Bill Stewart: ''Lasst uns die Strumpfhosen ausziehen.
Halbvolle Hallen, frustrierte Fans und langweilige Spiele bestimmen das Bild der Deutschen Eishockey-Liga in der Öffentlichkeit. Besserung ist leider nicht in Sicht. sportal.de will die Diskussion wieder beleben und stellt zehn Vorschläge in den Raum, die der DEL sicherlich gut täten.
1. Rückkehr zu alten Tugenden Eishockey muss endlich wieder Eishockey werden. Oder wie der Kölner Trainer Bill Stewart es ausdrückte: "Lasst uns endlich die Strumpfhosen ausziehen und wieder wie Männer Eishockey spielen." Noch immer wird hartes Körperspiel viel zu häufig durch die Schiedsrichter unterbunden, werden Checks geahndet, die völlig regelkonform waren.
Dabei sind gerade krachende Checks, harte Zweikämpfe an der Bande und auch der eine oder andere Fight seit jeher das Salz in der Suppe. Immer wieder werden in der DEL kämpfende Spieler unter die Dusche geschickt, obwohl seit dreieinhalb Jahren eine mildere Auslegung greifen soll. In der NHL werden Faustkämpfe mit einer Großen Strafe (= 5 Minuten) geahndet - eine Auslegung, die sich viele Fans und Spieler auch in Deutschland wünschen.
Selbst die russische KHL verhängt immer seltener Spieldauerstrafen gegen kämpfende Spieler. Das Konzept, Eishockey durch weniger Härte familienfreundlicher zu machen, darf getrost als gescheitert betrachtet werden. Zumal die ohnehin wenig zahlungskräftige Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen aufgrund der zahlreichen Wochentagsspiele und späten Anpfiffzeiten immer seltener den Weg in die Hallen findet.
2. Auf- und Abstieg wieder einführen Die Abschaffung des Abstiegs widerspricht nicht nur dem Sport-Bewusstsein in Deutschland, sondern führt neben dem aufgeblähten Spielplan zu mehr Spielen ohne Spannung und Bedeutung. Das Beispiel Duisburg sollte Abschreckung genug gewesen sein.
In dieser Saison ist es Hamburg, das seit Wochen chancenlos am Tabellenende umher dümpelt und wo die Spielzeit 09/10 schon zur bedeutungslosen "Übergangssaison" deklariert wurde. Niemand braucht konkurrenz-unfähige Teams, die die Hälfte der Spiele kampf- und lustlos abspulen.
Das wird von vielen Dauerkarten-Inhabern nicht ganz zu Unrecht als "Betrug" empfunden und vergrault zudem die dringend benötigte Laufkundschaft. Dabei könnten in dieser Saison Spiele zum Beispiel zwischen Hamburg und Kassel oder Straubing ihren eigenen Reiz haben, wenn es um den Klassenerhalt ginge.
3. Spielplan endgültig bereinigen Diese Forderung schließt sich nahtlos an Punkt 2 an. Dazu gehört auch, dass die quälend lange Hauptrunde endlich gestrafft wird. Die Inflation der Punktspiele mindert den Wert der einzelnen Begegnungen, zumal Spieler und Offizielle fatalerweise immer wieder öffentlich darauf hinweisen, dass die Saison eigentlich erst im Januar so langsam richtig beginnt.
Warum sollen Zuschauer Geld für Spiele in den ersten Monaten einer Saison auf den Tisch legen, die von den Protagonisten selbst als bedeutungslos angesehen werden - und es ja tatsächlich auch sind. Hinzu kommt noch, dass der übervolle Terminkalender zu immer mehr Wochentagsspielen zwingt, die logischerweise nur eingeschränktes Zuschauerinteresse finden. Ohnehin ist die Fülle der Spiele für viele Fans kaum noch zu finanzieren.
Zur Bereinigung gehört auch die Abschaffung der sogenannten Pre-Playoffs. Wie will man einem Außenstehenden erklären, dass Teams, die 56 Spiele mehr schlecht als recht agiert haben, plötzlich wieder eine Chance bekommen, doch noch Deutscher Meister zu werden? Was bei den Playoffs noch akzeptiert wird, ist bei dieser künstlich aufgepropften "Loser-Runde" beim Publikum gänzlich durchgefallen. Die dürftige Zuschauer-Resonanz bei den bisherigen Pre-Playoffs spricht Bände.
Das Ziel kann nur sein: Weniger Spiele mit mehr Spannung und Qualität vor volleren Rängen. Aus sportlichen und letzlich auch aus wirtschaftlichen Gründen.
