
Skeptiker: Michael Skibbe
Viel Tradition, wenig Geld: Nach dem Ende der Ära Funkel soll es bei Eintracht Frankfurt einen neuen Stil auf dem Platz geben. Wenn nicht wieder der halbe Kader von Verletzungen dahingerafft wird, könnte das vielleicht sogar klappen. Aber um Coach Michael Skibbe gibt es ebenso viele Fragezeichen wie um seine Profis. sportal.de nimmt die Diva vom Main in Augenschein, die sich viele ihrer Anhänger wieder etwas launischer wünschen.
Verglichen mit einigen Konkurrenzclubs, hat Frankfurt sein Aufgebot nicht gerade beeindruckend verbessert. Kein Wunder: Der Etat für den Lizenzspielerbereich wurde reduziert. Wo Heribert Bruchhagen Vorstandsvorsitzender ist, ist Schmalhans Küchenmeister, meist aber der gesunde Menschenverstand in der Regierungsverantwortung. So gibt es Gründe für verhaltenen Optimismus am Main, durch eine Reihe von kleinen, aber feinen Neuverpflichtungen beflügelt - und zwei Spieler, die schon vorher unter Vertrag standen.
Tor
Nach der Verpflichtung von Schalkes jungem Keepertalent Ralf Fährmann, das schon in der Winterpause unter Dach und Fach gebracht wurde, sollte es eigentlich gerade auf der Torhüterposition keine Sorgen mehr geben bei der zuvor durch die häufigen Verletzungen von Oka Nikolov und Markus Pröll gebeutelten Eintracht. Nun hat Frankfurt gleich drei erstklassige Torsteher - aber am Verletzungspech hat sich nichts geändert, denn auch Fährmann, der in der Vorsaison auf Schalke als Ersatz von Manuel Neuer eine hervorragende Figur gemacht hatte, zog sich einen Mittelhandbruch zu, sodass es doch zum Saisonstart wieder auf den gewohnten Zweikampf zwischen Pröll und Nikolov hinauslaufen wird.

Abwehr
Die drittschlechteste Defensive der vergangenen Bundesligasaison wurde durch den Transfer von Maik Franz aus Karlsruhe um einen Leadertypen verstärkt. Wie wertvoll Franz für den KSC gewesen war, merkte man erst, als er wegen einer Verletzung fast die gesamte Rückrunde verpasste und sein Club sang- und klanglos die Saison abschenkte. Aber bei aller Freude über einen Innenverteidiger, der sagt, wo es lang gehen soll: Immer noch ist die Frankfurter Viererkette nicht gerade in der Bundesligaspitze anzusiedeln.
Marco Russ zeigt zwar immer wieder vielversprechende Ansätze, ist aber deutlich zu fehleranfällig. Und dahinter sieht es in der Innenverteidigung gleich ganz schlecht aus. Habib Bellaid soll nach einer enttäuschenden Saison schon wieder abgegeben werden, und selbst, wenn Aleksandar Vasoski nach langer Krankheitsunterbrechung mal wieder eine Saison durchspielen könnte - der Mazedonier blieb den Beweis seiner Bundesligatauglichkeit bisher schuldig. Chris wiederum soll - wenn er nicht gerade wegen Rückenbeschwerden pausiert, eher im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden. Anders gesagt: Eine erneute Verletzung von Franz würde die Eintracht sofort in akute Probleme stürzen.
Auf den Außenpositionen sieht es etwas besser aus, aber auch das nur, wenn der Adler den ersten Anzug aufträgt. Denn Patrick Ochs und Christoph Spycher geben zwar solide Parts und nahmen in Friedhelm Funkels System auch Offensivaufgaben wahr, vor allem Ochs. Nikola Petkovic enttäuschte bei seinen wenigen Einsätzen unter Funkel jedoch, und außer dem Serben gibt es dann eigentlich nur noch den gerade erst 19 gewordenen Sebastian Jung, den man vielleicht als Perspektivspieler bezeichnen kann.

Mittelfeld
Sieht man sich den Kader an, dann ist das Mittelfeld der nominell am besten besetzte Mannschaftsteil der Eintracht. Zwar verließen Michael Fink und Junichi Inamoto den Club, wobei vor allem Finks Transfer zu Besiktas ein bitterer Verlust ist. Aber für sie hat Michael Skibbe mit Selim Teber und Pirmin Schwegler zwei neue Spieler geholt. Teber soll sicherlich eine offensivere Rolle einnehmen als die beiden Abgänge, aber Schwegler, der schon in Leverkusen unter Skibbe spielte, erfüllt das Anforderungsprofil eines klassischen Sechsers.
Dazu kommen noch zwei Spieler, von denen sich Fans und Verantwortliche erhoffen, dass sie ebenfalls in der kommenden Saison einschlagen wie Neuzugänge. Caio, Liebling der Eintracht-Anhänger und teuerster Transfer in der Clubgeschichte, soll nach seiner durchwachsenen Zeit unter Funkel endlich den Durchbruch schaffen. Und Zlatan Bajramovic könnte, wenn er seine endlose Leidensgeschichte mit Zehenverletzungen überwinden kann, eine Riesenverstärkung fürs zentrale Mittelfeld bedeuten.
Werden beide Hoffnungen erfüllt, besitzt die Eintracht ein überdurchschnittliches Bundesligamittelfeld. Fragen aber bleiben: Ist Caio wirklich nur an Funkel gescheitert, oder hat der Brasilianer generell Probleme, sein Riesenpotenzial regelmäßig abzurufen. Und für Bajramovic gilt wie für den ebenfalls langzeitverletzten Christoph Preuß: Zweifel bleiben, ob er wirklich noch einmal eine volle Saison als Profi spielen kann. Scheitern Caio und Bajramovic erneut, so bietet das Mittelfeld Skibbe immer noch eine Reihe von Optionen, mit Benjamin Köhler und Markus Steinhöfer auf den Außenbahnen in einer offensiven Variante, sowie Alex Meier für eine klassische Raute, in der er rechts, hinter den Spitzen oder sogar vor der Abwehr einsetzbar wäre.

