
Zwei prägende Figuren der EM: Spaniens Marcos Senna (re.) und der Russe Andrei Arshavin
Offensiv-Fußball ist in, wichtige Rollen werden auf viele Spieler vertreilt und Zahlenkombinationen werden als taktische Schlüssel zum Erfolg gewertet. Wie jedes Großturnier war auch die EM eine Art Modenschau fußballerischer Trends, wo die Experten wieder einige wertvolle Beobachtungen machen konnten. Auch sportal.de hat seine Augen offengehalten und folgendes erblickt.
Die oft zitierte Weißheit des früheren englischen Stürmers Gary Linekers, wonach Fußball ein Spiel ist, in dem 22 Männer 90 Minuten lang einem Ball nachjagen, und am Ende die Deutschen gewinnen, wurde zum Bedauern des Großteils der Republik nicht erst zum ersten Mal widerlegt. Stattdessen konnten die Experten andere fußballerische Erkenntnisse aus der EM gewinnen.
"Kann sich nicht ständig neu erfinden"
Die Wichtigste aus deutscher Sicht dürfte sein, dass man mit der bislang existierenden Ausbildungskonzeption auf einem guten Weg, aber noch nicht am Ziel angekommen ist - wie nicht zuletzt das Endspiel gegen Spanien zeigte. Dies bestätigte exklusiv im Gespräch mit sportal.de auch Frank Engel, der Trainer der deutschen U-20 Nationalmannschaft, der während der Europameisterschaft der Beobachtergruppe des Deutschen Fußball-Bundes angehörte.
Zwar konnte er keine bahnbrechenden Neuerungen feststellen, da "der Fußball ja nicht ständig neu erfunden werden könne", doch nicht nur seine Entdeckungen dürften belegen, dass der neue Titelträger Spanien im Moment das Nonplusultra des modernen Fußballs darstellen dürfte: offensiv ausgerichteter Tempofußball, ein variables System sowie technisch brilliante und gleichzeitig variable Einzelspieler.
Wirklich neu sind diese erfolgversprechenden Elemente jedoch keineswegs, befinden sie sich doch im internationalen Vereinsfußball schon längst auf Tagesordnung, wie die vergangene Champions League mit dem derart agierenden Sieger Manchester United bewiesen hatte.
Offensiv ist Trumpf
Wer bislang dachte, mit einer offensiven Spielweise würde man sich auf schöne Weise geradewegs sein eigenes Grab schaufeln, der wurde bei der EM eines Besseren belehrt. Während bei der Euro vor vier Jahren noch Griechenland mit seinem Abwehrbollwerk den Titel mehr oder weniger ermauern konnte, so waren die Teams mit dieser Spielweise in Österreich und der Schweiz zum Ausscheiden verdammt. Zu antiquiert sei diese Art des Spiels, findet auch Frank Engel. "Dem Defensiv-Fußball gehört mit Sicherheit nicht die Zukunft", meint der deutsche U-20-Coach.
Vielmehr sei das moderne Spiel geprägt von temporeichem Offensiv-Fußball - so wie ihn letztlich auch der neue Titelträger zelebrierte. Die Zuschauer zumindest dürften gegen diesen Trend nichts einzuwenden haben, bekamen sie dadurch im Verlauf des Turniers doch zu wesentlich mehr Torbe geboten als noch in Portugal. "Mit permanenten 1:0-Spielen wird man in Zukunft wohl keinen Titel mehr gewinnen können", denkt Engel. Die Fans werden dies mit höchster Zufriedenheit vernehmen.
Die Zauberformel in diesem Zusammenhang lautet: wenig individuelle Ballkontakte, was wiederum Spanien fast in Perfektion demonstrierte. Doch auch Russlands oder Hollands Akteure zeigten diese Art der Abneigung gegen den Ball, bei der es umso besser ist, je schneller der Ball zirkuliert.
