
Von Franck Ribéry hängt einiges ab
Zwar hat der FC Bayern das Nadelöhr Florenz noch nicht passiert und steht noch nicht einmal sicher im Viertelfinale der Champions League, trotzdem sprechen einige Experten schon laut von guten Chancen, sogar den Titel in der Königsklasse einzufahren. sportal.de ist da nicht ganz so optimistisch und erklärt, was den Bayern noch für den ganz großen Wurf fehlt.
"Die Bayern sind stark genug, das Finale zu erreichen. Oder zumindest sollten sie sehr weit kommen", erklärte kürzlich Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld gegenüber der Sport Bild und stellte der aktuellen Mannschaft ein ähnlich gutes Zeugnis aus, wie seinem Siegerteam von 2001. "Man würde den Spielern von heute Unrecht tun, würde man sie nicht ähnlich hoch ansiedeln."
Davon ist auch Anatoliy Tymoshchuk überzeugt. Im Gespräch mit uefa.com stimmte er Hitzfeld zu und meinte: "Jeder erwartet von uns, eine europäische Trophäe zu holen. Ich denke auch, dass das mit diesem Team möglich ist, denn wir haben sehr gute Spieler und mit Spielern von dieser Qualität kann man jedes Turnier gewinnen."
Zwar präsentierte sich auch die von allen Seiten so hochgelobte Konkurrenz vom FC Chelsea, Real Madrid, dem FC Barcelona zuletzt nicht mehr so übermächtig, wie ursprünglich gedacht und der FC Bayern verfügt über die vielleicht beste Mannschaft seit Jahren. Doch die letzten Spiele haben gezeigt, dass dem deutschen Rekordmeister noch einiges fehlt, um auch in Europa vorneweg zu marschieren.
Philosophie verstanden, aber noch nicht verinnerlicht
Was die Serie von mittlerweile 18 Pflichtspielen ohne Niederlage in Folge belegt, ist, dass die Spieler die Philosophie von Louis van Gaal mittlerweile verstanden haben. Die Mechanismen greifen immer besser, die Spieler kennen mittlerweile die Laufwege ihrer Nebenleute und wissen entsprechend zu reagieren, wie Arjen Robben auf sein Zusammenspiel mit Philipp Lahm beim sogenannten "Overlap" auf der rechten Seite angesprochen bestätigte.
"Acht- oder neunmal von zehn sehe ich ihn wirklich nicht, da ist er in meinem Rücken. Aber ich weiß, wo er ist. Manchmal sagt er auch etwas. Ich muss im richtigen Moment spielen, eine Sache des Gefühls. Wir trainieren das viel", erklärte der Niederländer in der FAZ. Doch trotz dieses schon beinahe blinden Verständnis der beiden, gibt es doch an allen Ecken und Enden noch deutliches Verbesserungspotenzial, um die Zielvorgabe 100 Prozent langsam aber sicher erreichen zu können.
So kritisierte van Gaal nach dem Florenz-Hinspiel: "Wir sind viel zu lange mit dem Ball gelaufen, haben viel zu oft lange Bälle gespielt, die nicht angekommen sind." Will heißen: Das Kurzpassspiel muss präziser werden, der Kombinationsfluss darf nicht abreißen. Nur so können auch defensiv gut stehende Gegner überlistet werden und die Feldüberlegenheit effektiv in Tore umgemünzt werden.
Ohne Ribéry und Robben fehlt Kreativität
Auch wenn es Louis van Gaal nicht gerne hört, gerade in diesem Punkt ist Bayern derzeit noch viel zu abhängig von der Anwesenheit seiner Flügelzange Franck Ribéry und Arjen Robben. Die beiden Superstars sind es einfach, die letztlich den Unterschied zwischen einer guten Bundesliga-Mannschaft und einem Team, das auch international Ansprüche anmelden darf, ausmachen - wie folgende Statistik untermauert.
Mit dem Duo wurden im Schnitt 2,42 Punkte (neun Siege, zwei Remis, eine Niederlage) geholt, ohne die beiden waren es gerade einmal 1,85 Punkte (sechs Siege, sechs Remis, eine Niederlage). Der knappe Sieg gegen Hamburg war letztlich nur einem lichten Ribéry-Moment geschuldet, doch auf die individuelle Klasse zweier Akteure darf der FC Bayern sich nicht verlassen.
Fehlen die beiden verletzungsanfälligen Stars bzw. werden sie wie im Hinspiel gegen Florenz durch Doppeldeckung aus dem Spiel genommen, dann fehlt Bayern der Kreativspieler, der mit Ideen aufwartet, um einen tiefstehenden und gut geordneten Gegner zu überwinden. Die Bayern sind dann zu leicht auszurechnen und harmlos, wie das Spiel am Wochenende gegen Köln zeigte: "Wir waren zehn Minuten gut, dann haben wir durch die Mitte gespielt. Da war es zu voll", sprach Marc van Bommel nach dem mageren 1:1 den Kardinalfehler offen an.
