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Hilfe! Mein Club zieht um
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Wimbledon is back

Ihr Club verlässt Sie? Union Berlin verschlägt es nach Frankfurt/Oder? Das glauben Sie sportal.de nicht? Gut so. Der Blick in das Mutterland des Fußball zeigt aber, dass solch ein Anschlag auf die Herzen der Fans durchaus möglich ist.

Am Wochenende trat der AFC Wimbledon bei Ebbsfleet United an. Bei beiden Clubs wurden interessante Finanzierungsmodelle entwickelt, die in England ungewöhnlich sind. Die Clubs in den englischen Ligen sind in der Regel Kapitalgesellschaften, die von einer Person oder weiteren Firmen beherrscht werden. sportal.de wird in den kommenden Monaten nicht nur die Geschichte und Entwicklung von Wimbledon und Ebbsfleet beleuchten, sondern den Blick auch auf andere Clubs und andere Länder werfen.

Was Union und Wimbledon gemeinsam haben

Jamie Forshaws Kopfball in der Nachspielzeit sicherte dem AFC Wimbledon in Unterzahl ein 2:2 beim Liga-Konkurrenten. Das Tor ist natürlich nur eine beiläufige Notiz im englischen Ligenbetrieb. Die angereisten Fans aber wissen jedes Tor ihres Clubs zu schätzen. Schließlich ist er aus dem Nichts entstanden, denn sie haben ihn selbst gegründet, um weiter Fußball erleben zu können.

Um ein vergleichbares Pendant zum englischen Hauptstadt-Club zu finden, richtet sportal.de den Blick auf die deutsche Kapitale und findet dort Union Berlin. Der Vorgängerverein der Köpenicker wurde 1906 gegründet. 17 Jahre vorher entschloss man sich zu diesem Akt im Süden Londons, der FC Wimbledon schlug seine Wurzeln. Beide Teams hatten bzw. haben eine treue Anhängerschaft, einen Pokaltitel als größten Triumph in ihrer Historie stehen, standen aber meist im Schatten anderer Clubs aus der jeweiligen Hauptstadt.

Dublin, Belfast, Cardiff?

Ein großes Problem hatten beide Clubs ebenso gemeinsam: Das Stadion. Der FC Wimbledon spielte seit 1912 an der Plough Lane. 1991 musste man die Spielstätte aufgeben, weil es unmöglich war, das Stadion in ein reines Sitzplatzstadion zu verwandeln, wie es die Gesetzgebung nach dem Unglück von Hillsborough forderte. So zog man in den Selhurst Park um, der zudem bis heute Heimstätte des Zweitligisten Crystal Palace ist.

Seitdem gab es ständige Gerüchte, dass der Mehrheitseigner des Clubs, Sam Hammam, und später nach einem Verkauf die norwegischen Geschäftsleute Kjell Inge Rökke and Björn Rune Gjelsten den Club wahlweise nach Cardiff, Belfast oder Dublin umsiedeln würden.

Der Club, der seit 1986 der höchsten englischen Spielklasse angehörte und nur nicht international starten durfte, da zwei Jahre später beim 1:0-Triumph über den FC Liverpool im Finale des FA Cups, noch der europaweite Bann über die englischen Clubs nach der Katastrophe von Heysel lag, wurde schließlich in der Tat 2003 transferiert. Auf Milton Keynes war die Wahl gefallen, einem Ort der erst in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts gegründet wurde und bis dahin, gut 100 Kilometer nordwestlich von London gelegen, ohne Profi-Fußball auskommen musste.

Massive Proteste und eine Neugründung

In Berlin droht solch ein Szenario nicht. Die Alte Försterei wurde auch oder gerade Dank der enormen Unterstützung der Fans quasi in letzter Sekunde auf Vordermann gebracht, um nach dem Aufstieg weiter in Köpenick spielen zu dürfen. Auch ist der Verein natürlich nicht im Besitz eines Investors, der auf die Idee hätte kommen können, einen neuen Standort zu suchen wie beispielsweise Frankfurt oder Brandenburg. Schon ein dauerhafter Umzug in das Jahnstadion, in welchem der verhaßte Konkurrent Dynamo seine Erfolge feierte, oder ins Olympiastadion innerhalb Berlins, wäre den Fans nicht zu vermitteln gewesen.

