
Die Gegengerade: Ein Relikt einer anderen Zeit
100 Jahre FC St. Pauli bedeuten aber nicht nur Erinnerungen an eine Vereinsübernahme in den 1980er Jahren oder Aufbau von Fan-Strukturen, wie es gestern der Schwerpunkt war. Im zweiten Teil des großen sportal.de-Interviews mit den Spielern Marcel Eger und Benedikt Pliquett, sowie dem St. Pauli-Comiczeichner Guido Schröter und Hendrik Lüttmer, ehemaliger Fanbeauftragter und in der Merchandisingabteilung beschäftigt, steht die aktuelle Situation des Vereins im Vordergrund. Was war vor dem Spiel gegen Rostock los? Bringen Scherben Glück? Warum fühlt sich Hendrik Lüttmer auf der Gegengerade nicht mehr sicher und muss trotzdem weinen, wenn der Bagger anrollt?
sportal.de: Es gab ja auch Zeiten in denen Leute früher gehofft haben: „Oh Gott, lasst doch St. Pauli endlich mal normal werden." Weil sie es total nervig fanden, dass alle immer nur über diesen „anderen Club und die Freibeuter der Liga" geredet haben. Man könnte dann doch ganz froh sein, dass es langsam ein normaler Club wird.
Lüttmer: Das ist die größte Lüge, wenn man sagt, dass St. Pauli ein normaler Club geworden ist. Geh´ mal zu einem Heimspiel eines anderen Vereins in derselben Größenordnung, stell dich da mal in die Heimkurve und du wirst immer wieder wissen, in was für einem paradiesischem Umfeld du hier bist. Die Menschen, die hierher gehen, sind ein völlig anderer Schlag als bei jedem anderen Verein. Der durchschnittliche Bildungsgrad eines Zuschauers hier ist wesentlich höher als bei anderen Vereinen.
Eger: Der Spieler natürlich auch. (grinst)
Lüttmer: Selbstverständlich. Ein Beispiel: Der Frauenanteil der Zuschauer im Stadion hat sich in den anderen Stadien immer mehr angeglichen. Bei uns waren es aber von Anfang an selbstbestimmte weibliche Zuschauer, die sich immer aktiv eingebracht haben in die ganze Szene. Die große breite Masse, wenn du hier zum Stadion kommst, ist eine völlig andere als anders wo. Da brauchst du nur einmal Bahnhof Stellingen aussteigen und zum Stadion (Heimat des HSV. Anmerkung der Redaktion) zu gehen. Das ist eine andere Welt und zwar über Generationen hinweg. Dass wird auch so bleiben, denn die Leute kommen nach und Szenen adaptieren sich.
Eger: Wenn irgendwer im Stadion ruft: „Ey, du scheiß Schwuchtel-Schiri", was in anderen Stadien Gang und Gebe ist, dann wird hier nicht geduldet. Dann wird den betroffenen Personen gesagt, entweder du hälst dich daran und du machst es das nächste Mal nicht mehr oder du kommst nicht mehr ins Stadion. Das ist gegen unsere Einstellung.
Pliquett: Ich finde es schon cool, dass man den Kids hier gewisse Werte mitgibt, die im Allgemeinen nicht ganz schlecht sind. Da hat man einen richtig guten Einfluss auf die Jugendlichen.
sportal.de: Ist es ein anderer Geist im Stadion als anderswo, Herr Eger?
Eger: Da muss ich ganz klar sagen: Ja. Es geht darum, dass St. Pauli-Fans, bedingungsloser unterstützen. Was nicht heißt, dass sie mit weniger zufrieden sind. Wenn wir schlecht spielen, dann kommt auch Mal Unmut. Das ist ja auch okay. Ich war mal bei einem Europacup-Spiel. Da war die Heimmannschaft fast ausgeschieden, dann sind einige aus dem Stadion gegangen und haben gesagt „Ihr Loser und so", dann hat die Mannschaft noch ein Tor geschossen, dann sind sie wieder ins Stadion gegangen. Dieser Opportunismus wenn es nicht läuft, dann bin ich absolut dagegen und alles ist scheiße und wenn es läuft heißt es: „Ja super und wir sind die Tollsten", das ist bei St. Pauli nicht so. Man wird das ganze Spiel positiver angefeuert. Wenn es mal nicht so ist, dann sprechen wir es an.
