In Hamburg zeigte Anderlechts Romelu Lukaku lediglich Ansätze seiner spielerischen Klasse. Er arbeitete viel, biss sich aber an Joris Mathijsen fast die Zähne aus. Heute soll es anders werden. Warum und weshalb der HSV den 16-jährigen Stürmer im Rückspiel fürchten sollte, lesen Sie in der sportal.de-Jungstars-Serie.
Das Wort "Talent" ist ein gemeinhin dehnbarer Begriff. Allein 1899 Hoffenheim - so schien es - konnte in der Aufstiegssaison mit mehr Talenten aufwarten als der Freistaat Bayern Feiertage hat. Fast genauso inflationär wurde in den vergangenen Jahren mit der Bezeichnung "Rohdiamant" umgegangen. Oftmals reichen schon ein paar gute Spiele, um als "Zukunft" eines Vereins zu gelten.
Nicht nur Anderlechts Zukunft
Beim Achtelfinalgegner des Hamburger SV gibt es so einen Wunderknaben. Mit 16 Jahren debütierte Romelu Lukaku nicht nur in der ersten belgischen Liga, sondern auch in der Nationalmannschaft. Seit Saisonbeginn zeigte er aber nicht nur eine handvoll guter Spiele. Nein. Er ist konstant gut, wie man an seiner persönlichen Statistik ablesen kann, die ihn mit 14 Toren in nur 24 Spielen als besten Schützen der Jupiler Pro League ausweist. Im Schnitt trifft er alle 100 Minuten ins Netz. Zuletzt schoss er das 1:0 am Wochenende gegen den KRC Genk.
Lukaku gilt deshalb nicht nur als Zukunft der Königlichen aus dem Brüsseler Vorort, er gilt gleichzeitig als Zukunft der belgischen Nationalmannschaft. Sein Teamkollege und der ehemalige HSV-Star Vincent Kompany adelte ihn als "Geschenk des Himmels". Rund um Anderlecht wird jeder Schritt des Jungen beäugt. Im Verein und beim Verband versucht man den Druck von seinen Schultern zu nehmen. RSC-Pressesprecher David Steegen: "Wir versuchen Lukaku soviel wie möglich abzuschirmen. Vor allem wenn man so sieht, was alles auf den Jungen zukommt."
Täglich flattern Interviewanfragen ins Haus. Ob aus England, Belgien, Deutschland, den USA oder Frankreich. Jeder möchte ein kurzes Interview mit ihm haben. Angesichts dessen, dass Romelu noch Schüler ist, sind freundlich aber bestimmte Absagen nur natürlich und absolut nachvollziehbar.
Gemeinsam mit Bruder Jordan
Seit Enzo Scifo hat kein belgischer Fußballer mehr in so jungen Jahren diese Aufmerksamkeit bekommen, die auf Lukaku derzeit einprasselt. Vergleiche mit Didier Drogba werden angestellt. Gleichzeitig ein Vorbild Lukakus, heißt es. Romelu selbst geht dieser Hype fast ein bisschen zu weit. Er bezeichnet sich gerne als bescheiden, möchte mit seinem Auftreten ein Vorbild sein - vor allem für seinen jüngeren Bruder Jordan, der mit 15 Jahren noch in der Jugend von RSC kickt und mit dem er irgendwann bei Anderlecht zusammenspielen möchte.
Jordan ist ebenfalls auf einem guten Weg. Er hat bereits in der U16-Nationalmannschaft debütiert und eingenetzt. Der Profi-Vertrag winkt und der Traum des Vaters Roger Menama Lukaku (daher auch der Vorname RoMeLu), seine beiden Söhne gemeinsam in der Nationalmannschaft zusehen, scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.
Geboren wurde Romelu in der Hafen- und Diamantenstadt Antwerpen. Sein Vater (ein ehemaliger Profi-Fußballer) stammt aus dem Kongo, lebte aber schon viele Jahre in Flandern. Romelu und sein Bruder wuchsen in Boom auf, der ersten Profi-Station des Vaters. Beim ansässigen Club Rupel Boom FC machte er seine ersten Schritte bevor er nur zwei Jahre und eine Zwischenstation später in der Jugend von Lierse SK unterkam.
Mit großen Schritten zum Profi
Bereits in dieser Zeit sorgte er für Furore, knipste durchschnittlich fast zweimal pro Spiel und trainierte eigentlich immer in älteren Jugendmannschaften mit.
