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Kleiner Flieger
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Renaud Lavillenie gehört zu den wenigen Sechs-Meter-Springern

Sergej Bubka muss es wissen. "Dieser Junge hat noch großes Potenzial", ist sich der aktuelle Weltrekordler im Stabhochsprung (6,14 Meter), der in seiner Karriere 17 Mal die Weltbestmarke verbessern konnte, sicher. Adressat seiner Lobesworte ist der Franzose Renaud Lavillenie. Er gilt als Favorit für das Finale im Stabhochsprung, das heute ab 18:15 Uhr über die Bühne gehen wird.

Aber was ist dran am neuen Superstar der „Grande Nation"? Kurz gesagt: Sehr viel! Bei der Team-Europameisterschaft im portugiesischen Leiria hatte Lavillenie Mitte Juni 6,01 Meter überquert und damit als erst zweiter Europäer nach dem zurzeit verletzten Russen Jevgeni Lukjanenko (2008) in diesem Jahrtausend die magische Sechs-Meter-Marke bezwungen.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatten die Kritiker noch geunkt, dass die neu eingeführten Regeln bei der Team-EM - in den horizontalen Sprüngen sind pro Springer künftig nur noch vier Fehlversuche erlaubt - den Sport zerstören würden. Die Wettbewerbe würden abgebrochen, wenn es eigentlich am spannendsten wird, hieß es. Herausragende Leistungen, so die Prognose, seien unter diesen Umständen kaum noch möglich, vor allem im Stabhochsprung nicht, wo Fehlversuche alleine wegen des Wechsels auf einen härteren Stab an der Tagesordnung sind.

Klein, aber oho!

Renaud Lavillenie strafte die Kritiker Lügen. Mit insgesamt nur vier Fehlversuchen katapultierte sich der 22-J ährige über die neue französische Landesrekordhöhe von 6,01 Metern (die alte hielt bis dato Olympiasieger Jean Galfione mit 5,98 Metern) und schaffte damit als 16. Springer den erlauchten Kreis der Sechs-Meter-Springer.

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Mit lediglich 1,76 Meter und einem Gewicht von nur 69 Kilogramm ist Lavillenie zudem das kleinste und leichteste „Clubmitglied" unter den „Sechsern". Und mit Sicherheit ist er auch der Einzige unter ihnen, der auch im Mehrkampf Erfolge feiert: Im Dezember des vergangenen Jahres sammelte er bei einem kleinen Meeting im französischen Aubière als Zweitplatzierter respektable 5363 Punkte im Hallen-Siebenkampf!

Der Hitze getrotzt

Bei der Team-EM in Leiria hatten die Umstände dabei eigentlich nicht auf Höhen jenseits von sechs Metern hingedeutet. Bei über 30 Grad im Schatten zog sich der Wettkampf der Stabhochspringer fast vier Stunden hin. „Ich habe gegen 15 Uhr mein Aufwärmprogramm beendet, dann gegen 16 Uhr die erste Höhe übersprungen und erst um halb sieben bin ich über 6,01 Meter gesprungen", erinnert sich der neue französische Rekordhalter. „Diese Länge ist selbst für das Stabhochspringen sicherlich ungewöhnlich."

Bemerkenswert ist, dass er selbst nach Stunden noch die Kraft hatte im entscheidenden Moment seine vielleicht größte Stärke auszuspielen - die enorm hohe Anlaufgeschwindigkeit. „Dadurch übermittelt er zum Zeitpunkt der Einstichbewegung besonders viel Energie", lobt auch der entthronte Landesrekordhalter Jean Galfione seinen Nachfolger. „Es gibt eine direkte Verbindung zwischen den horizontalen und vertikalen Geschwindigkeiten", so Galfione weiter.

„Trainer-wechsel-dich-Spielchen"

Besonders rasant war auch der Aufstieg des Leichtgewichts, der für den Verein Cognac AC an den Start geht. Renaud Lavillenie wurde in Barbezieux-Saint-Hilaire geboren, einem kleinen Städtchen im Westen des Landes, knapp hundert Kilometer nördlich von Bordeaux. Anfangs wurde er dort von seinem Vater Gilles trainiert und fand rasch Gefallen an der Höhenjagd mit dem Stab. Später wechselte er zunächst zu Georges Martin, ehe er in Clermont-Ferrand in der Trainingsgruppe von Damien Innocencio eine feste Heimat fand.