Bei aller Freude am Spiel nach vorne, darf allerdings nicht vergessen werden, dass sämtliche attackierende Mannschaften über ein sicheres Defensivkonzept verfügen müssen. Es sollte demnach eine gute Balance zwischen der Offensive und der Defensive herrschen, so dass die Künstler auch den Rücken für Ihre Aktionen nach vorn freihaben. "Die Spanier waren auch nur deshalb so erfolgreich, weil sie relativ wenig Chancen und Tore zugelassen haben", analysiert Engel.
(K)eine Frage des Systems:
Viel wurde im Vorfeld der EM über Spielsysteme geredet und während des Turniers schien eine Zahlenkombination geradezu zum Schlüssel zum Glück zu avancieren - das 4-2-3-1-System. Spätestens im Viertelfinale musste auch Bundestrainer Joachim Löw aufgrund der Formkrise Mario Gomez' von seinem bevorzugten 4-4-2 darauf übergehen - ein Schritt den andere Fußballnationen schon längst unternommen hatten. Selbst die Niederländer, jahrzehntelang Verfechter des 4-3-3-Sytems hatten ihr taktisches Schema auf die etwas defensivere Variante umgestellt. Somit war es ihnen möglich, aus einer sicheren Deckung heraus ihr Tempospiel nach vorne aufzuziehen.
Nun also auch die Deutschen. Der Erfolg gegen Portugal gab dem Nationaltrainer Recht und er beließ es fortan auch in den abschließenden beiden Spielen dabei. Zwei Sechser als defensive Mittelfeldspieler, zwei offensive Mittelfeldspieler links und rechts, ein zentraler Mittelfeldmotor hinter der einzigen Spitze: So sollte die europäische Spitze erklommen werden, und so sah im wesentlichen auch die Grundordnung in den Reihen der restlichen Teilnehmer aus.
Dass es jedoch keineswegs nur darauf ankommt, bewies wieder einmal die spanische Selección, die bis zum Halbfinale mit ihren zwei Stürmern David Villa und Fernando Torres stets gefährlich war. Als Torschützenkönig Villa dann jedoch verletzt ausfiel, sah sich auch Trainer Luis Aragones gezwungen, das ohnehin auftrumpfende Mittelfeld personell noch weiter zu verstärken. Die Folge war, dass es keine Folgen hatte.
Die Spanier spielten genauso offensiv und spielfreudig weiter wie in ihren Spielen zuvor. Auch der 57-jährige Engel ist nicht nur deshalb der Meinung: "Das System war noch nie ganz entscheidend. Es gibt zwar eine gewisse Grundordnung vor, doch entscheidend ist, wie die Aufgaben im System verteilt sind und dass es eine gewisse Variabilität gibt." Denn wichtiger als alle Zahlenreihen seien die dazugehörigen Spielertypen und vor allem das "Verhalten des gesamten Teams bei eigenem Ballbesitz genauso wie die Arbeit gegen das angreifende Team"
Mal hier, mal da:
Wo wir auch bei einem weiteren wesentlichen Merkmal modernen Fußballs wären. "Die Spieler müssen permanent in Bewegung und darüber hinaus sehr variantenreich sein", lautet Engels Erkenntnis und meint damit, dass entscheidender als das System die Auswahl der ausführenden Akteure sei. In diesem Punkt geht der Trend ganz eindeutig dahin, dass sämtliche Spieler am besten alles können sollten, obwohl es laut dem Leipziger Engel natürlich "positionsbezogene Besonderheiten" gäbe.
Auch Deutschlands Chefscout Urs Siegenthaler schwärmte unlängst von den vielfältig ausgebildeten Profis, die je nach Spielsituation in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Gerade im spanischen Mittelfeld um Xavi Hernández, Andrés Iniesta, David Silva oder Cesc Fàbregas tummeln sich Künstler, die bei Bedarf jeden Part übernehmen, ohne dass Unordnung herrscht. Ähnliche Spielertypen waren bei der EM in Andrei Arshavin, Wesley Sneijder oder natürlich Franck Ribéry zu bestaunen. Letzterer gilt zwar als Mittelfeldspieler, ist jedoch gelernter Stürmer, der auf der Außenposition gar zum Spielmacher avanciert ist.
