In der Europa League muss der Hamburger SV in Glasgow beim Celtic FC antreten. Grund genug für sportal.de, sich die Grün-Weißen aus der schottischen Metropole einmal genauer anzuschauen und nach der Faszination zu forschen, die den Verein umgibt.
Die Geschichte dieses außergewöhnlichen Clubs beginnt im vorletzten Jahrhundert. Nachdem sich Mitte des 19. Jahrhunderts über Jahre hinweg eine große Hungersnot über Irland ausgebreitet hatte, verloren bis zu einer Million Iren ihr Leben, eine noch größere Anzahl wanderte aus. Neben Australien, den USA und England war natürlich auch das nahe Schottland Ziel der Notleidenden.
Dort aber, vor allem in der Industriestadt Glasgow, ging es ihnen zumeist nicht viel besser. Arbeit war knapp oder schlecht bezahlt, zudem waren die Neuankömmlinge nicht gerade gern gesehen. Dieses Elend war Anlass für einen irischen Mönch, einen Fußballclub zu gründen. Jener Brother Walfrid hatte damit zunächst vor allem das Ziel, Geld einzuspielen, um den Armen und Unterdrückten aus dem Glasgower East End, in dem die irischen Einwanderer hauptsächlich wohnten, zu helfen.
Der Verein wird gegründet
Die Gründung fand am 6. November 1887 statt, da aber das erste Spiel erst am 28. Mai 1888 ausgetragen wurde, steht dieses Jahr im grün-weißen Vereinswappen mit dem vierblättrigen Kleeblatt, das auf die irischen Wurzeln des Clubs hindeutet. Das besagte Match endete übrigens mit einem 5:2-Erfolg gegen die bereits seit 1873 existierenden Glasgow Rangers. Bis heute ist der Stadtrivale der größte Gegner, in jeglicher Hinsicht.
Die ersten Titel ließen nicht lange auf sich warten. 1892 wurde der schottische Pokal gewonnen, ein Jahr später errang man den ersten Meistertitel. Insgesamt hat Celtic bis heute 42 Meisterschaften geholt, hinzu kommen 34 Pokalsiege und 14 Erfolge im Ligapokal. Der international größte Coup war der Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1967 gegen Inter Mailand. 1970 stand man noch einmal im Finale, unterlag aber nach Verlängerung gegen Feyenoord Rotterdam. 2003 kamen die Celts dann bis ins Finale des UEFA-Cups, wo ebenfalls nach Verlängerung gegen den FC Porto verloren wurde.
Große Namen in Grün-Weiß
Bereits seit 1892 spielt der Verein im Stadtteil Parkhead im Osten Glasgows, wo noch heute der aktuelle Celtic Park steht, der momentan ein Fassungsvermögen von 60.832 Plätzen aufweist. Die auch „Paradise" genannte Sportstätte wurde 2003 bei einer Wahl der BBC zum beliebtesten Stadion Großbritanniens gewählt.
Hier haben über die Jahrzehnte viele berühmte Spieler das traditionell grün-weiß geringelte Trikot („The Hoops") getragen. Ein großer Anteil daran gebührt in der Frühzeit der Vereinsgeschichte dem legendären Trainer Willie Maley, der satte 43(!) Jahre zwischen 1897 und 1940 im Amt war und den Verein endgültig an die Spitze des schottischen Fußballs brachte, der in jener Zeit zu den besten der Welt zählte.
Jimmy McMenemy spielte in 515 Ligaspielen für die Grün-Weißen, wurde zwischen 1904 und 1910 sechs Mal in Folge Meister. Dazu trug zum Beispiel auch Jimmy Quinn bei, dem in 331 Pflichtspielen immerhin 216 Tore gelangen. Kurze Zeit später stieß Patsy Gallagher zu dieser Mannschaft, in 464 Spielen erzielte der Ire 192 Treffer, bis heute steht er damit an sechster Stelle der Clubrangliste.
Die besten Spieler aller Zeiten
In den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts kam ein Spieler zum Team von Coach Maley, der Tore am Fließband schießen sollte. Jimmy McGrory, geboren in Glasgow, erzielte alleine in Ligaspielen zwischen 1922 und 1937 unglaubliche 397 Tore. Seine Trefferanzahl für die gesamte Karriere beträgt 550 Tore, bis heute der bestehende Rekord im britischen Fußball.
