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Micro-Golf erobert die Schreibtische
Micro-Golf erobert die Schreibtische
Sven-Ole Lüthke locht ein

Seit 2004 erobert eine schlichte Figur Büros, Kinderzimmer und Bürgersteige. Micro-Golf heißt das Spiel, das dem Tipp-Kick ähnlich ist und doch irgendwie auf andere Art fasziniert. Es kann immer und überall gespielt werden. sportal.de war bei einer Trainingssession im Hamburger Stadtteil Stellingen dabei.

„Das ist eine Par-4-Bahn", erklärt Sven-Ole Lüthke und stellt sein Bag neben dem Abschlag ab. Er nimmt ein Eisen aus der Tasche und schraubt es einer kleinen weißen Figur an die Arme. Links von ihm stehen schwarze Stühle und einige Bistro-Tische. Dahinter - irgendwo kurz neben einem Billardtisch - ist das Green. Diese Bahn ist mit Dogleg und nicht so einfach zu spielen wie die kurze Distanz - ungefähr zehn Metern Luftlinie von Abschlag bis zum Loch - einem vorgaukelt.

Wenn man an Golf im Kleinformat denkt, dann kommt einem natürlich erst einmal Mini-Golf in den Sinn. Klar. Kennt ja jeder. In Hamburg-Stellingen, genauer gesagt im Haus der Jugend, finden aber regelmäßig Micro-Golf-Turniere statt. Es ist eine Art Tipp-Kick-Golf. Bis vor zwei Jahren war Lüthke selbst ein begeisterter Tipp-Kick-Spieler. Heute hat er mit ein paar Freunden die erste „Pit Green Community" (PGC) gegründet.

Tipp-Kick, Fingerboards, Pit Green

„Golf auf einen kleinen Maßstab zu bringen war unser Ziel", sagt Matze Lenz von der Firma „rutan". Jahre zuvor hatte er mit kleinen Skateboards, sogenannten Fingerboards, hantiert und er überlegte welchen Sport man ebenfalls gut im Kleinformat darstellen könnte. Im Urlaub am Strand kickte er kleine Steine mit einem Stock. Zunächst dachte er noch an eine Form von Eishockey, doch irgendwann kam ihm die Idee mit dem Golf.

Er stellte das geplante Gadget seinen Kollegen vor und gemeinsam entwickelten sie die Figur für den „Nike Play Award", den sie 2004 mit "Pit Green" abräumten. „Es stand bei der Entwicklung immer die eigene Kreativität im Vordergrund", erklärt Oliver Johannson, Geschäftsführer von rutan. „Die Figur bietet Raum für eigene Gestaltung", führt er fort, „dass Spielfeld ist der Ort, an dem man gerade ist." Dadurch, dass man beim Micro-Golfen ständig auf den Knien rutscht, „entdeckt man seine eigene Umgebung völlig neu", beschreibt Johannson.

Eigentlich hatten Johannson und Co. mit einem kurzen Hype und hohen Verkaufszahlen gerechnet. Der kurzfristige Erfolg blieb aber aus und es stellte sich ein stabiler Absatz ein. Für die Macher ein Glücksfall, wenn man so will. Vor allem aber ein Zeichen für langfristigen Spaß an der Figur.

„Der Rasen ist im Ball"

Die Micro-Golfer können zwischen vier Schlägern wählen, die aus dem normalen Golfsport importiert wurden. Dem Wedge für Bunkerschläge, dem Driver für weite Abschläge, dem von Lüthke zunächst verwendeten Eisen und dem Lieblingsschläger der meisten Micro-Golfer, dem Putter. Im Ball befindet sich Eisenpulver, das durch die Rotation für Widerstand sorgt und den Ball nicht endlos rollen lässt. „Der Rasen ist quasi im Ball", erklärt Lüthke.

Während die Mitspieler aus Lüthkes Flight entweder im „Stuhlwald" verschollen sind oder schlicht zu weit beim Abschlag in Richtung Couch-Ecke auf der anderen Seite des Raumes geschlagen haben, ist er auf Birdie-Kurs. Die Distanz zum Loch ist nicht mehr groß und so entscheidet er sich für den Putter. In der Mitte hat er sich den Sweet-Spot mit einem kleinen Strich markiert. "Meine Kinder-Hilfe", scherzt er.

Mit einem sogenannten „Slider", ein gezahnter Plastikstab, der an der Schulter in die Figur eingeführt wird, kann Lüthke die Arme des Pit Green mit Hilfe eines Zahnradmechanismus in der Mitte des Oberkörpers um 360 Grad drehen und so Geschwindigkeit und Flughöhe beliebig steuern. Der PVC-Boden ist nicht eben und so verschätzt sich Lüthke beim Put etwas.

Bärbel Jöhnk, die im Haus der Jugend arbeitet und zur Community gehört, hat einen Weg aus den Stühlen gefunden und stellt zwei Schläge später fest, dass unter dem Billardtisch dringend mal wieder sauber gemacht werden muss. Wenn das die Erfinder gehört hätten, sie würden sagen: „Ziel erreicht".

Das Licht ausschießen

In Stellingen geben sich die Spieler viel Mühe „Authentizität" zu schaffen. Mit Teppichboden und Quarzsand haben sie Fairway und Bunker nachgeahmt. Man kann mit der Figur aber auch ganz anders umgehen, wie die Macher von Crossgolf.de mit ihren Videos auf einem Videoportal zeigen. Dort findet man haufenweise Trickshot-Filme. Minutenlang kann man die Spieler beobachten, wie sie die kleine weiße Kugel über Badewannenränder rollen lassen und vom Schreibtisch aus kleine Gefäße ansteuern. Es gibt sogar Gerüchte, dass einige Micro-Golfer ihr Licht vor dem zu Bett gehen nur noch ausschießen.

Auch Lüthke und seine Mitspieler können einen Tag kaum ohne die Figur verbringen. „Man kann es immer und überall spielen", sagt Jöhnk. Und vor allem: Jeder kann es spielen. Die PGC hat 19 weitere Mitglieder. Zu den Turnieren, die über die Community-Homepage abrufbar sind, kann sich jeder anmelden. „Hamburg ist die Hochburg der Micro-Golfer", flachst Matze Lenz.

Sven-Ole Lüthke benötigt insgesamt sechs Versuche und ist mit seinem Doppel-Bogey nicht ganz zufrieden. Jöhnk dagegen muss noch ein bisschen weiter auf dem Boden herumrutschen. „Wenn die Knie halten, dann kann man es lange im Leistungsbereich spielen", erzählt sie und lacht dabei. Auch eine Anlehnung aus dem Profi-Sport.

Julian König

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