Schriftgröße: 
Schalker Kreisel brummt nicht genug
Kevin Kuranyi fordert weitere Verstärkungen für Schalke

Schalke 04 sah in der vergangenen Saison lange Zeit wie der sichere Meister aus. Doch am Ende reichte es wieder nicht für den ersten Titel seit 1958. Die Leidenszeit der königsblauen Fans wird weitergehen, unser Bundesliga-Test zeigt sogar, dass es nicht mal für die Champions League reicht.

Ohne Frage, die Knappen haben sich in der Spitze der Bundesliga etabliert, doch für den ganz großen Wurf hat es noch nicht gereicht. In der vergangenen Saison wurde die Meisterschale sogar beim Erzrivalen Borussia Dortmund verspielt. Nun soll der nächste Angriff folgen.

Der Kader

Das Gesicht des Vizemeisters hat sich zur Vorsaison nur unwesentlich verändert. Mit Hamit Altintop (Bayern München) und Lincoln (Galatasary Istanbul) verließen nur zwei Stammspieler den Verein. Allerdings hat die Vorbereitung gezeigt, dass insbesondere der Brasilianer als kreatives Element im Mittelfeld fehlen wird.

Als Ersatz für Lincoln wurde Ivan Rakitic vom FC Basel verpflichtet. Der Kroate gilt als großes Talent auf der Spielmacherposition, doch ob er mit seinen 19 Jahren eine deutsche Spitzenmannschaft bereits zum Titel oder in die Champions League führen kann, ist mehr als fraglich.

Als Ersatz für Rakitic gilt der von Mainz 05 zurückgekehrte Mimoun Azaouagh, doch auch der schmächtige Mittelfeldspieler hat seine Fertigkeiten für die Bundesliga-Spitze noch nicht unter Beweis stellen können und auch von Mesut Özil (18) sollte man nicht zuviel erwarten.

Damit wären wir auch schon beim Sommertheater der Knappen: Kapitän Marcelo Bordon, Fabian Ernst und Stürmerstar Kevin Kuranyi haben die Defizite im Kader der Schalker erkannt und über den Weg in der Öffentlichkeit weitere Verstärkungen gefordert.

"Wenn sich bei uns nicht noch etwas tut, stehen wir vor einer verdammt schweren Saison", sagte Kuranyi in der Bild-Zeitung. " Ich will endlich Titel holen. Mit den Neuzugängen, die bisher verpflichtet wurden, geht der Verein ein hohes Risiko. Immer nur Platz zwei - darauf habe ich keinen Bock mehr."

Manager Andreas Müller wies den Nationalspieler zurecht, gab ihm aber mit der Aussage, nach weiteren Verstärkungen Ausschau zu halten, in der Sache Recht. Doch seitdem ist nichts mehr passiert, es blieb bei Rakitic, Heiko Westermann, Jermaine Jones und Ersatzkeeper Mathias Schober.

Während Schobers Rolle von Beginn an klar war, hatten sich Westermann und Jones Hoffnungen auf die Startelf gemacht. Doch der Manndecker konnte sich in den Testspielen nicht gegen Bordon und Mladen Kristajic durchsetzen, das gleiche gilt für Jones. Der Ex-Frankfurter streitet sich derzeit mit Zlatan Bajramovic um die Rolle als Vertreter von Fabian Ernst im defensiven Mittelfeld.

Die Schalker bleiben auch in der kommenden Saison ihrem 4-3-3 treu. Die Viererkette mit Bordon und Kristajic innen und Christian Pander bzw. dem Brasilianer Rafinha auf außen war schon in der letzten Spielzeit mit nur 32 Gegentoren das Prunkstück.

Auch der Angriff ist mit herausragenden Spielern besetzt. Kevin Kuranyi spielte seine erste überragende Saison seit er aus Stuttgart weg ist und bleibt in der Mitte gesetzt. Sein Vertreter Sören Larsen wird dagegen immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. Mit Halil Altintop, Gerald Asamoah und Peter Lövenkrands kämpfen drei Stürmer um die beiden Außenpositionen, auch da kann Trainer Mirko Slomka nicht viel falsch machen.

Bleibt die Baustelle Mittelfeld, wo derzeit neben Ernst und Rakitic der Georgier Levan Kobiashvili auf einen Stammplatz zusteuert. Abhilfe im kreativen Loch sollte eigentlich ein Ghanaer von Fenerbahce Istanbul schaffen. Die Akte Stephen Appiah wurde während der Transferperiode gefühlte zehn Mal geöffnet und direkt wieder geschlossen. Trotz anders lautender Bekundungen aus der Schalker Chefetage könnte Appiah doch wieder ein Thema werden, es wird letztendlich ums liebe Geld gehen und vielleicht springt der russische Sponsor in die Bresche.

