Heute kürt die FIFA den Weltfußballer des Jahres 2008. Aus diesem Anlass hat auch sportal.de seine Weltauswahl des abgelaufenen Kalenderjahres nominiert. Nach langen Diskussionen präsentieren wir hier stolz die Besten der Besten.
Inzwischen gibt es schon drei renommierte Trophäen für den Weltfußballer des Jahres. Neben der Zeitschrift World Soccer, die seit 1982 ihre Leser abstimmen lässt, vergab früher France Football seinen angesehenen Ballon d'Or, den Goldenen Ball, an Europas Fußballer des Jahres. Seit 2007 sind die Franzosen auch auf den Titel Weltfußballer umgeschwenkt, um der Konkurrenz der FIFA zu begegnen, die seit 1991 den besten Kicker des Globus prämiert.
Anstatt sich auf einen einzigen Profi festzulegen, haben wir eine ganze Mannschaft nominiert. Was waren dabei die ausschlaggebenden Faktoren?
1.) Erfolge Der Pfostenschuss von John Terry im Elfmeterschießen von Moskau war ein einschneidender Moment, in dem wenige Zentimeter über den Sieg in der Champions League, den Job von Trainer Avram Grant und das Ansehen von Chelsea entschieden. Mit dem Spiel zuvor hatte diese Szene nichts zu tun, und dennoch stand Manchester United am Ende als Triumphator da, während die Blues das Jahr ohne Trophäe beendeten. Nicht fair, aber für unsere Auswahl relevant. Die Titel der Champions League, der Europameisterschaft und die Meisterschaften in den großen europäischen Ligen sind Auszeichnungen, um die es im Fußball nun einmal geht.
2.) Spielniveau Man mag uns Eurozentrismus vorwerfen. Aber momentan wird in Europa der mit Abstand beste Fußball der Welt gespielt. Deshalb besteht unsere Auswahl natürlich nicht ausschließlich aus Europäern. Aber es finden sich in ihr nur Profis, die auf dem Alten Kontinent ihr Geld verdienen - und dort primär in den Topligen und/oder in der Champions League. Diese Erwägungen sprechen gegen einen Kandidaten wie Mohamed Aboutreika, der mit Ägypten den Afrikacup gewann und mit seinem Team Al-Ahly die afrikanische Champions League verteidigte. Auch ein EM-Shooting Star wie Yuri Zhirkov taucht nicht auf, weil er sich bei ZSKA Moskau kaum auf internationaler Bühne präsentieren konnte - und dass ein Marc Janko in Österreich alle Torrekorde bricht, ist schön und gut, aber eine Vergleichbarkeit mit der Weltspitze ist hier nicht gegeben.
3.) Konstanz Ein Spiel dauert 90 Minuten, und ein Jahr hat 12 Monate. Andrei Arshavin begeisterte bei der Euro 2008 - in zwei Spielen. Dazu zeigte er sensationelle Leistungen im UEFA Cup, vor allem gegen den FC Bayern und im Finale gegen die Rangers. In der russischen Liga verfehlte Zenit das Saisonziel Titel allerdings deutlich, und auch in der Champions League konnte er keine Akzente setzen. Deshalb ist er ein Härtefall, der knapp an unserer Auswahl vorbeischrammt.
Soviel zu den Richtlinien, kommen wir nun zur offiziellen sportal.de-Weltelf des Jahres 2008, die wir in einer sehr offensiven 3-4-3-Formation aufgestellt haben:
Tor: Iker Casillas (Spanien / Real Madrid) Für viele seit Jahren der beste Torhüter der Welt, war in der Rückrunde 2007/08 ein Hauptgrund dafür, dass Madrid trotz der besten Offensivbilanz aller europäischen Topclubs auch noch die wenigsten Gegentore der Primera División kassierte. Casillas war dann ein starker Rückhalt bei Spaniens EM-Titel. Auf der Linie und im Reflex ohnehin sensationell, konnte er seine Achillesferse, die Strafraumbeherrschung, in den letzten Jahren auch verbessern. In der abgelaufenen Hinrunde 2008/09 von der katastrophalen Abwehr der Königlichen oft im Stich gelassen und etwas schwächer - aber einen besseren Keeper als ihn gab es 2008 nicht.