Aus Zehn mach sechs:
Der klassische Spielmacher wie ihn in früheren Zeiten noch Maradona, Bernd Schuster oder Johann Cruyff darstellten, wurde indes auch in den vergangenen drei Wochen nicht entdeckt. Stattdessen kann man wohl behaupten, dass sich eine andere Position zum heimlichen Star entwickelt hat. Die Rede ist vom Staubsauger vor der Abwehr, dem sogenannten Sechser. Zum personifizierten Topmodell dieser Spezies avancierte während der EM der Spanier Marcos Senna, der den spanischen Künstlern jederzeit den Rücken freihielt. Doch auch seine Artgenossen in den Reihen der Konkurrenz machten meist eine ganz anständige Figur.
Welchen Stellenwert die Position mittlerweile genießt zeigt, dass die meisten Teams ja sogar gleich zwei Spieler dieser Sorte hatten - die sogenannte Doppel-Sechs. Allerdings würde auch Frank Engel diese Tatsache nicht als allzu starres Konstrukt ansehen: "Das ist alles relativ zu betrachten, denn sobald die Mannschaft in der Offensive ist, ändern sich die Aufgaben." Und auch Lothar Matthäus meint in seiner SPORT BILD-Kolumne, das Gerede um die Doppel-Sechs sei "der größte Unsinn des Turniers". "Die gibt es nicht. Torsten Frings und Michael Ballack haben nie eine Doppel-Sechs gespielt, Ballack war immer auf Position acht, also etwas nach vorn gesetzt", meint der Weltmeister von 1990.
Spieler und Ball verschmelzen:
Nicht nur der Ball soll heutzutage so schnell wie möglich durch das Spielfeld rollen, sondern die Spieler müssen es ihm nachmachen und sich möglichst genauso weit wie schnell über den Platz bewegen. Im Schnitt liefen die Spieler bei der EM mehr als zehn Kilometer pro Spiel, wovon bis zu 20 Prozent im Sprinttempo zurückgelegt wurden. Bestens vorgeführt durch die Russen im Viertelfinale gegen die Niederlande, als die platte Elftal in der Verlängerung förmlich überrannt wurde. Entscheidend dabei natürlich: die Spieler müssen mit dem Ball fast eins und mit ihm am Fuß möglichst genauso schnell wie ohne sein.
"Das Tempo, das die Spanier, Russen oder Holländer anschlugen, war immens hoch", sagt Engel, der besonders fasziniert von der "technischen Sicherheit der Spanier" war.
DFB wähnt sich auf gutem Weg
In diese Sphären des modernen Fußballs möchte man auch auf DFB-Seite schnellstmöglich stoßen, wobei sich die Verantwortlichen bereits auf einem guten Weg wähnen. "Unser Ziel ist es, die Spieler im technisch-, taktischen Bereich brillant auszubilden", meint Fußballlehrer Engel, der seit 2006 bei DFB ist. "Unsere Forderung lautet, uns der individuellen Perfektion bei jedem Spieler anzunähern. Denn wenn wir perfekt ausgebildete Spieler haben, kann man mit denen auch jedes System spielen. Das hat sich Sportdirektor Matthias Sammer bereits seit einiger Zeit auf die Fahnen geschrieben."
Ein entsprechendes Konzept gibt es seit Jahren und die Erkenntnisse aus der EM zeigen, dass die Verantwortlichen in Deutschland das richtige Konzept gewählt hatten, beinhaltet es doch im Wesentlichen die aufgezeigten Elemente. "Wir streben nach diesem modernen Fußball und wir haben perfekte Strukturen zur Ausbildung geschaffen", ist Engel überzeugt.
Er sieht den spanischen Triumph auch als eine Fortsetzung dessen, was sich bei der Nachwuchsarbeit der Iberer bereits angedeutet hatte. So sollte auch der deutsch Weg aussehen, auch wenn sich "Deutschland eigentlichen jetzt schon vor Keinem verstecken zu braucht."
Deswegen waren seine Entdeckungen auch gleichzeitig eine Bestätigung dessen, dass sich der DFB nicht auf der vollkommen falschen Fährte befindet. Und vielleicht wird ja auch irgendwann mal wieder Gary Linekers Aussage modern.
André Hoffmann