
Was sieht Dietmar Hopp in fünf Jahren aus seiner Loge?
Im Pokalviertelfinale verspielte Hoffenheim gegen Bremen den vorerst größten Erfolg in der Vereinsgeschichte. Vor einem Jahr stand 1899 auf einem Champions League-Platz. Geht es inzwischen bergab mit dem Traum von Dietmar Hopp? sportal.de fragt sich, ob die TSG in fünf Jahren überhaupt noch in der Bundesliga spielt.
Nach sieben Spielen ohne Sieg hat 1899 Hoffenheim am Samstag gegen Hannover 96 endlich wieder gewonnen. Abstiegssorgen muss im Kraichgau vorerst niemand haben. Mit der Euphorie, die noch vor Jahresfrist in Nordbaden herrschte, hat der aktuelle Zustand aber nicht mehr viel zu tun. Trainer Ralf Rangnick soll einen neuen Vertrag unterschreiben, aber es ist noch unklar, wann und ob das geschieht.
Zwischen Coach und Manager Jan Schindelmeiser, sowie zwischen diesem und Timo Hildebrand gab es Differenzen. "Differenzen?" werden Sie fragen - "ist das nicht normal in einem Proficlub?". Das stimmt. Sowohl die sportliche Situation als auch die Unstimmigkeiten über den weiteren Kurs des Vereins, die scheinbar auch Dietmar Hopp und seinen Trainer entzweien, sind für einen Verein, der in seinem zweiten Bundesligajahr steht, nicht ungewöhnlich.
Bester Aufsteiger seit dem VfL Bochum
Mehr noch: Im zweiten Jahr nach dem Bundesligaaufstieg nach 21 Spieltagen auf Platz neun stehen - das hat in den letzten zehn Jahren nur der VfL Bochum geschafft (der dann im Folgejahr wiederum abstieg). Rein sportlich gesehen also gibt es objektiv betrachtet keinen Grund zur Panik. Kehrt so gesehen Normalität ein in Sinsheim? Nicht so schnell...
Hoffenheim ist sicher kein Club wie Arminia Bielefeld oder der MSV Duisburg, aber auch nicht Eintracht Frankfurt oder Hannover 96. In jedem dieser Vereine wäre man mit der jetzigen Situation wohl hoch zufrieden. Der steile Aufstieg des Dorfclubs aus Nordbaden aber hat in Kombination mit den großen Investitionen Erwartungen geweckt, die durch die unfassbare Hinrunde der vergangenen Saison ins Unermessliche gestiegen sind.
Getreu der Tendenz vieler Medien, Momentaufnahmen überzuinterpretieren, galt Hoffenheim im Herbst 2008 als der Konkurrent des FC Bayern schlechthin. Ambitionen Hopps und Rangnicks, sich in der Spielweise und der Ausbildung am FC Arsenal zu orientieren, wurden für bare Münze genommen, als seien die Kraichgauer damit schon die deutschen Gunners, Profis mit plötzlicher Leistungssteigerung wurden (auch, weil Hoffenheim in Baden-Württemberg liegt...) sofort in die Nationalmannschaft berufen, in der Tobias Weis und Marvin Compper nicht wirklich etwas verloren hatten, vor allem, wenn man bedenkt, dass Mats Hummels noch kein einziges A-Länderspiel bestritten hat.
Ohne Ibisevic ging es bergab
Die verständliche Begeisterung über die spielerische Klasse Hoffenheims paarte sich mit vielen Beteuerungen, Dietmar Hopp praktiziere das Zukunftsmodell schlechthin. Um den Datenbank-Mogul von Sponsoren vom Schlage eines Roman Abramovich abzugrenzen, wurde die Nachhaltigkeit seines Investments gepriesen. Teilweise schien es so, als würde Rangnick nur mit Jugendspielern aus der Region arbeiten -hätte nicht Uli Hoeneß missmutig darauf hingewiesen, dass Hoffenheim höhere Gehälter zahle als viele andere Bundesligisten.
Nach all der Euphorie konnte es eigentlich nur noch abwärts gehen, und so stürzte Hoffenheim in der Rückrunde um sechs Plätze ab und verpasste die Europacupteilnahme im ersten Anlauf. Der Kreuzbandriss von Toptorjäger Vedad Ibisevic galt vielen als Initialzündung des Absturzes, zumal als Ersatz für den Bosnier kein Geringerer als Boubacar Sanogo geholt wurde.