Pliquett: Wo gibt es sowas, dass der Trainer zu den Fans geht und sagt: „Wir brauchen keine 'Aufwachen, Aufwachen'-Rufe (nach den Auftritten in Ahlen und gegen Aachen Anfang des Jahres. Anmerkung der Redaktion). Das war sehr konstruktiv und das hat mich sehr glücklich gestimmt.
sportal.de: Vor dem Spiel gegen Augsburg habt ihr Spieler euch gegen einen Stimmungsboykott in den ersten zwanzig Minuten ausgesprochen.
Eger: Ich bin vor dem Augsburg-Spiel in den Fanladen gegangen, weil ich mitbekommen habe, dass eigentlich wieder Stimmungsboykott gemacht werden sollte. Was sehr gut ist im Grundsatz, dass man gegen die Anstoßzeiten ist, aber das die Form vielleicht nicht die richtige ist. Wir haben dann 2,5 Stunden geredet. Ich habe denen die Sicht gezeigt, dass es auch nicht gut ist, wenn man fünf Ecken gegen sich hat und man hört dann einen Dauergesang. Was ja die Ultras so ein bisschen ausmacht, aber der Mannschaft in dem Moment nichts bringt. Es kann auch ruhig sein im Stadion. Man kann dann auch wieder situationsbedingt supporten. Und die Ultras meinten dann, dass es das erste Mal sei, dass sie dies hören und sie hätten darüber noch gar nicht nachgedacht. Ich denke, es kann immer etwas Gutes entstehen, wenn man darüber dann diskutiert.
sportal.de: Herr Schröter, Herr Lüttmer, sie schmunzeln. Warum?
Schröter: Dies ist der Hauptkritikpunkt der Gegengerade-Fans, eben dieser monotone Sing-Sang und ich dachte eigentlich, dass diese Kritik da schon mal angekommen wäre. Dass es eben auch eine Philosophie ist, nicht so spielbezogen zu supporten.
Pliquett: Es ist ja nicht die Philosophie nicht spielbezogen zu supporten, sondern es ist die Art und Weise, wie du es dann rüberbringst. Es ist komisch, dass die Stimmung auswärts in letzte Zeit gigantisch war und zu Hause verfällst du dann in eine Lethargie und dann hört es sich einfach nicht gut an.
Lüttmer: Ich will nochmal zwei Schritte zurückgehen. Dass was Marcel am Anfang gesagt hat mit den Schwuchtel-Rufen, das sind Sachen, die du extrem pflegen musst. Je höher du aufsteigst, desto mehr Leute kommen, die so etwas sagen. Da muss jeder persönlich für einstehen, dass so etwas nicht passiert. Aber was die Stimmung am Millerntor eben immer noch ausmacht, sind so Sachen wie einen Schiedsrichter mit Applaus zu verabschieden, wie nach dem Spiel gegen Koblenz. Das finde ich sensationell und das gibt es nirgendwo anders. Oder „Stani raus" zu rufen, beim Stand von 5:1 finde ich auch super.
Eger: Oder: „Scheiß Millionäre".
Lüttmer: Das sind einfach so Situationen, die wirst du nur hier finden. Die Selbstironie war früher zwar deutlich stärker und das Gepöbel ist deutlich lauter geworden, aber es ist halt immer noch da und in solchen Situationen merkst du es einfach.
Schröter: Die Ironie war auch das, was mich am allermeisten beeindruckt hat, als ich das erste Mal bei St. Pauli war. Und das ist auch das, was mir heute etwas abgeht - leider. Wenn unsere Ultras es noch schaffen würden, dies etwas hinein zu bringen, dann würde ich sie so bewundern.
sportal.de: Vor dem Rostock-Spiel gab es die Blockade eines Teils der Fanszene auf der Südtribüne, um für Fanrechte und gegen das Aussperren von Anhängern bei Auswärtsspielen zu protestieren. Nun wurden den Ultras die Sonderrechte für ihre Stehplätze entzogen. Ursprünglich war die Tribüne von ihnen selbstverwaltet. Ist der angedrohte Entzug nicht ein gefährlicher Punkt?
Schröter: Ich habe das Gefühl, dass der Verein das Gesicht wahren will. Vor allem vor den ganzen Kritikern. Also denen, den diese Aktion so richtig auf den Sack gegangen ist. Es gab ja angeblich Millionen Emails und Faxe und Anrufe. Es gab bestimmt auch heftige Reaktionen. Etwas Endgültiges gibt es auch noch nicht.
