus des Rivalen durfte sich Gegenpart Tommy Trojan auf eine ähnliche Behandlung freuen, er wird traditionell mit Klebeband vor blauer UCLA-Farbe geschützt. Angeblich, so erzählt man sich, seien Bruins-Anhänger in einem Jahr sogar mit einem Hubschrauber aufgekreuzt, um die Statue auf ihre Art zu verzieren.
Sportlich hat USC klar die Nase vorne: 79 Mal gab es das innerstädtische Duell bereits, 44 Mal konnten sich die Trojans durchsetzen, nur 28 Mal waren die Bruins siegreich, sieben Mal trennte man sich remis. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass Studenten dieses Duell weiterhin Ernst nehmen und statt der metallenen Maskottchen mit deren Stoffminiaturausgaben Vorlieb nehmen. So ziehen USC-Studenten Stoffbären hinter sich her und lassen darauf herumtreten, während bei der UCLA Voodoo-Puppen von Tommy Trojan der große Renner sind. "Das ist alles ein gut gemeinter Spaß", erklärte bereits 2002 eine 20-jährige UCLA-Studentin der Daily News.
Dumme Enten, schlaue Biber?
Nicht um eine städtische, sondern um die Vorherrschaft im Staat Oregon geht es zwischen den Beavers der Oregon State und den Ducks. Das als Civil War, also Bürgerkrieg, bezeichnete Spektakel findet dabei bereits seit 1894 statt. Die Ducks haben mit einer 57:46-Bilanz bei zehn Unentschieden die Nase vorne. Zwar treffen sich die beiden Bundesstaatrivalen in geraden Jahren in der Beavers-Heimstätte in Corvallis und in ungeraden Jahren bei den Ducks in Eugene, doch wich man auch sieben Mal nach Portland aus. Nach Ausschreitungen im Jahre 1910 verlagerte man nach einem Jahr Pause die Partien 1912 und 1913 nach Albany
Doch auch in anderen Jahren kam es immer wieder zu Zwischenfällen zwischen den Studenten beider Universitäten. So fielen nach dem Duell 1937 Fans der siegreichen Beavers in Eugene ein, wurden von den Hausherren mit Tomaten und Wasserballons begrüßt, einige in einen kleinen Kanal geworfen.
1954 wurden einige OU-Fans in Corvallis beim frühzeitigen Anzünden des traditionellen gegnerischen Lagerfeuers überrascht. 25 von ihnen wurden die Köpfe rasiert und als Gefangene deklariert, die niedere Arbeiten verrichten mussten. Einer wurde mit der Aufschrift "I am a dumb duck" - "ich bin eine dumme Ente" - versehen über den Campus spazieren geführt. 1972 kam es nach einem 30:3 für die Ducks in Corvallis zu einer Massenschlägerei, nachdem Ducks-Studenten die Torstangen auf der Südseite des Stadions entfernt hatten.
Doch auch sportlich spielten die Duelle das ein oder andere Mal eine Rolle. Besonders im letzten Jahr konnten sich die Ducks über einen 37:33-Sieg über den Rivalen freuen, garantierte dieser Erfolg doch die Teilnahme am Rose Bowl, einem der prestigeträchtigsten Endspiele. 1983 sahen Fans beider Mannschaften dagegen das letzte 0:0 in der Geschichte des College-Footballs - nach einem Spiel mit elf Ballverlusten, fünf Würfen zum Gegner und vier verpassten Field Goals bekam das Spiel den Spitznamen Toilet Bowl, also Toilettenschüssel verpasst. "Es kam mir fast so vor, als wollte keines der Teams gewinnen", zitierte AP Oregons Coach Rich Brooks.
Das Wild-West-Duell
Nicht gewinnen zu wollen, das dürfte im Wilden Westen undenkbar gewesen sein. Der Red River trennt nicht nur die Staaten Oklahoma und Texas, sondern auch die University of Texas mit ihren Longhorns und die University of Oklahoma mit ihren Sooners voneinander. Im seit 1900 alljährlich ausgetragenen Red River Shootout geht es folgerichtig auch um die Vorherrschaft auf dem Fluss. Interessanterweise wird das Duell nicht alternierend in den Heimstadien der Teams in Austin, Texas und Norma, Oklahoma ausgetragen, man trifft sich im Cotton Bowl zu Dallas.
Zwar liegt die Metropole auch in Texas, ist aber auf halbem Wege zwischen den jeweiligen Campusstädten. Seit dem man 1912 Dallas den Vorzug gab, fanden lediglich drei Spiele an anderen Orten statt, 1913 war Houston, 1922 Norma und 1923 Austin Austragungsort des Shootouts. Die Einnahmen des an jedem zweiten Wochenende im Oktober stattfindenden Spektakels werden brüderlich geteilt, genau wie das Stadion: An der 50-Yard-Linie trennt sich das Burnt-Orange der Longhorns vom Crimson-Rot der Sooners.
