November 2008: Plötzlich meldete sich die ATP bei Nicolas Kiefer
Die Sache klingt einfach. Wenn sich die acht besten Spieler am Ende der Saison zum finalen Showdown treffen, ist der Ersatzspieler vor Ort die Nummer neun der Welt. Das Theorie und Praxis weit auseinander liegen, beweisen die Geschehnisse vom letzten Masters Cup in Schanghai 2008.
Damals wurden nämlich die Nummer 27 und Nummer 35 der Welt per Telefon von der ATP gefragt, ob sie es sich nicht vorstellen können, als Ersatzspieler zu fungieren. Radek Stepanek und Nicolas Kiefer überlegten nicht lange und packten ihre Koffer. Nur ihr bloßes Erscheinen wurde schon mit einer Summe von 50.000 US-Dollar belohnt.
Körperliche Leiden
Aber warum gleich zwei Ersatzspieler? Die Antwort ist einfach, die ATP war vorsichtig geworden. Denn man wusste schon lange, dass sich die Profis am Ende einer Saison am körperlichen Limit befinden. So auch in Schanghai. Der damalige Weltranglisten-Erste Rafael Nadal blieb wegen Kniebbeschwerden gleich Zuhause und auch Roger Federer war wegen Rückenbeschwerden lange Zeit fraglich. Und auch der Rest der versammelte Tennis-Elite hatte das ein oder andere Wehwechen von der langen Saison mit nach Schanghai gebracht.
Ersatz musste also her. Stepanek befand sich zu diesem Zeitpunkt im wohlverdienten Thailand-Urlaub. Als ihn die ATP in seinem Urlaubsparadies erreichte, machte er sich sofort auf den Weg nach China. "Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen", sagte der Tscheche später. Dabei war es ihm auch völlig egal, dass er ohne Schläger, Schuhe und ohne seine für ihn so wichtige Kontaktlinsen unterwegs war. Per Post sollten die Sachen nachgeschickt werden. Doch der chinesische Zoll machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Als er davon erfuhr, dass er in zwei Stunden gegen gegen Roger Federer antreten muss, da Andy Roddick im Training umgeknickt war, waren seine Tennis-Utensilien immer noch in den Händen des Zolls.
In fremden Kleidern
Improvisieren war also angesagt. Die Schläger kamen von Novak Djokovic, Andy Murray lieh Stepanek die Socken und ein chinesischer Arzt trieb Kontaktlinsen auf. Trotz ungewohntem Schlägermaterial lieferte Stepanek dem allerdings immer noch angeschlagenen Federer einen harten Kampf. "Unter diesen Umständen habe ich heute sehr gut gespielt", sagte er nach der knappen 6:7, 4:6-Niederlage.
Wie Stepanek machte sich auch Nicolas Kiefer aus den fernen Hannover mit großer Begeisterung auf den Weg nach Asien. Der Deutsche verstand die vor ihm platzierten Kollegen, die die lange Anreise scheuten, nicht: "Ich spiele Tennis, weil ich am Ende beim Masters Cup dabei sein will. Dafür quäle ich mich das ganze Jahr", so Kiefer in einem Interview mit der "Zeit".
Luxus pur
Die Annehmlichkeiten in Schanghai genoss auch Kiefer in vollen Zügen. Eigenes Auto, eigener Fahrer sogar auf dem Bademantel seines Hotels prangte sein Name. Viel schlafen, gut essen und immer wieder trainieren - so verbrachte Kiefer die Tage des Wartens in China. Und es sah damals fast so aus, als ob auch der zweite Ersatzmann Verwendung gefunden hätte.
Der Rücken von Federer machte wieder Probleme, am dritten Tag setzte er komplett aus, trainierte nicht und Kiefer gab später zu, dass er sich beim Schweizer schon nach seinem Wohlergehen erkundigt hatte. Federer machte weiter, scheiterte aber aufgrund der fehlenden Fitness schon in der Gruppenphase. Kiefer nahm es ihm nicht übel. Er schnappte sich seinen Fahrer und genoss die Sightseeing-Touren rund um das Qi-Zong-Stadion.
Das war die Woche von Nikolay Davydenko. Erst beendete der Russe im 13. Anlauf die schwarze Serie gegen Roger Federer, dann krönte er seine großartigen Leistungen bei den ATP World Tour Finals mit einem Finalsieg.