
Eugen Polanski freut sich auf die Europa League
Mit einem guten Gefühl wechselte Eugen Polanski einst vom FC Getafe zum FSV Mainz. Im Exklusiv-Interview erklärt der Defensivspieler, warum sein Bauch dabei wichtiger war, als die Blumen von Manager Christian Heidel, wieso er ungerne gegen seine Kinder verliert und wie die 05er eigentlich funktionieren.
Guten Tag Herr Polanski. Da wo sie heute stehen, hätte Ihr Weg eigentlich mit Borussia Mönchengladbach hinführen sollen. Doch spätestens unter Jos Luhukay verloren Sie Ihren Stammplatz. Wie empfinden Sie die Zeit, wenn Sie heute zurückblicken?
Eugen Polanski: Jetzt kann ich natürlich sagen, dass ich zu der Zeit sehr viel gelernt habe. Man sollte eben nie aufgeben und immer an sich glauben. Damals, wie auch heute, hatte der Verein sehr gute Möglichkeiten, aber auch wir Spieler haben es nicht hinbekommen, dies zu zeigen. Hier in Mainz wird sehr gut gearbeitet und der Verein hat sich den Erfolg wirklich verdient.
Viele Spieler erklären, gerne den Schritt ins Ausland zu wagen. Wie kommt ein Wechsel - in Ihrem Fall zum FC Getafe - oder der Kontakt an sich letztendlich zustande?
Eugen Polanski: Da müssen sie die Berater fragen. Keine Ahnung, wie das zustande kommt. In meinem Fall hat mich Getafe bei einem Länderspiel gesehen und ich bin dort aufgefallen. Dazu war ich ablösefrei und so wurde mein Berater kontaktiert. Es war erst ein loses Interesse und da ich gerne nach Spanien gehen wollte, beruhte es auf Gegenseitigkeit. Und ich wusste auch nicht, ob ich die Chance nochmal kriegen würde.
Sie wurden bei Getafe "Eugenito" genannt. Hatte es irgendeine Bedeutung und wer hat Ihnen den Namen verpasst?
Eugen Polanski: Von einem Spitznamen kann man gar nicht reden. Manchmal war ich eben der Deutsche, also El Aleman, oder Pola. Pola ist in Mainz nun auch geblieben. Aber eine Bedeutung hatte das nicht. In Spanien kannte man den Namen einfach nicht und konnte ihn nicht aussprechen.
In Spanien kamen Sie auf 26 Einsätze und spielten nach eigener Aussage eine durchaus erfolgreiche Saison. Wieso dann der plötzliche Wechsel zurück in die Bundesliga?
Eugen Polanski: Das hatte damals persönliche Gründe, aber nicht nur. Wie der Fußball so ist, gibt es Ausbildungsvereine wie Getafe. Sie hatten mich ablösefrei bekommen und wollten mich direkt wieder abgeben. Aber eben zu einer Mannschaft, zu der ich nicht wollte. Dann habe ich gesagt, wenn ich gehen muss, will ich nach Deutschland.. Aber es waren eben auch persönliche Gründe. Also bin ich auf Leihbasis zu Mainz gegangen und die haben mich nun gekauft.
Eine der vielen Geschichten die Sie dort erlebt haben, war das Derby gegen Real Madrid, das Sie mit 2:3 verloren. Erinnern Sie sich noch an das vielleicht verrückteste Spiel Ihrer Karriere?
Eugen Polanski: Ja logisch - daran erinnere ich mich sehr gerne. Schon alleine weil es gegen Real ging. Aber dieses Spiel war eines der besten Spiele, die ich je erlebt habe. Es war von beiden Seiten eine unglaubliche Stimmung. Leider hat Real Madrid gewonnen, aber vergessen werde ich es nie. Wir sind bei Real in Führung gegangen, haben sehr gut gespielt, mit dem Halbzeitpfiff jedoch ein blödes Gegentor bekommen. Auch danach waren wir unter Druck, haben dem allerdings standgehalten und sind nochmal in Führung gegangen. Leider haben wir aber wieder den Ausgleich bekommen und dann war es ein offener Schlagabtausch. Jeder kennt dazu die Szene, wo Pepe ausrastet und einen Mitspieler von mir brutal foult und nachtritt. In der 91. Minute kriegen wir dann den Elfmeter. Der Gefoulte chipt den Ball in die Mitte und der Torhüter bleibt stehen. Im Gegenzug kriegen wir dann das 2:3 ... An dem Tag war es eine bittere Erfahrung, aber im Nachhinein war es eins der geilsten Spiele, die ich je erlebt habe.