Wie die meisten anderen Rivalitäten auch hat auch dieses Duell meist eine sportlich große Bedeutung, so machten beide Teams seit Gründung der Big 12-Conference neun von 14 Mal den Titel in dieser Liga unter sich aus, zudem können sie gemeinsam auf elf nationale College-Titel zurückblicken. In den letzten zehn Jahren stellten beide Teams in sechs Fällen auch einen der Teilnehmer am BCS Bowl, dem College-Endspiel im Football. Auch wenn die Sooners in der Titel-Kategorie die Nase mit sieben Meisterschaften vorne haben, Texas' Bilanz im direkten Duell spricht mit 59:40 bei fünf Unentschieden für sich.
Das liegt aber vor allem historisch begründet, wurde doch das erste Aufeinandertreffen zwischen den beiden Mannschaften von den Reportern des Austin Statesmen als "Testspiel" deklariert, da die Sooners es bis dahin in fünf Jahren auf gerade einmal zehn Spiele gebracht hatten - folgerichtig gewannen die Longhorns mit 30:3. Seit 1945, für viele Experten der Beginn der Modernen Zeitrechnung im College-Football, sieht es ausgeglichener aus. Hier stehen 33 Siege der Texaner immerhin 29 Erfolge der Sooners gegenüber.
Bemerkenswert ist auch, dass das Spiel seit 2005 sogar einen Sponsor und damit ein eigenes Logo hat. Allerdings einigten sich die Marketingverantwortlichen auf den weniger martialischen Titel Red River Rivalry anstatt Shootout, der der Geschichte beider Wild-West-Staaten eher entspricht. Zumindest an einem anderen typischen Accesoire wird noch festgehalten, so erhält der Gewinner einen Goldenen Cowboyhut als Trophäe, zudem gibt es für den Gouverneur des siegreichen Staates die Governors Trophy und einen Wetteinsatz, passend für beide Staaten meist eine Rinderhälfte, die für wohltätige Zwecke gespendet wird.
Zu Lande oder zu Wasser
Weniger um Rinderhälften, als um die Ehre geht es beim nächsten Duell. Wer seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr abgeleistet hat, mag das Konkurrenzdenken zwischen den einzelnen Truppenteilen kennen. In den USA wird die Rivalität zwischen der Army und Navy nicht nur in Spottliedern, sondern auch auf dem Footballfeld weitergeführt, wenn sich die Army Black Knights von der West-Point Akademie mit den Navy Midshipmen der USNA (United States Naval Academy) in Annapolis messen.
Seit 1890 findet dieses Duell statt und jährt sich zum 110. Mal. Für Kontroversen sorgte das manchmal auch America's Game genannte Aufeinandertreffen schon früh. Nachdem es 1893 nach dem Spiel beinahe zu einem Duell zwischen einem General und einem Admiral und einer Schlägerei der beiden Truppenteile gekommen war, sprach Präsident Grover Cleveland nach einer Sondersitzung des Kabinetts ein fünfjähriges Verbot aus.
Seinem Nachfolger Theodore Roosevelt war nicht nur das Wiederaufleben des alljährlichen Spiels zu verdanken, er setzte sich aufgrund der immer wiederkehrenden Schlägereien und brutalen Verletzungen auf beiden Seiten auch für die Gründung eines reglementierenden Verbandes ein. Der Collegesport-Verband, die NCAA verdankt dieser Rivalität mehr oder weniger die Existenz. Außerdem fand das Duell nur in sechs Fällen in den Heimstadien der beiden Teams statt, meist traf man sich in Philadelphia, das auf halbem Weg zwischen West Point und Annapolis liegt, doch auch Baltimore oder andere Orte der Ostküste durften bereits Gastgeber spielen.
Auch wenn man sich mittlerweile mit Respekt begegnet und die Spieler nach der Partie die Hymnen beider Akademien gemeinsam singen, geht es immer noch intensiver zu. So tragen die Gewichte im Fitnessraum der Marine-Universität die Aufschrift Beat Army - schlagt die Army.
Das gelang der Marine nicht nur im ersten Duell, auch im ewigen Vergleich führen die Midshipmen im Kampf um den Thompson-Cup mit 54:49 bei sieben Unentschieden. Und auch wenn die beiden Mannschaften längst nicht mehr die große Rolle im Football spielen, ist der zweite Samstag im Dezember ein Muss für jeden Football-Fan im Land. Manchmal entscheidet das Spiel zudem noch über den Gewinner der Commander-in-Chief-Trophy, die zwischen den beiden Teams und der dritten Militärakademie im Land, der Air Force Academy in Colorado Springs, ausgetragen wird.
Sven Kittelmann