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Die Geschichte der Lisbon Lions
Die Geschichte der Lisbon Lions
Eine chaotische Pokalübergabe: Billy McNeill mit der Trophäe

In der Premier League ist Manchester United mit sieben Punkten Vorsprung und einem Spiel weniger klar auf Meisterschaftskurs. Den League Cup haben sie bereits gewonnen und im FA Cup stehen sie im Halbfinale. Die Mannschaft von Teammanager Sir Alex Ferguson ist der Top-Favorit auf das Triple in England.

Mit einem Sieg gegen Inter Mailand stünde die Mannschaft zudem im Viertelfinale der Champions League. Neben dem FC Barcelona ist Man United der Favorit auf dem Gewinn der begehrtesten Trophäe der Welt und in England spricht ohnehin keiner mehr nur vom Triple - Quadrupel lautet das Zauberwort.

42 Jahre ist es her, seit Celtic Glasgow dieses bislang einmalige Kunststück gelang. Die Mannschaft aus dem Glasgower Stadtteil Parkhead ging in der Saison 1966/1967 in die Geschichte ein. sportal.de erzählt die Geschichte der besten Celtic-Mannschaft aller Zeiten. Angefangen bei der Verpflichtung des legendären Jock Stein (nach ihm wurde das 'Celtic End' im Vereinsstadion benannt) bis zum grandiosen Finale gegen Inter Mailand.

Mit Stein kam der Erfolg

Anfang der 1960er Jahre stagnierte der bis dahin 19-fache schottische Meister in der Entwicklung. Den letzten Meistertitel hatten die Grün-Weißen 1954 eingefahren und Stadtrivale Rangers war spielerisch davon gezogen. Mit Vorbehalten verpflichtete man kurzerhand den ehemaligen Spieler und Jugendspieler Jock Stein, der 1961 mit Underdog Dunfermline Athletic gegen Celtic den League Cup gewonnen hatte und anschließend solide Leistungen mit Hibernian Edinburgh ablieferte.

Der Boss, wie ihn die Spieler ausschließlich nannten, war der erste protestantische Trainer bei den ansonsten katholischen Bhoys. Als erste Maßnahme sortierte Stein das Team um, holte Spieler mit denen er bereits zu Zeiten als Jugend- und Reservetrainer zusammenarbeitete. Das besondere dabei: Kein Akteur in Stein´s Team war weiter als 40 Kilometer vom Stadion entfernt geboren.

Ein Jahr später feierte Celtic den 20. Meistertitel und qualifizierte sich so für den Europapokal der Landesmeister. Mit Ronnie Simpson (Schottlands Spieler des Jahres 1966/1967 und bester Celtic-Torhüter aller Zeiten), den Stein zur Nummer eins machte, Jimmy Johnstone, Billy McNeill (genannt „The Skipper"), Bobby Murdoch und Bobby Lennox hatte der Boss tragende Säulen des schottischen Fußballs im Grundgerüst seiner Elf versammelt.

Glasgow Cup und League Cup

Im Hampden Park sahen 94.532 Fans am 29. Oktober 1966 das 1:0 von Lennox in der 26. Minute gegen die Rangers. The Old Firm war in dieser Saison fest in Celtic-Hand und so konnten die Rangers trotz Dauerdruck den Ausgleich nicht erzielen. Ein Tor von Bobby Watson (Rangers) wurde vorher abgepfiffen.

Den zweiten Titel, der allerdings nicht ins Quadrupel eingerechnet wurde, holte Celtic neun Tage nach dem Erfolg im League Cup. Am 7. November sicherten sich McNeill und Co. durch ein 4:0 über Partick Thistle FC im Finale den Glasgow Cup, nachdem nacheinander die Rangers und Queen´s Park ohne Gegentor (ebenfalls jeweils 4:0) bezwungen wurden.

Goldener Frühling

In der Liga knüpfte die Mannschaft an die Leistungen der Vorsaison an und bot den wahrscheinlich attraktivsten Offensiv-Fußball auf der Insel. 106 Tore erzielten sie in der ersten Saison unter Stein, 66/67 waren es sogar 111 und Stevie Chalmers wurde mit 21 Toren Torschützenkönig.