Ebenfalls sehr torreich agierte ab 1961 Bobby Lennox, erzielte in 571 Ligaspielen für Celtic 273 Treffer. Zu einem Dauerbrenner im grün-weißen Trikot avancierte ab 1967 Danny McGrain, ganze 20 Jahre blieb er seinem Verein treu, absolvierte dabei 657 Partien.
Tragisch endete die Karriere von John Thomson, der bereits als 18-Jähriger zwischen den Pfosten stand. 1931 spielte er gegen die Rangers, als er mit einem gegnerischen Spieler zusammenprallte und dabei einen Schädelbruch erlitt. Ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, verstarb der Keeper noch am selben Tag, er wurde nur 22. Noch heute halten viele Anhänger ihn für den besten Torwart, den Celtic je hatte.
Zum besten Spieler aller Zeiten wurde 2002 allerdings Jimmy „Jinky" Johnstone gewählt, der Flügelspieler lief von 1962 bis 1975 für die Grün-Weißen in 515 Pflichtspielen auf, in denen er 130 Tore erzielte und damit zur erfolgreichsten Periode des Clubs beitrug.
Big Jock Stein
Nachdem nämlich der ehemalige Mannschaftskapitän Jock Stein 1965 das Traineramt übernahm, im Übrigen der erste Protestant auf diesem Posten, begann die jahrelange Dominanz der Celts in der schottischen Liga. In seiner Amtszeit, die bis 1978 dauern sollte, gewann Celtic zehn Meisterschaften, wurde acht Mal Pokalsieger und sechs Mal Ligapokal-Gewinner. Zwischen 1966 und 1974 konnte sein Team neun Mal in Folge den Meisterpokal in die Höhe stemmen, eine bis dahin nicht erreichte Serie.
Über all dem thront aber der bereits aufgeführte Gewinn des Europapokals der Landesmeister im Jahre 1967. Nachdem in den Runden zuvor der FC Zürich, der FC Nantes, Vojvodina Novi Sad und Dukla Prag aus dem Wettbewerb geworfen wurden, kam es am 25. Mai zum Finale in Lissabon. Der Gegner im Estádio Nacional hieß Inter Mailand, in jenen Jahren eines der besten Teams Europas. Die Italiener hatten den Meistercup und auch den folgenden Weltpokal bereits 1964 und 1965 für sich entschieden und galten als haushoher Favorit mit Spielern wie Giacinto Facchetti und Sandro Mazzola.
Die Lisbon Lions
Nicht überraschend ging Inter dann auch durch einen von Mazzola verwandelten Strafstoß in Führung. Aber die mannschaftliche Geschlossenheit und der Kampfgeist der Schotten drehten das Resultat. Nach Treffern von Tommy Gemmell und Stevie Chalmers hieß der Europacupsieger am Ende Celtic. Nach elf Jahren, in denen ausschließlich Teams aus Spanien, Portugal und Italien siegten, waren die Grün-Weißen nicht nur der erste britische Sieger, auch die südeuropäische Vorherrschaft war damit beendet.
Die siegreiche Mannschaft um Kapitän Billy McNeill und Mittelfeldstratege Bobby Murdoch setzte sich nur aus Spielern zusammen, die in Glasgow oder der unmittelbaren Umgebung geboren waren. Für die heutige Zeit ein sicherlich kaum mehr vorstellbarer Umstand, der aber die Legendenbildung um dieses Team nur noch verstärkt hat.
Denn noch heute haben die nach dem Finalort Lisbon Lions getauften Cupsieger einen immens hohen Stellenwert innerhalb des Vereins und auch in der Fanszene. Erst kürzlich hat die junge Glasgower Band „The Wakes" dem weiter oben erwähnten Jinky Johnstone mit dem Song „Lord of the Wing" ein musikalisches Denkmal gesetzt.
