
Felix Neureuther fährt ohne Medaille nach Hause
Das Halbfinale rettete Anni Friesinger-Postma mit einem Bauchklatscher, im Finale gab es dann eine grandiose Aufholjagd: Die deutschen Damen holten Gold in der Teamverfolgung. Außerdem trägt Magdalena Neuner die deutsche Fahne und für Felix Neureuther kam das frühe Aus. sportal.de fasst den vorletzten Tag in Vancouver zusammen.
Im letzten Eisschnelllauf-Finale im Olympic Oval siegten die deutschen Damen nach einer furiosen Schlussrunde mit zwei Hundertstelsekunden Vorsprung gegen Japan. Dabei schien im Halbfinale gegen die USA schon alles verloren.
Dort war Friesinger 300 Meter vor dem Ziel nach Berührung eines Begrenzungs-Klötzchens gestrauchelt, fand nie wieder ihren Rhythmus, brüllte ihren Gefährtinnen hinterher und rutschte nach einem Sturz 20 Meter vor dem Ziel auf dem Bauch durch die Zeitmessung. Wütend trommelte sie danach mit den Fäusten auf das Eis und fluchte - ehe sie die 1 auf der Anzeigetafel entdeckte und doch noch strahlte.
"Dieses Rennen wird in die Geschichte eingehen"Dabei profitierten die Deutschen von einer Schwäche der Amerikanerinnen auf den letzten 100 Metern: Ganze 0,23 Sekunden trennten schließlich im Ziel beide Teams. "So etwas habe ich noch nie erlebt. Dieses Rennen wird in die Geschichte eingehen", meinte DESG-Präsident Gerd Heinze. "Sie hat mir nur gesagt, sie war 'ganz leer", berichtete Friesingers Heimcoach Gianni Romme im TV-Interview. "Wie sie gefinisht hat, war unglaublich. Aber es war natürlich totale Panik. Das Schlimmste, was in der Verfolgung passieren kann, ist wenn man abfällt", erklärte der Niederländer die Grätsche seines Schützlings, mit der die Kufe noch knapp vor den Amerikanerinnen im Ziel war.
Nach diesem Lauf zogen die Verantwortlichen die Konsequenzen und ersetzten die völlig entkräftete 16-malige Weltmeisterin aus Inzell durch die Berlinerin Katrin Mattscherodt, die im Finale an der Seite der beiden Erfurterinnen Daniela Anschütz-Thoms und Stephanie Beckert lief. In dieser zuvor in zahlreichen Weltcups bewährten Formation eilten die Deutschen jedoch lange hinterher.
Am Ende bewährte sich jedoch die von den Trainern vorgegebene Team-Taktik, in den beiden Schlussrunden auf die Führungsarbeit von Langstrecken-Spezialistin Beckert zu setzen. Mit dem Olympiasieg avancierte die Thüringerin nach zuvor zweimal Silber auf den Langstrecken zum deutschen Eisschnelllauf-Star von Richmond.
Lange holt Silber
Zum Abschluss seiner 17-jährigen Erfolgs-Karriere hat der weltbeste Bobpilot André Lange die Krönung mit seinem fünften Olympia-Gold verpasst. Hinter Weltmeister Steven Holcomb (USA), der in seinem "Night Train" wie von einem anderen Stern fuhr, eroberte der 36-jährige Oberhofer aber mit einem fast perfekten vierten Lauf noch die Silbermedaille. "Steven hat verdient gewonnen. Mein Ziel war immer eine Medaille. Jetzt ist definitiv Schluss, da gibt es kein Zurück mehr", sagte Lange, der im zweiten Lauf fast gestürzt wäre. Mit Bronze musste sich der Kanadier Lyndon Rush begnügen, der vor dem Finale noch 9/100 Sekunden vor Lange lag.
Lange präsentierte sich mit seiner Crew Alexander Rödiger, Kevin Kuske und Martin Putze im entscheidenden Lauf wieder in alter Stärke und fuhr eine saubere Linie. Der Riesaer Thomas Florschütz, der im kleinen Schlitten Silber gewann, kam auf Rang vier. "Nach vorne ging einfach nichts mehr. Da hätte schon einer stürzen müssen, aber das wünscht man ja keinem", sagte Florschütz. Karl Angerer aus Königssee wurde Siebter und beklagte zur Halbzeit die vielen Stürze im Wettbewerb: "Die Bahn ist sehr, sehr gefährlich. Das ist brutal, was den Piloten hier abverlangt wird."
Felix bleibt der Pechvogel
Nach dem starken achten Platz im Riesenslalom ging Felix Neureuther mit großen Medaillenhoffnungen in den Slalom, in dem extrem schnellen ersten Lauf kam aber früh das Aus. Der Italiener Guiliano Razzoli holte sich in dem rasanten Rennen überraschend die Goldmedaille.
Das hätte Neureuther auch gerne gesagt, aber nach knapp 27 Sekunden im ersten Lauf war der Slalom-Spezialist, der sich mit dem Sieg beim Weltcup in Kitzbühel in den Kreis der Medaillenkandidaten fuhr, kurz unkonzentriert und musste wie Mitfavorit und Weltmeister Manfred Pranger (AUT) sowie Ted Ligety und Bode Miller (beide USA) vorzeitig die Segel streichen.
