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HANDBALL | EM 2008
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Stefan Kretzschmar im Interview
Stefan Kretzschmar im Interview
Stefan Kretzschmar

Stefan Kretzschmar hat alle Hände voll zu tun. Zwischen Magdeburg, Norwegen und diversen Terminen mit Spielerberatern muss sich der Sportdirektor des SC Magdeburg auch noch die Zeit nehmen, um als Experte im TV die deutsche Mannschaft beim kontinentalen Kräftemessen medial zu begleiten. Und nicht zuletzt soll er auch noch einen neuen Trainer für den gestrauchelten Bundesligisten verpflichten.

Vor gar nicht langer Zeit fuhren Sie zu solchen Großveranstaltungen als Spieler. In diesen Tagen trifft man Sie bei der EM in Norwegen als Handball-Experte der ARD. Gefällt Ihnen das?
Stefan Kretzschmar: Das macht richtig Spaß. Gemeinsam mit Gerhard Delling hier die EM auszuwerten ist klasse. Wir analysieren kurz vor dem Match, in der Pause und nach Spielschluss. Allerdings ist das hier nicht meine einzige Aufgabe. Ich fülle noch eine tägliche Kolumne für T-Mobile und werde in meiner Eigenschaft als Sportdirektor des SC Magdeburg diverse Gespräche mit Spielerberatern führen.

Dazu später mehr. Aber erzählen Sie doch mal, wie eng Ihr Draht zur Mannschaft noch ist. Können Sie das Team von Heiner Brand überhaupt objektiv sehen?
Kretzschmar: Der Abstand ist seit der WM wirklich groß geworden. Vor allem deshalb, weil ich weit davon entfernt bin, da noch mitspielen zu können. Bei der WM 2007 hätte es im Falle einer Nachnominierung bestimmt noch für 10 oder gar 15 Minuten gereicht. Aber diese Tür ist nun endgültig zu. Nichtsdestotrotz bin ich emotional voll dabei.

Wie läuft denn die EM in Norwegen für Sie?
Kretzschmar: Die EM macht Spaß und ist eine echt schöne Veranstaltung. Für mich ist plötzlich jeder Druck weg, sodass ich die tage hier genießen kann. Ich möchte eine schöne Sendung machen, möchte natürlich einige Dinge auch ganz offen ansprechen, andererseits aber auch nicht zu hart kritisieren.

Ich stelle es mir schwierig vor, mit Leuten, die einst Ihre Teamkollegen waren, ins Gericht gehen zu müssen.
Kretzschmar: Ich mache es ja nicht auf die harte Tour. Dafür hege ich zu vielen Sympathien für die Mannschaft. Bei extremer Antipathie wäre es viel leichter, jemanden auch mal in die Pfanne zu hauen, wenn es notwendig wäre.

Und wie geht die Mannschaft mit Ihrer neuen Rolle um?
Kretzschmar: Eigentlich sehr gut. Nur als ich sagte, Christian Zeitz sei nicht ganz fit, kam das nicht gut an. Auch wenn es der Wahrheit entspricht, so fanden es die Jungs dennoch nicht besonders nett, von einem der ehemals zu Ihnen gehört hat, kritisiert zu werden. Kann ich verstehen.

Sind Sie denn in Sachen Spielersuche schon fündig geworden?
Kretzschmar: Ich halte hier in Norwegen die Augen offen, aber das tun 17 andere Bundesliga-Manager natürlich auch. Wenn du bei der EM mit der Suche beginnst, ist es eigentlich schon zu spät. Selbst wenn du denkst, bei Montenegro könnte noch einer herumlaufen, den noch keiner kennt - vergiss es. Der steht längst schon auf irgendwelchen anderen Blöcken. Aber zwei oder drei Spieler, die mich schon vorher interessierten, habe ich mir angeschaut.