Am vorletzten Spieltag machte Celtic die Meisterschaft ausgerechnet im Ibrox Park perfekt. Die Rangers hatten zwar ohnehin nur noch eine theoretische Chance und hätten bei einem Sieg auf Schützenhilfe von Kilmarnock FC und eine hohe Niederlage des Rivalen hoffen müssen, doch durch ein 2:2 war am 6. Mai auch rechnerisch nichts mehr möglich - Celtic war Meister und der 2:0-Sieg am letzten Spieltag war nur noch statistisches Zubrot.

Etwas mehr als eine Woche vorher feierte der Meister bereits den Triumph im Scottish Cup. Im Halbfinale war nach einem 0:0 im ersten Spiel ein zweites Entscheidungsspiel (gegen Clyde) zwar nötig gewesen, doch dieses wurde wie das Finale gegen Aberdeen mit 2:0 gewonnen. Die Tore im Finale erzielte William Wallace, den Stein vor der Saison von den Hearts für 29.000 Pfund geholt hatte, und seit der Kindheit eigentlich ein Rangers-Fan gewesen war.

Die Lisbon Lions werden geboren

Wiederum vier Tage vor dem Finale gegen Aberdeen hatten die Schotten nach einem 0:0 im Rückspiel (Hinspiel 3:1) gegen Dukla Prag zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte den Einzug in ein europäisches Endspiel gefeiert. Der Gegner im Finale: Inter Mailand, die zuvor innerhalb von drei Jahren zweimal den Cup gewonnen hatten und weltweit als bestes Team angesehen wurden.

Den 25. Mai 1967 (Finaltag) markierte sich jeder Glasgower mit fettem Rotstift im Kalender. Kilmarnock war im Halbfinale des UEFA Cups an Leeds United gescheitert und die Rangers standen im Finale des Pokals der Pokalsieger (verloren am 31. Mai gegen Bayern München mit 1:0), doch der Stolz der Schotten war in diesem Jahr eindeutig Celtic.

Wer ein fahrtüchtiges Auto besaß machte sich Tage zuvor auf den Weg nach Lissabon, die Flüge waren bis zum Anschlag ausgebucht. Augenzeugen berichteten davon, dass Fahrzeuge die Stadt in Richtung Portugal verließen, denen man zuvor nicht einmal zugetraut hatte über die London Road hinaus zu kommen. 12.000 Fans sollen damals den Versuch unternommen haben nach Lissabon zu kommen, im Stadion wurde die Zahl der Gästeanhänger dann auf rund 7000 geschätzt.

Jock der Motivator

In Ayrshire legte die Mannschaft vor dem Abflug nach Lissabon ein intensives Trainingslager ein. Stein hatte zwei Jahre vorher bei Helenio Herrera (Erfinder des Catenaccio und damaliger Inter-Coach) hospitiert und kannte dessen Spielweise, vor allem aber ein Mittel für den Erfolg.

Zwei Tage vor dem Finale im Estádio Nacional reisten die Bhoys an und Stein berief noch am selben Abend eine Pressekonferenz ein. Wer dachte, dass der Coach die Außenseiterrolle einnehmen würde, sah sich getäuscht. „Ich werde ihm (Herrera) jetzt sagen wie wir spielen werden", begann Stein, „doch das wird ihm auch nichts nützen. Wir werden sie angreifen, wie sie noch nie zuvor angegriffen wurden."

Mailand war bei allen Buchmachern klarer Favorit. Das Team war gespickt mit Stars wie Sandro Mazzola, Giancinto Facchetti oder Armando Picchi (der Kapitän). Wer gegen Inter einen Rückstand kassierte, der konnte gleich einpacken - so die Meinung der Experten zur damaligen Zeit.

Doch Stein legte selbstbewusst nach: „Pokale werden von Männern nicht von Individualisten gewonnen" oder „Du brauchst Männer die das Prestige des Clubs vor ihr eigenes stellen", blaffte er in Richtung Inter und den interessierten Journalisten. Der Boss kannte die psychischen Tricks wie kaum ein anderer in der Branche und hatte in kürzester Zeit seine Mannschaft stärker geredet als sie sich in jenem Jahr eingeschätzt hatten. „Vor der Saison dachte ich nicht daran, dass wir in Europa etwas erreichen würden. Wir wollten lediglich das Abenteuer genießen", sagte Lennox.

Das letzte Training vor dem Spiel

Die Idee die Fans oder gar den Gegner vom eigenen Training auszuschließen, wie es heute vor wichtigen Duellen gang und gäbe ist, kam Stein damals nicht in den Sinn. Nachdem er sämtliche Vorkehrungen getroffen hatte, um Verletzungen zu vermeiden (Spieler durften nicht in die Sonne wegen Sonnenbrandgefahr), hatte er nichts gegen eine Stippvisite der Italiener beim Abschlusstraining vor dem Spiel.