Eger: Ich bin ein durchweg positiv denkender Mensch. Und irgendwie habe ich mir gedacht, wahrscheinlich ist es so gewesen, dass schon eine längere Zeit aus der Gegengerade so eine leichte Antipathie gegenüber den Ultras gegeben hat. Vielleicht auch gegenüber einer Fangruppe, die aktiver ist als man selbst. Die Ultras machen sehr, sehr viele Aktionen. Jetzt sind halt zwei, drei Aktionen mal in die Hose gegangen in der Art wie sie gemacht wurden. Der Grund für die Aktion war aber gut und es sind immer noch viele dafür. Wenn aber so ein Auslöser - ganz dem Spruch „Scherben bringen Glück" - dafür sorgt, dass sich die Leute auf der Gegengerade auch mal wieder aufraffen und sagen: „Okay, irgendwie nerven mich die Ultras, aber was mache ich eigentlich so? Vielleicht muss ich auch mal ein bisschen mehr machen."
Pliquett: Ich finde es halt extrem schade, dass die Diskussion, die man daraufhin deutschlandweit unter den Fanszenen angestoßen hat, etwas ausgeblieben ist. Ich habe auch mit vielen Leuten gesprochen und gesagt: „Ihr seid so dämlich. Die Aktion war so toll und ist letztlich an der Umsetzung gescheitert."
Eger verabschiedet sich, weil er als Schiedsrichter gebraucht wird.
Schröter zu Eger: Kannst du das?
Eger: Nö, einfach Truller vom Platz stellen, das müsste reichen. (lacht)
Lüttmer: Bevor du gehst brauche ich noch ein Nacktfoto von dir mit einer persönlichen Widmung für eine Ex-Arbeitskollegin.
Eger: Okay. Mach ich glatt. Die wollen alle nur unseren Körper, Bene.
Pliquett: Und das Geld!
sportal.de: Themenwechsel. Herr Schröter, haben Sie Angst davor, wenn das Stadion fertig ist?
Schröter: Nein. Bisher kann ich damit sehr gut leben. Vielleicht wird es auch nicht toll, aber ich habe keine Angst. Ich muss auch sagen, diese Gegengeraden-Stehplätze, die nerven ein bisschen. Also da hätte ich schon Bock auf eine steilere Tribüne und ich denke, man steht dann nicht mehr zwei Jahre am Bierstand an...
Pliquett: Wenn die Gegengerade erstmal weg ist, ich glaube, das wird schon komisch. Also ich als Spieler werde es vermissen. Die Leute sind dann gefragt, das Flair zu bewahren.
Lüttmer: Ich für meinen Teil werde bittere Tränen weinen um die Gegengerade, weil es einfach Teil meiner eigenen Sozialisation war und dieser Schrottbau einfach so viel Charme ausstrahlt, aber er strahlt eben auch den Charme einer anderen Zeit aus. Irgendwann ist einfach Schluss. Selbst wenn wir kein neues Stadion bauen würden, dann hast du ja die Befürchtung das Ding bricht unter dir zusammen. Ganz ehrlich, dass das Teil, das für ein Jahr gebaut wurde damals, nach 20 Jahren immer noch steht ist schon skurill. Damit geht ein riesen Teil St. Pauli-Geschichte.
Pliquett: Es wird trotzdem was Besonderes bleiben. Wenn man sich unsere Fassade aus Backstein und Glas anguckt und die der anderen Stadien, dann läufst du dort ins Stadion und sagst dir: „Ach, hier war ich ja bereits schon Mal." Es sind im Prinzip alles dieselben Stadien und da haben wir Glück, dass hier noch soviel Individualität eingebracht wurde. Ich glaube auch, wir werden uns alle wundern, wenn erstmal die Dächer über den Tribünen sind, wie laut es dann sein wird.
sportal.de: Um nochmal auf den Punkt zukommen, dass die Menschen den Verein ausmachen. Kommen genug Leute nach, die die bisher beschriebenen Werte weitertragen?
Lüttmer: Kurz zurück zu der Boykott-Nummer. Dass es überhaupt eine Organisation gab, die es geschafft hat, diese Kurve freizuhalten, zeigt für mich, dass es genug Menschen gibt, denen ganz viele Sachen wichtiger sind als nur der Kick auf dem Rasen. Von daher mache ich mir keine Sorgen. Bei aller Stimmungsdiskussion darf man ja bei USP und Umfeld nie vergessen, was da sonst noch auf die Beine gestellt wird. Die machen ja noch ein bisschen mehr als nur Sing-Sang. Der Wille, das Drumherum bei diesem Verein selbst zu gestalten ist immer noch am leben und zieht auch viele Jugendliche an. Ich habe das Gefühl der Generationsfluss ist da.
Das Gespräch führten Julian König und Felix Hoffmann