
Giovanni Lorenzo
Am 4. September kehrt Felix Sturm nach 14-monatiger Pause in den Box-Ring zurück. Der WBA Super Champion im Mittelgewicht verteidigt seinen Titel zum ersten Mal unter eigener Regie und hat sich kurzerhand selbst in den Fokus seiner eigenen Marketing-Kampagne gestellt.
Auf dem offiziellen Kampfplakat ist nur Sturm zu sehen und auch beim übertragenden Fernsehsender SAT.1 konzentriert man sich voll und ganz auf den deutschen Star. Während Deutschland über Sturm redet, stellt sportal.de den Gegner vor und lässt ihn reden.
Die zweite Chance
Für Giovanni Lorenzo ist es bereits der zweite Anlauf in Deutschland einen WM-Titel zu gewinnen. Vor fast genau einem Jahr - am 19. September 2009 - stand der 29-Jährige in Neubrandenburg dem Lokalmatador Sebastian Sylvester im Kampf um die vakante IBF-Weltmeisterschaft gegenüber. Es war ein knappes Duell; am Ende sah ein Punktrichter Lorenzo vorn, während zwei Punktrichter für den Deutschen werteten. Lorenzo akzeptierte das knappe Urteil damals und gratulierte Sylvester zum Sieg.
Dass der 1,83 Meter große Modell-Athlet Dampf in den Fäusten hat, konnte er in seinen bisherigen 31 Profi-Kämpfen mehrfach nachweisen. Von 29 Siegen erzielte Lorenzo 21 vorzeitig, das entspricht einer K.o.-Quote von über 67 Prozent. Zum Vergleich: Felix Sturm bringt es in dieser Disziplin auf knapp 39 Prozent. Auch am Boden war Lorenzo selber noch nie, während Sturm 2006 von Javier Castillejo ausgeknockt wurde.
Die größten Namen - neben Sylvester - in Lorenzos Kampfrekord sind der Mexikaner Raul Marquez (Ex-Gegner von Artur Abraham), gegen den er 2008 knapp nach Punkten verlor, und der Kolumbianer Dionisio Miranda, den er 2009 in der zweiten Runde ausknockte. Beide Kämpfe wurden in den USA auf Showtime übertragen.
Das Interview mit Giovanni Lorenzo (29-2-0):
sportal.de: Vor knapp einem Jahr waren Sie zum letzten Mal in Deutschland, damals fuhren Sie mit einer Niederlage gegen Sebastian Sylvester im Gepäck nach Hause. Sind Sie trotzdem gerne wieder gekommen?
Giovanni Lorenzo: "Natürlich, Deutschland ist super. Im letzten Jahr wurde ich sehr freundlich aufgenommen und behandelt. Auch jetzt läuft die Organisation wieder perfekt. Und die deutschen Box-Fans sind die intelligentesten Fans der Welt."
sportal.de: Das ist interessant, dass Sie so schwärmen. Man glaubt immer, Deutschland habe als Gastgeber-Land im internationalen Boxen keinen besonders guten Ruf, weil es schon manche diskussionswürdige Punkt-Entscheidung gab. Sie haben durch Mehrheits-Entscheid verloren und sind trotzdem so überschwänglich - das müssen Sie erklären...
Giovanni Lorenzo: "Einen Heim-Vorteil gibt es im Boxen überall auf der Welt. Darüber braucht man nicht zu diskutieren. Man weiß, dass es immer schwerer ist, auswärts Kämpfe zu gewinnen - noch dazu, wenn man einem Weltmeister vor seinem Heim-Publikum den Titel abnehmen will. Und natürlich glaubt man als Boxer immer, dass man einen knappen Kampf gewonnen hat. Gegen Sylvester war es sehr knapp. Ich sehe mich deswegen als ungekrönten Weltmeister. Aber das Kapitel ist abgehakt. Wenn ich daraus eins gelernt habe, dann, dass ich die Entscheidung nicht mehr den Punktrichtern überlassen werde. Ich knocke Sturm aus - und das innerhalb der ersten sechs Runden."
sportal.de: Eine große Ankündigung, vor allem, wenn man weiß, dass Sie gegen Sylvester verloren haben, während Sturm denselben Sylvester deutlich beherrscht und ausgeboxt hat...