Die Neuzugänge des Sommers 2009 (im aktuellen Winter kamen nur Reservespieler zum Kader hinzu) durften sich durchaus sehen lassen. Mit Franco Zuculini, Maicosuel, Josip Simunic und Christian Eichner hatte sich Hoffenheim sinnvoll verstärkt, ohne gravierende Abgänge beklagen zu müssen.
Carlos Eduardo: Viel Glanz gegen schwache Gegner
In der Hinrunde der laufenden Saison sah man dann auch erneut des Öfteren sehr ansehnlichen Fußball von der TSG, aber ab dem Spätherbst klappte nicht mehr viel bei den Nordbadenern, die eine Reihe von Ausfällen nicht kompensieren konnten. Das laufintensive Spiel zeigte sich anfällig und abhängig von der Form und Fitness der Schlüsselspieler. Viel zu oft gelang es gegnerischen Teams, das Spiel zu kontrollieren und die Kreativzentrale des Hoffenheimer Spiels auszuschalten.
Carlos Eduardo, der vom Potenzial her wohl spielstärkste TSG-Profi, machte in dieser Saison eine ganze Reihe von guten Spielen. Die sportal.de-Note 2 oder besser erhielt er sechsmal, was ein beachtlicher Wert ist. Das aber in Spielen gegen Bochum, Gladbach, Hertha, Freiburg, Köln und Hannover. Mit anderen Worten: gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte.
Das sind auch genau die Teams, gegen die Hoffenheim seine Siege einfahren konnte. Köln ist auf Rang 11 der aktuell höchstplatzierte Club, gegen den Rangnicks Elf in dieser Spielzeit gewonnen hat. Saisonübergreifend gab es in den vergangenen 15 Monaten einen einzigen Sieg gegen ein Team aus der oberen Tabellenhälfte - und das gegen Schalke am letzten Spieltag der Vorsaison, als es um nichts mehr ging.
Und jetzt der Status Quo?
Damit ist zumindest geklärt, was Hoffenheim bis auf Weiteres nicht ist: eine Spitzenmannschaft. Das ist, um es noch einmal zu betonen, für einen Aufsteiger in die Bundesliga auch alles andere als ehrenrührig. Was aber ist die Perspektive für, sagen wir: die nächsten fünf Jahre? Ist es denkbar, dass 1899 Saison für Saison im Tabellenmittelfeld landet und dann irgendwann den Angriff auf die Europacupplätze startet?
Wenn man Fußball als Momentaufnahme betrachtet, dann wird man genau dieses Szenario erwarten. Wir wollen aber über den Tellerrand hinaussehen und das Modell Hoffenheim im Kontext der Bundesligageschichte betrachten. Und so stellen wir fest: Von den 18 aktuellen Erstligisten haben 13 schon in den ersten zehn Jahren der Liga mitgemischt. Zwei weitere sind die aktuellen Aufsteiger Mainz und Freiburg, die wohl niemand als etablierte Bundesligisten ansehen wird.
Bleiben noch Leverkusen und Wolfsburg, die beiden einzigen Clubs, die sich in den letzten 40 Jahren als Neuaufsteiger dauerhaft in der Bundesliga etablieren konnten, beide aber von Weltkonzernen finanziert werden - und Hoffenheim. Statt eines Weltkonzerns hat Hoffenheim Dietmar Hopp, der immerhin einen sehr erfolgreichen Konzern mitaufgebaut hat, sein Mäzenatentum aber als Privatmann ausübt.
Das Märchen vom sich selbst tragenden Dorfclub in der Bundesliga
Hopps erklärtes Ziel ist es, dass Hoffenheim sich einmal "selbst tragen" soll. Der Mogul hat insgesamt schätzungsweise knapp 200 Millionen Euro investiert, um seinen Dorfclub dahin zu bringen, wo er heute steht. Wie lange er bereit ist, weiter Geld zuzuschießen, ist natürlich reine Spekulation. Dass die TSG aber schon 2010 "schwarze Zahlen schreibt", wie Hopp es erwartet, und von seinen Zuwendungen unabhängig ein ganz normaler Bundesligaclub sein kann, kann kaum ernst gemeint sein.
