Jose Mourinho schrieb das nächste Kapitel seiner großartigen Trainerkarriere
Mit einem 2:0 gegen den FC Bayern hat Inter die Champions League gewonnen. Zwei Tore von Diego Milito (35., 70.) und eine überlegene Taktik von Jose Mourinho sorgten für den ersten Triumph der Mailänder seit 1965, und das sowohl über das Finale als auch die Saison verdient, wie sportal.de findet.
Inter holte sich damit vor knapp 75.000 Fans in Madrid zugleich das Treble aus Serie A, Coppa Italia und Champions League, das noch keine italienische Mannschaft geschafft hatte. Nebenbei sicherte Inter der Serie A damit für ein weiteres Jahr vier Champions League-Plätze, die Bundesliga muss sich noch gedulden.
Es war von den Vorzeichen her ein echtes Traumfinale, zwischen zwei großen Traditionsclubs des europäischen Fußballs, in einem der legendärsten Stadien des Kontinents. Bundesliga und Serie A meldeten sich auf der ganz großen Bühne zurück, die in den letzten Jahren von spanischen und englischen Teams dominiert worden war. Milan war 2007 die einzige Mannschaft in den letzten vier Finals gewesen, die nicht aus den beiden größten Ligen kam.
45 Jahre Warten für Inter vorbei
Die beiden Trainer des heutigen Abends erinnerten aber auch an eine Zeit, in der es auch für Clubs von außerhalb der großen Fußballnationen noch möglich gewesen war, Europas Thron zu erklimmen. Nur zwei der letzten 19 Champions League-Titel wurden von Teams gewonnen, die aus einem kleinen Land stammten: Ajax Amsterdam 1995 unter Louis van Gaal und Porto 2004 unter Jose Mourinho.
Damit waren die aufregenden Vorzeichen des Spiels aber natürlich noch lange nicht erschöpft, denn nicht nur ging es um den vierten Champions League-Platz, der ab 2011 an die Liga des Siegers gehen würde, sondern auch noch für beide um das Treble, eine Errungenschaft, die zuvor aus den großen Fußballnationen nur Manchester United 1999 und Barcelona 2009 geglückt war.
Und zu allem Überfluss wartete auf Inter der erste europäische Triumph seit 45 Jahren, auf die Bayern immerhin seit neun Jahren. Fast schon schade, dass dieser Titel übers Jahr gesehen vielleicht etwas im Schatten der kommenden WM stehen könnte. Dabei hatte Mourinho ja nicht Unrecht mit seiner Aussage, das fußballerische Niveau des Spiels sei wahrscheinlich höher als das des WM-Endspiels.
Viel Taktik, wenige Anspielstationen
Die Bayern ersetzten wie erwartet den rotgesperrten Franck Ribéry durch Hamit Altintop, das blieb der einzige Unterschied zum DFB-Pokalfinale. Jose Mourinho änderte die Startelf, die am vergangenen Wochenende in Siena den Scudetto gewonnen hatte, auf drei Positionen. Ex-Bayer Lucio kam für Marco Materazzi in die Innenverteidigung, Christian Chivu spielte wie schon über weite Strecken des Halbfinalrückspiels in Barcelona für den rot gesperrten Thiago Motta, und Goran Pandev erhielt den Vorzug vor Mario Balotelli.
Das Spiel auf dem teppichartigen grünen Rasen des Santiago Bernabéu-Stadions stand vom Anpfiff weg auf taktisch hohem Niveau. Torchancen waren in der Anfangsphase erwartungsgemäß nicht gerade im Minutentakt zu sehen. Inter stand in der eigenen Hälfte exzellent und ließ in den ersten 30 Minuten nur zwei brenzlige Situationen zu.
Nach zehn Minuten gelang es dem ansonsten von Inter recht kompakt zugedeckten Arjen Robben einmal an Chivu vorbei bis zur Grundlinie zu gelangen. Von dort legte der Niederländer perfekt zurück auf Ivica Olic, der in den Ball hineinsprintete, das Leder aber aus vollem Lauf knapp nebens Tor setzte.
Demichelis von der Rolle
Ein zweites Mal, als Robben am rumänischen Linksverteidiger vorbeiging, griff der zum taktischen Foul und wurde dafür nach einer guten halben Stunde von Howard Webb verwarnt. Schon in den Anfangsminuten hätte Goran Pandev, ebenfalls nach einem Foul an Robben, Gelb sehen können. Auf Münchner Seite wurde Martin Demichelis im Buch des Referees notiert, als er Diego Milito von hinten am Fuß traf.
Das war nur der Auftakt einer Reihe von Demichelis-Schwächen, die zehn Minuten vor der Halbzeitpause fatale Folgen hatten. Ein langer Abschlag von Julio Cesar senkte sich in der Mitte der Bayern-Hälfte herab, Milito gewann dort das Kopfballduell gegen Demichelis und sprintete gleich weiter in den Pass von Wesley Sneijder, der ihm den Ball perfekt zurück in den Lauf legte. Einmal kurz angetäuscht, dann über den chancenlosen Jörg Butt hinweg unter die Latte abgeschlossen - das war eine perfekte Einzelaktion des Argentiniers, die ihm indes sein Nationalmannschaftsteamkollege Demichelis erst eröffnet hatte.
