Ein Horror-Sturz von Jens Voigt hat die Lance-Armstrong-Show und die souveräne Vorstellung des Spitzenreiters Alberto Contador auf der 16. Etappe der 96. Tour de France überschattet.
Der Routinier aus Berlin, der fast den ganzen Tag Schwerstarbeit für seinen Team-Kollegen Andy Schleck geleistet hatte, schlug bei der Abfahrt vom Kleinen Sankt Bernhard mit der Schulter und dem Kopf auf den Asphalt und schlitterte hilflos einige Meter weiter.
Er erlitt einen Jochbeinbruch sowie eine Gehirnerschütterung und musste die Nacht auf Mittwoch auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Grenoble verbringen, wie Teamsprecher Brian Nygard mitteilte. Es war seine zwölfte - und wahrscheinlich auch Voigts letzte Tour.
"Wenn man einen solchen Sturz sieht, ist alles nebensächlich. Da bekommt man eine Gänsehaut", sagte Linus Gerdemann vom Milram-Team. "Er ist schwer verletzt, aber bei Bewusstsein. Er hat sich bewegt", sagte Riis im Ziel in Bourg-Saint-Maurice. Laut Tour-Arzt Gerard Porte war Voigt nach dem Sturz kurz bewusstlos. Ein direkt hinter Voigt fahrender Pressefotograf hatte Schlimmstes befürchtet: "Ich sah ihn im Gesicht bluten mit geschlossenen Augen. Ich hatte Angst."
Die zweite Alpenetappe über die Mini-Distanz von 159 Kilometern war nichts für schwache Nerven. Innerhalb von 3000 Metern erlebte Armstrong beim Anstieg auf den Kleinen Sankt Bernhard ein Wechselbad der Gefühle. Nach einer Attacke des Luxemburgers Andy Schleck, der Contador folgte, verlor er schnell an Boden.
Nach kurzer Bedenkzeit startete der 37-Jährige eine Aufholjagd, die an seine alten Glanzzeiten erinnerte. Zusammen mit Contador, Andreas Klöden, Andy Schleck und weiteren Topfahren nahm Armstrong die 30 Kilometer lange Abfahrt ins Ziel nach Bourg-Saint-Maurice in Angriff.
Vor der etwa 20 Fahrer starken Gruppe mit dem Gelben Trikot war das Rennen eine Minute früher entschieden: Mikel Astarloza war der Schnellste einer vierköpfigen Ausreißer-Gruppe. Der Spanier hatte sich zwei Kilometer vor dem Ziel gelöst, der Franzose Sandy Casar wurde Zweiter. "Im Sprint hätte ich keine Chance gehabt", sagte Astarloza. An der Spitze änderte sich nichts: Contador führt weiter mit 1:37 Minuten vor Armstrong und dem Briten Bradley Wiggins (+ 1:46).
Tour-Neuling Tony Martin, bis zur Verbier-Etappe in den Alpen Träger des Weißen Trikots als Bester der Nachwuchswertung, war einer der großen Verlierer in Bourg-Saint-Maurice. Der 24-jährige Cottbuser musste zum ersten Mal seinem Parforceritt Tribut zollen.
Zusammen mit dem Milram-Kapitän Linus Gerdemann fiel der Columbia-Profi beim Anstieg auf den Großen Sankt Bernhard, mit 2473 Metern höchster Punkt der diesjährigen Tour, aus dem Hauptfeld zurück. Die Schwierigkeiten für beide wiederholten sich am letzten 22,6 Kilometer langen Anstieg auf den Kleinen Sankt Bernhard noch krasser. Beide hatten im Ziel viel Zeit verloren.
Pellizotti und Karpets geben Tempo vor
23 Kilometer nach dem Start hatte sich ein Spitzenduo mit dem Italiener Franco Pellizotti und dem Russen Vladimir Karpets nach Attacken in verschiedensten Konstellationen herauskristallisiert. Hinter den beiden formierte sich eine 16 Fahrer starke Verfolgergruppe, in der auch Voigt und der Milram-Profi Peter Velits fuhren.
60 Kilometer vor dem Ziel am Fuß des zweiten und letzten Tagesanstiegs kam es zum Zusammenschluss. Als sich von der Ausreißergruppe wieder vier Fahrer lösten, startete in deren Rücken der jüngere der Schleck-Brüder seine Attacke - und Armstrong zog seine Show ab.
Das Astana-Team ist weiter im Visier der Doping-Fahnder. Ein Lastwagen des kasachischen Rennstalls ist auf der Anfahrt zur 16. Etappe an der schweizerisch-französischen Grenze vom Zoll gestoppt und durchsucht worden. "Das hat mindestens drei Stunden gedauert. Sie haben jeden Koffer aufgemacht und hatten viel zu tun", sagte Astana-Sprecher Philippe Maertens. Verdächtiges sei nicht gefunden worden.
Das sportliche Duell zwischen Lance Armstrong und Alberto Contador ist klar entschieden, der verbale Schlagabtausch der Noch-Teamkollegen geht nach der Tour de France umso heftiger weiter. Nachdem Contador erklärt hatte, dass er Armstrong nie bewundert habe, antwortete der US-Amerikaner prompt.