Terry Sawchuk - ''der größte Goalie aller Zeiten''
Terry Sawchuk, der Mann ohne Maske
Martin Brodeur steht bereits vor der nächsten Rekordmarke - mit 101 Shutouts jagt der Goalie der New Jersey Devils die Bestmarke einer Legende: Terry Sawchuk brachte es seinerzeit auf 103 Partien ohne Gegentor. sportal.de erzählt die Geschichte des vielleicht außergewöhnlichsten NHL-Spielers aller Zeiten.
Wie bei keinem anderen Sportler stimmt bei Terry Sawchuks Biografie der vielbemühte Satz: Freud und Leid liegen dicht beieinander. Während er sportlich die größten Erfolge feierte, blieb er in seinem Privatleben einsam und starb schließlich unter ungewöhnlichen Umständen.
Geerbte Ausrüstung
Der kleine Terence Gordon Sawchuk, am 28. Dezember 1929 in Winnipeg geboren, war seit frühester Kindheit glühender Fan der Radiosendung Foster Hewitt's Hockey Night in Canada und großer Anhänger des legendären Goalies George Hainsworth von den Toronto Maple Leafs. Sein zweites Vorbild, Bruder Mike, starb im Alter von 17 Jahren an einem Herzinfarkt. Der erst zehnjährige Terry nahm sich schließlich der Ausrüstung des großen Bruders an und trat in dessen Fußstapfen.
Und dies mit großem Erfolg. Bereits im Alter von 17 Jahren wurden die NHL-Teams auf den Kanadier ukrainischer Herkunft aufmerksam. Die Detroit Red Wings bekamen für einen Bonus von 2000 Dollar den Zuschlag, Sawchuk feierte dies, indem er die Summe in einem Detroiter Hotel in kleinen Banknoten vor sich ausbreitete und diese dann zusammenrollte.
Grün und blau geschossen
In der Saison 1949/50 wurde er vom Farm Team der Indianapolis Capitals schließlich zu den Red Wings berufen, musste beim Stanley-Cup-Sieg in diesem Jahr allerdings von der Bande aus zusehen, nachdem er als Ersatz für Harry Lumley in sieben Spielen lediglich 16 Tore zugelassen hatte. Gleich in seiner ersten vollen NHL-Saison 1950 wurde er mit dem Rookie-Award bedacht und ins Allstar-Team gewählt.
1952, 1954 und 1955 gewann er mit den Red Wings den Stanley Cup, und kehrte nach einer kurzen Stippvisite bei den Boston Bruins und einem zwischenzeitlichen Rücktritt aufgrund gesundheitlicher Probleme 1957 nach Detroit zurück. Nach sieben für das Team "nur" guten, für Sawchuk herausragenden Jahren, verpflichteten ihn schließlich die Toronto Maple Leafs. In seiner Heimat konnte er in seinem ersten Jahr als bester Torwart der Liga die Vezina-Trophy verbuchen, überholte die Siegesbestmarke seines Idols Hainsworth und gewann schließlich 1966/67 erneut den Stanley Cup.
In den Playoff-Halbfinals gegen die Chicago Blackhawks war es dabei zum Aufeinandertreffen mit dem großen Bobby Hull gekommen. Im fünften Spiel der Serie deckte er Sawchuk mit über einem dutzend Schüssen ein: "Es war beeindruckend mit anzusehen. Immer wieder warf Terry sich mutig in den Schuss, er wusste, er würde etwas abbekommen", so Mitspieler Ron Ellis. "Er forderte Hull immer wieder heraus. Er hatte dabei kaum Ausrüstung an, war kaum gepolstert. Als er sich schließlich nach dem Spiel umzog, war sein Oberkörper nur noch grün und blau von all den Schüssen."
