
So einfach ist Fußball leider nicht mehr
Seit Deutschland bei der WM mit einem 4-2-3-1-System begeisterte, gibt es einen breiten Konsens darüber, dass diese Taktik, deren zentrale Charakteristik darin besteht, drei zentrale Mittelfeldspieler aufzubieten, dem klassischen 4-4-2 überlegen ist. Einige Spiele der ersten Saisonwochen scheinen diesen Trend zu bestätigen, so zum Beispiel die komplette Demontage von Tottenham Hotspur in den ersten 30 Minuten bei Young Boys Bern oder Liverpools erbärmlicher Auftritt bei Manchester City in der Premier League.
Nun ist 4-2-3-1 als Formation keine Erfindung der letzten zwei Jahre. Bereits Rafa Benítez ließ seine Valencia-Elf, die zweimal spanischer Meister und 2004 UEFA Cup-Sieger wurde, sehr erfolgreich mit einem einzigen Stürmer agieren. Früher hätte man so eine Grundordnung als 4-5-1 bezeichnet. Das entsprach der bis heute verbreiteten Unterteilung einer jeden Mannschaft in drei Arten von Feldspielern: Abwehrspielern, Mittelfeldspielern und Angreifern.
Tatsächlich aber gab es in den vergangenen zehn Jahren im Profifußball eine klare Tendenz hin zu Taktiken, die praktisch vier statt drei Reihen zum Einsatz brachten. Dieser Entwicklung entspringt die Bezeichnung 4-2-3-1. Auch wenn es im Einzelfall zahlreiche Unterschiede zwischen den verschiedenen Mannschaften gibt, die sich unter diesen Hut bringen lassen, so sind doch einige Merkmale unerlässlich für eine erfolgreiche Anwendung dieser Taktik, die somit auch generell den taktischen Trends der letzten Jahre Rechnung trägt.
Voraussetzungen für ein erfolgreiches 4-2-3-1
Die Offensivspieler, vor allem die auf den Flügeln, müssen vielseitige Fähigkeiten besitzen. Das lässt sich gut an der deutschen Mannschaft bei der WM demonstrieren, in der Thomas Müller, ein modernerer Fußballer, zu den Entdeckungen des Turniers zählte, während Lukas Podolski nur in einzelnen Spielen seine Stärken zum Tragen brachte.
Die Außenverteidiger müssen in der Regel Offensivqualitäten mitbringen, was die taktische Flexibilität im Angriffsspiel über die Flügel erhöht. Nicht umsonst waren bei der WM Außenverteidiger wie Fabio Coentrao, Maicon oder Sergio Ramos oft Schlüsselspieler für ihre Mannschaften. Durch die drei zentralen Mittelfeldspieler ist es schwerer, Angriffszüge durch die Mitte zum Erfolg zu bringen.
Nun kann man nicht behaupten, dass alle erfolgreichen Teams der abgelaufenen Saison das gleiche System spielen. Barcelonas Formation lässt sich immer noch am besten als 4-3-3 in der Tradition des Clubs beschreiben. Uruguay überraschte bei der WM mit großer taktischer Flexibilität und spielte teilweise mit nur drei Abwehrspielern. Fulham zog mit einem klassisch englischen 4-4-2 bis ins Europa League-Finale ein, und Tottenham Hotspur erreichte mit einem 4-4-2 zum ersten Mal die Champions League.
Die relative Schwäche von 4-4-2: Unterzahl im Mittelfeld
Aber schon bei der WM deutete sich an, wie selten 4-4-2-Formationen gegen andere Taktiken bestehen konnten. Australiens Debakel gegen Deutschland war ein erstes Indiz dafür, Italiens Unfähigkeit, Neuseeland zu besiegen, ein weiteres, und Englands erbärmliche Leistungen gegen Algerien in der Vorrunde und später über weite Strecken auch im Achtelfinale gegen Deutschland machten überdeutlich, welche Nachteile die althergebrachte Formation in einer solchen Konstellation mit sich bringt.
Die numerische Unterlegenheit im Mittelfeld stand etwa im Falle Englands einem Zwei-Mann-Sturm gegenüber, der nie zu einer harmonischen Einheit fand oder richtig ins Spiel integriert werden konnte. Bezeichnenderweise ließ Fabio Capello im ersten Testspiel nach der WM gegen Ungarn diverse andere Formationen testen.
Der Weltmeister
Spaniens Erfolg der letzten Jahre basiert bekanntlich auf maximalem Ballbesitz und daraus resultierender Dominanz des Spiels. Auffällig ist jedoch, wie viel besser die Roja mit einem Stürmer gespielt hat als mit zwei Spitzen. Beim Gewinn des EM-Titels explodierte Spanien im Halbfinale gegen Russland, nachdem David Villa verletzt ausgewechselt werden musste und durch Cesc Fabregas ersetzt worden war. Der Finalsieg gegen Deutschland sah Fernando Torres als einzige Spitze.
Bei der WM war es Torres, der auch aufgrund seines Fitnessrückstands nicht in Tritt kam. Zweimal wechselte Vicente del Bosque den Liverpooler in den ersten beiden KO-Spielen aus - in beiden Fällen gewann Spanien das Spiel nach seiner Herausnahme. Im Halbfinale und Finale startete die Roja dann schon im 4-2-3-1, mit Pedro als Außenbahnspieler, der mit Andres Iniesta gerne die Seiten wechselte.
Interessant an Spaniens Spiel war zudem die Rolle von Sergio Busquets, der sich bei eigenem Ballbesitz oft zwischen die beiden Innenverteidiger Carles Puyol und Gerard Piqué fallen ließ. So entstand eine Art Dreierkette, während sich vor allem Sergio Ramos, aber auch links Joan Capdevila ins Offensivspiel einschalteten. Diese Praxis hat den Taktikblog Zonal Marking sogar dazu verleitet, von einer "Rückkehr des Liberos" zu sprechen.