Die Überleitung ist vielleicht ein wenig holprig, aber Ihr jetziger Trainer, Thomas Tuchel, wirkt auch hie und da ein wenig ... verrückt.
Eugen Polanski: Ja, aber positiv verrückt. Verrückt in dem Sinne, dass er jedes einzelne Detail selbst in der Hand haben will und der Mannschaft auch vermittelt, alles für den Sieg zu tun und die eigenen Aufgaben zu erfüllen. Wir sind im Training und im Spiel gut vorbereitet und das würde ich als verrückt bezeichnen. Es hat sich im Saisonverlauf auch positiv bemerkbar gemacht.
Zumindest ist er in diesem und damit vielleicht auch einzigen Punkt Jürgen Klopp sehr ähnlich. Er scheint nicht gut verlieren zu können und nachdem die Fußballwelt ihn zu Beginn als sympathischen Menschen kennengelernt hatte, mischte sich später auch Kritik an seinem Verhalten nach Niederlagen mit bei. Wie erleben sie das?
Eugen Polanski: Ich persönlich kann mit Niederlagen auch nicht umgehen, ob im Training, im Spiel oder zuhause. Wenn ich mit meinen Kindern spiele, muss ich mich manchmal zurückhalten, denn sie freuen sich, wenn sie auch mal gewinnen - und ich verliere. Thomas kann es aber auch anerkennen, wenn ein Gegner besser war und verdient gewonnen hat. Er sagt es uns auch in der Besprechung, dass man so eine Leistung dann auch anerkennen muss. Wenn man aber selber dumme Fehler macht, ist man auch zurecht sauer ob der Niederlage.
Sie hatten vor Ihrem Wechsel zu Mainz viele Angebote aus der Bundesliga, gingen aber zum FSV, da der Verein sich - nach Ihrer Aussage - am meisten um Sie bemüht hat. Wie läuft das genau ab? Hat Christian Heidel täglich bei Ihnen angerufen, Ihrer Frau Blumen geschickt?
Eugen Polanski: Irgendwann hat Mainz angerufen und es ist zu Beginn immer das Gleiche. Da wird gefragt, ob man sich einen Wechsel überhaupt vorstellen kann. Dann spricht man das mit der Familie und dem Berater durch und macht sich seine eigenen Gedanken. Mir war dann schnell klar, dass wenn alles andere stimmt, es klappen könnte mit dem FSV Mainz. Ich wusste, dass es zwar ein kleiner Verein ist, er dafür aber gut organisiert ist und seine Hausaufgaben macht. Wenn ich zurückblicke, kann ich sagen, dass alles gestimmt hat und man sich hier gut entwickeln kann. Auch die Mannschaft ist gut zusammengestellt und der Erfolg in den letzten zwei Jahren gibt einem dann Recht. Im Endeffekt ist es natürlich auch eine Bauchentscheidung und mit Blumen allein ist es nicht getan.
Nach Ihrer Aussage ist es in Mainz schön ruhig und alle Leute ziehen an einem Strang. Ist das nicht eigentlich eine normale Voraussetzung, um in einem Verein Erfolg zu haben?
Eugen Polanski: Ich sehe ja, wie gut es klappt. Jeder Spieler und jeder Verantwortliche ordnet sich dem Erfolg unter. Es müsste also so sein und für uns ist es gut, dass es nicht überall so ist - es geht dabei auch um Wettbewerb. Grundsätzlich ist es meine Berufsauffassung, dass Fußball auch ein Teamsport ist und nicht der Einzelne wichtig ist. Und der unauffällige Spieler ist auch nicht unbedingt der schlechteste auf dem Platz. Man hat Aufgaben zu erfüllen und wenn alle das machen, kommt auch der Erfolg.
In Getafe soll es ja nochmal ganz anders gewesen sein. Da hatten alle Menschen scheinbar die totale Ruhe weg. Wie sah das aus?