Erst als Ribéry in der zweiten Hälfte in die Partie kam, agierte er zwar nicht überragend, aber immerhin ging wieder etwas mehr über die Außen. Van Gaal empfindet zu großes Lob für seine beiden Stars zwar als "respektlos den anderen Spielern gegenüber", doch wenn beide wirklich fit sind, dann kann mit der daraus resultierenden Offensivstärke auch die Schwächen in der Defensive ausgeglichen werden.
Defensive offenbart Schwächen
sportal.de warnte bereits vor dem Achtelfinalhinspiel gegen Florenz vor der Achillesferse des FC Bayern - der Abwehr. Bei aller Souveränität lassen die Münchner immer noch zu viele gegnerische Chancen zu, wie u.a. die Spiele gegen Wolfsburg, Fürth und Dortmund offenbarten. Dass letztlich hinten nicht viel anbrannte, ist auch der oftmals fehlenden Konsequenz des Gegners geschuldet. So hatte BVB-Coach Jürgen Klopp seiner Mannschaft in dem Spiel "zehn hundertprozentige Torchancen" bescheinigt, die allesamt nicht genutzt wurden.
Das kann auf internationalem Parkett aber verheerende Konsequenzen haben, wenn die Tormaschine wie momentan blockiert ist. Das stellte schon das Hinspiel gegen Florenz unter Beweis. "Sie hatten zwar keine Torchance, haben aber trotzdem ein Tor erzielt", schimpfte van Gaal über den zwischenzeitlichen Ausgleich der Mannschaft aus der Toskana nach einer Ecke.
In Topform brauchen sich Philipp Lahm, Daniel van Buyten und der junge Holger Badstuber weder national noch international zu verstecken. Doch fällt einer von ihnen aus, wird es schon eng bei den Bayern - sowohl in der Klasse als auch nach der Ausmistaktion in der Winterpause an Masse. Nach der Verletzung des zuletzt wieder besser gewordenen und sehr erfahrenen Martin Demichelis und der Ausleihe von Breno (mittlerweile auch verletzt), muss van Gaal nun weiter Jugendspieler einbauen.
Mit Diego Contento kann man - der deutschen Übersetzung seines Nachnamens entsprechend - auf jeden Fall sehr zufrieden sein, auch David Alaba ist ein vielversprechendes Talent. Doch für internationale Großtaten fehlt auf jeden Fall eigentlich noch ein gestandener und starker weiterer Defensivmann - bevorzugt auf der linken Seite.
Unbändiger Wille fehlt
Eine der Stärken der 2001-Sieger-Mannschaft war, dass sie über Spieler wie Torhüter Oliver Kahn und Jens Jeremies - alles andere als ein herausragender Individualist - verfügte. "Wir hatten Spieler, die sich quälen konnten. Wie etwa Jens Jeremies, der mit kaputtem Knie alles für den FC Bayern gegeben hat. Diese Mannschaft hatte einen unglaublich guten Charakter und den absoluten Willen, die Champions League zu gewinnen", erinnerte sich Rummenigge in der WELT.
Doch solche Typen gibt es im aktuellen Kader nicht, bzw. haben sich bisher noch nicht herauskritallisiert. Ob die Mannschaft diesen unbändigen Willen - für Rummenigge elementar, um Barca und Chelsea in dieser Saison zu gefährden - aufbringen kann, wird sich wohl erst unter Druck erweisen. Ansonsten stünden beide Teams noch "eine Stufe über" den Bayern. "Andererseits", so hoffte Rummenigge, "befinden wir uns in einer sehr stabilen Phase, weshalb ich überzeugt bin, dass wir in diesem Jahr noch eine gute Rolle in der Champions League spielen können."
"Langfristig muss es unser Ziel sein, auf Augenhöhe mit diesen Teams zu kommen." Und dafür sollten mit Franck Ribéry und Louis van Gaal die wichtigen Eckpfeiler möglichst lange gehalten werden. Rummenigge würde mit dem Trainer bereits jetzt gerne über die kommende Saison hinaus verlängern und möglichst verhindern, dass das Buhlen des Niederländers um den Posten des deutschen Bundestrainers wirklich Grundlage erhält.
Financial-Fairplay-Konzept könnte Bayern pushen
Dass neben Rückkehrer Toni Kroos noch der eine oder andere starke Spieler zur neuen Saison nach München kommt und Ribéry den Verlockungen aus Madrid vielleicht doch widersteht, dazu könnte das mit der UEFA abgesprochene europaweite Financial-Fairplay-Konzept beitragen. Danach dürfen Clubs künftig nicht mehr ausgeben als sie tatsächlich einnehmen. In einer Übergangsphase seien noch kleine Verluste erlaubt. "Hohe Verluste aber werden künftig nicht mehr akzeptiert. Ich denke, davon wird vor allem die Bundesliga profitieren", ist Rummenigge gegenüber der WELT sicher.
Dass Bayern aber nicht erst in einigen Jahren wieder in Europa jubeln kann, sondern vielleicht schon im Mai, darauf besteht ein Weiterkommen gegen Florenz vorausgesetzt eine zumindest kleine Chance. Denn in K.o.-Spielen entscheidet auch das Glück - und davon hatte der Rekordmeister wie bei Miro Kloses Siegtreffer aus Abseitsposition im Hinspiel ja schon etwas. Vielleicht bleibt Fortuna den Bayern ja weiter treu.
Malte Asmus