Im Training pfui, im Spiel hui
Nach einem Jahr im sonnigen Kalifornien bei den Los Angeles Kings, kehrte er schließlich erneut zu den Red Wings zurück, brachte es dort allerdings nur auf 13 Spiele und fand sich schließlich bei den New York Rangers wieder. Als er im Alter von 41 Jahren am 31. Mai 1970 verstarb, standen 971 NHL-Spiele, 447 Siege und 103 Shutouts auf seiner Statistikseite und wurde ein Jahr später vorzeitig in die Hall of Fame gewählt. Normalerweise wird ein Spieler frühestens fünf Jahre nach Karriereende aufgenommen.
Seinen Ruf hatte Sawchuk bereits nach einigen Jahren in der Liga weg: Er galt zwar als trainingsfaul und stand nach Aussagen einiger Mitspieler meist neben seinem Tor, "nur am Ende des Trainings, wenn wir um Geld spielten, dann war er auf einmal voll dabei", so Dave Keon, Mitspieler bei den Maple Leafs. "Wenn es wirklich drauf ankam, dann war er auf dem Posten. Seine Rekorde sprechen für sich". Sein Siegeswillen kam dabei nicht nur in Statistiken zum Ausdruck sondern auch in seiner Krankenakte.
Beeindruckende Krankenakte
Der dank seiner ukrainischen Herkunft mit dem Spitznamen Uke versehene Sawchuk brachte es nicht nur sportlich zu Höchstmarken, auch medizinisch brachte er es auf eine beeindruckende Liste. Da er seine Karriere in einer Zeit ohne Goalie-Masken begann, brachte er es auf 400 Stiche alleine in seinem Gesicht, Bandscheibenvorfälle und mehrere Ellbogen-OPs.
Doch auch mit Maske war der auch mit den größten Verletzungen durchspielende Goalie nicht vor anderem Ungemach gefeit. Bereits in einem der ersten Spiele mit Schutz lief ihm Bob Pulford von Toronto mit den Skates über die Hand - die tiefe Wunde musste genäht werden. Seine Fähigkeit auch unter Schmerzen weiterzuspielen, offenbarte sich - allerdings unbeobachtet - bereits im Alter von 12 Jahren, als er sich beim Rugby-Spielen den Arm brach. Der Bruch wurde allerdings erst zwei Jahre später festgestellt, dank der schlechten Heilung blieb sein rechter Arm vier Zentimeter kürzer als sein linker.
Doch nicht nur physisch, sondern auch psychisch hatte er mit Narben zu kämpfen. Sein Rückzug von den Boston Bruins im Alter von 27 Jahren war einer stressbedingten Depression geschuldet und auch in den Folgejahren hatte er immer wieder mit Depressionen zu kämpfen. "Man hatte nie den Eindruck, als würde er das Leben genießen", so der Journalist Trent Frayne. Gordie Howe, Legende der Detroit Red Wings, brachte es auf den Punkt: "Er wirkte immer traurig."
Tragischer Tod
Ein abruptes Ende fand die Karriere des großen Terry Sawchuks schließlich im Frühjahr 1970, nach dem Ausscheiden der Rangers aus den Playoffs. Auf einer gemeinsamen Sauftour mit Leafs- und Rangers-Mitspieler Ron Stewart geriet er schließlich mit seinem Freund in Streit, dabei ging es um ganze acht Dollar.
Nach einigem Hin und Hergeschubse gingen die beiden angetrunkenen Eishockeyspieler schließlich auf ihr gemeinsames Hotelzimmer, wo der Streit erneut ausbrach, Sawchuk auf dem Couchtisch landete und ins Krankenhaus gebracht werden musste.
Dort wurde die Gallenblase entfernt, doch einen guten Monat später starb der "größte Goalie aller Zeiten" (Rangers-Coach Emile Francis) im Krankenhaus an weiteren inneren Verletzungen. Ob diese von dem Kampf herrührten oder bereits - wie 19 Jahre zuvor der Armbruch - älteren Datums waren und zu spät festgestellt wurden, konnte letztlich nicht mehr ermittelt werden.