Fußball-Krieg zwischen Ägypten und Algerien

Mohamed Zidan: Es geht um Leben und Tod
Das 35.000 Zuschauer fassende Ombaka-Stadion liegt direkt an einer Schnellstraße, genau in der Mitte zwischen den Städten Benguela und Lobito. In Benguela wohnen seit Turnierbeginn die Ägypter. Die Algerier zogen nach ihrer Ankunft aus Cabinda nach Lobito. "Die wollten nicht dieselbe Luft atmen, wie ihre Gegner," scherzt Mark Gleeson, Autor und Journalist aus Südafrika und Koryphäe auf dem Gebiet des afrikanischen Fußballs.
Aber wieviel Wahrheit steckt dahinter? "Es ist wie ein Krieg, in dem es um Leben und Tod geht," bläst der Ägypter und Dortmunds Stürmer Mohamed Zidan nach dem Viertelfinalsieg gegen Kamerun ins Kriegshorn. Karim Matmour, Stürmer Algeriens und bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag, reagiert da besonnener: "Nein, nein es ist nur ein Fußballspiel," sagt er gut gelaunt vor dem kleinen, gelb gestrichenen Mannschaftshotel mitten in der Stadt. "Man sollte nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen." Ohnehin sei bereits zu viel geredet worden über das bevorstehende Halbfinale. "Für uns geht es um den Einzug ins Finale des Afrika-Cups. Wir haben eine junge, hungrige Mannschaft die etwas erreichen will. Alles andere ist vergessen."
Entspannung auf politischer Ebene
Eine Einschätzung die man in diesen Tagen oft hört im Lager der Algerier, die nach dem überraschenden Sieg gegen den Turnierfavoriten Elfenbeinküste dem weiteren Turnierverlauf entspannt entgegen blicken. "Es darf nur Sport sein und nichts anderes," sagt Trainer Rabah Saadane. Auch auf politischer Ebene müht man sich um Entspannung. Die Außenminister beider Länder haben bereits telefoniert und ihr Interesse an einem konfliktfreien Verlauf betont.
Doch die Erinnerungen an die letzten Aufeinandertreffen beider Länder ist noch frisch. In der Qualifikation für die WM 2010 spielten beide Teams im November gegeneinander. Nach einer 1:3 Niederlage in Algier gewann Ägypten das Rückspiel in Kairo 2:0 - das letzte Tor fiel in der 95. Minute - und erzwang ein Entscheidungsspiel. Im Vorfeld der Partie wurde der Teambus der Algerier mit Steinen beworfen, mehrere Spieler verletzt. Die Ägypter behaupteten flugs danach, die Algerier hätten selber die Scheiben im Bus eingeworfen. Wo die Wahrheit auch liegt, Tatsache ist, das es rund um diese und die nachfolgende Partie im Sudan, die Algerien 1:0 gewann, massive Ausschreitungen in beiden Ländern gegeben hatte.
Abgebrochene Flaschen
Die Rivalität der beiden Länder lässt sich historisch-politisch erklären, dafür wäre jedoch eine tiefer gehende Analyse nötig. In Kurzform: In den sechziger Jahren unterstützten die Ägypter Algerien bei der Erlangung der Unabhängigkeit von Frankreich. Anschließend entfremdeten sich beide Maghreb-Staaten immer mehr voneinander. Auf dem Fußballplatz sorgte vor allem eine Begegnung 1989 für Ärger. Ägypten gewann die entscheidende Partie um die WM-Qualifikation. Der algerische Spieler Lakhdar Belloumi soll dabei den Teamarzt der Ägypter mit einer abgebrochenen Flasche am Auge verletzt haben.
"Hund in den Pass gestempelt"
In Benguela und Lobito warten nun also beide Teams mit einem Sicherheitsabstand von rund 35 Kilometern zwischeneinander auf das nächste Duell. Und so sehr man sich in beiden Lagern um Besonnenheit bemüht, ganz frei ist man nicht von missgünstigen Gedanken. "Das Ägypten nicht bei der WM ist, ist schon bitter für das Team. So eine gute Auswahl, zweimal hintereinander Afrikameister. Und 2014 ist die Mannschaft wahrscheinlich zu alt," bemerkt ein Mitglied der algerischen Delegation süffisant. Ein algerischer Journalist erinnert sich an seine Einreise zum Qualifikationsspiel in Kairo: "Sie haben uns das Wort Hund in den Pass gestempelt." Ein anderer meint: "Wir sind ein nervöses und aggressives Volk. Aber inzwischen wissen wir: Die Ägypter sind schlimmer."
Mohamed Zidan sagt: „Wir haben die Chance zu zeigen, wer es wirklich verdient hat zur WM zu fahren." Wenn Ägypten dann auch noch als erste afrikanische Mannschaft zum dritten Mal in Folge die Afrikameisterschaft gewinnt, wäre die Genugtuung groß. "Dann können wir mit Stolz die WM am Fernseher schauen und haben gezeigt wer der Beste ist."
Rund 1000 Fans aus Algerien und 400 aus Ägypten sollen zu der Partie eingeflogen werden. Das es aber vor Ort zu Ausschreitungen kommt, scheint unwahrscheinlich. Und so unterschiedlich die Reaktionen der beiden Bundesligastürmer Matmour und Zidan vor dem Halbfinale auch sind - einen Vergleich der Begegnung mit dem emotionsgeladenen Revierderby zwischen Dortmund und Schalke wollen beide nicht gelten lassen: "Es ist schlimmer," sagt Matmour. "Ägypten gegen Algerien ist weltweit einmalig," meint Zidan.
Felix Hoffmann