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Rubin Kazan im Porträt: Kein tatarisches One-Hit-Wonder
Rubin Kazan im Porträt: Kein tatarisches One-Hit-Wonder
Sergey Semak ist Kapitän und treibende Kraft bei Rubin Kazan

Sie verbreiteten vor langer Zeit Angst und Schrecken in Europa: die brandschatzenden und plündernden Horden des Dschingis Khan - auch bekannt als Tataren. Mit derart beängstigenden Feldzügen haben die heutigen Nachfahren in der russischen Republik Tatarstan zwar glücklicherweise nichts am Hut, in der Champions League müssen jedoch zwei der europäischen Größen durchaus vor ihnen zittern: Der FC Rubin Kazan sorgte nicht nur mit vier geholten Punkten gegen den ruhmreichen FC Barcelona für viel Aufsehen, sondern schickt sich nun an, seinerseits unter die besten 16 Teams in Europa zu kommen - während entweder Barca oder Inter Mailand das Nachsehen hätte. Vor dem richtungsweisenden Spiel gegen Dynamo Kiew stellt Ihnen sportal.de den frischgebackenen Titelträger Russlands vor.

Seit Anfang des Jahres darf sich die Stadt Kazan offiziell „Dritte Hauptstadt Russlands" nennen, spätestens seit dem vergangenen Wochenende ist sie nun auch zur Fußball-Hauptstadt des Landes avanciert. Einen Spieltag vor Ende der Meisterschaft konnte Rubin Kazan mit einem 0:0 gegen Zenit St. Petersburg und der gleichzeitigen Niederlage des ärgsten Verfolgers, Spartak Moskau, vorzeitig den erneuten Gewinn der Meisterschaft feiern und somit auch beweisen, dass es sich keineswegs um ein One-Hit-Wonder handelt. Als solches war es selbst im eigenen Land noch im vergangenen Jahr belächelt worden, als die „Tataren" für viele überraschend zum ersten Mal die Saison als Erste beendeten.

Wenig Geld vorhanden

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„Diese Saison war schwerer als die letztjährige, weil wir nun beweisen mussten, dass unser Erfolg kein Zufall war", meint Erfolgstrainer Kurban Berdyev. „Wir wollten unseren Ruf verteidigen, dass wir zurzeit den russischen Fußball anführen." Dies ist der Mannschaft des 57-Jährigen eindrucksvoll gelungen. Zwar konnte sie ihren Blitzstart der vergangenen Saison, als sie den Ligarekord brach und die gesamten ersten sieben Spiele gewann, nicht wiederholen, dennoch setzte sich das Team auch diesmal frühzeitig an die Spitze und konnte bis zum Schluss weder von den großen Moskauer Vertretungen noch von Finanzkrösus Zenit St. Petersburg verdrängt werden.
Die Titelverteidigung ist vorerst der Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte, mit der die Wenigsten gerechnet hatten und die auch keineswegs auf einem außergewöhnlich üppigen finanziellen Nährboten gedeihen konnte. Im Gegenteil: „Alle sagen, dass Rubin viel Geld hätte, doch tatsächlich müssen unsere Spieler schon seit geraumer Zeit auf Ihre Gehälter warten", klärt Berdyev auf. „Also es gibt sie nicht, diese großen Gelder."

Dies mag verwundern, hat der Verein doch mit der Unternehmensgruppe „Tatarisch-Amerikanische Investitionen und Finanzen" seit 2006 einen finanzkräftigen Hauptsponsor, gleichzeitig stellt sich die Frage, wo die Erfolge ansonsten herrühren. Die Antwort auf diese Frage dürfte in erster Linie Kurban Berdyev heißen. Seit er die Geschicke als Coach bei den „Rot-Grünen" übernommen hatte, ging es steil bergauf: Beim damaligen Zweitligisten heuerte der ehemalige sowjetische Erstligaspieler 2001 an, gleich in seiner Premierensaison gelang der erstmalige Aufstieg in das Oberhaus des russischen Fußballs. In der Debütsaison der Premier-Liga erreichte man auf Anhieb den dritten Platz und sicherte sich somit erstmalig eine Europapokal-Teilnahme. Nach anschließenden Jahren im Mittelfeld der Liga gelang im vergangenen Jahre schließlich der große Wurf - und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr zum 50-jährigen Bestehen des Vereins.

Dominguez findet zu alter Form

„Wir haben noch sehr viel Arbeit vor uns, um wirklich ein bedeutender Name in Europa zu werden", schätzt Berdyev, der die menschlichen Qualitäten seiner Mannschaft nicht zu niedrig bewerten möchte. „Früher haben wir uns bei der Auswahl unserer Spieler nicht zu selten getäuscht. Zwar haben wir gute Fußballer verpflichtet, aber im zwischenmenschlichen Bereich haben sie einfach nicht reingepasst und sind schließlich wieder abgereist", so der Trainer.