Sturm
Gab uns das Mittelfeld gerade noch die Gelegenheit, das Wort "Alternativen" zu benutzen, so können wir diese Vokabel in Bezug auf den Eintracht-Angriff nur im negativen Sinne verwenden. Die Wadenverletzung, die Kapitän Ioannis Amanatidis in der Vorbereitung behinderte, war nicht einmal besonders gravierend. Dennoch sorgte sie in Kombination mit der Leisten-Operation Martin Fenins dafür, dass mit Nikos Liberopoulos nur ein gestandener Profi für eine zentrale Angriffsposition übrig blieb.
Natürlich gibt es noch Ümit Korkmaz, in der Vorsaison selbst von Verletzungen gebeutelt. Doch der Österreicher fühlt sich auf dem Flügel deutlich wohler als direkt vor dem Tor. Als nach Amanatidis' Verletzung in der vergangenen Hinrunde schon einmal ein personeller Engpass im Sturm auftrat, blühte der ursprünglich eher als Ergänzungsspieler verpflichtete Liberopoulos immerhin richtig auf und wurde zum Schlüsselspieler der Frankfurter Rumpfmannschaft. Insgesamt spricht das Eintracht-Personal eher für ein System mit einer Spitze - was je nach Gegner nicht ausschließen muss, dass Korkmaz und/oder Fenin auf den Außenbahnen im Mittelfeld zum Einsatz kommen.

Trainer
Als die Eintracht sich nach fünf Jahren von Friedhelm Funkel trennte, wurden zunächst Namen wie Mirko Slomka am Main gehandelt. Dass letztlich Michael Skibbe den Zuschlag erhielt, löste keine Rieseneuphorie unter den Anhängern aus, aber die Personalie traf auch nicht auf echten Widerstand. Vergleicht man den Trainerwechsel etwa mit dem Chaos von 2001, als der Club mitten in der Saison Lothar Matthäus verpflichten wollte, um Rolf Dohmen und Armin Kraaz abzulösen, und die Fans auf die Barrikaden gingen, dann muss man einmal mehr festhalten, wie professionell der Club heutzutage arbeitet.
Wie aber ist Skibbes Verpflichtung einzuschätzen? Nach seinen jüngsten Engagements bei Galatasaray und in Leverkusen gilt der 43-Jährige sicher nicht mehr als Erfolgstrainer. Andernfalls hätte Frankfurt ihn vermutlich auch nicht bekommen. Immer wieder wird von den Verantwortlichen und den Medien beteuert, Skibbe solle einen offensiveren Fußball spielen. So wird der Unmut der Fans über die Funkel-Taktik im Nachhinein doch noch anerkannt. Große Mittel zum Umbau der Mannschaft nach seinen Vorstellungen bekommt Skibbe nicht, vielmehr muss er den Kader sogar ausdünnen, um Geld zu sparen.Große Ziele werden auch nicht formuliert, eine Saison ohne große Abstiegsangst wäre den meisten schon recht. Bei so niedrigen Erwartungen fällt es dem Coach vielleicht leichter als zuletzt in Istanbul, in Ruhe sein Konzept durchzuziehen.

Schlüsselfaktor
Die viel beschworene offensivere Spielweise, die Skibbe erreichen soll, ist ja schön und gut. Aber wir fragen uns, ob die Mängel im Eintracht-Kader nicht gerade in der Defensive angesiedelt sind. Vier von 60 möglichen Punkten aus Spielen gegen die ersten zehn der Tabelle in der letzten Bundesligasaison deuten darauf hin, dass es Frankfurt nie gelungen ist, spielerisch überlegenen Mannschaften mit einer funktionierenden Defensive zu begegnen. Dieses Problem hat sich durch die Sommertransfers kaum verringert. Zwar kam Maik Franz für die Innenverteidigung, aber im Mittelfeld haben fast alle Leistungsträger ihre Stärken im offensiven Bereich. Versuchte Friedhelm Funkel auf diesen Missstand mit einer umso defensiveren Grundordnung zu reagieren? Geklappt hat es nicht: Die Eintracht spielte 2008/09 unattraktiv UND erfolglos gegen die Topteams. Hier liegt Skibbes Hauptaufgabe.
Prognose
Eine große Verbesserung wird für Frankfurt nicht möglich sein. Kaum vorstellbar, dass die Saison völlig frei von Abstiegssorgen verläuft. Die Qualität im Kader sollte im Normalfall aber ausreichen, um die Klasse zu halten. Am Ende sieht sportal.de die Eintracht wie im Vorjahr auf einem Platz um 13 herum.
Daniel Raecke
Lesen Sie morgen: So ergeht es dem FC Bayern...