Das vorläufige Ende des Höhenflugs
Obwohl noch bis 1974 die Meisterschaften in Serie eingefahren wurden, der Zenit des Teams von Jock Stein war überschritten, auch wenn man 1970 noch einmal ins Finale des Europacups der Landesmeister einzog. Im Halbfinale wurde dabei Leeds United geschlagen. Zum Rückspiel im schottischen Nationalstadion Hampden Park kamen 133.961 Zuschauern - das ist bis heute die höchste Zuschauerzahl in einem europäischen Pokalspiel. Im Finale war dann Feyenoord Rotterdam nach Verlängerung siegreich.
Nachdem Jock Stein sein Amt 1978 niederlegte, folgte ihm mit Billy McNeill sein langjähriger Mannschaftskapitän, der immerhin bis 1982 noch drei Titel errang. 1987 kehrte der Schotte zurück auf den Trainerstuhl und bescherte Celtic zum 100-jährigen Vereinsjubiläum 1988 das Double. Dann aber begann das Jahrzehnt der Rangers. Der Ortsrivale holte neun Titel in Folge und hätte den Rekord der Celts fast übertroffen, als 1998 unter dem Niederländer Wim Jansen an der Seitenlinie am letzten Spieltag die Grün-Weißen wieder einmal an der Tabellenspitze standen.
Ab dann wechselten sich die beiden dominierenden Teams der schottischen Liga regelmäßig ab im Bezug auf den Titelgewinn. Andere Vereine hatten da schon lange nichts mehr zu melden, letztmals konnte 1985 der FC Aberdeen in diese Phalanx einbrechen, trainiert damals übrigens von einem gewissen Alex Ferguson.
Immer wieder neue Helden
Maßgebliche Spieler der 80er-Jahre waren Kapitän Paul McStay und Torhüter Pat Bonner. Mittelfeldspieler McStay war in insgesamt 672 Partien für die Grün-Weißen im Einsatz, der 80-fache irische Nationalkeeper Bonner stand satte 642 Mal zwischen den Pfosten der Celts.
Tommy Burns war einer der vielen Spieler, 352 Ligabegegnungen in grün-weiß bestritt er bis 1989, der dem Verein später auch auf dem Trainerstuhl verbunden blieb. Sein früher Tod 2008 löste landesweit Bestürzung aus, die Trauerfeier wurde zu einer einzigen Würdigung dieses unvergessenen Sportsmannes.
Ein Akteur aber sollte den Übergang ins neue Jahrtausend wie kein Anderer prägen. 1997 wurde Henrik Larsson verpflichtet, der Schwede war maßgeblich für einen neuen Aufschwung verantwortlich. In seinen sieben Jahren in Glasgow wurde Celtic vier Mal Meister und drei Mal Pokalsieger. In 315 Pflichtspielen erzielte er phänomenale 242 Tore. Nicht umsonst ist er in Fankreisen nur der „King of Kings".
Zudem führte der Top-Stürmer das Team von Coach Martin O'Neill ins UEFA-Cup-Finale 2003 nach Sevilla, wo seine zwei Treffer die 2:3-Niederlage nach Verlängerung gegen den FC Porto allerdings nicht verhindern konnten. Zu diesem internationalen Höhenflug hatte Larsson neben weiteren Klassespielern wie Neil Lennon, Chris Sutton, Paul Lambert oder Jackie McNamara beigetragen. Mehr als 80.000(!) Celtic-Fans aus allen Teilen der Welt waren nach Andalusien angereist, der Großteil ohne Ticket. Das tat der ausgelassenen Stimmung aber keinen Abbruch. Für ihr vorbildliches Verhalten wurden die grün-weißen Supporter anschließend von UEFA und FIFA mit einem FairPlay-Preis ausgezeichnet.
Der Fußball in Schottland hat sich nicht erst in den letzten Jahren zu einem Privatduell zwischen Celtic und den Rangers entwickelt. Zwischen 2006 und 2008 wurde Celtic unter Trainer Gordon Strachan Meister, in diesem Sommer jubelten wieder einmal die Rangers. Auch momentan führen die Blauen die Tabelle mit einem Punkt vor den Grün-Weißen an.
