Spritzen in Handtasche geschmuggelt?

Marco Kutscher mit Cornet Obolensky
Vorwürfe gegen Funktionäre des deutschen Reitverbandes FN, Kritik am Stall Beerbaum: Die Untersuchung der "Spritzen-Affäre" bei den Olympischen Spielen hat weitere Details ans Licht gebracht.
In der Kritik stehen beim Bericht der "Stevens-Kommission" der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) vor allem der ehemalige Nationalmannschafts-Tierarzt Björn Nolting und die wichtigste Pflegerin aus dem Stall von Ludger Beerbaum. Auf der anderen Seite entlastet der Report, von dem das Fachmagazin "St. Georg" am Wochenende Auszüge veröffentlichte, den ehemaligen FN- Generalsekretär Hanfried Haring.
Spritzen in Handtasche?
In der Handtasche brachte Beerbaums Pferdepflegerin Marie Johnson laut Report die zwei Spritzen mit dem nicht zugelassenen Mittel Lactanase und Arnika in den Stall, um dort Marco Kutschers Pferd Cornet Obolensky zu behandeln. "Weil die anderen sie nicht sehen sollten", erklärte sie nach Informationen des Fachmagazins der Kommission das merkwürdige Vorgehen.
Der Hintergrund: Der schwache wirkende Cornet Obolensky, der vom Beerbaum-Angestellten Kutscher geritten wurde, erhielt nach der ersten Runde des olympischen Teamwettbewerbes eine Injektion mit Lactanase und Arnika. Diese verbotene Medikation war beim Doping-Test aber nicht nachgewiesen worden, sondern wurde erst durch Medienberichte bekannt. Daher hat der Weltverband keine juristischen Handhabe gefunden, sondern die "Stevens-Kommission" eingesetzt. Auch die fand keine Handhabe, sprach lediglich Empfehlungen aus.
Schon Olympia-Gold wegen Medikation verloren
Die Aussage der Pflegerin wirft kein gutes Licht auf den Stall des viermaligen Olympiasiegers Ludger Beerbaum. Zumal die gleiche Pflegerin 2004 in Athen dafür verantwortlich war, dass Beerbaums Pferd Goldfever mit Betamethason behandelt worden war - als Konsequenz verlor das deutsche Team die olympische Gold-Medaille. "Sie wurde ins Team eingeschleust, um die Pferde zu behandeln", sagte laut "St. Georg" Reinhardt Wendt, der deutsche Chef de Mission bei beiden Olympischen Spielen.
FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau unglaubwürdig
Wendt gibt mit dieser Aussage ebenfalls ein äußerst schwaches Bild ab, denn schließlich war er letztlich verantwortlich - auch für die Akkreditierung der Pflegerin. Er ist inzwischen weitestgehend entmachtet, ein neuer FN-Sportchef wird gesucht. Wendt war - wie schon länger bekannt ist - während der Spritzen-Aktion im Stall, auch andere Funktionäre wie FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau. Sie alle wollen erst Tage später vom eigentlichen Vorfall erfahren haben, obwohl sie im gleichen Gebäude waren. Nicht nur die Kommission hält das für "schwer zu glauben".
Im "Stevens-Report" kommt besonders der langjährige Nationalmannschaft-Tierarzt Nolting schlecht weg, der angeblich eine Genehmigung für die Behandlung einholen wollte. Zur Rechtfertigung seines Vorgehens sagte er nach Angaben des "St. Georg": "Der Einfluss oder die Situation von Ludger Beerbaum gegenüber dem Verband verglichen mit meiner ist stärker." Er habe "nicht die Macht" gehabt, Beerbaums Pflegerin "außen vor zu lassen".
Haring wird entlastet
Entlastet ist durch den Report der ehemalige FN-Generalsekretär: Haring war im Gegensatz zu anderen FN-Funktionären nicht im Stall. Der Weltverband hatte versucht, Haring Verwicklungen nachzuweisen und seine Position im Weltverband zu schwächen.