"Im ersten Moment kann man gar nicht glauben, dass es schon vorbei ist", sagte der 25-Jährige. "Ich habe eigentlich gedacht, dass ich genug Richtung für die Stelle hab. Dann hab ich mich einen Tick zu viel hinten rein gesetzt und dann war's schon vorbei. Aber das Leben geht weiter."
Damit setzte sich Neureuthers Pechserie bei Slalom-Großereignissen fort. Bei der Weltmeisterschaft 2009 in Val d'Isère verpasste er als Vierter nur knapp eine Medaille. Zwei Jahre zuvor lag er als Zweiter des ersten Laufs bei der WM in Are/Schweden auf Medaillenkurs und schied dann im zweiten Lauf aus. 2006 hatte er nach zwei Nullnummern bei den Olympischen Winterspielen in Turin viel Kritik einstecken müssen. "Sehr schade, für den Felix tut's mir wahnsinnig leid. Na ja, jetzt müssen wir ihn trösten", sagte Mutter Rosi Mittermaier nach dem neuen Rückschlag der ARD.
Bussler früh ausgeschieden
Ebenfalls früh nicht mehr dabei war Snowboarder Patrick Bussler im Parallel-Riesenslalom in Cypress Mountain. Der 25-Jährige verlor bei Dauerregen das direkte Duell gegen den schweizerischen Ex-Weltmeister Simon Schoch. Bussler war im ersten Lauf gestürzt und musste dann mit einem Rückstand von 1,5 Sekunden in den zweiten Durchgang gegen den Olympia-Zweiten von Turin gehen. Bei katastrophalen Sichtverhältnissen stürzte Bussler auch im zweiten Lauf und musste sich damit als einziger deutscher Teilnehmer vorzeitig verabschieden.
"Jeder Weltcup wäre unter diesen Bedingungen verschoben worden. Man kann nur die nächsten beiden Tore sehen, die Piste hingegen erkennt man überhaupt nicht. Da hätte ich auch gleich mit geschlossenen Augen fahren können", fluchte Bussler im Zielraum. "Da trainiert man so lange auf Olympia hin und dann muss man bei einem Wetter fahren, wo man einfach nur Glück braucht", sagte Bussler, "heute wird nicht der beste Snowboarder Olympiasieger, sondern der glücklichste." Der beste oder vielleicht auch der glücklichste war am Ende Jasey Jay Anderson aus Kanada.
Sachenbacher-Stehle knapp an Bronze vorbei
Als Justyna Kowalczyk Norwegens Langlauf-Star Marit Björgen das vierte Gold bei den Winterspielen vor der Nase wegschnappte, fuhr Evi Sachenbacher-Stehle das nächste Top-Ergebnis für die deutschen Langläuferinnen bei Olympia ein. Mit einem tollen vierten Platz im 30 Kilometer-Klassikrennen sorgte die 29-Jährige aus Reit im Winkl nach Gold im Teamsprint und Staffel-Silber für einen gelungenen Abschluss.
"Evi ist hervorragend gelaufen und hat eine Superleistung gebracht. Es war ganz stark, immer mitzugehen und die Lücken zu schließen. Es gibt nichts auszusetzen", sagte Bundestrainer Jochen Behle. Mit Bronze holte Aino-Kaisa Saarinen die zweite Medaille für Finnlands Langläuferinnen.
Die beiden anderen Läuferinnen des Deutschen Ski-Verbandes konnten nicht in die Entscheidung eingreifen. Steffi Böhler wurde an ihrem 29. Geburtstag 18., zwei Plätze dahinter landete Katrin Zeller, die am Montag 31 Jahre alt wird. Teamsprint-Olympiasiegerin Claudia Nystad hatte angesichts der schwierigen äußeren Bedingungen auf einen Start im letzten Rennen verzichtet.
Neuner bekommt die Fahne
Derweil hat der Deutsche Olympische Sportbund entschieden, wer die deutschen Farben bei der Abschlussfeier in vorderster Front vertreten darf. Doppel-Olympiasiegerin Magdalena Neuner wird die deutsche Fahne tragen. Die 23 Jahre alte Biathletin ist mit zweimal Gold und einmal Silber die erfolgreichste deutsche Teilnehmerin in Kanada gewesen und hat zudem mit ihrem Verzicht auf die Staffel für viel Aufsehen gesorgt.
"Ich freue mich riesig. Es ist eine große Ehre, aus so vielen tollen deutschen Wintersportlern ausgewählt zu werden. Damit habe ich bereits bei meinen ersten Winterspielen alles erreicht, was ich erreichen kann", sagte Neuner. Die zweite Anwärterin auf dieses Ehrenamt, die alpine Doppel-Olympiasiegerin Maria Riesch, musste bereits aus Vancouver abreisen. Sie fährt schon am kommenden Dienstag zu den Weltcup-Rennen nach Crans Montana weiter.