Schon in den vielen Jahrzehnten davor war es ebenfalls immer dieses Derby, das die Massen elektrisierte. Die überall nur „Old Firm" genannte Paarung wurde bislang 385 Mal ausgespielt, 154 Spiele gewannen die Rangers, Celtic ging 139 Mal als Sieger vom Feld. Diese Summe kommt natürlich auch zu Stande, weil man sich alleine vier Mal pro Saison in der Liga gegenübersteht. Die Herkunft des Namens „Old Firm" ist unklar, könnte aber aus der alten Rivalität herrühren, immerhin spielt man nun bereits seit 121 Jahren regelmäßig gegeneinander.
Auch wenn Religion an sich heutzutage kaum noch eine große Rolle spielt, wird diese Rivalität doch immer wieder mit den gegensätzlichen Konfessionen begründet. Immerhin, während es bei Celtic schon seit Beginn keine Beschränkungen gab, wurde bei den Rangers erst 1989 der erste katholische Spieler verpflichtet, pikanterweise kam Mo Johnston damals von den Celts.
Aber neben den Gegensätzen zwischen Katholiken und Protestanten finden sich hier auch all die Unterschiede, die schon zu Beginn der Vereinsgeschichte eine Rolle spielten. Denn sozial und gesellschaftlich vertreten die Grün-Weißen eben immer noch die ärmeren und unterprivilegierten Schichten der Stadt. Dazu kommt natürlich die Fokussierung auf Irland im Gegensatz zur zumeist britisch und monarchietreu ausgerichteten Anhängerschaft der Rangers.
So wird dann auch der irisch-britische Konflikt der vergangenen Jahrhunderte auf diese Rivalität umgemünzt. Sei es durch Lieder und Fahnen, sei es leider aber auch durch Gewalt und Morde, die bis in die heutige Zeit zum Alltag gehören. Erst im Mai dieses Jahres wurde ein katholischer Familienvater im nordirischen Coleraine von vier Protestanten erschlagen, kurz nach dem Sieg der Rangers gegen Celtic, der die Meisterschaft 2009 vorentschieden hatte.
Die irische Identität
Dass der Verein von Iren und für Iren gegründet wurde, ist bereits am Anfang erwähnt worden. Aber auch heute haben der Club und noch viel mehr die Anhänger eine sehr ausgeprägte Affinität zu Irland. Auf dem Dach des Celtic Parks weht neben der schottischen Flagge die irische Trikolore, den britischen Union Jack sucht man hier vergebens. In den Fankurven dominiert das irische Grün-Weiß-Orange, die schottische Fahne ist nur vereinzelt zu sehen, und dann auch eher in grün-weiß statt in blau-weiß.
Es gibt viele tausend Fans, die regelmäßig Woche für Woche aus Irland zu den Spielen im Celtic Park und natürlich auch auswärts pilgern. In Irland sieht man überall Menschen mit Celtic-Trikots auf den Straßen, in der Hauptstadt Dublin gibt es einen offiziellen Celtic-Fanshop. Auch bei Spielen der irischen Nationalmannschaft findet man zahlreiche Celtic-Fans in den grün-weißen Devotionalien.
Natürlich gibt es auch einige Celtic-Supporter, die es mit der schottischen Landesauswahl halten. Hier aber gilt grundsätzlich die Devise „No Colours". Vereinstrikots sind verpönt und so kann es schon mal dazu kommen, dass Celtic- und Rangers-Fans gemeinsam das schottische Team unterstützen. Das aber ist doch eher die Ausnahme.
Ganz aktuell ist in diesem Zusammenhang auch erwähnenswert, dass der momentane Topspieler Aiden McGeady zwar in Glasgow geboren wurde, sich international aber für das irische Nationalteam entschieden hat, seine Vorfahren stammen von der Nachbarinsel. Das hat ihm bei den eigenen Anhängern einen immensen Status erbracht, in anderen Stadien wird er dafür aber regelmäßig beschimpft.
Kein Verein wie jeder andere
So ist also zusammenfassend zu sagen, dass der Celtic Footballclub von 1888 ein ganz und gar außergewöhnlicher Verein ist, der eine große Geschichte hinter sich hat, aber sicher in der Zukunft ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle spielen wird, auch über die schottische Liga hinaus. Vielleicht ja bereits in den beiden Duellen gegen den Hamburger SV.