Ebenfalls im Fokus der Kritik: DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke
Mehrere Klubs in finanzieller Schieflage, Kritik aus den eigenen Reihen und Fans auf den Barrikaden: In der Deutschen Eishockey-Liga rumort es ganz gewaltig. So wie jetzt, kann es nicht weitergehen. sportal.de beleuchtet die immer größer werdenden Turbulenzen, in denen sich die Liga befindet.
Kurz bevor sich in Vancouver Kanada und die USA in einem faszinierenden Olympia-Finale um die Krone im Welteishockey duellieren, kommt aus Köln die Hiobsbotschaft. Die Haie, einer der größten Traditionsklubs Deutschlands, stehen kurz vor der Pleite. Mindestens 500.000 Euro fehlen in den Kassen der Kölner, vermutlich sogar noch viel mehr. Ohne Hilfe ist eine Insolvenz unabwendbar. Und damit auch der Verlust eines Aushängeschilds. Noch kämpft der Verein um das Überleben, hat durch diverse Rettungsaktionen schon über 200.000 Euro zusammengekratzt. Ob die Bemühungen ausreichen, weiß noch niemand.
Die DEL ins Mark getroffen
Die Nachricht aus Köln schlug ein wie eine Bombe. Und traf die DEL ins Mark. Wischten die Verantwortlichen in den Jahren zuvor Kritik jeglicher Art stets mit Argumenten des wirtschaftlichen Erfolgs beiseite, ist der Traum einer finanziell-intakten Liga nunmehr ausgeträumt. Wurden die Gründe der Nürnberger Insolvenz im vergangenen Jahr auf fehlerhafte Vereinsführung in Franken reduziert, ist heute klar, dass sie nur der Anfang einer Entwicklung waren. Neben den Haien befinden sich auch Kassel, wo seit Mitte Januar keine Gehälter mehr gezahlt werden, und Krefeld in schwerer finanzieller Schieflage. Eine Insolvenz ist auch an diesen beiden Standorten nicht auszuschließen.
Sicherlich, für Finanzprobleme sind die Vereine auch selber verantwortlich. Dass die Haie über ihre Verhältnissen investiert haben, ist zwar nicht Verschulden der Liga. Dennoch bleibt die Frage, warum die Lizenzprüfung, wofür sich die Ligazentrale in Köln immer rühmt, keines der finanziellen Desaster vorhersah und die DEL-Verantwortlichen keinem der Klubs auf die Finger klopften.
Es mutet schon befremdlich an, dass DEL-Geschäftsführer Tripcke den gleichen Gehaltsetat der Kölner, den seine Organisation vor der Saison als unbedenklich eingestuft hatte, nun plötzlich als überzogen bewertet. Und: Eine solche breite und ligaweite Entwicklung kann gewiss nicht nur auf die Misswirtschaft in den Klubs abgewälzt werden.
Gerade in dieser Situation waren die Töne, die Nürnbergs Geldgeber Thomas Sabo anschlug, umso unangenehmer für die DEL. Öffentlich sprach der Inhaber des gleichnamigen Schmuckherstellers über die Missstände in Deutschlands höchster Spielklasse. Insbesondere das wirtschaftliche Gebaren, der unausgegorene Modus und die schwache TV-Präsenz sind Sabo ein Dorn im Auge. Damit spricht Sabo aus, was viele Fans denken und was auch sportal.de erst vor kurzem an dieser Stelle angeprangert hatte.
Fans auf den Barrikaden
Die Anhänger der DEL-Vereine wollen in einer gemeinsamen Aktion ebenfalls ein Ausrufezeichen setzen und gegen die Zustände im deutschen Eishockey protestieren. Am kommenden Spieltag findet die von Mannheimer Anhängern ins Leben gerufene Initiative „Spieltag 58" statt, bei der die Fans aller Klubs aufgerufen sind, in schwarzer Kleidung zu den Partien zu erscheinen und somit symbolisch um das deutsche Eishockey zu trauern.
Obwohl die Umsetzung der Aktion nicht sonderlich durchdacht ablief und innerhalb kürzester Zeit versucht wurde, Deutschland-weite Beachtung zu finden, ohne vorher ein kluges Konzept zu entwickeln, haben die Mannheimer Anhänger mittlerweile viele Mitstreiter gefunden. Schwerpunkt des Protests wird das Heimspiel der Adler gegen die Kölner Haie am kommenden Dienstag sein, das auch Bezahlsender Sky live überträgt.
