
George Best spielte 37 Mal für Nordirland
George Best vereint im Guten wie im Schlechten all das, was den Fußball ausmacht: Kraft, Freude, Siegestaumel, Rausch, Übermut, Tränen, Untergang. sportal.de erzählt die tragische Geschichte des ersten Popstars der Fußballgeschichte.
Es gibt eine Szene, die viel verrät - über den Spieler George Best wie über den Menschen. Es ist der 13. Oktober 1976, Best trifft in der WM-Qualifikation mit Nordirland auf die Holländer um Johan Cruyff. Längst befindet sich Bests Stern im Sinkflug, seine Alkohol-Eskapaden sind bekannt. Doch die Reporter stilisieren das Spiel zum Duell der Giganten. "Wer ist der Bessere", wird Best am Vorabend gefragt, "du oder Cruyff?"
Die Antwort gibt der 30-Jährige auf seine Art. Das Spiel ist noch jung, da kommt Best auf der rechten Seite an den Ball, der Weg zum Tor wäre frei. Doch statt einen seiner magischen Sololäufe zu starten, zieht Best an drei Holländern vorbei quer durchs Mittelfeld, dorthin wo Cruyff steht. Und dann schiebt er dem großen Cruyff den Ball durch die Beine wie einem Schuljungen. Best reißt die Arme hoch im Triumph, das Abspiel vergisst er.
"Ich habe ein Genie für dich gefunden"
Wenn Best auf dem Feld steht, ist Fußball kein Mannschaftsspiel, es geht nicht einfach darum, ein Tor mehr zu schießen als der Gegner. Für Best ist Fußball ein Kräftemessen Mann gegen Mann, und oft will er seinen Gegenspieler nicht nur schlagen, er will ihn demütigen.
Die Macht dazu hat er, so viel ist klar. Schon mit 15, als er aus Belfast zu Manchester United kommt, prophezeien ihm die Verantwortlichen eine große Zukunft. "Ich habe ein Genie für dich gefunden", kabelt Talentscout Bob Bishop an Manchesters legendären Trainer Matt Busby.
Was ist das Besondere an diesem schmächtigen Jungen? Da ist zunächst mal seine Technik, diese enge Ballführung selbst bei höchstem Tempo. Da sind die Finten und Haken, mit denen er die Verteidiger narrt, und da ist sein unbedingter Wille zum Torschuss. Das aber bringen auch andere mit.
Was Best von ihnen abhebt, ist diese dreiste Lässigkeit, die Spieler und Fans seiner Gegner zur Weißglut treibt. Schienbeinschoner trägt er so gut wie nie, die Stutzen hängen ihm locker um die Knöchel. Wie er sich bewegt, wie er abspielt - jede seiner Gesten demonstriert, dass er keinen anderen für voll nimmt. Seht her, ich bin unverwundbar!
Der fünfte Beatle
Sein Debüt in der ersten englischen Liga gibt Best am 14. September 1963, 17 Jahre alt, beim 1:0 über West Brom. Zwei Wochen später schießt er sein erstes Tor, am Ende der Saison stehen sechs zu Buche. Rasch wird Best zum Star, auch dank der Fürsprache von Trainer Busby, der ein Vaterersatz für ihn ist. 1965 schießt Best Manchester zum ersten Mal zur Meisterschaft, 1967 erneut.
Das folgende Jahr ist das wohl glücklichste seiner Karriere: Manchester gewinnt den Landesmeisterpokal und Best wird zu Europas Fußballer des Jahres gekrönt. Mit seiner langen schwarzen Mähne und seinem extravaganten Auftreten ist er der erklärte Liebling der Medien. Den fünften Beatle nennen sie ihn. Doch das Glück währt nicht lange.
Denn so wie zu Dr. Jekyll untrennbar zu Mr. Hyde gehört, hat auch der geniale Spieler Best eine dunkle Seite. Sein Dämon ist der Alkohol.