Abwehr: Maicon (Brasilien / Internazionale) Inters Meistertitel 2008 und die überlegene Tabellenführung der laufenden Saison verdeckten manche Schwäche in den Darbietungen der Nerazzurri. Ein Profi, auf den aber immer Verlass war, und der eine fast beängstigende Konstanz an den Tag legte, war Rechtsverteidiger Maicon. Seine Schnelligkeit und seine scharfen Flanken trugen ebenso wie sein gutes Zweikampfverhalten dazu bei, dass er aus der Inter-Elf ebenso wenig wegzudenken ist wie aus der Selecao, aus der er Barcelonas Daniel Alves verdrängt hat.
Abwehr: Nemanja Vidic (Serbien / Manchester United) An dieser Stelle hätten wir auch ohne Bauchschmerzen Rio Ferdinand aufstellen können. Vidics kongenialer Partner in der Innenverteidigung des englischen Meisters ist ein noch etwas besserer Fußballer, aber Vidics grandioses Zweikampfverhalten, Kopfballstärke und Stellungsspiel machen ihn zu einem gefürchteten Gegner selbst der besten Angreifer der Welt. Die Darbietungen von Vidic und Ferdinand in den Champions League-Halbfinalspielen gegen Barcelona waren das beste, was wir von einer Defensivreihe seit langem gesehen haben. In den letzten sechs K.o.-Spielen der Königsklasse kassierte United nur ein einziges Gegentor gegen Lyon, Roma, Barcelona und Chelsea. Nebenbei stellten die Red Devils auch noch die beste Abwehr aller großen europäischen Ligen.
Abwehr: Carles Puyol (Spanien / Barcelona) Wir wollen ganz ehrlich sein: Vor der Europameisterschaft 2008 hatten wir Puyol und seine spanischen Abwehrkollegen als einzige Schwachstelle der Mannschaft ausgemacht. Dann kam alles ganz anders. Zwar kann man argumentieren, dass vor allem das Mittelfeld Spaniens so überragend war, dass der Abwehrreihe viel Arbeit abgenommen wurde. Doch das tut Carles Puyol Unrecht, einem Spieler, dessen Fähigkeiten eigentlich nicht für einen Weltklassefußballer ausreichen sollten - der aber ein ganz wichtiger Mann für den FC Barcelona ist, und auch für die Nationalelf. Dass Barcelona seine defensiv beste Hinrunde seit 22 Jahren spielt, liegt natürlich auch an den deutlichen Verbesserungen auf den Außenverteidigerpositionen - aber Abwehrchef Puyol demonstriert, dass man auch mit 30 noch großes Verbesserungspotenzial als Profi haben kann.
Mittelfeld: Cristiano Ronaldo (Portugal / Manchester United) Ronaldo im Mittelfeld? Zugegeben, ein kleiner Kunstgriff von uns, um unsere offensivlastige Aufstellung halbwegs plausibel hinzubekommen. Der Portugiese wird von uns im rechten Mittelfeld eingesetzt, auch, wenn man ihn eigentlich eher als Flügelstürmer bezeichnen kann.
Ronaldo hat für 2008 alle individuellen Trophäen eingeheimst, die man bekommen kann - völlig zu Recht. Zwar konnte er die sensationelle Form der Hinrunde 2007/08 in der jetzt abgelaufenen Herbstrunde nicht mehr ganz erreichen, aber nach einer Vorsaison, in der er mehr als 40 Tore für United erzielte sowie Premier League und Champions League gewann, gab es auch nur noch wenig Steigerungsmöglichkeiten. Das zeigte sich auch bei der EM, die allgemein als Enttäuschung gesehen wurde. Dabei spielte Ronaldo ok - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Doch er galt nach seiner Wundersaison als bester Spieler der Welt, für den alles andere als der Titel zu wenig wäre. Vielleicht hat das lange Hin und Her im Sommer zwischen Real Madrid und United ihm nicht gut getan, wer weiß? Letztlich ist aber das, was für Cristiano Ronaldo eine kleine Enttäuschung ist, für uns immer noch gut genug für die Weltelf des Jahres.
