
Dieser Herr betont eher den gesamtbritischen Aspekt. Das tun nicht alle Briten.
Die British and Irish Lions touren gerade durch Südafrika - eine Rugbyauswahl aus Spielern Englands, Schottlands, Irlands und Wales. Für die Olympischen Spiele 2012 wird es ein britisches Fußballteam geben - aber nur mit englischen Akteuren. sportal.de geht der Verwirrung auf den Grund.
Vorab muss man wissen, dass es auf den britischen Inseln keine direkte Übereinstimmung der Vorstellungen von kultureller und politischer Nationalität gibt. Schottland sieht sich kulturell als eigenständige Nation mit eigenem Schul- und Justizsystem, obwohl das Land seit dem 18. Jahrhundert politisch ein Teil Großbritanniens ist. In Wales pflegen Teile der Bevölkerung ihre eigene Sprache und Kultur, ohne deshalb ernsthaft die Autorität der britischen Krone in Frage zu stellen.
Die sogenannten "Home Nations" England, Schottland, Wales und Irland gehören zu den Begründern des Fußballs und haben immer noch eigene Nationalmannschaften und Sitze im Regelkomitee der FIFA. Dass diese Auswahlmannschaften - anders als im Rest der von der FIFA organisierten Fußballwelt - nicht identisch mit souveränen Nationalstaaten sind, hat historische Gründe.
Vier Länder, vier Regelwerke
Das Vereinigte Königreich umfasst traditionell vier Nationen: Engländer, Schotten, Waliser und Iren. Die ersten Länderspiele der Fußballgeschichte waren Duelle zwischen England und Schottland, für 100 Jahre zwischen 1883 und 1984 wurde alljährlich die Home Championship ausgespielt, in der die vier britischen Nationalteams untereinander Matches austrugen. Zunächst differierten die Regeln des Spiels je nachdem, wer die jeweilige Heimmannschaft war. Um dieses Chaos zu beenden, wurde eine einheitliche Regelkommission gegründet, der Vorläufer des heutigen International Football Association Board, in dem deshalb auch noch immer Wales, Schottland, England und Nordirland feste Sitze haben.
1984 wurde der jährliche Wettbewerb eingestellt, weil speziell England das Interesse daran verloren hatte, regelmäßig gegen so schwache Gegner wie Wales und Nordirland anzutreten. Ab 2011 gibt es einen neuen Anlauf eines Turniers, an dem dann Irland, Schottland, Wales und Nordirland teilnehmen werden. Auf Englands Teilnahme hoffen die Veranstalter bisher noch vergeblich.
Bei den meisten in Großbritannien traditionell ausgetragenen Sportarten ist es selbstverständlich, dass es getrennte Nationalteams gibt, so im Rugby Union-Sport, dem Cricket (das allerdings nur in Schottland, Wales und vor allem Irland kaum eine Rolle spielt) oder dem Hockey. Eine Ausnahme bildet Rugby League, der in Nordengland populäre Sport, der seit den 1920er Jahren eine britische Auswahl präsentierte. Erst, als eine Weltmeisterschaft in diesem Sport eingeführt wurde, merkte man, dass es einfach nicht genug konkurrenzfähige Nationalmannschaften gab, und viertelte das britische Team in England, Schottland, Wales und Irland.
Olympia als Paralleluniversum
Bei allen olympischen Sportarten trat jedoch seit Anbeginn der Spiele das Problem auf, dass das Internationale Olympische Komitee nur Nationen akzeptierte, die politisch souveräne Staaten repräsentierten. Daher herrschte etwa im Fußball, Volleyball und im Feldhockey lange der Parallelzustand eines britischen Teams für die Spiele und englischer, schottischer, walisischer und irischer Mannschaften für alle anderen Wettbewerbe. Im Fußball jedoch entsendet das Königreich schon seit Jahrzehnten gar keine Mannschaft mehr, weil die kleinen britischen Nationen um ihren Status in der FIFA bangen.