Inters Spieler, Trainer und der Betreuerstab saßen also geschlossen auf der Haupttribüne des Stadions und schauten den Grün-Weißen bei der Vorbereitung zu. Da die Mannschaft aber bereits Tage vorher auf die Mailänder eingestellt worden waren, dachte sich Stein kurzerhand einen kleinen Trick aus.

Schottischer Fußball war in Italien gänzlich unbekannt - die Spieler von Inter sollen damals maximal die Namen ihrer Gegner gekannt haben - und so stellte Stein im Trainingsspiel seine Mannschaft auf allen Positionen um. Lennox spielte linken Verteidiger, Tommy Gemmell, der eigentlich dort zu Hause war, wurde ins Sturmzentrum beordert - und die Nerazurri soll sich über den stümperhaften Fußball köstlich amüsiert haben.

'Der Schock ihres Lebens'

Der Tag des Spiels war Fronleichnahm und da bis auf vier Spieler (und dem Trainer) allesamt Katholiken im Team waren, machte sich Stein auf die Suche nach einem Pfarrer, der sich bereit erklärte für die Spieler eine private Messe zu lesen. Unter den angereisten Fans befand sich Bertie O'Reagan, der damals sogar ein paar der Spieler persönlich kannte. Dieser ließ sich natürlich nicht lange bitten und so bekamen die Spieler am Tag des Spiels ihres Lebens auch noch göttlichen Beistand.

50 Minuten vor dem Anpfiff kamen die Hauptdarsteller im Stadion an, tausende Glasgower erwarteten die Spieler bereits auf den Bus. Die Ansprache in der Kabine war kurz, alle Infos über den Gegner konnten die Spieler ja bereits im Schlaf mitsprechen und so stellte sich Stein vor die Mannschaft und sagte zwei Sätze: „Geht raus und habt Spaß. Es könnte die beste Saison eurer Karriere werden."

Der Tunnel von den Umkleideräumen zum Spielfeld war lang und bis auf den Trainer waren alle Celtic-Spieler nervös. Imposant und schier unschlagbar standen die braungebrannten Italiener (wie es Lennox einst beschrieb) vor ihnen und ließen keinen Zweifel daran, wer den Pott mit nach Hause bringen würde.

Dann aus dem Nichts stimmte Mittelläufer Bernie Auld den Celtic Song an und alle stimmten ein:

„We don't care if we win, lose or draw,
Darn the hell do we care,
Because we only know that there's going to be a show,
And the Glasgow Celtic will be there."

So hallte es im Stadion und im Kabinenaufgang. "Sie mussten damals den Schock ihres Lebens bekommen haben", berichtete Verteidiger John Clark noch Jahre nachdem Triumph.

Der frühe Rückstand

Wie versprochen machte Celtic Druck, rotierte auf dem Feld (die BBC nannte die Spielweise der damaligen Mannschaft rückblickend den Vorgänger des Total Voetbal). Die Außenstürmer ließen sich weit auf die Außen fallen und rissen gegen die Manndeckung von Inter Löcher für die zentralen Spieler, die von Stein die Anweisung bekommen hatten mit aufzurücken und aus möglichst jeder Lage in der Nähe des Sechzehners zu schießen.

10:0 Eckbälle und 42:5 Torschüsse hatten sich die Statistiker notiert - Celtic hatte Wort gehalten. Bis zum Abpfiff lief es aber dann doch etwas anders als geplant. Nach sechs Minuten fiel Renato Cappellini im Laufduell gegen Jim Craig im Celtic-Strafraum um (Anm. de. Autors: Schwalbe) und der deutsche Schiedsrichter Kurt Tschenscher zeigte auf dem Punkt.

Mazzola verlud Simpson und platzierte den Ball flach in die linke untere Ecke - 1:0. Es war das eingetreten, was 99 von 100 Experten vorausgesagt hatten. Nach kurzer Ordnungsphase waren die Schotten aber wieder Herr der Lage und prüften Giuliano Sarti im Minutentakt. Dieser hatten am Ende 24 teilweise weltklasse Paraden auf dem Konto.