Ein „Trainer-wechsel-dich-Spielchen", das noch heute Vorteile mit sich bringt, wie der Stabhochspringer erklärt: „Deswegen bin ich vermutlich nicht ganz so verloren wie manch andere Athleten, wenn ich meinen Trainer nicht dabei habe oder ihn auf der vollen Tribüne nicht entdecken kann."

Leistungsexplosion


2006 sprang Lavillenie, zu dessen Hobbies das Reiten gehört, 5,22 Meter, ein Jahr später hatte er sich bereits auf 5,45 Meter verbessert und wurde Zehnter bei den U23-Europameisterschaften. Beim Hallen-Europacup 2008 in Moskau ging er erstmals bei den Aktiven für sein Heimatland an den Start und wurde auf Anhieb Zweiter. Auch für die Hallen-WM in Valencia war der 22-Jährige qualifiziert, doch das Aus in der Qualifikation waren ebenso eine kleine Enttäuschung wie die Nicht-Nominierung für die Olympischen Spiele ein paar Monate später.

Die Leistungsexplosion, an dessen Ende am heutigen Abend der Weltmeistertitel stehen soll, begann im Dezember 2008: In Aulnay-sous-Bois (Frankreich) überquerte der kleine Flieger 5,81 Meter und steigerte seine persönliche Bestleistung damit gleich um elf Zentimeter. Nur fünf Franzosen waren jemals höher gesprungen.

Bei den Halleneuropameisterschaften in Turin im vergangenen März bestätigte er die Höhe 5,81 Metern und gewann die Goldmedaille. Es war einer dieser Tage, wo ihm alles gelang, wo die Latte auch nach Berührung noch liegen blieb. „Heute war der Gott des Stabhochsprungs auf meiner Seite", jubelte Lavillenie damals.

Die Konkurrenz schwächelt

Sein ärgster Konkurrent bei den Weltmeisterschaften in Berlin dürfte Olympiasieger Steven Hooker sein, der während der Hallensaison 6,06 Meter überquert hatte und damals sogar bei seinen Versuchen über die Weltrekordhöhe von 6,15 Meter nicht chancenlos aussah. Doch der Australier laboriert an einer hartnäckigen Oberschenkelverletzung und geht angeschlagen in das Finale. In der Qualifikation verzichtete Hooker auf jegliche Probesprünge. Anschließend sprang er „kalt" über 5,65 Meter, hatte dabei jedoch sichtliche Schmerzen. Fast eine halbe Minute blieb er nach der Landung auf der Matte liegen, später ließ er sich von Sanitätern mit einem Eisverband verarzten.

„Es ist gut möglich, dass ich auch im Finale die selbe Taktik verwenden werde", so der Mann aus „Down Under" im Anschluss. „Kann sein, dass ich erst bei einer Höhe von 5,70 Metern in den Wettkampf einsteigen werde. Und auf Probeversuche werde ich definitiv wieder verzichten." Mit Titelverteidiger Brad Walker, der vor zwei Jahren in Osaka gewonnen hatte, ist ein weiterer Favorit nicht im Finale vertreten.

Usain Bolt des Stabhochsprung

Noch vor ein paar Wochen hatte Renaud Lavillenie den Australier Hooker als den großen Favoriten auf den WM-Titel bezeichnet. „Er ist derjenige, den es zu schlagen gilt. Ein bisschen fühle ich mich wie ein Sprinter, der versucht Usain Bolt zu bezwingen", wusste er um die schwierige Aufgabe, die ihn im Olympiastadion erwarten würde.
Insgeheim spekulierte er aber schon damals, als die Vorzeichen noch eher für Steven Hooker sprachen, auf die Goldmedaille im Olympiastadion: „Ich hoffe in Berlin auf eine Medaille, und warum soll es nicht die goldene sein?", sagte er nach seinem Satz über 6,01 Meter.

Ein Gefühl, dass sich im weiteren Verlauf der Sommersaison noch verfestigt haben dürfte. Mitte Juli sprang Lavillenie beim Heimspiel in Reims erstmals bei einem direkten Aufeinandertreffen höher als Hooker, siegte mit 5,82 Metern gegenüber den 5,77 Metern des Australiers. Die Erinnerung an diese Premiere wird ihm auch heute Abend viel Kraft geben.

Philip Häfner

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