Eugen Polanski: Es ist eine Mentalitätsfrage. Die Spanier sind da von Grund auf so erzogen. Was sie nicht heute erledigen können, macht man eben morgen oder danach oder nächste Woche. Und wenn man mal ein Spiel verliert, dann verliert man eben. Grundsätzlich geht es um das Fußball-Spielen und nicht um das Fußball-Arbeiten. Ich glaube eben, dass man Fußball auch arbeiten muss, um ihn spielen zu können. Daran muss man sich gewöhnen und es ist eine ganz andere Ecke - aber nicht unbedingt schlecht. Man kann sich eine gewisse Ruhe abschauen, aber nicht alles, denn dann wird es einfach zu locker. Aber mit Gelassenheit kommt man auch hie und da weiter.
Diese Arbeitseinstellung wäre sicherlich nichts für Thomas Tuchel, der immer unter Strom zu stehen scheint. Wenn man sich die Aussagen der Spieler anhört, könnte der Trainer aber bald das Bundesverdienstkreuz bekommen. Was macht Ihn denn zu so einem guten Vorgesetzen?
Eugen Polanski: Auch bei uns ist es so, dass jeder Spieler spielen möchte und wenn man auf der Bank sitzt, ist der Trainer nicht unbedingt der beste Vorgesetzte. Aber ich glaube, dass die Spieler, die nicht immer spielen, auch von ihm gepackt werden und ihnen wird gezeigt, dass sie wichtig sind. Von vielen Trainern kommt immer die Aussage, dass alle Spieler zum Team gehören und enorm wichtig sind. Bei Thomas Tuchel habe ich es nicht gehört, sondern gespürt. So wie wir trainiert haben in diesem Jahr, da war Qualität drin. Dadurch haben wir uns für das Spiel am Wochenende dann gepusht und diese Leistung haben wir dann abgerufen. Und dafür sind diese Spieler dann auch verantwortlich. Denn ohne gutes Training geht das nicht. Dazu spricht der Trainer sehr viel und jeder Spieler weiß, woran er ist. Und das ist sehr positiv.
Diego hat bei Wolfsburg eine Mannschaftssitzung verlassen, da er nicht für die erste Elf nominiert wird. Wie schafft Tuchel es, solche Reaktionen zu unterbinden?
Eugen Polanski: Wir haben nicht das Kaliber von Diego, der auch ein gewisses Gehaltsgefüge sprengen würde und bei großen Vereinen gespielt hat. Wir haben eine junge Truppe, die Potenzial hat. Bestes Beispiel ist Andre Schürrle, der für knapp elf Millionen zu Bayer Leverkusen geht. Wir erleben ihn ja in der Kabine und er muss Tag für Tag hart arbeiten, ist dabei am Boden geblieben und arbeitet im Spiel viel nach hinten. Macht er das nicht, kriegt er Ärger mit dem Trainer und der Mannschaft. Ich glaube, ein Fall wie Diego wäre hier nicht möglich, obwohl ich ihn nicht kenne und auch gar nicht groß urteilen will.
Und wie kann der Trainer Ihnen vermitteln, dass Sie nicht spielen?
Eugen Polanski: Der Trainer kennt die Spieler und ihre Charaktere. Bei uns gibt es niemanden, der aus der Kabine oder Mannschaftsbesprechung rennen würde, wenn er nicht spielt. Es würde sich auch keiner trauen, denn er wäre bei Trainer und Mannschaft unten durch. Jeder will natürlich jedes Spiel spielen und das ist bei mir nicht anders. Wenn ich nicht spiele, bin ich natürlich auch gefrustet. Trotzdem weiß ich, auch aus meiner Zeit bei Gladbach, dass es immer auch wieder bessere Zeiten gibt. Und bei Tuchel zählen dazu die eigenen Trainingsleistungen. Es ist ein wenig mit meiner Zeit bei Getafe vergleichbar. Da hat mein zweiter Trainer am Anfang der ersten Einheiten der Woche immer elf Leibchen hingelegt und gesagt, wer die Dinger haben will, soll sie sich durch Leistung holen. Und Thomas macht es genauso. Leistung steht an erster Stelle
Geht der Trend auch weg von den großen Individualisten? Bastian Schweinsteiger erklärte jüngst, die mannschaftliche Geschlossenheit sei das Zauberwort, um erfolgreich zu spielen. Damit hat er scheinbar ganz gut das Erfolgsrezept der Mainzer beschrieben.