Inters Potjomkinsches Dorf wird enttarnt

Es dauerte fast eine Stunde bis Glasgow den verdienten Lohn des aufwendigen Offensivspiels einfahren konnte. Inter machte den Sechzehner mit teilweise sieben, acht Spielern dicht und so war es natürlich ein Distanzhammer von Gemmell, der es sich immer wieder leisten konnte bis zum Strafraum mitzugehen, der zum 1:1 in der 62. Minute führte. Inter spielte anschließend als hätten sie von ihrem Trainer das Theaterkommando „Freeze" zugerufen bekommen. Bewegung? Umschalten? Fehlanzeige!.

Einen Lattentreffer und 13 Minuten später durchquerte ein Flachschuss von Murdoch den Sechzehner (heute würde man sagen: „Er fand die Nahtstelle") und wurde von Chalmers am Fünfmerterraum lauernd gegen die Laufrichtung von Sarti ins Tor geschossen, 2:1. Was wie ein Zufallsprodukt aussah, hatte Stein genau in dieser Kombination in Ayrshire trainieren lassen.

Das Kartenhaus von La Grande Inter brach zusammen und die Mannschaft offenbarte an diesem Abend, dass sie nicht in der Lage war, mehr als den fest verankerten Catenaccio zu spielen. Celtic dagegen hatte das Versprechen eingelöst und mit „Style" (Stein) gewonnen.

Die Feier und die Rückkehr

Mit dem Abpfiff stürmten die Fans das Spielfeld und zogen den Spieler sprichwörtlich bis aufs letzte Hemd aus. Diese konnten sich Minuten später in die Kabine retten. Das Spielfeld aber war komplett dicht - kein Durchkommen. Celtic-Spielführer McNeill musste mit einer Polizei-Eskorte um das Stadion herumgeführt werden, damit er auf der Tribüne den Pokal von Portugals Präsident Américo Tomás in Empfang nehmen konnte. Aufgrund des Trubels fiel die Medaillenübergabe für die Spieler einfach aus und wurde am Abend in einem Restaurant ohne viel Tamtam nachgeholt (McNeill übergab das Edelmetall an seine Mitspieler).

Am Nachmittag des folgenden Tages landete dann die Maschine mit den Helden, die aufgrund ihres Kampfgeistes und Angriffsfußball nur noch die „Lisbon Lions" genannt wurden, am Flughafen von Glasgow. 60.000 Fans warteten und hatten sich in Festtagskleidung geworfen. Mit „Hail, Hail, the Celts are here", begrüßten sie die Spieler und begleiteten den Convoy bestehend aus einem Lastwagen auf dessen Ladefläche die Mannschaft feierte, und zahlreichen Autos zum Stadion.

Über die London Road ging es in den Celtic Park, wo die Mannschaft zwei Ehrenrunden drehte und die gesammelten Pokale der Saison präsentierte. „Es gibt auf der ganzen Welt keinen stolzeren Mann als mich", verkündete Stein. Für die Spieler war es der wohl größte Augenblick in ihrem Leben und Gemmell sagte Jahre später: „1967 wurde ich ein neuer Mann." Als erste nicht romanische Mannschaft hatte Celtic den Europapokal der Landesmeister gewonnen.

Die letzte Krönung

Zwei Wochen später flog die Mannschaft nach Madrid, um gegen Real die „Vorherrschaft" in Europa auszuspielen und um zu beweisen, dass der Erfolg gegen Inter keine Eintagsfliege war. Es sollte ein denkwürdiger Abend werden, denn beim
Abschiedsspiel von Alfredo DiStefano gewannen die Grün-Weißen tatsächlich vor 135.000 Zuschauern im legendären Santiago Bernabéu mit 1:0 (Lennox).

Zwar verlor das Team im Oktober und November das Spiel um den Interkontinental Cup (Weltpokal) gegen Racing Club Avellaneda (beide Teams siegten jeweils zu Hause mit einem Tor Unterschied; im dritten Spiel in Montevideo gewannen dann die Argentinier mit 1:0), doch auf Jahre sollte sie den schottischen Fußball dominieren. Es folgten sieben weitere Meisterschaften und 1970 sogar der erneute Einzug ins Finale des Europapokals der Landesmeister - ausgerechnet in Mailand. Gegen Feyenoord Rotterdam konnte der Triumph von Lissabon aber nicht wiederholt werden. Steins Spieler verloren mit 1:2 nach Verlängerung.

Die Legende der Lisbon Lions, dem ersten und bis heute einmaligen Quadrupel Gewinners, ist aber bis heute das größte Fußballmärchen, das Schottland erlebt hat.

Julian König

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