So fing alles an: Michael Schumacher (l.) und Ross Brawn 1995 bei Benetton
Sind der beste Ingenieur und der beste Fahrer unserer Zeit ein unschlagbares Team? Wird ohne Nachtanken alles noch langweiliger? Haben die kleinen Teams überhaupt eine Chance? Wie deutsch ist Mercedes? Und warum hat Red Bull seinen eigenen Fahrer vergessen? sportal.de ist gespannt auf die Formel 1 2010.
1) Wie gut harmoniert das alte Traumpaar Ross Brawn und Michael Schumacher? Alle sieben Fahrer-Weltmeistertitel seiner Karriere holte Schumi mit Ross Brawn als technischem Direktor bei Benetton und Ferrari. Brawn, der nebenbei auch noch einen Fahrertitel mit Jenson Button und insgesamt acht Konstrukteurstitel einsammelte, ist ohne Frage das in der Ingenieursszene, was Schumacher als Pilot darstellt: einsame Weltspitze.
Dass beide nun wieder in einem Team zusammen arbeiten, muss der gesamten Konkurrenz eigentlich den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Brawn selbst war es, der Schumacher im Herbst 2009 nach drei Jahren Pause vorschlug, wieder ins Cockpit zurückzukehren, als sich abzeichnete, dass Jenson Button zu McLaren wechseln würde. Gegenüber der BBC gab Schumi die Chance, wieder mit Brawn zusammen zu arbeiten, als entscheidende Motivation für sein Comeback an.
Dass Ross Brawn nichts verlernt hat, hat man in der Vorsaison zur Genüge gesehen. Wie es um Schumacher steht, wird man abwarten müssen. Zumindest scheint die Halsverletzung, die seine geplante Rückkehr zu Ferrari im August verhinderte, mehr oder minder ausgeheilt zu sein. Und das fahrerische Können des Deutschen steht natürlich ohnehin außer Frage.
2) Macht das Tankverbot die Formel 1 langweiliger oder interessanter? Zum ersten Mal seit 1993 dürfen die Teams während des Rennens nicht nachtanken. Davor hatte ein solches Verbot schon zehn Jahre Bestand, aus Sicherheitsgründen, um Tankunfälle zu vermeiden. Darum geht es jetzt nicht mehr, sind doch die Tankanlagen inzwischen viel sicherer geworden. Stattdessen will die FIA mit der Regel verhindern, dass die Rennen wie bisher oft in der Boxengasse durch Tankstoppstrategien entschieden werden.
Das alles heißt natürlich nicht, dass es keine Boxenstopps mehr geben wird, denn Reifen wechseln müssen die Teams weiterhin - die fragwürdige Regel, nach der sowohl harte als auch weiche Reifen während des Rennens verwendet werden müssen, egal, ob die Bedingungen das erfordern, wurde beibehalten, sodass wir weiterhin Pitstops sehen werden. Aber im Prinzip macht es Sinn, so schnell wie möglich an die Box zu fahren, um die Reifen aus dem Qualifying, die die Topteams benutzen müssen, durch neue Pneus zu ersetzen.
Mit dem Nachtanken entfällt ein taktischer Faktor, der Grand Prixs der letzten Jahre oft auszeichnete. Da es auf manchen Kursen sehr schwer war, auf der Strecke zu überholen, waren clever eingesetzte Tankstopps und die Berechnung, mit möglichst leichten Autos Sekunden auf die Konkurrenz herauszufahren, oft die einzige Gelegenheit, noch an der Startaufstellung zu rütteln. Ob 2010 aber wirklich spannendere Rennen bereit hält, oder einfach noch weniger Bewegung als 2008 und davor, bleibt erst mal abzuwarten.
3) Ist Mercedes GP die deutsche Nationalmannschaft? Viele deutsche Medien frohlocken seit Monaten, Mercedes GP sei jetzt ein richtig deutsches Team. Daran stimmt aber nur wenig. Mal ganz davon abgesehen, dass es in einem professionellen Teamsport wie der Formel 1 ohnehin fragwürdig ist, in nationalen Kategorien zu denken, ist Mercedes GP im Prinzip immer noch das gleiche Team wie Brawn GP, mit vielen (meist britischen) Technikern, die schon bei Honda unter dem Teamchef arbeiteten.
Reaktionen:
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Adrian Sutil über Michael Schumacher: "Er ist so erfahren und professionell wie kein anderer. Wenn der Mercedes läuft, wovon ich ausgehe, wird er vorne mitfahren."
Der Hauptunterschied zu letzter Saison (und zu der Zeit, als Mercedes-Benz noch mit McLaren kooperierte) besteht natürlich darin, dass jetzt zwei deutsche Fahrer unter Vertrag stehen (und mit Nick Heidfeld auch noch ein Testfahrer mit deutschem Pass). Da es aber noch vier weitere deutsche Fahrer gibt, zieht auch dieses Argument nicht so ganz. Das erinnert etwas an die Zeiten, da im Radsport das Team Telekom (später T-Mobile) von der ARD als eine Art deutsche Nationalmannschaft behandelt wurde, obgleich die Teamchefs aus Belgien kamen und mit Gerolsteiner ein weiterer deutscher Rennstall aktiv war.