Giovanni Lorenzo: "Dazu nur so viel: Ich hatte vor meinem Kampf gegen Sylvester eine Schulterverletzung, konnte vor dem Kampf insgesamt nur 6 Runden Sparring machen - und habe den Kampf eigentlich trotzdem gewonnen. Jetzt bin ich zu 100 Prozent fit und habe über 100 Runden Sparring gegen Top-Mittelgewichtler gemacht. Das hat mein Timing und meine Genauigkeit noch mal verbessert. Ich bereite mich schon seit 3 Monaten mit einem speziellen Konditions-Programm auf diesen Kampf vor und mein Trainer Seth Siedman hat mich in die Form meines Lebens gebracht. Ich bin auf einen harten Kampf eingestellt. Das wird eine echte Schlacht. Ich kann es kaum erwarten, den Leuten zu zeigen, wer Giovanni Lorenzo wirklich ist."
sportal.de: Unabhängig von Ihren eigenen Stärken - wie schätzen Sie Ihren Gegner Felix Sturm ein?
Giovanni Lorenzo: "Er ist nicht mehr der Kämpfer, der er früher einmal war. Er wird nicht das umsetzen kann, was er in früheren Kämpfen gegen andere Gegner gezeigt hat. Er ist langsamer und nicht mehr so fit wie früher. Seine letzten paar Kämpfe zeigen, dass er nicht mehr der Alte ist. Er wirkte langsam und müde, wahrscheinlich von all dem Krafttraining, das er offensichtlich macht. Ich habe mir seine letzen Kämpfe genau angesehen. Er nimmt Treffer, obwohl er die Schläge lange kommen sieht. Dazu kommt noch, dass er keine Punch-Power hat. Wenn er versucht, vor mir wegzulaufen, werde ich ihn jagen und stellen. Ich werde mit jedem Tag besser und besser. Es ist meine große Chance, ich bin sehr froh darüber, dass ich eine zweite Möglichkeit bekomme, Weltmeister zu werden. Ich werde diese Chance nutzen. Felix kann in diesem Kampf nur verlieren, ich kann nur gewinnen. Ich werde kämpfen, als wäre es der letzte Kampf meines Lebens. Ich werde alles geben."
sportal.de: Die Gegnersuche hat bei Sturm sehr lange gedauert, sie waren nicht erste Wahl. Wie fühlt man sich als B- oder C-Lösung?
Giovanni Lorenzo: "So sehe ich das nicht. Ich habe gehört, dass mehrere Top-Mittelgewichtler den Kampf gegen Sturm nicht annehmen wollten - Marco Antonio Rubio, Kermit Cintron und Peter Manfredo jr. Ich möchte nur eine Sache klar stellen: Als man mir den Kampf angeboten hat, habe ich sofort zugesagt. Ich habe dafür einen WM-Ausscheidungskampf gegen Daniel Geale aus Australien platzen lassen, obwohl ich darüber das Recht erkämpft hätte, ein Re-Match gegen Sebastian Sylvester zu bekommen. Ich habe das aufgegeben, um gegen Sturm boxen zu können. Warum? Ganz einfach, weil ich Sturm ausknocken werde. Ich werde am 4. September ganz Deutschland schocken. Die Sonntags-Zeitungen werden voll sein vom Bild von Felix Sturm am Boden nach einem brutalen K.o."
sportal.de: Sie strahlen ein enormes Selbstbewusstsein aus. Was macht Sie so sicher, dass Sie gewinnen werden?
Giovanni Lorenzo: "Ich weiß, was ich kann, und ich weiß auch, was Sturm nicht kann. Die Hauptfrage am 4. September wird sein: Ist Felix Sturm bereit, in den Krieg zu ziehen? Ich denke, die Antwort lautet Nein."
sportal.de: Ganz Deutschland konzentriert sich ausschließlich auf Sturm und sein Comeback. Man hat das Gefühl, dass es fast egal ist, wer ihm da als Gegner gegenübersteht. Nervt es nicht, als WM-Herausforderer so wenig wahrgenommen zu werden?
Giovanni Lorenzo: "So läuft es nun mal, das sind die Regeln des Spiels. Ich kann das einschätzen und richtig einordnen. Wenn ich erst Weltmeister bin, werden sich alle auf mich stürzen, das ist doch normal. Bis zum Kampf akzeptiere ich, dass Felix Sturm seine Show abzieht und sich als den großen Helden inszeniert. Sobald der erste Gong ertönt, werde ich zeigen, dass es meine Show ist. Ich werde ihm den Titel abnehmen und neuer WBA-Weltmeister werden. Nach dem Kampf werde ich ganz oben an der Weltspitze angekommen sein; der einzige Ort, an dem Felix ankommt, ist das Krankenhaus - und zwar auf einer Liege und im Krankenwagen."