2006 übernahm Anderlecht die Ausbildung. In der Folge klopften verschiedene Topvereine wie der FC Chelsea an und wollten Lukaku verpflichten. Sie bissen sich die Zähne aus. Ähnlich wie bei Interview-Anfragen, hagelte es hier - ebenfalls verständlich - Absagen. Die Verantwortlichen wussten genau, welch Juwel sie in ihren Reihen hatten und Vater wie Sohn betonen unisono, dass es für einen größeren Verein noch viel zu früh sei.
Der Aufstieg zur Stammkraft erfolgte schnell. Im Meisterschafts-Entscheidungsrückspiel gegen Standard Lüttich (im Mai 2009) wechselte ihn Coach Ariel Jacobs 25 Minuten vor dem Ende ein - wenige Tage nachdem er seinen ersten Profi-Vertrag bis 2012 unterschrieben hatte. In seinem zweiten Ligaspiel benötigte er lediglich 20 Minuten für sein erstes Tor. Aus der Teilzeitkraft wurde schnell ein Stammspieler, auch weil etablierte Schützen wie Tom de Sutter oder Nicolas Frutos sich verletzten oder schwächelten.
Nach neun Toren in 14 Spielen, fünf Einsätzen in der U21-Nationalmannschaft und seinem ersten Doppelpack in der Europa League (3:1 bei Ajax Amsterdam) wählte man ihn zum Ende des vergangenen Jahres in seiner Heimat zum Nachwuchssportler des Jahres. Keine drei Monate später debütierte Lukaku unter Dick Advocaat im Freundschaftsspiel gegen Kroatien.
Wie sehr ihn die Fans in Anderlecht bereits lieben, zeigte eine Auktion der getragenen Spielertrikots von RSC zugunsten von SOS Kinderdörfer. Während das Leibchen von Lukaku über 4.500 Euro einbrachte, bekam man das Trikot von Mbark Boussoufa (Spieler des Jahres 2009 in Belgien) zum vergleichsweise Spott-Preis von 405 Euro.
Wer im Hinspiel Romelu Lukaku genauer beobachtete, der war trotz der durchschnittlichen Leistung überrascht vom 1,91 Meter großen Sturmbrecher, der in einer Dreierformation sowohl im Zentrum als auch auf den Flügeln spielen kann. Lukaku ließ gegen den HSV seine Schnelligkeit und Beidfüßigkeit aufblitzen. Gegen Joris Mathijsen hatte er es schwer, doch er zeigte wie es gehen kann. Mal ließ er sich etwas zurückfallen, dann setzte er seinen brachialen Körper von über 90 Kilogramm ein, um sich den nötigen Raum für den Antritt zu suchen.
Lukaku schirmte geschickt den Ball ab, zeigte jedoch in der Ballverarbeitung leichten Nachholbedarf. Hier wird er am meisten zulegen müssen in Zukunft, um auf der ganz großen Bühne irgendwann nicht nur bestehen, sondern auch Großes leisten zu können. Den Torriecher hat er, dass hat er wiederholt bewiesen. Kommt er im Strafraum zum Abschluss, auch per Kopf wohlgemerkt, ist es ungemein schwierig ein Tor zu verhindern. Gegen Hamburg gelang ihm der Abschluss nur selten, Szenen aus der Liga machen aber deutlich: Romelu köpft wuchtig und schießt präzise. Nicht umsonst erwartet man den 16-Jährigen in einer noch besseren Verfassung als im Hinspiel, wie HSV-Pressesprecher Jörn Wolf durchblicken ließ.
Welchen Schliff wird er bekommen?
Bei den Hamburgern hält man sich gewohnt bedeckt mit Aussagen zur Spielweise gegen den Youngster. Wie auf der Gegenseite gilt auch bei den Rothosen das von David Steegen verfasste Credo: "Die Konkurrenz liest mit."
Vor heimischem Publikum wird RSC offensiver auftreten. Und auch wenn es mit dem Viertelfinale nicht klappen sollte, sind sich die Fans einer internationalen Zukunft gewiss. Die Glanzzeiten des Vereins sind zwar längst verblasst, doch der "Rohdiamant", der einst aus Antwerpen kam, bringt etwas von dem Feuer zurück, das Anderlecht in den 1970er und 80er Jahren in Europa entfachen konnte.
Diamanten können einen ganz unterschiedlichen Schliff bekommen. Die Brillianz eines Diamanten ist mathematisch berechen- und damit vorhersehbar. Im Fußball kann es dagegen schnell in alle möglichen Richtungen gehen. Ariel Jacobs baut Lukaku behutsam auf, weiß wann er ihm eine Pause geben muss und bemüht sich um den nötigen Schliff. Mit welcher Strahlkraft er irgendwann Europa erobern wird, mag man sich so recht noch gar nicht ausmalen. Einen weiteren Eindruck wird er aber heute Abend hinterlassen. Das weiß man auch beim HSV.
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