Abgereist war einst auch einer seiner heutigen Schlüsselspieler. Als Stürmer Alejandro Dominguez 2007 von Rubin nach St. Petersburg ging, war er bis dato mit sieben Millionen Euro der teuerste Transfer innerhalb der russischen Liga. Doch sein Pech war Rubins Glück. Der Argentinier konnte sich beim späteren UEFA-Pokal-Gewinner nicht richtig durchsetzen, so dass er schließlich vor Beginn der laufenden Spielzeit wieder zurückkehrte - und seine Torgefahr wiederfand. Zusammen mit seinem Sturmpartner Aleksandr Boukharov, bildet der kleine, quirlige Angreifer das torgefährlichste Duo der heimischen Liga. Jeweils 16 Treffer steuerten sie zur Meisterschaft bei.

„Er ist ein Spieler mit außergewöhnlichen individuellen Fähigkeiten", beschreibt der Trainer den 28-Jährigen. „Er weiß einfach intuitiv, wo er stehen muss und was er zu tun hat, um für Torgefahr zu sorgen." Absoluter Kopf der Mannschaft ist jedoch ein Anderer: Sergey Semak führt als Kapitän eine Truppe an, die ein Durchschnittsalter von knapp 28 Jahren und somit einiges an Erfahrung aufweist. Der 33-Jährige selbst blickt immerhin bereits auf eine Saison in Frankreich bei Paris St.Germain und vor allem auf eine erfolgreiche Europameisterschaft im vergangenen Jahr als Kapitän der russischen Nationalmannschaft zurück.

Mit seiner Ankunft vor der Saison 2008/2009 wurde ein ohnehin gutes Kollektiv nach Ansicht des Coaches vervollständigt: „Seine Rolle war jetzt immens, aber in der vergangenen Saison war sie fast noch größer", ist Berdyev voll des Lobes über den Nationalspieler, der mit der Sbornaja jüngst das Ticket nach Südafrika verpasste - trotz bester Aussichten.

Gefeiert wird hinterher

Ebensolche hat sein Verein nun auch in der Vorrunde der Königsklasse: Als Zweiter der Gruppe F mit fünf Punkten kann Rubin mit einem Heimsieg gegen Kiev das Tor zum Weiterkommen weit aufstoßen, den direkten Vergleich gegen das punktgleiche Starensemble aus Barcelona konnte es schließlich für sich entscheiden. Deswegen gilt der Aufgabe gegen die Ukrainer auch die vollste Konzentration. An ausgiebiges Feiern war trotz der Vorentscheidung im heimischen Titelrennen kaum zu denken: „ Die Emotionen nach dem Gewinn der Meisterschaft waren schnell verflogen", beschreibt der Trainer die Stimmung am vergangenen Samstagabend. „Wir haben uns lediglich noch zum gemeinsamen Abendessen getroffen - das war's."

Etwas stimmungsvoller möchte sich die Elf nun möglichst nach dem heutigen Schlusspfiff seinen 30.000 fanatischen Fans im heimischen Zentralstadion präsentieren. Nach einem Sieg und der Gewissheit, auch im Konzert der Großen mitspielen zu können, lässt sich die Meisterschaftstrophäe am abschließenden Spieltag in Russland schließlich umso vergnüglicher in Empfang nehmen. Gleichzeitig verbessert ein möglicher Achtelfinaleinzug auch die Position des Vereins im Kampf um seine Spieler, denn Akteure wie Dominguez, der auch bereits zwei Treffer in der Champions League beisteuern konnte, wecken durchaus Begehrlichkeiten in Europa - auch wenn den Verein durch die erfolgreiche Titelverteidigung bereits jetzt wieder für die kommende Saison im Konzert der Elite automatisch qualifiziert ist.

Nun hofft man auf Seiten der „Tataren" auf möglichst viel Arbeit für die Angestellten des Vereins, denn Berdyev berichtet: „Die Sicherheitskräfte unseres Vereinsgeländes haben erzählt, dass nach den beiden Spielen gegen Barca die Leute aus dem ganzen Land angerufen hätten." Mit weiteren Überraschungserfolgen in der Königsklasse dürfte Rubin dann nicht nur im eigenen Land auf Interesse stoßen - vielmehr wird man wohl auch in Europa noch mehr Respekt vor der derzeitigen russischen Fußballhauptstadt haben.

André Hoffmann

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