Faire Checks, viele Strafen: Hamburgs Verteidiger Jere Karalahti
Die Deutsche Eishockey-Liga leidet unter Zuschauerschwund. Viele Experten sehen den Grund im fehlenden Abstieg und dem ständig wechselnden Meisterschaftsmodus. sportal.de hat noch einen ganz anderen Grund ausgemacht: Den Spielen der DEL fehlt Leidenschaft und Emotion.
Eishockey ist eine faszinierende Sportart. Spielerische Raffinesse, atemberaubende Schnelligkeit gepaart mit krachenden Checks, knallharten Zweikämpfen und jeder Menge Emotionen ergeben eine einzigartige Mischung. Eishockey - das sind 60 Minuten Kampf, Leidenschaft und Action. Oder besser gesagt, sollten es sein. Denn gerade in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) bleiben diese Attribute zunehmend auf der Strecke.
Immer wieder und immer öfter branden Diskussionen um das sinkende Zuschauerinteresse auf. Fehlender Abstieg, Spielmodus, Anzahl der Ausländer - viele Argumente werden ins Feld geführt um das sinkende Interesse der Fans zu erklären. Doch oftmals wird bei all den Diskussionen der Blick auf das Wesentliche vergessen: die Attraktivität des Spiels.
Null-Toleranz, wenig Emotion
Denn in Deutschlands Eliteklasse stimmt die Mischung Eishockey schon längst nicht mehr. Spätestens seit Einführung der sogenannten Null-Toleranz-Auslegung sind die meisten DEL-Begegnungen zu emotionslosen Spielen verkommen. Mit Profis, die nur allzu häufig ihren Job ohne Leidenschaft und mit gebremstem Einsatz zum Ärger der zahlenden Zuschauer herunterspulen.
Die Null-Toleranz richtet sich gegen jede Form von Fouls, die den Offensivspieler in seiner Wirkung einschränken. Vornehmlich sind das Haken, Halten und Behinderung. Ziel der nach NHL-Vorbild eingeführten verschärften Regelauslegung war und ist es, den offensivstarken Spielern mehr Freiraum zu verschaffen und so ein schnelleres und vermeintlich attraktiveres Spiel zu ermöglichen. Doch die erhoffte spielerische Verbesserung trat nicht ein, das Spielniveau hat durch die Änderung keinen Sprung nach oben gemacht. Eher sind viele Spiele durch die Flut an Strafzeiten und den abgehackten Spielfluss wesentlich unansehnlicher geworden.
Harte Checks im Visier der Referees
Daneben gibt es aber auch noch einen weiteren Grund dafür, dass es dem Eishockey in Deutschland deutlich an Brisanz und Dynamik fehlt. Körperlich robustes Spiel ist in der DEL ein umstrittenes Thema. Harte Checks stehen auf der Straf-Agenda der deutschen Unparteiischen ganz oben.
„Es war schon immer so, dass die Schiedsrichter in Deutschland bei einem harten Check meistens eine Strafe geben, egal ob er sauber war oder nicht", bestätigt auch Rob Leask (37), seit fast 13 Jahren in der DEL als Verteidiger aktiv, im Interview mit sportal.de.
„Wir stellen uns auf die Schiedsrichter ein"
Geht ein Spieler energisch und mit vollem Einsatz in einen Zweikampf an der Bande, ist der Arm des Schiedsrichters schnell oben. „Wir Spieler stellen uns natürlich auf die Schiedsrichter ein und lernen, wie sie pfeifen", sagt Leask und fügt an „als Spieler versuchst du jede Strafe zu vermeiden, weil du deiner Mannschaft natürlich nicht schaden willst".
Die Folge ist offensichtlich: Durch die oftmals (zu) kleinliche Regelauslegung in allen Bereichen des Spiels werden die Akteure auf dem Eis vorsichtiger, ziehen öfter zurück, gehen aus Angst vor Strafen nicht mit voller Kraft in jeden Zweikampf. So verliert die Kontaktsportart Eishockey schnell an Intensität. Und damit an Emotion und Leidenschaft..
Enttäuschung bei Fans und „Eventies" gleichermaßen
Die aktuelle Saison ist ein Musterbeispiel dafür. Selten haben die Anhänger deutschlandweit so oft und enttäuscht über fehlenden Einsatz, fehlenden Kampf und fehlende Leidenschaft geklagt. Dass diese Vorwürfe bei Teams wie Hamburg, Ingolstadt oder Köln laut werden, die weit hinter den Erwartungen zurückblieben, ist nicht verwunderlich. Neu ist, dass auch Fans der besser platzierten Mannschaften wie Düsseldorf, Frankfurt oder Mannheim über die gleichen Phänomene klagen.
