
Da hilft kein Flehen: Michael Kraus konnte nicht überzeugen
Nach der deutlichen Pleite gegen Frankreich deutete Bundestrainer Heiner Brand bereits Konsequenzen an, nur einen Tag nach dem 26:36 gegen Frankreich hielt er Wort: Die Rückraumspieler Lars Kaufmann und Rolf Hermann sind vorerst aus dem Kader der Nationalmannschaft verbannt worden.
Brand warf die Lemgoer Kaufmann und Hermann wegen mangelnder Einstellung aus dem Nationalmannschaftskader. Zudem verordnete er deren Clubkollegen Kraus eine Denkpause und setzte damit ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen ein deutliches Zeichen.
"Bei den nächsten Maßnahmen werde ich Rolf Hermann und Lars Kaufmann nicht berücksichtigen. Das war einfach zu wenig. Ich habe bei ihren Einsätzen nicht erkennen können, dass sie ihre Chance beim Schopf packen wollen", begründete der Bundestrainer seine Entscheidung.
Der oberbergische Dickschädel
Und seinem jungen Spielmacher Kraus attestierte er Leistungsdefizite, die dieser beheben soll. "Er zeigt derzeit nicht einmal 30 Prozent seines Könnens, muss lernen, sich voll und ganz auf den Handball zu konzentrieren. Da gilt auch kein WM-Bonus mehr", stellte Brand klar.
Damit ließ der Bundestrainer seiner Ankündigung, mit Blick auf Olympia den Konkurrenzdruck zu erhöhen, unerwartet schnell Taten folgen. "Was einige Spieler hier geleistet haben, reicht für ein so großes Ziel nicht. Das Auftreten im letzten Spiel kann und will ich nicht akzeptieren", wetterte der Gummersbacher, "ich bin ein oberbergischer Dickschädel. Das vergesse ich nie."
Mit Unverständnis reagierte Lemgos Manager Volker Zerbe. "Ich bin konsterniert darüber, dass da drei Sündenböcke ausgesucht und an den Pranger gestellt werden", sagte er der Tageszeitung Die Welt. "Nach so einem Spiel wie gegen Frankreich, wo gar nichts läuft, drei Leute rauszupicken, halte ich für nicht okay." Zudem sei Kaufmann vor der EM fünf Monate verletzt gewesen.
Am Ende der acht Turnierspiele in elf Tagen wirkte auch der Bundestrainer ausgebrannt und leer. "Das war auch für mich ein sehr intensives Turnier", bekannte er. Dennoch zog der 55-Jährige ein halbes Jahr vor Olympia noch einmal kraftvoll die Daumenschrauben an. "Ich brauche jetzt ein bisschen Ruhe, dann werde ich alles analysieren. Alles zielt auf Peking hin, damit wir da optimal vorbereitet sind", erklärte der Bundestrainer weiter.
Baur soll Kraus wieder hinbiegen
Er kündigte an, bei den nächsten Länderspielen im Februar gegen die Schweiz und Ende März beim Vier-Länder-Turnier in Innsbruck gegen Österreich, Schweden und Tunesien auch Perspektivspieler zu testen. Wohl wissend, dass bis Peking keine Wunder zu erwarten sind. "Der Kreis ist sehr überschaubar. Die Möglichkeit, Konkurrenzsituationen zu schaffen, ist sehr begrenzt", beklagte er.
Sicher ist jedoch, dass der Bundestrainer weiter uneingeschränkt auf Markus Baur setzt - sowohl als Spielmacher bei Olympia als auch als Trainer beim TBV Lemgo, wo der 37-Jährige vornehmlich seinen "Kronprinzen" Kraus wieder auf Linie bringen soll.
"Wer bisher Zweifel daran hatte, welche Bedeutung Markus Baur für die Mannschaft hat, sollte jetzt davon überzeugt sein. Trainer hin, Trainer her - ich will in Peking gut abschneiden, da werde ich Markus Baur brauchen. Ich kann nur hoffen, dass er das schafft", sagte Brand und verordnete damit seiner "rechten Hand" ein Fitnessprogramm.
Christiansen jubelt
Aller Sorgen ledig waren derweil die Dänen nach ihrem 24:20-Finalsieg gegen Kroatien. Mit ihrer ersten Goldmedaille um dem Hals, der Landesfahne über dem Rücken und goldenen Perücken auf dem Kopf kosteten die Mannen um Lars Christiansen ihren größten Erfolg in vollen Zügen aus. "In den letzten 15 Jahren haben nur die Frauen Erfolge gefeiert, jetzt haben wir das auch endlich geschafft", jubelte der zum besten Linksaußen der EM gewählte Bundesliga-Spieler der SG Flensburg-Handewitt.
Erfolgsbasis der Dänen war ihre ausgeglichene Besetzung. "Wir können immer fünf, sechs Spieler auswechseln, das kann keine andere Mannschaft", sagte Christiansen. Und so hielt sich der Substanzverlust in Grenzen, auch wenn der 35- Jährige bekannte: "Ich würde lügen, wenn ich sage, ich fühle mich wie 25. Morgen wird mir alles wehtun. Aber das war es wert."