Innerhalb von zehn Minuten kamen noch zwei weitere Inter-Spieler im Bayern-Strafraum an den Ball. Kurz nach dem Gegentor versprang Samuel Eto'o der Ball, sonst hätte hier wieder Gefahr gedroht - so wie kurz vor der Pause, als Sneijder nach einem Konter von Milito perfekt bedient wurde und völlig frei vor Butt auftauchte. Ein guter Reflex des Keepers verhinderte das 2:0.
Zu wenig Platz für Van Gaals System
Und die Bayern? Deren Stürmer, vor allem Thomas Müller, waren in der ersten Halbzeit fast komplett aus dem Spiel genommen. So fehlten dem wie immer kaum auszuschaltenden Robben die Anspielstationen, und die einzigen Torschüsse entstanden aus Fernschüssen, die Robben und Mark van Bommel jedoch nicht aufs Tor brachten.
Stimmen zum Spiel:
1/3
Christian Nerlinger: "Inter war eiskalt und effektiv. Wir haben gehemmt gespielt."
Woran lag die ungewohnte Offensivschwäche der Bayern? Inters Raumaufteilung war in der eigenen Hälfte makellos, bis auf Milito arbeiteten alle Mailänder mit in der Defensive und ließen praktisch keine Unterzahlsituationen am Ball entstehen. Auch gelernte Stürmer wie Pandev und Eto'o mutierten bei gegnerischem Ballbesitz zu Defensivspielern - wie man es in dieser Champions League-Saison schon öfter bei Mourinhos Elf gesehen hatte. Und warum Diego Maradona sowohl Esteban Cambiasso als auch Javier Zanetti nicht in seinen WM-Kader nominiert hat, muss nach diesem Finale auch sein Geheimnis bleiben - obwohl zu seiner Ehrenrettung gesagt werden muss, dass Juan Sebastian Verón und Javier Mascherano auch nicht die schlechtesten sind.
Inters leichte Favoritenstellung hatte sich zur Pause natürlich nicht gerade verschlechtert, doch nur Sekunden nach Wiederanpfiff hatte Bayern die beste Chance des Spiels. Hamit Altintop bediente Müller mit einem perfekten Pass in den Lauf, und der Stürmer scheiterte mit einem Rechtsschuss aus zentraler Position an einer Fußabwehr von Julio Cesar.
Bayern wurde besser, dann der Konter
Fast im direkten Gegenzug jedoch musste auch Butt sich erneut mit einer Superparade auszeichnen, als der überragende Milito den Ball nach einem Konter in den Lauf von Pandev spielte, und der Bayern-Keeper dessen Schuss mit einer tollen Flugeinlage über die Latte lenkte.
Nach 63 Minuten kam Miroslav Klose als dringend benötigte Anspielstation in den Bayern-Sturm, Hamit Altintop musste dafür vom Feld. Und tatsächlich hatten die Münchner noch zwei Chancen, als ein Müller-Schuss von Cambiasso geblockt wurde und Julio Cesar einen Robben-Schuss aus dem Winkel fischte.
Als die Bayern zumindest nach Spielanteilen dem Ausgleich näher zu kommen schienen, vollendete niemand anderes als Diego Milito einen starken Konter in der 70. Minute zum entscheidenden 2:0. Eto'o spielte einen schönen Steilpass in den Lauf des Argentiniers, der Daniel van Buyten austanzte und dabei sehr schlecht aussehen ließ, bevor er den Ball präzise in der langen Torecke versenkte. Der von Demichelis nicht gedeckte Eto'o stand dabei am langen Pfosten sogar auch noch bereit.
Van Gaal brachte nun auch noch Mario Gomez für Olic, aber die Verzweiflung war den Münchnern nun nicht zu verdenken, war doch ein Comeback in dieser Situation extrem unwahrscheinlich geworden. Jose Mourinho gönnte in der Schlussphase auch noch der Clublegende Materazzi ein paar Spielminuten, doch vor den Toren passierte am Ende nicht mehr all zu viel.
Inter gewann am Ende also verdient das Spiel, die Champions League und das Treble. Jose Mourinho muss nach diesem neuen Triumph aber nicht nur als bester Trainer seiner Zeit, sondern schon jetzt als einer der größten aller Zeiten angesehen werden. Wenn jemand Real Madrid demnächst mal wieder über das Achtelfinale hinausführen kann, dann er.
Bayern darf trotz der Niederlage sehr stolz sein auf eine großartige Saison und auf den richtigen Weg, auf dem die Münchner sind. Darauf lässt sich aufbauen und in der kommenden Saison ein neuer Anlauf starten.
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