Christopher Zeller ist einer von sieben Nationalspielern in Köln
Hockey steht in Deutschland im Schatten von Fußball und Handball. Trotzdem hat die Sportart in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt aufgrund der Erfolge der Herren-Nationalmannschaft, an Bedeutung gewonnen. 2006 wurde Deutschland Weltmeister, vergangenes Jahr errang das Team von Trainer Markus Weise in Peking Olympisches Gold.
Feld- und Hallenhockey wird sowohl in der Republik als auch auf europäischer Ebene in immer größerem Stil medial vermarktet. Bestes Beispiel dafür ist das über Ostern ausgetragene Euro-Hockey-League-Turnier in Hamburg. Die EHL ist eine Art Champions League des Hockeys. Europäische Spitzenteams duellieren sich dabei über ein Jahr, um dann über Pfingsten im hockeyverrückten Holland die Halbfinal- und Finalspiele auszutragen. Der Wettbewerb wurde 2007/08 ins Leben gerufen und die Partien werden live im Internetfernsehen gezeigt.
Sieben Nationalspieler, ein Verein
Aber auch in der nationalen Liga schreitet der Professionalismus voran. Bestes Beispiel dafür ist die systematische Neuorientierung des Bundesligisten Rot-Weiss Köln. Im vergangenen Sommer ist die Mannschaft ins Oberhaus zurückgekehrt und hat sich im Zuge dessen ein neues Konzept überlegt. „Die Verantwortlichen haben sich sehr intensiv um ein berufliches Netzwerk gekümmert. Diese Verbindungen in verschiedene Berufszweige ermöglichen die Verpflichtung von Top-Spielern", sagt der Trainer, Christoph Bechmann, selbst lange Jahre Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft und 2004 Olympia-Dritter.
Eine solche Ansammlung von aktuellen Nationalspielern wie es in Köln derzeit der Fall ist, gab es im Deutschen Hockey noch nie. In der Domstadt stehen mit Philipp und Christopher Zeller, Benjamin und Timo Wess, Tobias Hauke, Max Weinhold und Tibo Weißenborn sieben DHB-Auswahlspieler unter Vertrag. „Für den Nationaltrainer ist das doch auch ganz gut. Denn hier in Köln ist ja ein DHB-Stützpunkt. So bleiben gleich alle auf einem Fleck", sagt Bechmann lachend.
Es kommt Neid auf
Trotzdem war aus anderen Lagern zu hören, dass man die Entwicklung beziehungsweise den Kaufrausch auf Seiten der Kölner argwöhnisch beobachtete. Doch die Mannschaft ist kein Sammelsurium an guten Spielern, sondern bis jetzt auch eine erfolgreiche Einheit, die ihren Wert bereits in der Hallensaison unter Beweis gestellt hat. Im Januar wurde die neu zusammengestellte Truppe Deutscher Hallenmeister. In der Feldsaison steht Köln vor dem Club an der Alster aus Hamburg unangefochten auf Rang eins und kann getrost für die Viertelfinalpartien im Mai planen.
„Das Projekt ist langfristig angelegt", sagt Bechmann. Aber gerade der 37-Jährige weiß nur zu gut, dass nur Erfolg vor Hohn und Prügeln rettet. „Wir haben eine hohe Qualität im Kader. Wir können stets auf hohem Niveau agieren", sagt Bechmann. Und Philipp Zeller, auch schon bei Alster und beim holländischen Spitzenverein HC Bloemendaal unter Vertrag, bestätigt:
„Diese Konzentration an Spitzenspielern erlaubt es uns eine andere Art von Clubhockey zu spielen. Wir können in Training und Wettkampf ein hohes Tempo gehen. Ich bin glücklich ein Teil dieser Mannschaft sein zu dürfen." Die Übermannschaft wird gejagt und ein Erfolg über Rot-Weiss dürfte von anderen Vereinen gefeiert werden wie ein großer Titel.
„Wir können uns nur selbst schlagen", sagt der 26-jährige Torwart Max Weinhold und erwähnt den „positiven Druck", dem man bei jedem Spiel ausgesetzt ist. Coach Bechmann pflichtet Weinhold insofern bei, als dass man „bei der Qualität schwer zu schlagen ist", aber gibt zugleich zu bedenken, „dass jedermann auf einen Ausrutscher wartet und direkte Konkurrenten wie Alster, der UHC, Krefeld oder auch Mühlheim bei jeder Begegnung gefährlich sein können".
"Der Mensch ist wichtig"
Rund neun Trainingseinheiten absolvieren die Akteure pro Woche. Nebenbei gehen viele ihren Studien nach oder absolvieren Praktika in Betrieben, Anwaltskanzleien oder Medienunternehmen. Weinhold schnupperte unlängst in den redaktionellen Ablauf der Bildzeitung hinein und kann sich „den Start in seiner beruflichen Laufbahn durchaus in diesem Bereich vorstellen".
Die Kontakte wurden - das versteht sich von selbst - über den Verein hergestellt. Schon in Vertragsgesprächen erkundigt sich der Klub nach den Bedürfnissen und Zielen jedes einzelnen, um bei einem möglichen Abschluss auch konkrete Angebote auf die jeweiligen Sportler zuschneiden zu können. „Das kann ausschlaggebend sein", sagt Weinhold, der an der Kölner Universität Sportpublizistik studiert. Auch Zeller (25), Jurastudent, lobt den Verein, dem anscheinend „nicht nur der Sportler, sondern eben auch der Mensch wichtig ist".
Der Vertrag Bechmanns gilt über 2011 hinaus und wenn die Entwicklung bei Rot-Weiss in den kommenden Jahren so weiter geht, wie sie 2008/09 ihren Anfang genommen hat, dann werden sich die Kölner zum Ligakrösus aufschwingen. Ob sie es wollen oder nicht. Und von der Stadt am Rhein spricht man in Hockeykreisen spätestens dann so wie vom FC Bayern München in der Fußballszene.