Anders verhielt es sich nicht in Wimbledon. Die Fans protestierten nach der Ankündigung des Umzuges, verweigerten dem Team den Besuch. Der Sprecher der Fans, Marc Jonesm brachte die Meinung auf den Punkt: "Seit 1979 folgte ich Wimbledon. Nun habe ich keinen Club mehr, den ich unterstützen kann." Der von den Besitzern des Clubs als Vorsitzender angestellte Charles Koppel ließ sich daraufhin zu der Aussage hinreißen, dass solche Fans keine Fans des FC Wimbledon seien.

Die Supporter reagierten schnell, gründeten den AFC Wimbledon. Sie sehen sich in direkter Nachfolge des FC Wimbledon, der seinen Namen auf Milton Keynes Dons änderte. Um sicher zu gehen, dass das geschehene Unheil nie wieder über den Club hereinbricht, wurde ein Trust gegründet, dem man für 500 Pfund lebenslang oder für maximal 25 Pfund jährlich beitreten kann. Dieser Trust wiederum gründete den Club selbst, der dann wieder am Ligabetrieb teilnehmen konnte. Der Trust hat sich dazu verpflichtet, jederzeit 75 Prozent der Stimmrechte am AFC Wimbledon zu halten, um einen abermaligen Ausverkauf zu verhindern.

Die Fans als Gewinner

Um die unbefriedigende Situation hinsichtlich des Stadions zu lösen, wurde Kingsmeadow gekauft, was aber nur eine Übergangslösung sein kann, da die Kapazizät auf derweil gut 5.000 Plätzen beschränkt ist und damit nicht höheren Ansprüchen genügt.

Beginnend in der untersten Liga legte der Club daraufhin einen bisher nie erreichten Rekord hin. 78 Spiele in Folge blieb man über drei Serien ungeschlagen. Mittlerweile ist man in der fünften Liga angekommen, spielt auch dort eine gute Rolle. Der Punkt in Ebbsfleet war der 16. Zähler im zehnten Match.

Der Präsident des Clubs Erik Samuelson äußerte sich gegenüber sportal.de dann auch begeistert über die große Unterstützung, die der Organisation widerfährt. "Wir haben über 250 ehrenamtliche Helfer, von Buchhaltern, Stadionentwicklern bis hin zu Anwälten." Diese erledigen Tätigkeiten aller Art, die nicht unbedingt zu ihrem Berufsbild passen müssen, z.B. die Überwachung der Tickets am Drehkreuz der Eingänge.

Es soll weiter nach oben gehen

In Zukunft hofft der Club auf den Aufstieg in noch höhere Spähren, um endlich wieder die alten Rivalten herausfordern zu können. Samuelson ist optimistisch bei einer Lösung der Stadionfrage, bis "in die Championship aufsteigen zu können." Die Liga unterhalb der Premier League sei möglich, man sei bereit herauszufinden, wie weit das Finanzmodell den Club bringt. Man will aber in Wimbledon auf einen großen Investor verzichten, damit sich die Vergangheit nicht wiederholt.

Auch wenn der englische Verband den Umzug des FC Wimbledon nach Milton Keynes damals als Außnahme bezeichnete, gibt es im angelsächsischen Sport regelmäßig Beispiele von Clubs, die ihren Standort veränderten. Der Blick in die USA beweist, dass selbst erfolgreiche Teams wie die Brooklyn Dodgers, als mehrmaliger Meister, nicht gefeit davor sind, tausende Meilen weiter westlich verpflanzt zu werden.

Ein Modell für die Zukunft?

Auch in Deutschland ist außerhalb des Fußballs der Umzug von Teams durchaus keine Seltenheit, wie der Blick auf die anderen Profiligen verrägt. Gerade der Hamburger Sport bietet dafür mit den Freezers und dem HSV Hamburg beste Beispiele, die Lizenzen aus München bzw. Bad Schwartau nutzten, um sich in Hamburg zu etablieren.

Die Alternative, welche von den Fans des FC Wimbledon ausgewählt wurde, könnte deshalb als Beispiel dafür dienen, solche fanfeindlichen Maßnahmen zu verhindern. "Es gibt ein paar wenige andere Clubs, die mittlerweile auch von Fans per Trusts kontrolliert werden. Aber wohl keiner hatte eine Ausgangsposition wie wir. Man hatte uns den Club geklaut. Die anderen Trusts entstehen, wenn ein Club finanziell in Schwierigkeiten kommt. Dann kann es sehr schwierig werden, diesen Club zu retten," bilanziert Samuelson. Diese Schwierigkeiten hatte der AFC Wimbledon nicht, da man "mit einer weißen Weste starten konnte."

Uwe Toebe

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