Der Trainer

Mirko Slomka hatte es zu Beginn seiner Zeit am Schalker Markt nicht leicht. Als Nachfolger des geschassten Ralf Rangnick wurden ganz andere Namen gehandelt, doch statt Christoph Daum zu holen entschied man sich Co-Trainer Slomka zu befördern.

Der damals 38-Jährige hatte keinerlei Erfahrung als Cheftrainer in der Bundesliga und wurde von vielen Seiten nur als Übergangslösung betrachtet. Doch Slomka schaffte es ein funktionierendes Team zu bilden, mit Entscheidungen wie Marcelo Bordon zum Kapitän zu bestimmen oder den jungen Manuel Neuer zum Stammkeeper zu befördern bewies der Coach das richtige Näschen.

Noch nicht abstellen konnte Slomka die Schalker Unsitte, in wichtigen Spielen ohne Herz und Begeisterung aufzutreten. Da darf man gespannt sein, ob der Lehrer für Mathe und Sport sein Team in dieser Hinsicht weiterbringen kann. Immerhin startet Slomka erstmals als Cheftrainer in der Champions League, dort wollen die Knappen erstmals die Gruppenphase überstehen.

Das Umfeld

Die Schalker Führungsetage glaubt selbst nicht so richtig an den Titel. Aufsichtsratvorsitzender Clemens Tönnies sagte gegenüber der Sport Bild: "Für uns geht es in erster Linie um die direkte Qualifikation zur Champions League, mehr als Platz zwei ist nicht drin."

Für Manager Müller liegt das aber eher an der Aufrüstung der Bayern als an der eigenen Schwäche. "Wir haben erneut eine sehr gute Mannschaft, die oben mitspielen kann", sagte der 44-Jährige zu den Ambitionen seines Clubs.

Mormone Müller pflegt einen anderen Führungsstil als sein Vorgänger Rudi Aussauer, der ehemalige Spieler der Schalker ist eher ein Freund der leiseren Töne und lässt sich auf dem Transfermarkt nicht jeden Preis diktieren, wie im Fall Appiah bewiesen. Trotzdem wird sich der Manager daran messen lassen müssen, dass der Kader zu viele Schwachstellen hat und den höchsten Ansprüchen nicht genügen wird.

Intern könnte es noch zu Problemen mit dem neuen Präsidenten Jupp Schnusenberg kommen. Der ehemalige Finanzchef der Schalker meldet sich, seit er in höchster Verantwortung steht, zu vielen Themen zu Wort und fällt dabei nicht immer die glücklichsten Aussagen.

Zu den Schalker Fans muss man nicht viel sagen. Der Dauerkartenverkauf boomte wie in jedem Jahr, die verspielte Meisterschaft im Feindesland ist weitestgehend verziehen, zur traditionellen Saisoneröffnung kamen unglaubliche 100.000 Zuschauer.

Wunschtraum

Am 19. Mai 1958 feierten die Schalker mit einem 3:0-Sieg im Finale gegen den Hamburger SV die letzte Meisterschaft. Exakt 49 Jahre und 364 Tage später findet der letzte Spieltag der kommenden Saison statt. Wenn es die Knappen tatsächlich schaffen, die 50-jährige Durststrecke um einen Tag zu unterbieten, herrscht um den Ernst-Kuzorra-Weg der Ausnahmezustand.

Albtraum

Keine Sorge, liebe Schalker Fans. In dieser Saison kann der Titel nicht beim schwarzgelben Rivalen aus Dortmund verspielt werden, die Derbys steigen bereits am 2. und am 19. Spieltag. Doch das größte Schreckgespenst hat trotzdem mit dem BVB zu tun: Es hagelt zwei Niederlagen in den Revierschlagern und die Borussia steht erstmals seit 2004 wieder vor den Königsblauen.

Prognose

Die Aussagen von Clemens Tönnies haben gezeigt, dass auch bei den Schalkern selbst der Glaube an die achte Deutsche Meisterschaft fehlt. Herr Tönnies behält Recht, allerdings stürzen die Knappen noch weiter ab - letztlich reicht es nur für Platz fünf.

Marcus Krämer

Lesen Sie Montag: Dieser Verein landet auf Platz vier