Mittelfeld: Steven Gerrard (England / Liverpool) Dass Liverpool zum ersten Mal seit fast 20 Jahren vom englischen Meistertitel träumen darf und an der Spitze der Premier League ins neue Jahr gestartet ist, hat es vor allem Steven Gerrard zu verdanken, einem Profi, der das oft missbrauchte Prädikat "Führungsspieler" so sehr verdient wie zurzeit wohl kaum ein zweiter Fußballer auf der Welt. Aber auch in der Champions League, deren Gewinn die Reds 2005 vor allem durch den unglaublichen Kampfgeist Gerrards feiern durften, lieferte Stevie G in der laufenden Hinrunde wieder eine Matchwinner-Performance nach der anderen ab. Fünf Tore in fünf Spielen sind eine extrem starke Bilanz für einen Mittelfeldspieler. Einziges Manko für Gerrard 2008: Er durfte mit der englischen Nationalelf bei der EM nur zuschauen. Aber mit Fabio Capello als Trainer und Steven Gerrard als Leader auf dem Rasen ist mit den Three Lions bei der nächsten WM sicher zu rechnen...
Mittelfeld: Xavi (Spanien / Barcelona) So stark war das spanische Mittelfeld bei der EM, dass man fast jeden Spieler hätte nominieren können. Einer aber überstrahlte 2008 alle anderen, und das nicht nur in der Nationalelf, sondern auch Woche für Woche in der Primera División und der Champions League. Obwohl auch gerade Teamkollege Marcos Senna eine famose EM spielte, kürte die UEFA Xavi zum Spieler des Turniers. In der Primera División ist er der Spieler mit den meisten Ballkontakten aller Profis der Liga, was seine zentrale Rolle im Spiel des FC Barcelona unterstreicht, der in seiner Form der letzten Monate fast unschlagbar erscheint. Wie wichtig Xavi auch für das Nationalteam ist, zeigte sich an der Schwächung, die seine schwere Knieverletzung vor der WM 2006 für Spanien bedeutete. Zwar konnte er damals spielen, war aber nicht im Vollbesitz seiner Kräfte.
Was in der heutigen Welt des Bosman-Fußballs auch einmal Erwähnung finden sollte: Neben Casillas, Puyol und Gerrard ist Xavi der vierte Spieler in unserer Weltauswahl, der seit seiner frühesten Jugend einem einzigen Club treu geblieben ist.
Mittelfeld: Franck Ribéry (Frankreich / FC Bayern) Ein Bundesligaspieler in der Weltauswahl? Das wäre noch vor zwei Jahren ein gewagtes Statement gewesen. Zu chancenlos waren die deutschen Clubs im internationalen Vergleich. An Europas Spitze sind die Bundesligisten zweifellos immer noch nicht wieder. Aber anders als bei Vedad Ibisevic, den die Redakteure des Kicker-Sportmagazins ohne ein einziges Europacupspiel und bei nur zwei Freundschaftsspieltoren für Bosnien schon das Prädikat Weltklasse verliehen, haben die Kollegen aus Nürnberg im Fall Franck Ribéry absolut Recht mit ihrem Urteil.
Bayerns schwacher Saisonstart war genau eine Woche, nachdem Ribéry wieder mitspielte, Vergessenheit, seither rollten die Münchner die ganze Liga nach Belieben auf. Auch in der Champions League demonstrierte er seine Extraklasse, wie zuletzt bei seiner Gala in Lyon. Frankreichs miserable EM kann ihm noch am wenigsten angelastet werden, da er gegen die Niederlande trotz des 1:4 großartig spielte und gegen Italien wegen Verletzung schon früh ausgewechselt werden musste.