Aktuelles Beispiel 1: BSC Young Boys - Tottenham Hotspur
Ähnliche Probleme wie England bei der WM hatte zu Beginn dieser Saison auch Tottenham bei seinem Champions League-Playoffhinspiel in Bern. Als haushoher Favorit in die Begegnung gegangen, wurden die Engländer vom Schweizer Vizemeister eine halbe Stunde lang komplett auseinandergenommen und lagen schon nach 28 Minuten mit 0:3 zurück. Ein Fußballwunder? Hatten die Spurs die Gastgeber "unterschätzt"? Agierten sie gar "zu pomadig", wie der deutsche Fußballkommentator gerne an Stelle einer Analyse sagt?
All das war nicht der Grund des erstaunlichen Zwischenstandes, ebenso wenig wie der Kunstrasen im Stade de Suisse. Vielmehr war ein weiterer Fall der Unterlegenheit von rigiden 4-4-2-Formationen zu beobachten. Durch aggressives Pressing setzten die Schweizer die Spurs immer wieder unter Druck und hatten im Mittelfeld dadurch oft zwei Mann mehr, während Tottenhams zwei Stürmer Roman Pavlyuchenko und Jermain Defoe vorne auf Bälle warteten.
Zu allem Überfluss hatte Spurs-Manager Harry Redknapp die rechte Außenposition im Mittelfeld auch noch mit dem defensivschwachen Giovani dos Santos besetzt. Der Gegenspieler des Mexikaners, Senad Lulic, traf nach zwei Minuten den Pfosten und erzielte 120 Sekunden später das 1:0. Nach ein paar Umstellungen bei den Gästen kam Tottenham nach 30 Minuten besser ins Spiel und erzielte schließlich sogar noch etwas glücklich zwei Auswärtstore, die am Ende locker für den Einzug in die Gruppenphase reichten.
Aktuelles Beispiel 2: Manchester City - Liverpool
Ein weiteres, geradezu schulbuchmäßiges Beispiel für die beschriebene Konstellation war das Premier League-Spiel zwischen Manchester City und Liverpool am zweiten Spieltag. Hatte Liverpool noch zum Auftakt gegen Arsenal mit einer Spitze operiert (und fast mit 1:0 gewonnen, ehe ein Torwartfehler den Gunners zum späten Ausgleich verhalf), setzte Roy Hodgson auf sein schon in Fulham bevorzugtes 4-4-2 mit den beiden Stürmern Fernando Torres und David Ngog.
Diese Maßnahme endete im Debakel einer hoch verdienten 0:3-Niederlage, weil City mit drei zentralen Mittelfeldspielern antrat, Gareth Barry, Yaya Touré und Nigel de Jong. Ihnen gegenüber standen in Abwesenheit des abwanderungswilligen Javier Mascherano Steven Gerrard und Lucas Leiva. Diese beiden waren mit der Spielkontrolle im Mittelfeld überfordert, brauchten so Hilfe von den Außenspielern. Das wiederum ermöglichte es Citys schnellen Flügelspielern James Milner und Adam Johnson, Angriff um Angriff von den Seiten her in Richtung Reds-Tor vorzutragen.
City-Manager Roberto Mancini folgte dabei einem Trend, den nicht zuletzt Philipp Lahm und Arjen Robben popularisiert haben: Außenbahnspieler agieren auf der "falschen" Seite - in diesem Fall Linksfuß Milner auf rechts und Rechtsfuß Johnson auf links, so dass beide gefährlich in die Spielfeldmitte wirken können.
Defensivarbeit als Schlüssel - in jeder Formation
Man muss die taktischen Formationen nicht überbewerten, wenn man Trends im aktuellen Fußball ausmacht. Ein ganz wesentlicher Faktor für die Kontrolle eines Spiels besteht nicht zuletzt auch darin, wie viele Spieler sich bei gegnerischem Ballbesitz am Defensivspiel beteiligen - etwas, das Argentinien gegen Deutschland im Viertelfinale zum Verhängnis wurde und zu einer historischen Niederlage der Albiceleste führte.
Neben den Erfolgen der deutschen Mannschaft bei der WM lässt sich aber auch Inters Champions League-Triumph als Beleg für die Wichtigkeit dieses Faktors anführen - war es doch sowohl im Halbfinale gegen Barcelona als auch im Finale gegen Bayern auffällig, wie diszipliniert die gelernten Stürmer Samuel Eto'o und Goran Pandev auf den Außenbahnen nach hinten arbeiteten. Als Inter im Halbfinalrückspiel im Nou Camp in Unterzahl geriet, agierten gar alle Spieler der Nerazzurri defensiv, einschließlich Wesley Sneijder im zentralen Mittelfeld und Diego Milito.
Dass es dabei um taktische Schulung und perfekte Raumaufteilung geht und nicht um das, was man in Deutschland unter dem Begriff "Zweikampfstärke" versteht, zeigt schließlich der Vergleich Inters mit dem, was die Niederlande im WM-Finale gegen Spanien versuchten, als alle Spieler (einschließlich Sneijders, der so beide Seiten der Medaille kennen gelernt hat) sich auf Foulspiele verlegten, um Spaniens Dominanz zu brechen. Diese Taktik der Elftal musste letztlich scheitern, und hätte es auch schon in der regulären Spielzeit getan, wenn Schiedsrichter Howard Webb konsequent Platzverweise erteilt hätte.
Daniel Raecke