Alkohol, Summerbee, Le Phonographe
Als er bei einem Jugendturnier in Zürich volltrunken aus der Reihe fällt, geht Trainer Busby noch von einem Ausrutscher aus. Aber diese Ausrutscher häufen sich. Und einen großen Teil der Schuld daran trägt ausgerechnet ein Spieler des Stadtrivalen Manchester City: Mike Summerbee, gefürchtet nicht nur für seinen strammen Schuss, sondern auch für seine Trinkfestigkeit.
George und Mike verstehen sich auf Anhieb. Bald sieht man sie häufiger in der Nobeldiskothek "Le Phonographe" als beim Training. Statt Trikot und Stutzen trägt Best nun schwarzen Rollkragen zum senfgelben Sakko.
Anfangs wirkt Best fast schüchtern neben Summerbee, doch schnell gibt er den Ton an in Manchesters Partyszene. Er hat das gewisse Etwas: die langen Haare, das Lächeln, dieses selbstbewusste Auftreten irgendwo zwischen charmant und arrogant. Die Namen der Mädchen an seiner Seite wechseln schnell, die Standpauken bei Busby werden länger und lauter, der Boulevard freut sich über erste Skandale.
Der Fußball rückt mehr in den Hintergrund
Doch noch kann Best sich das erlauben. Noch stimmt seine Leistung - und so taucht er tiefer ein in eine Welt, deren Pfeiler Alkohol, Frauen, Musik und Mode sind. Zusammen mit Summerbee eröffnet er eine Herrenboutique - die vor allem von jungen Mädchen besucht wird. Kurz darauf macht er zwei Nachtclubs auf und legt sich den ersten einer ganzen Reihe weißer Jaguars zu. Immer öfter sieht man ihn jetzt auch im Fernsehen. Er tritt bei "Top Oft The Pops" auf und macht Werbung für Rasierwasser und Regenschirme, für Kaugummi und Fußballschuhe.
Best dreht das ganz große Rad und macht das ganz große Geld. Und er wirft es mit vollen Händen zum Fenster hinaus. Manchmal verspielt er an einem Abend mehr, als seine Mitspieler im ganzen Monat verdienen. "Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst", sagt Best einmal.
Anfang der Siebziger fordert sein Lebensstil Tribut. Mit Extraschichten beim Training zögert er den Niedergang noch hinaus, doch die großen Momente auf dem Platz werden seltener, gleichsam Museumsstücke. 1974 sortiert Man United ihn aus. Und weil er nie an später gedacht hat, kann er sich nicht einfach zur Ruhe setzen.
Der Untergang
Es beginnt eine jahrelange Tingelei durch die Welt. Best spielt für Klubs in Südafrika und Australien, er mischt eine Zeitlang die US-Profiliga auf und landet schließlich in den unteren britischen Ligen. Und überall müssen seine Trainer zittern, ob er wohl zum Spiel kommt - oder ob er in irgendeinem Bett seinen Rausch ausschläft.
Erst 1984 gibt Best den Fußball auf. Schlagzeilen machen nun die Stationen seiner Selbstzerstörung: das Scheitern der Ehe mit einem Ex-Playmate, die peinlichen TV-Auftritte im Vollrausch, die horrenden Spielschulden. Seine zweite Frau beschuldigt ihn, sie geschlagen zu haben. Immer wieder wird er betrunken am Steuer erwischt, und einmal landet er im Gefängnis, weil er einen Polizisten übel beschimpft hat.
2002 wird bekannt, dass Best eine neue Leber braucht. Die Anteilnahme an der Operation ist groß, die Empörung darüber, dass er bald danach öffentlich zur Flasche greift, aber umso größer. Am 25. November 2005 schließlich gibt sein verschlissener Körper auf. Der Totenschein des 59-Jährigen: Lungenentzündung, Blutvergiftung, Versagen mehrerer Organe, Blutungen im Darm, geschwächtes Immunsystem.
Seine Fans haben Bests Niedergang verfolgt, erst mit Zittern, dann mit Kopfschütteln. Den Platz in ihren Herzen hat er dennoch sicher. Zu seiner Beerdigung in Belfast strömen mehr als 100.000 Menschen. So ist auch sein Tod, wie schon sein Leben war: Zu extrem, um ihn begreifen zu können.
Volker Kühn