Angriff: Lionel Messi (Argentinien / Barcelona) Messi ist schon der dritte Barca-Profi, der sich in unserer Weltauswahl wiederfindet. Bedenkt man, dass der Club im Jahr 2008 keinen einzigen Titel gewinnen konnte, sicherlich etwas überraschend. Im Falle von Puyol und Xavi spielt natürlich die beeindruckende Euro eine große Rolle. Messi selbst durfte sich immerhin über den Gewinn der Olympischen Goldmedaille in Peking freuen. Doch auch, wenn er diesen Erfolg mit zwei Toren unterstützte, ist das nicht der Grund, dass er in unserer Auswahl auftaucht. Messi ist von seinen Fähigkeiten her schlicht und einfach der beste Fußballer der Welt. Wenn Cristiano Ronaldo auch von der FIFA zum Spieler des Jahres gewählt wird, so hat er das aufgrund der großen zwei Titel, die er geholt hat, verdient. Was das reine fußballerische Können angeht, ist Messi aber dem Rest der Welt einfach voraus. Wenn keine schweren Verletzungen dazwischen kommen, wird er ein dauerhafter Superstar werden: nicht in der Liga Ronaldinho - sondern in der Liga Diego Maradona.
Angriff: Zlatan Ibrahimovic (Schweden / Internazionale) In den vergangenen 12 Monaten waren Zlatan Ibrahimovics Tore Inters wertvollste Lebensversicherung. Ohne die 20 Serie-A-Treffer des Schweden hätten die Nerazzurri in dieser Phase 22 Punkte weniger geholt - eine Abhängigkeit, die an Artur Wichniareks Bedeutung für Arminia Bielefeld erinnert. Auch Schweden hatte bei der EM 2008 zwei Modi - einen hoffnungsvollen mit Zlatan, der selbst angeschlagen noch gefährlicher war als alle seine Teamkollegen zusammen, und einen total harmlosen Modus, wann immer der Stürmer nicht spielen konnte. Seine größte Stärke ist wohl sein ebenso scharfer wie präziser Torschuss, aber auch die Balltechnik und Spielintelligenz machen ihn zu einem der besten Stürmer der Welt. Seit langem munkelt man in der Gerüchteküche, dass Didier Drogba seinem Ex-Trainer Jose Mourinho zu Inter folgen könnte. Das schwedisch-ivorische Sturmduo, das daraus entstehen würde, passt möglicherweise nicht ins taktische Konzept des Coachs - ansonsten wäre es ein Grund zu offener Panik bei allen gegnerischen Mannschaften.
Angriff: Fernando Torres (Spanien / Liverpool) Das Tor, das Spanien den Europameistertitel brachte, war ein perfektes Beispiel für die Klasse von Fernando Torres. Aus schlechterer Position umlief er mit einem starken Antritt Philipp Lahm und hob den Ball aus spitzem Winkel über den herausrutschenden Jens Lehmann hinweg in die lange Torecke, sprang dann locker über den Keeper hinweg und steuerte zum Jubeln die Eckfahne an. Das war das wichtigste von 26 Toren, die El Nino im letzten Jahr für Spanien und Liverpool erzielte. Hätte nicht eine Verletzung ihn gegen Ende des Jahres außer Gefecht gesetzt, wären es vermutlich noch mehr geworden.
Eingewöhnungszeiten? Umstellungsschwierigkeiten? Das sind Vokabeln, die der Madrilene nicht kennt. Schon bei Atlético beendete er seit seinem 18. Lebensjahr keine Saison unter 13 Ligatoren. In seiner Debütsaison in der Premier League wurden es 24 für Liverpool. Dass spanische Profis sich im Ausland nicht durchsetzen können, ist mittlerweile ebenso als Klischee entlarvt wie die Auffassung, Spanien könne seine spielerische Klasse nicht in Effizienz umsetzen. Beides ist Fernando Torres zu verdanken.
Die sportal.de-Weltauswahl 2008
Tor: Iker Casillas
Abwehr: Maicon - Nemanja Vidic - Carles Puyol
Mittelfeld: Cristiano Ronaldo - Steven Gerrard - Xavi - Franck Ribéry
Angriff: Lionel Messi - Zlatan Ibrahimovic - Fernando Torres