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Faszination Galopprennen: Wetten, Wiese, Walzertraum
Faszination Galopprennen: Wetten, Wiese, Walzertraum
Wetten gehören zum Galopprennen natürlich dazu

Zwischen karierten Regenschirmen und Plastikmöbeln beim Galopprennen.

Man kennt sich eben in München, dem größten Dorf Deutschlands, und natürlich auch auf der Rennbahn. So hätte ich mir das nicht vorgestellt, als ich mit etwas Angst vor Langeweile und noch mehr Lustlosigkeit zu meinem ersten Pferderennen gezwungen wurde. „Das ist voll schön, da sind immer ganz viele Hunde, und die Pferde sind einfach nur toll", wurde mir auf dem Weg in Münchens Vorort Riem der Rennalltag erklärt. Erwartet habe ich hingegen hochnäsige Besserwisser, die mir mit ihren Blicken schon deutlich machen werden, dass ich hier nicht hingehöre.

Nach der freundlichen Begrüßung am Ticketschalter habe ich mich neugierig für das "Fun-Packet" entschieden. Eintritt, Programmheft, Biermarke und ein fünf Euro Wettgutschein - das beginnt ja schon besser als beim Fußball. Der gute Eindruck wird bei einer ersten Verschnaufpause auf der Terrasse des Wett- und Verpflegungszeltes bestätigt. Es herrscht nicht dieses vornehme Klima, mit dem ich zuvor gerechnet hatte. Vom Tischnachbarn bricht der weiße Baumarkt-Plastikstuhl zusammen und sofort eilen eine Dame mit Hut, ein Student mit seiner Freundin und der Bub vom Wettschalter zu Hilfe.

Mittendrin, statt nur dabei!

Hier fühle ich mich wohl, zwar nicht ganz so wie im Fußballstadion, aber da mangelt es dafür oft genug an Unterhaltung. Ab über die große Liegewiese, auf der fünf Damen auf einer Decke gerade eine Flasche Sekt trinken, zur Rennbahn, ein Gefühl für den Sport bekommen. Direkt an der Strecken-Begrenzung ist noch ein bisschen Platz. Etwa 200 Meter Luftlinie entfernt auf Höhe des Ziels, sind auch die Ränge und Balkone der Tribüne gut gefüllt. Hier sitzen wohl die Experten und Reichen - oder die, die von Firmen eingeladen werden. Mit einem kurzen - "Da ist man viel zu weit weg von den Pferden" - einer Mutter mit ihren zwei Kindern, werden meine begeisterten und leicht neidischen Blicke schnell und freundlich kommentiert.

Nach dem ersten Rennen weiß ich, was die Dame meinte. Als sich das Feld nähert, sind die Hufschläge immer lauter zu hören. Das Feld zieht sich in die Breite, um freie Bahn beim Schlussspurt zu haben. Die Pferde rasen mit knapp einen Meter Abstand an den Zuschauern vorbei. Dazu kommen die Anfeuerungsschreie der Jockeys und das Knallen der Peitschen. So fühlt sich Rennsport an!

Ab der 200 Meter Markierung höre ich aber vorerst nur gespannt dem Kommentator zu. Aus alten, grauen 70er Jahre Lautsprechern dröhnt es: „Senorita Lomita vor Walzertraum. Senorita Lomita! Walzertraum! Senorita Lomita! Walzertraum!" Auch beim Großteil der fast 5.000 Besuchern ist die Anspannung zu spüren. Überall sieht man geballte Fäuste, gedrückte Daumen und leicht wippende Menschen mit ihren Wettscheinen in der Hand. Auch mich hält es kaum an meinem Platz. Auf der Wiese ist genug Fläche um die letzten Meter im Spurt Richtung Zieleinlauf zurück zu legen. Aber der Kommentator hat sowieso den besseren Blick: "Walzertraum gewinnt mit einem Kopf Vorsprung!"