Für die Spiele 2012 in London will Gastgeber Großbritannien nun nach langer Pause wieder eine Mannschaft stellen - nach Protesten aus Schottland und Wales wird sie allerdings nur aus englischen Spielern bestehen. Das wird jedoch weder Premierminister Gordon Brown, der sich als Schotte für eine gemeinsame Mannschaft stark gemacht hatte, noch Sir Alex Ferguson freuen, der - ebenfalls Schotte - als Trainer des britischen Teams auserkoren war.
Die Rugby Union-Spieler haben da weniger Berührungsängste. Obwohl die Nationalteams von England, Schottland, Wales und Irland zu den Großmächten des Weltrugby zählen und das jährliche Six Nations-Turnier zusammen mit Frankreich und Italien bestreiten, gibt es auch noch die gemeinsame Auswahl der British and Irish Lions, die alle paar Jahre zu einer Reise in die südliche Hemisphäre aufbricht und dabei prestigeträchtige Matches gegen Südafrika, Australien oder Neuseeland sowie etliche Freundschaftsspiele bestreitet.
Sonderfall Irland
Für die Lions nominiert zu werden, gilt als große Ehre, auch wenn das schon im 19. Jahrhundert ins Leben gerufene Team früher eher eine Art Partymannschaft war, die gegen Spitzenmannschaften wenige Chancen hatte. Ein Konflikt zwischen dieser Auswahl und den traditionellen Auswahlen der Home Nations wird nicht gesehen - warum auch, wäre doch ein Rugby-Sport ohne Wales und Schottland eine Farce.
Einen Sonderfall stellt bei allem, was wir bisher geschildert haben, die zweite große britische Insel dar. Die Republik Irland ist politisch gesehen seit 1922 unabhängig, Nordirland weiterhin ein Teil des UK. Das hat jedoch nicht unbedingt dazu geführt, dass sich die sportlichen Nationalitäten der Bewohner der Britischen Inseln in gleicher Weise mitgeändert hätten. Vielmehr heißt der nordirische Fußball-Verband weiter Irish FA, und mit "Ireland" meinte der britische Fußballfan lange die nordirische Auswahl.
Die im Rest Europas unter "Irland" firmierende Mannschaft hingegen heißt im Königreich "Republic" - aber auch das gilt nur für den Fußball, denn im Rugby etwa spielt seit jeher eine gesamtirische Mannschaft. Diese ist in der Republik und im nordirischen Ulster gleichermaßen populär, spielt aber ihre Heimspiele erst seit kurzem wieder nicht nur in Dublin, sondern auch im nordirischen Belfast. An Stelle der irischen Fahne und Hymne verwendet die Mannschaft eine Flagge mit den Wappen der vier irischen Provinzen und eine eigens komponierte Rugby-Hymne.
Glasgow: schottisch, britisch oder irisch?
Im Fall Irlands gibt es tatsächlich eine komplizierte Überlagerung der politischen und sportlichen Identifikationen. Das überträgt sich in massiver Weise auch über die Irische See hinweg nach Schottland, wo das Glasgower Old Firm Derby im Fußball zwischen Celtic und den Rangers vielen als Ersatzkonflikt für den nordirischen Bürgerkrieg gilt. So wird man bei Heimspielen Celtics schottische Fahnen vergeblich suchen, stattdessen dominiert die irische Trikolore. Die Rangers wiederum zeigen gerne den Union Jack, die Flagge des britischen Königreichs - in der ein rotes Patrickskreuz den britischen Anspruch auf Irland markiert.
Völlig harmlos und spielerisch ist der britische Umgang mit den sportlichen Identitäten also keineswegs. Doch auch wenn die Traditionen und Konventionen des Sports auf der Insel für Kontinentaleuropäer skurril anmuten mögen - insgesamt ist es vielleicht gar kein unsympathischer Weg, einen etwas flexibleren Zugang zum Thema Auswahlmannschaften zu finden und dabei auch manchmal einfach nach pragmatischen Gesichtspunkten zu entscheiden, anstatt Sport zu einer Frage des Staatsbürgerrechts zu machen.
Daniel Raecke