4. Das ewige Schiedsrichter-Problem
In kaum einer anderen Sportart wird der Charakter - und leider häufig auch der Ausgang - eines Spiels so sehr durch die Schiedsrichter beeinflusst wie beim Eishockey. Bezeichnend der Satz des Berliner Coachs Don Jackson nach dem Spiel seiner Eisbären gegen Hannover: "Heute haben wir vier Schiedsrichter bezahlt - für was eigentlich?"
Der Glaube, dass zwei Hauptschiedsrichter mehr sehen als einer, hat sich als ebenso falsch erwiesen, wie die Erwartung, dass ein zum Profi erklärter Schiedsrichter automatisch besser pfeift, weil er mehr Geld für seinen Einsatz erhält. Damit uns niemand falsch versteht: Schiedsrichter sollen und müssen für ihren schwierigen Job gut bezahlt werden, aber ohne eine bessere Ausbildung sind alle anderen Maßnahmen wertlos.
Bessere und gründlichere Regelausbildung sowie intensivere Schulung in den psychologischen Bereichen wie Auftreten und Verhalten, Körpersprache und Gestik kosten sicherlich Geld, aber solange die Klubs das lieber mittelmäßigen und unterdurchschnittlichen Spielern hinterher werfen und nicht bereit sind, in Schiedsrichter-Ausbildung zu investieren, wird sich hier nichts ändern.
Vielleicht sollte auch die eine oder andere Regeländerung den Unparteiischen das Leben etwas leichter machen. Natürlich ist die DEL hier auch vom internationalen Verband abhängig, das ändert aber nichts daran, dass Vereinfachungen zum Beispiel bei Themen wie "Maskenschuss" ,"Schlittschuh-Tor" oder "Torraum-Abseits" Konfliktpotential beseitigen und somit das Spiel für alle Beteiligten inklusive Zuschauer transparenter machen würden.
Eine einheitliche Regelauslegung ist für gute und konstante Schiedsrichterleistungen das A und O. Noch immer gibt es zwischen den verschiedenen Offiziellen viel zu große Diskrepanzen. Oftmals ist es sogar so, dass ein und derselbe Schiedsrichter seine Linie während einer Begegnung mehrmals ändert und auch von Spiel zu Spiel viel zu schwankend agiert, als dass sich die Akteure verlässlich darauf einstellen könnten.
Im Gegenzug müssen auch die Spieler und Verantwortlichen ihr Verhalten gegenüber den Schiedsrichtern überdenken. Durch unaufhörliche und scharfe öffentliche Kritik wird die Autorität der Unparteiischen bei Fans und Medien untergraben und so eine vergiftete Atmosphäre zwischen beiden Parteien geschaffen. Hier gilt es eine solide Basis für ein erfolgreiches Miteinander zu finden.
5. Modifizierung der Ausländerregelung Ob eine Reduzierung der Ausländerlanzahl zum jetzigen Zeitpunkt sinnvoll ist, da streiten sich die Geister. Einerseits tummeln sich in der DEL zuviele mittelklassige Ausländer, anderseits fehlt es an qualitativ guten einheimischen Spielern, die deren Rolle adäquat erfüllen können. Generell ist eine Reduzierung der Kontingentspieler natürlich wünschenswert, heute aber womöglich noch nicht umsetzbar.
Dafür könnte das System der Lizenzvergabe verändert werden. Sobald ein ausländischer Akteur eine Lizenz in Anspruch nimmt, ist diese für die komplette Spielzeit blockiert. Anders in der Schweiz, dort können die vorhandenen Lizenzen von verschieden vielen Ausländern belegt werden. Eine Regelung, die auch hierzulande sinnvoll wäre. So können Klubs besser auf Verletzungsausfälle reagieren und haben eher die Möglichkeit, sich von Fehleinkäufen und Enttäuschungen zu trennen, ohne dadurch deren Lizenz zu verlieren.
6. Schluss mit zu frühen Vertragsverhandlungen Sicherlich ist der "Fall Pätzold" extrem. Zur Erinnerung: Der bis dahin in Nordamerika tätige Pätzold hatte einen Vertrag bei den Hannover Scorpions unterschrieben und erklärte, kaum dass er in Niedersachsen angekommen war, dass er zum Saisonende nach Ingolstadt wechseln würde. Gemeint ist hier aber noch mehr die ligaweite Angewohnheit, schon lange vor dem Jahreswechsel nach neuen Spielern Ausschau zu halten.