Eugen Polanski: Wenn man sich die Tabelle ansieht und mit Mainz, Hannover und Nürnberg - lange Zeit auch Freiburg - vier Mannschaften oben standen, von denen vorher keine Notiz genommen hat, ist das schon außergewöhnlich. Die Geschlossenheit ist - zumindest bei uns - dagewesen. Wir wollen immer kompakt und geschlossen stehen und wissen um die Wichtigkeit der Mannschaft. Ich habe es ja gesagt, jeder hat eine Aufgabe und diese elf Aufgaben fügen sich dann zusammen. Wenn ich vorhin vom Arbeiten gesprochen habe, bedeutet das Laufen, gut stehen und Aggressivität zeigen. Wir müssen erst umsetzen, was der Trainer will und dann kann man natürlich auch seine Qualitäten ausspielen.
Sieben Siege zu Beginn läuteten eine unglaubliche Saison ein. Was haben Sie gedacht, als Sie zuhause auf dem Sofa saßen und einen Blick auf die Tabelle geworfen haben?
Eugen Polanski: Wir waren sehr selbstbewusst und ich habe auch die Mannschaft so erlebt. Aber wir wussten, dass wir auch mal verlieren würden. Gerade wir als Mainz sind nicht davon ausgegangen, alle Spiele gewinnen zu können. Wir haben dazu aus der Presse mitbekommen, dass wir Meister werden können. Das war natürlich nicht unser Ziel und wir haben von Spiel zu Spiel geschaut. Aber uns dabei auch nicht beeinflussen lassen, als es zu Beginn der Rückrunde schlecht lief. Insgesamt war die Entwicklung sehr positiv und wir können sehr zufrieden sein.
Manager Christian Heidel gibt nun das Ziel Klassenerhalt aus. Mit Andre Schürrle und Lewis Holtby gehen zwei Eckpfeiler der Mannschaft. Mit welchem Gefühl gehen sie in der Urlaub?
Eugen Polanski: Mit dem Gefühl, dass wir gut gearbeitet und uns den Urlaub auch verdient haben. In ein paar Wochen fängt dann die Vorbereitung wieder an und man sollte auch im Urlaub was tun. Aber wir gehen mit dem Blick in den Urlaub, dass wir auch wieder sehr selbstbewusst sein können und auch wissen, wofür wir arbeiten. Das Ziel ist es, ein ähnlich starkes Kollektiv zu haben, um die Spiele wieder gewinnen zu können. Aber ich gehe nicht vom Klassenerhalt aus, sondern habe höhere Ziele. Wenn es nicht klappt, kann man diese natürlich auch wieder revidieren.
Und wie oft haben sie in den letzten Wochen das Wort Europapokal gegrölt?
Eugen Polanski: Oft. Ich kriege das Lied von den Fans gar nicht mehr raus und kann sogar schon die zweite Strophe. Man ist ja auch stolz, das geschafft zu haben. Aber es ist noch viel Arbeit, bevor man in der Gruppenphase steht. Ich habe nicht die ganze Saison gearbeitet, um nur zwei Spiele im Europacup spielen zu können, also gibt es nicht zu viel Euphorie. Da soll es schon mehr geben. Man darf den Europapokal zudem nicht unterschätzen, denn es ist ein anderer Rhythmus - besonders wenn wir in die Gruppenphase kommen. Es wird kein Selbstläufer.
In der nächsten Saison könnte es auch ein Ziel sein, sich für den DFB zu empfehlen. Sie haben dem polnischen Verband abgesagt und ziemlich klar Stellung bezogen, in dem Sie erklärten, schon immer in Deutschland gewohnt zu haben und somit sich auch nicht nach den besseren Chancen richten zu wollen...
Eugen Polanski: Erstmal ist es so, dass ich seit dem dritten Lebensjahr in Deutschland lebe und auch vom DFB ausgebildet wurde - habe alle U-Nationalmannschaften gespielt. Das Angebot von Polen kam überraschend und ich habe dann auch erstmal abgesagt. Aber auch mit dem Hintergrund, den Kontakt weiter zu halten. Anfang der Saison habe ich schon gesagt, auch die Option zu haben, für Polen spielen zu können. Der DFB hat eine super Truppe, gerade auch im Mittelfeld. Wenn man da rein kommen will, muss man Leistung zeigen - auch über zwei oder drei Saisons. Aber ich habe keinen Druck, trotzdem ist der Schritt zum Nationalspieler ein Ziel von mir - aber eben auch mit der Möglichkeit, das beim polnischen Verband zu schaffen.
Das Interview führte Gunnar Beuth