Neben den eingefleischten Eishockeyfans wird die DEL aber auch immer weniger den Gelegenheitszuschauern gerecht. Alle Eventmaßnahmen vor, nach und während des Spiels sind vergebene Mühe, wenn das eigentliche Event, das Spiel an sich, nur für wenig Unterhaltung taugt. Gerade diesen Zuschauern ist es reichlich gleichgültig, ob ein Abstieg ausgespielt wird oder nicht. Action auf dem Eis ist bei dieser Zielgruppe das beste Argument. Härte und die eine oder andere Rangelei auf dem Eis entsprechen durchaus auch den Erwartungen der meisten sogenannten „Eventies".
Doch diese Bedürfnisse werden in Deutschlands Eisarenen nur noch selten befriedigt. Nur allzu oft nehmen die Schiedsrichter durch ihre offensichtliche Abneigung gegen körperliches Spiel jegliche Luft aus den Partien. Wenn es ordentlich an der Bande kracht, ist eine Strafe für den checkenden Spieler oftmals vorprogrammiert.
Karalahti: Faire Checks, viele Strafen
Einer, der dies immer wieder schmerzlich erfahren muss, ist Hamburgs Abwehrrecke Jere Karalahti. Der Finne, bei zwei Weltmeisterschaften ins Allstar-Team berufen, ist für sein körperbetontes Spiel bekannt.
„Nur hartes Eishockey, ist gutes Eishockey", lautet sein Credo. Gefürchtet für die Kompromisslosigkeit seiner Checks, ist Karalahti aber auch für deren saubere Ausführung bekannt. Kaum ein Spieler seiner physischen Präsenz setzt seine Checks so sauber wie der einstige Weltklasse-Verteidiger. Wie es die Regel vorschreibt, mit angelegter Schulter und ohne das Eis mit den Füßen zu verlassen, gab er seinen Kontrahenten zu Beginn dieser Saison reihenweise die typisch finnische Standfestigkeit zu spüren.
Strafen hat Karalahti dafür reichlich kassiert und ist unter den „bösen Buben" der Liga ganz vorne zu finden. Mittlerweile gibt er sich immer zurückhaltender, fährt viele Checks nicht mehr zu Ende. „Das meine ich damit, wenn ich sage, die Spieler lernen", erklärt Leask die Anpassung des finnischen Abwehr-Hünen an die für ihn ungewohnt strenge Regelauslegung der deutschen Schiedsrichter.
Viermal länger auf der Strafbank
Schon ein statistischer Vergleich spricht Bände. Während Karalahti in seiner ersten DEL-Saison bisher 114 Strafminuten in 41 Partien kassierte, musste er in 149 NHL-Spielen lediglich für 97 Minuten auf die Strafbank. In der DEL bekommt Karalahti im Schnitt 2,8 Strafminuten pro Partie, in Nordamerika waren es gerade einmal 0,65. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Und dabei geht es nicht nur ihm so. Die meisten Nordamerikaner, die das physische Spiel lieben, finden sich in der DEL ständig für Checks in der Kühlbox wieder, für die sie in ihrer Heimat Applaus oder gar „Standing Ovations" bekommen hätten.
Vorbild NHL-Schiedsrichter
„Nicht jeder harte Check ist auch unsauber", bringt es Leask auf den Punkt. „Die Schiedsrichter hier könnten von ihren Kollegen in Nordamerika viel lernen", sagt der Deutsch-Kanadier und zielt dabei nicht nur auf das Thema Checks ab. Die NHL-Referees haben ein ganz anderes Selbstverständnis. Sie sehen sich als Teil des Spiels und versuchen, den Fans zusammen mit den aktiven Akteuren ein gutes und ansehnliches Eishockeyspiel zu präsentieren.
Ihr Hauptaugenmerk liegt auf einer ruhigen und unauffälligen Leitung der Partie, während sich ein Großteil ihrer deutschen Kollegen oftmals eher in der Rolle des „Strafrichters" gefallen. Vielfach wird dadurch bei den Fans der Eindruck erzeugt, als würden sich hierzulande die Schiedsrichter allzu sehr in den Mittelpunkt drängen wollen. Verlust der ursprünglichen Faszination
Dabei gibt es auch in dieser Saison ausreichend Beispiele dafür, dass ein zurückhaltender Umgang mit Strafen dem Spielfluss zugute kommt und das Geschehen auf dem Eis für Spieler und Zuschauer gleichermaßen attraktiver macht.
Die Verantwortlichen der Deutschen Eishockey-Liga und der Klubs wären gut beraten, sich darüber Gedanken zu machen, wo die Faszination des Eishockeys wirklich liegt. Immer mehr große und komfortable Arenen, glitzernde Einlaufshows und das verzweifelte Suchen nach neuen Marketing-Ideen sind das eine - aber ohne echten Sport, schnell, hart und rasant, verliert Eishockey immer mehr von seiner ursprünglichen Faszination.
Wie sagte der ehemalige Mannheimer Meistertrainer Bill Stewart: „Lasst uns die Strumpfhosen ausziehen und wieder wie Männer Eishockey spielen".