Richtig ist natürlich, dass ein Großteil der bisherigen Hopp-Millionen in die Infrastruktur des Clubs geflossen ist und dem Verein langfristig zur Verfügung steht. Aber die Spielergehälter wollen weiter bezahlt werden, und selbst, wenn wir voraussetzen, dass sich an der Verteilung der Fernsehgelder in der Liga nichts ändert, sich Hoffenheim-Kritiker wie Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke also nicht durchsetzen können, dann bliebe immer noch die Aufgabe, in einer Kleinstadt ohne nennenswertes überregionales Merchandising eine Bundesligamannschaft zu finanzieren, die noch dazu in der Lage wäre, in die ersten Fünf der Bundesliga vorzustoßen.
So gut das Konzept insgesamt sein mag (und es ist sicherlich nachhaltiger angelegt als das mancher anderer Mäzene der jüngeren Fußballgeschichte), so unwahrscheinlich ist es doch, damit in der gleichen Liga zu spielen wie Schalke, Dortmund oder der HSV, die auf ein völlig anderes Umfeld zurückgreifen können - von den Bayern mal ganz zu schweigen. Und hier sind Traditionsclubs aus Metropolen wie Köln und Frankfurt noch gar nicht angesprochen, die - was Zuschauer und Merchandising angeht, auch ganz andere Möglichkeiten haben.
Der Vergleich mit der Premier League
Um diese wirklich gigantischen Nachteile eines Dorfclubs ohne Tradition auszugleichen, ist viel Geld nötig. Nicht nur als Anschubfinanzierung, sondern als regelmäßige Etatsicherung. Wenn Hopp weiter bereit ist, dieses Geld bereit zu stellen, dann ist das sein gutes Recht. Es geht uns nicht um eine prinzipielle oder gar moralische Kritik des Modells Hoffenheim. Aber man sollte sich im Klaren darüber sein, was die mittelfristigen Perspektiven für ein solches Modell sind.
Der Vergleich mit den Verhältnissen in der Premier League wird heutzutage gerne bemüht, meist, um zu betonen, dass hierzulande alles viel besser und seriöser zugehe. Tatsächlich verhindert die 50+1-Regel in der DFL, dass internationale Investoren sich Traditionsclubs kaufen, wie es in England mit unterschiedlichen Folgen gang und gäbe ist. Was die 50+1-Regel nicht verhindert, ist, dass Clubs als eine Art Trojanisches Pferd aus der Regionalliga in die Bundesliga hochfinanziert werden.
Auffällig ist an den englischen, ziemlich anarchischen Verhältnissen jedoch, dass die Investoren dort nahezu ausschließlich in Traditionsclubs einsteigen, um sich deren Potenzials zu bemächtigen. Selbst Portsmouth, das aktuell negativste Beispiel der englischen Verhältnisse, ist ja ein mehrfacher früherer Meister und langjähriger Erstligist. Das Hoffenheim noch am nähesten kommende Modell ist Wigan Athletic, das jedoch mit einer Ausnahme seit seinem Aufstieg permanent um den Klassenerhalt kämpft.
Nur vier Clubs mussten lange nicht zittern
Investoren nach englischem Vorbild mit ins Boot holen kann Dietmar Hopp in Deutschland aus den genannten Gründen nicht. Wenn Hoffenheim weiter Geld bekommen soll, dann muss dieses also aus dem privaten Vermögen von Hopp selbst stammen. Ein perpetuum mobile, das sich selbst trägt und finanziert, wird es im heutigen Profifußball nicht geben können - zumindest nicht mit den Hoffenheimer Rahmenbedingungen.
Momentan deutet einiges darauf hin, dass Hopp erst einmal zufrieden ist mit dem Status Quo im Bundesligamittelfeld. Den kann es aber auf Dauer nicht geben. Es gibt gerade einmal drei Bundesligisten, die in den letzten zehn Jahren nicht mindestens einmal im Abstiegskampf gesteckt hätten: Bayern, Schalke und Bremen (Werder musste Ende der 1990er auch mal zittern). Die Vorstellung, dass Hoffenheim jetzt angekommen ist, und ab jetzt wird sozusagen verdient, wird sich also nicht erfüllen können. Es heißt entweder weiter Investieren - oder in fünf Jahren nicht mehr in der Bundesliga spielen. Den Mittelweg sehen wir für dieses Modell nicht.
Daniel Raecke