Sicher werden manche Medien der Versuchung erliegen, die (tatsächlich sehr brisante) Rivalität zwischen McLaren und Ex-Partner Mercedes als "englisch-deutsches Duell" zu verkaufen, sitzen doch bei McLaren zwei Briten im Cockpit (und mit Gary Paffett ein weiterer Brite als Testpilot). Aber im Grunde geht es doch um das Duell zweier britischer Rennställe, die beide mit deutschen Motoren fahren. Und vor allem ist die Formel 1 ein Mannschaftssport, in dem Unmengen von Technikern und Konstrukteuren gemeinsam mit den Fahrern daran arbeiten, ihre Autos immer weiter zu optimieren. Und das nicht für irgendeine Nation, sondern für ihr Team.
4) Gibt es erneut die Big Four? Zwischen 1984 und 2008 gewannen nur Fahrer aus vier Teams die Formel 1-WM: McLaren, Williams, Renault (zwischendurch als Benetton) und Ferrari. Diese Großen Vier bildeten ein unangreifbares Kartell, das erst in der vergangenen Saison durch Ross Brawn und sein Privatteam durchbrochen wurde. Inzwischen sind einige der großen Hersteller aus Kostengründen ausgestiegen, und es wimmelt in der Formel 1 nur so von kleinen Teams.
Heißt das nun, dass die totale Anarchie einzieht und jeder Rennstall um den Sieg mitfährt? Wohl kaum. Vielmehr hat es die Teamvereinigung FOTA geschafft, die von der FIA geplanten restriktiven Budgetgrenzen so weit aufzuweichen, dass die großen Hersteller nach wie vor relativ viel Geld in die Entwicklung ihrer Autos stecken dürfen. Zwar kann während der Saison nicht getestet werden, aber die Erfahrung von 2009 zeigt, dass das den im Laufe des Jahres immer stärker werdenden Nachteil der kleinen Rennställe nicht ausgleichen kann.
So rettete sich das im Frühjahr so überragende Brawn-Team am Ende mit Hängen und Würgen ins Ziel. Zwar offenbarte auch Ferrari im Herbst Schwächen, aber man darf annehmen, dass die Scuderia einfach schon das Auto für 2010 vorbereitet hat und die Saison abschenkte. Ferrari wird vermutlich ebenso wie McLaren, Mercedes GP und Red Bull zu den Sieganwärtern in Konstrukteurs- und Fahrer-WM zählen. Gut möglich, dass wir in den ersten Rennen des Jahres Sauber oder Williams, vielleicht sogar Force India mal auf dem Treppchen sehen. Aber spätestens ab Mai dürfte sich das erledigt haben und die Formel 1-WM eine ähnlich hermetische Spitzengruppe aufweisen wie die englische Premier League.
5) Warum spricht eigentlich niemand über Mark Webber? Keine Frage: Sebastian Vettel ist einer der talentiertesten Formel 1-Fahrer der letzten 20 Jahre und darf sich berechtigte Hoffnungen auf den Weltmeistertitel innerhalb der nächsten Jahre machen. Red Bull investiert genug, um wieder ein konkurrenzfähiges Auto am Start zu haben. Schon die letzten drei Rennen 2009 gewann der Rennstall, und Adrian Newey scheint beim Design des RB6 erneut ganze Arbeit geleistet zu haben, denn die Testergebnisse im Winter waren beeindruckend.
Wie schon unter Frage 4) angedeutet, sollte Red Bull also zu den Großen Vier der Saison 2010 gehören. Heißt das, dass Vettel Weltmeister wird? Natürlich nicht zwingend, denn die Konkurrenz ist stark, und speziell Fernando Alonso, Lewis Hamilton und Jenson Button werden ernsthafte Ambitionen auf den Titel anmelden, und bei Michael Schumacher sollte man zumindest nichts ausschließen. Aber Chancen hat Vettel in jedem Fall. Doch der Heppenheimer ist ja nicht der einzige Pilot im Team. Und auch wenn die Leser des Kicker in einer Online-Umfrage zu fast 97 Prozent abstimmten, Vettel werde das teaminterne Duell gewinnen, sollte man Mark Webber wirklich nicht abschreiben.
Der Australier gewann in der vergangenen Saison seine ersten beiden Grand Prixs und stand insgesamt achtmal auf dem Podium. Sicher sprechen viele Faktoren für Vettel. Aber dass selbst Red Bull-Teamchef Christian Horner bei der Aufzählung der WM-Aspiranten seinen eigenen Fahrer Webber vergaß, wie in dieser Woche in Bahrain, erscheint uns nicht ganz fair. Wir wollen Sie nicht zum illegalen Glücksspiel ermutigen. Aber manche Buchmacher zahlen für Webber als Fahrerweltmeister fast 20 für 1. Muss man nicht machen. Aber wenn man gerade Geld zur Hand hat...
Während sich Lotus den Status des Geheimfavoriten erfuhr, standen bei Red Bull und Ferrari zu oft die Räder still. Es wurde getestet und gemessen, am Ende waren alle zufrieden, aber nicht gleichauf. sportal.de hat die ersten Erkenntnisse.