Regelauslegung im Zentrum der Kritik
Im Mittelpunkt steht dabei die Kritik an der Regelauslegung der Schiedsrichter, die durch oft kleinliche Spielleitung das DEL-Eishockey seit Jahren systematisch eines Großteils seiner Leidenschaft beraubten. Die Olympischen Spiele in Vancouver führten den Fans eindrucksvoll vor Augen, welch atemberaubende Faszination diese Sportart doch ausübt, wenn körperliche Härte und krachende Checks nicht unterbunden werden, wie es in der DEL oftmals der Fall ist.
Bei aller Systemproblematik leidet das Eishockey seit Jahren genau unter dieser Entwicklung des "Produkts", wie das sportliche Geschehen auf dem Eis von den Verantwortlichen so gerne tituliert wird. Scheinbar haben viele in der DEL vergessen, dass die Zuschauer des Sports wegen in die Arena kommen und nicht um ein zweifelhaftes Event rund um die Eishockeypartie zu bewundern.
Überraschend zustimmend und gesprächsbereit reagierte Geschäftsführer Gernot Tripcke, der den Fans in vielen Punkten sogar grundsätzlich Recht gab, auch wenn er die Initiative als kontraproduktiv bezeichnete. Bei den Klubverantwortlichen scheint das Bewusstsein für die Problematik geschärft worden zu sein. So entwickeln sich innerhalb der Liga immer stärker werdende Meinungsverschiedenheiten über den Weg, den man zukünftig in der Spiel- und Regelauslegung gehen will. Kritikpunkte stehen auf der Agenda.
Was macht die Schiedsrichtergilde?
Eine erste Maßnahme wird wahrscheinlich bereits im Sommer getroffen. Die automatische Sperre nach einer Spieldauerstrafe, die es seit Ende der neunziger Jahre weltweit nur in der DEL gab, soll abgeschafft werden. Damit würde den Spielern der Druck genommen, sich durch einen harten Check oder eine handgreifliche Auseinandersetzung direkt der Gefahr auszusetzen, für eine ganze Partie zuschauen zu müssen. Auch die Auslegungsfragen bei Checks stehen auf der Agenda, wenn DEL- und Klubverantwortliche im Sommer zusammentreffen, so versichert Tripcke.
Doch selbst wenn sich die DEL auf neue Richtlinien einigt, die Schiedsrichtergilde muss diese immer noch umsetzen. Problematisch ist das, da an deren Spitze mit Holger Gerstberger der womöglich größte Gegner harten Eishockeys in einer verantwortlichen Position sitzt. Schon vor vier Jahren untergrub der Schiedsrichterbeauftragte eine von den Gesellschaftern der DEL beschlossene Änderung, Raufereien zukünftig nicht mehr mit einer Spieldauerstrafe, sondern nur noch mit 14 Strafminuten zu ahnden.
Öffentlich tat Gerstberger damals seinen Unmut über diese Entscheidung kund, versicherte, dass seine Schiedsrichter sich nur in Ausnahmefällen daran halten werden und verschwieg ausländischen Gastreferees die Änderung, so dass diese weiterhin Matchstrafen verteilten. Zwar hat sich die damals beschlossene Variante bis heute vielfach durchgesetzt, dennoch gibt es nach wie vor Schiedsrichter, die sich davor verschließen.
Ein Umdenken ist dringend notwendig
Nach der WM 2008 in Kanada und den diesjährigen Olympischen Spielen bezog Gerstberger erneut Position gegen das harte körperliche Spiel bei beiden Turnieren. Ob er damit der richtige Mann ist, um einen ernsthaften Kurswechsel auf diesem Gebiet in der DEL durchzusetzen und mit zu tragen, ist äußerst fraglich.
Es bleibt nur zu hoffen, dass in der DEL langsam, aber sicher ein Umdenken stattfindet. Mittlerweile sollte auch den Verantwortlichen durch die Fülle an Problemen und den Gegenwind aus allen Richtungen die Ernsthaftigkeit umfangreicher Änderungen bewusst geworden sein. Der immer rasanter werdende Attraktivitätsverlust der Liga sorgt auch dafür, dass ihr immer mehr eingefleischte Fans den Rücken zuwenden.
Dabei sind es genau diese Anhänger, die mit ihrer riesigen Verbundenheit das Eishockey seit Jahren am Leben erhalten, Jahr für Jahr per Dauerkarte ihren finanziellen Beitrag leisten und für die dringend benötigte - und von den Klubs gewünschte - "Folklore" rund ums Eis sorgen. Bricht diese Klientel endgültig weg, wird die DEL die sich jetzt abzeichnende Zerreißprobe wohl kaum ohne noch größeren Schaden überstehen.