Und?
Kretzschmar: Es nervt in diesem Zusammenhang, dass das Thema Ablösesumme immer gravierender wird. Das finde ich schlimm. Ich finde das menschlich verwerflich, weil wir auf diese Art eine Söldnermentalität ausbilden. Es sollte Regularien geben, die besagen, dass mit Spielern, die unter Vertrag stehen, erst ein halbes Jahr vor Ablauf ihres Kontraktes verhandelt werden darf.

Aber wer soll das kontrollieren?
Kretzschmar: Das ist sicher schwierig. Aber wenn so etwas dann herauskäme, müsste es auch bestraft werden.

Jetzt haben Sie in Magdeburg ganz sicher alles andere als einen leichten Start in Ihrem neuen Amt als Sportdirektor gehabt.
Kretzschmar:
Das kann man sagen. Ich hätte mir lieber einen ruhigeren Einstieg gewünscht, aber so habe ich im ersten halben Jahr gleich mal alle Facetten des Funktionärsdaseins um die Ohren gehauen bekommen. Es tut einfach weh, wenn du nach 15 Jahren SC Magdeburg, in denen der Verein immer am oberen Level mitspielen konnte, den Verein in dieser Krise erlebst. Das ist traurig.

Und wie geht es nun weiter?
Kretzschmar: Wir werden um den SCM kämpfen, wir werden ihn retten, wir werden die Wogen glätten und den Stall ausmisten. Aber wir werden wohl in den nächsten ein oder zwei Jahren nicht oben mitspielen.

Und danach...
Kretzschmar: ...werden wir finanziell wieder gesund sein. Das ist realistisch. Ob wir aber sofort wieder oben werden angreifen können, weiß ich nicht. Die Lücke zu den Spitzenvereinen der Liga wird in dieser Zeit größer und größer werden. Drei oder vier Vereine werden sich in der Liga oben festsetzen, weil sie das Geld haben, Fehler zu korrigieren. Für mich gilt: Ich darf keine Fehler machen, weil mich das sofort richtig Geld kostet. Wir beginnen damit, dass wir uns bereits im Juniorenbereich intensiv umschauen. Das ist durchaus auch eine reizvolle Aufgabe, die Spaß macht.

Gerade der SCM verfügt doch über eine exzellente Jugendarbeit.
Kretzschmar: Das ist richtig. Aber auch die kostet Geld. Für die Mittel, die wir in die Jugendarbeit stecken, leisten sich andere Klubs drei bis vier fertige Spieler. Und wenn man einmal schaut, wer in den vergangenen Jahren richtig was geworden ist, bleibt nicht viel übrig. In der Dichte ist der SCM stark, weshalb die A-Jugend oft Deutscher Meister wird. Aber einen einzelnen Superspieler bringt die Jugendarbeit keineswegs selbstverständlich heraus. Wir haben Super-Außenspieler und Super-Kreisläufer, aber einen richtig guten Rückraumspieler kriegst du mit Glück alle fünf Jahre mal.

Soll das heißen, Sie stellen die Jugendarbeit in Magdeburg in Frage?
Kretzschmar: Kein Gedanke daran. Das Magdeburger Publikum identifiziert sich mit unseren Eigengewächsen. Das ist enorm wichtig. Christoph Theuerkauf ist so einer, der sicher noch ein Riese werden kann. Aber er muss auch lernen, in der Abwehr zu spielen und insgesamt ein wenig besser werden. Im Moment genießt er lediglich die Sonnenseite des Handballerdaseins. Und dann sind da auch noch Christian Sprenger, Yves Grafenhorst und Torhüter Silvio Heinevetter, der an einem guten Tag alles halten kann, dem aber auch noch die Konstanz fehlt.

Und wer wird diese Jungs künftig trainieren? Immerhin wäre Michael Biegler nun frei.
Kretzschmar: Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass Biegler gut zu uns passen würde. Wir werden nun rasch weitere Gespräche führen, und vielleicht sitzt er schon in der Rückrunde auf der Magdeburger Bank. Soviel ist sicher: Gerade mit jungen Leuten kann Biegler besonders gut.

Arnulf Beckmann

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