Ungeschlagen und unsterblich

Ich habe gerade meine erste Wette verloren, aber viel Zeit für Enttäuschung bleibt nicht. Schnell weiter zum Sattelplatz, um zu sehen, welche Pferde einen nervösen Eindruck machen. Bockig tritt einer der Vollblüter gegen die Boxenwand. Ob er auch zu den über 90 Prozent der Vollblüter weltweit gehört, die vom Rekordpferd "Eclipse" - gewann im 18. Jahrhundert jedes Rennen bei dem er an den Start ging - direkt abstammen? Meine Begleitung stellt die Fellrangliste auf, ich kontrolliere die bisherigen Ergebnisse im Rennheft.

Auf zum Führring: Hier werden die gesattelten Pferde dem Publikum im Schritt präsentiert und der Jockey steigt, meist mit Hilfe des Pferdebesitzers, auf. "Mirja" ist mein Favorit und wird von einer Frau geritten. Obwohl Jockeys ein Gewicht von 55 kg nicht überschreiten dürfen, ist das eher die Ausnahme. Aufgrund der geringeren Muskelmasse von Frauen sollen Männer besser geeignet sein. Ein Jockey reitet an einem Renntag meist mehrere Rennen und muss deshalb auch konditionell fit sein.

Beim ersten überlieferten Pferderennen vom 18. März 1622 in England im Örtchen New Market traten noch die Pferdebesitzer gegeneinander an. Lord Salisbury forderte den Marquis von Buckingham. Knapp 50 Jahre später wurde dann die erste Rennbahn weltweit vom König von England, Charles II., in New Market eröffnet. Damals waren die Rennen eine Art Amateursport für Adelige. Das änderte sich erst, als das Gewicht das die Pferde zu tragen hatten, immer entscheidender wurde.

Poker? Shakespeare? Galopprennen!

Ein Kilo Mehrgewicht macht auf einer 2000 Meter Strecke rund eine Pferdelänge Unterschied aus. So wird das unterschiedliche Leistungsniveau der Tiere durch das Gewicht der Jockeys und mit Hilfe von Zusatzgewichten am Sattel ausgeglichen. Somit tragen starke, erfolgreiche Pferde mehr Gewicht, als schwächere. Es kommt häufiger zu Außenseitersiegen und die Rennen werden für die Wettgemeinde spannender.

Auf dem europäischen Festland fand 1822 in Deutschland auf der Strecke zwischen dem Ostseebad Heiligendamm und Bad Doberan das erste organisierte Rennen statt. Die wohl bekannteste Bahn der Republik in Iffezheim wurde 1858 errichtet. Nahe der Kurstadt Baden-Baden sollte den Gästen neben Casino und Theater eine weitere Attraktion geboten werden. Auf den 47 Galopprennbahnen in Deutschland zählt die "Große Woche" in Iffezheim, das Düsseldorfer "Stuten-Derby", die Derbys in Hamburg und die Galopprennen von München-Riem zu den Highlights des Jahres.

Mein persönliches Highlight lässt jedoch auf sich warten. Wettschein abgegeben, vom Bub mit Brille am Schalter noch ein freundliches "Servus, viel Glück" mit auf den Weg bekommen, aber jubeln können wieder nur andere. "Mirja" läuft nicht in die Platzierungen und somit sind wieder einige Euro weg. Seitdem ging es oft gut vorbereitet, mit Tipps aus Internet und Tageszeitung, zu den Renntagen.

Runder als ein Fußball?

Wenigen höheren Gewinnen stehen nach über einem Jahr Pferderennen viele kleine Verluste gegenüber. Aber dass es darum nicht geht, wird einem schnell klar. Fast alle meine Vorurteile wurden wiederlegt. Klar laufen an regnerischen Tagen einige Herren mit karierten Regenschirmen und Reiterstiefeln über das Gelände, während zum Oktoberfest auch viele in Lederhosen kommen. Und die Mamis haben fast das ganze Jahr zur Sicherheit einen Hut, eine Sonnenbrille und Regencapes für die Kinder dabei.

Fasziniert sind sie alle. Die Motive unterscheiden sich wohl, aber aus meiner Lustlosigkeit und der anfänglichen Angst vor Langeweile, ist Begeisterung geworden. Mehr Aktion als beim Fußball. Noch näher am Geschehen als beim Handball. Ein Sport den man riecht und fühlt. Als besonderen Nervenkitzel die Möglichkeit, ständig Wetten zu platzieren. Einfach eine runde Sache, fast wie Fußball, aber nur fast.

Christian Günthner

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