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Dahin fahren, wo es weh tut
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Nach dem 0:1: St. Pauli-Anhänger werfen bengalische Feuer

Auf der sportlichen Ebene gehörte das Montagsspiel zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli sicher nicht zu den ganz großen Highlights der laufenden Saison. Die Hamburger taten sich lange schwer und kamen erst durch einen stark geschossenen Freistoß von Matthias Lehmann in der 77. Minute auf die Siegerstraße. Lange war Hansa das etwas bessere Team in einer insgesamt schwachen Begegnung.

Der Fokus lag natürlich auch bei diesem Spiel von vornherein auf den Geschehnissen jenseits des Platzes. Die Polizei wollte nach den Ausschreitungen des Vorjahres beide Fanlager vor und nach dem Spiel strikt trennen. Dieses Vorhaben ist weitgehend aufgegangen. Schon bei der Ankunft der beiden Sonderzüge aus Hamburg hatten die rund 1500 eingesetzten Beamten den Bahnhof in Stadionnähe hermetisch abgeriegelt. Hier war es im Vorjahr bereits zu ersten Übergriffen von Rostock-Fans gekommen, die auf dem gesamten Weg in Richtung Stadion immer wieder angreifen konnten.

Auch wenn die Polizeitaktik weitgehend geglückt ist und zumindest die Hamburger Fans bei der An- und Abreise sowie im Stadion so vor Übergriffen geschützt waren, kann man sich des Verdachts nicht erwehren, zukünftig noch häufiger durch wie Kriegsschauplätze gesicherte Gebiete zum Stadion laufen zu müssen. Zumal die Polizei nicht immer so gegenüber Auswärtsfans agiert, wie sie es am Montag getan hat.

Hass aus Prinzip

Schon am Bahnhof hatten einige Hansa-Fans im Vorfeld ihre Visitenkarte hinterlassen. „St. Pauli vernichten" war da auf zahlreichen Aufklebern zu lesen. Da fühlt man sich doch immer wieder auch an das Jahr 1992 erinnert, als sich nach einem Rostock-Spiel zahlreiche Fans an den Pogromen im Stadtteil Lichtenhagen beteiligt haben. Zwar ist die heutige Fanszene nicht mehr die gleiche wie damals, eine breite Distanzierung zu den Rechtsradikalen im eigenen Umfeld hat jedoch bis heute nicht stattgefunden - was fraglich macht, wie metaphorisch eine solche Vernichtungsabsicht gemeint ist.

Während des Spiels herrschte erst einmal eine eher gespenstische Atmosphäre. Die Anhängerschaft der Gäste verweigerte aufgrund der Montagsansetzung erst einmal komplett ihre Unterstützung. Auch die drei Hansa-Blöcke schwiegen - und das nicht nur für die ersten 20 Minuten. Die Suptras - Ultra-Gruppe bei Hansa Rostock - zieht seit mehreren Spielen aus Protest gegen den eigenen Security-Service einen Support-Boykott durch. Nur bei gelegentlichen Anti-St.-Pauli-Gesängen wurde es dann doch auch bei den Heimfans mal lauter.

Ansonsten beschränkten die Suptras sich auf das Ausrollen der inzwischen üblichen Spruchbänder. Auch wenn das anfängliche Transparent „Scheiß auf Politik - wir hassen euch aus Prinzip" wohl betonen möchte, dass es ausschließlich um Fußball geht, ist die Realität meist eine andere. Im Vorjahr äußerte sich der Rassismus noch verbal gegen die Spieler von St. Pauli. Aufgrund des Stimmungsboykotts waren es dann dieses Mal hauptsächlich weitere Spruchbänder, die sich mal homophob gegen St- Pauli-Präsident Corny Littmann richteten und mal komplett geschmacklos waren. So wurde beim Ausrollen des Banners „Hals- und Beinbruch" eine Puppe von der Tribüne geworfen in Anspielung auf den in Aachen verunglückten St. Pauli-Fan, der wochenlang im künstlichen Koma lag.

Umstrittener Jubel

Doch auch bei den Gästen war man trotz des Sieges nicht ganz im Reinen mit sich. Nach dem Führungstor wurde ein bengalisches Feuer gezündet und schließlich in Richtung der Rostocker Fans geworfen, was innerhalb des Gästeblocks zu einigen Unmutsäußerungen führte. „Scheiß St. Pauli" war da in Richtung der Leute am Zaun zu hören. Kurz war die Befürchtung da, sich vielleicht einen ähnlichen Bärendienst erwiesen zu haben wie die Rostocker im Rückrundenspiel der Vorsaison.

Auch dort gab es zu Beginn der zweiten Halbzeit - Hansa führte mit 2:0 - eine größere Bengaloshow . Die Hansa-Spieler reagierten verärgert, agierten auf dem Platz dann verunsichert und verloren am Ende noch mit 3:2. Der Einsatz von Pyrotechnik ist in bundesdeutschen Stadien eben nicht vergleichbar mit der Situation in anderen europäischen Ländern. Obwohl die besonders medial gestaltete Ablehnung natürlich groteske Züge trägt und eine brennende Fackel zu einem Krawall größeren Ausmaßes umdeutet.

Interessant auch die Kommentare beider Trainer nach dem Spiel. Während sich Holger Stanislawski kritisch in Richtung eigener Fans äußerte („kein Hirn") und auch Deniz Naki wegen seines Sensenmann-Torjubels anprangerte („So etwas muss er sich schnell wieder abgewöhnen"), ging Gegenüber Andreas Zachhuber weniger hart mit den Ausfällen der eigenen Anhängerschaft ins Gericht. Er beließ es dabei, Naki als „Schnösel" ohne Erfahrung zu bezeichnen und verzichtete darauf, den möglichen Auslöser der eigenen Fans mit ihrem Hals-und-Beinbruch-Transparent zu kritisieren.

Nach dem Spiel sollte eigentlich der geordnete schnelle Rückzug in Richtung Bahnhof erfolgen. Doch zunächst musste der gesamte Fanblock 45 Minuten auf dem Stadionvorplatz verweilen. Hektisches Hin- und Hergerenne dreier Hunderschaften machten deutlich, dass dann doch noch einige Hansa-Hooligans auf Gewalt aus waren. So konnte der 20minütige Rückweg zum Bahnhof erst erfolgen, als die Polizei den Weg gesichert hatte. Mit einer einstündigen Verspätung verließen die beiden Sonderzüge die Osteestadt in Richtung Hamburg.

Bernd Schroller

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