Mehr noch: Es werden vor Weihnachten bereits Verhandlungen mit neuen Spielern geführt und nicht selten auch Verträge mit diesen für die folgende Saison geschlossen. Das ist nicht nur sportlich betrachtet unsinnig, sondern fördert zugleich das Söldnerverhalten unter den Spielern und führt zur Entfremdung zwischen Akteur und Klub, was wiederrum die Identifizierung der Fans mit ihrem Team behindert.
Diese so oft gescholtene Söldner-Mentalität trägt ebenfalls dazu bei, dass die sportliche Glaubwürdigkeit der Liga immer mehr Schaden nimmt. Mit einem Gentleman-Agreement könnten sich alle Klubs darauf einigen, derartige Vertragsverhandlungen mit Spielern anderer DEL-Klubs frühestens nach Ablauf der Hauptrunde oder gar nach Beendigung der Saison zu führen.
7. Mehr Wert auf Nachwuchsförderung Es gibt lobenswerte Beispiel unter den DEL-Klubs aber auch immer noch genügend Schwarze Schafe, bei denen die Förderung des Nachwuchses keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt. Zwar gibt es heute schon Sanktionen gegen solche Vereine, aber die reichen bei Weitem nicht aus. Warum sollte ein uneinsichtiger Klub Geld für eine eigene Nachwuchsabteilung ausgeben, wenn die Strafe für den Verzicht darauf weitaus geringer ist?
8. Mehr Konstanz, mehr Transparenz Kaum eine andere Liga hierzulande ändert derart häufig ihre Regularien wie die DEL. Aber selten einmal brachten die jährlich wiederkehrenden Reformen bei Spielplan, Regelauslegung und anderen Rahmenbedingungen wirklich Besserung.
Statt von Saison zu Saison Neues und oftmals Unverständliches auszuprobieren, müsste endlich ein wohl durchdachtes Konzept her, dass wirklich greift, längeren Bestand hat und der eishockey-interessierten Öffentlichkeit auch plausibel und verständlich dargelegt wird. Wie soll das deutsche Sport-Publikum ein System verstehen, wenn selbst eingefleischte Fans, aber auch Spieler und Offizielle bei den ständigen Änderungen kaum mehr hinterher kommen.
9. Verbesserte Außendarstellung Natürlich steht Eishockey in Deutschland im Schatten des übermächtigen Fußballs. Daran wird sich auch nichts ändern. Aber das Eishockey zunehmend nur noch von einer immer geringer werden Anzahl von Insidern wahr genommen wird, ist überwiegend hausgemacht. Noch immer findet diese Sportart fast ausschließlich im Pay-TV statt.
Die breite Masse der Sportinteressierten in unserem Land erfährt nur sporadisch etwas über Eishockey in den anderen Sendern. Der Grund ist der in den Neunzigern geschlossene Quasi-Exklusivvertrag mit DF1, heute Sky. Galt in der Anfangszeit wenigstens noch das Argument eines veritablen Geldflusses an die Vereine, so hat sich dies mitterlweile geändert. Noch nie erhielten die DEL-Teams so wenig Geld aus dem TV-Vertrag wie jetzt.
Aber auch von den vertraglichen Bindungen abgesehen, ist es sicherlich keine leichte Aufgabe, dem Eishockey wieder eine breitere Medienpräsenz zu verschaffen. Dennoch ist es aller Mühen und sicherlich auch Geld wert, die Anstrengungen auf dem Gebiet der Außendarstellung zu steigern. Die DEL als "Closed Shop" wird weder sportlich noch wirtschaftlich auf einen "grünen Zweig" kommen.
10. Mehr Unterstützung für die Nationalmannschaft Ein erfolgreiches Nationalteam ist das Aushängeschild für das deutsche Eishockey und wäre auch für die Liga Gold wert. Insbesondere in diesem Jahr mit Heim-Weltmeisterschaft und Olympia. Damit erreicht die Nationalmannschaft eine öffentliche Präsenz, von der die Liga nur träumen kann. Ein erfolgreiches Abschneiden kann für die DEL einen enormen Schub bedeuten.
Bestes Beispiel dafür sind die Handballer. Nach dem WM-Sieg Deutschlands 2007 boomte in der Folge auch die Liga. Um den Erfolg der Nationalmannschaft sicherzustellen, ist auch die DEL in der Pflicht. Neben einer fruchtbaren Nachwuchsförderung, gilt es auch im Terminkalender auf den DEB zuzukommen. Eine kürzere Hauptrunde würde dem Nationalteam mehr Vorbereitungszeit zugestehen. In den letzten Jahren war die DEL stets eine der europäischen Ligen, die ihren Meister am spätesten kürte. Folge: Weniger WM-Vorbereitungszeit für die Nationalmannschaft.