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Heute vor 20 Jahren: Chavez vs Taylor
Heute vor 20 Jahren: Chavez vs Taylor
Ein Duell auf Augenhöhe: Julio Cesar Chavez gegen Meldrick Taylor

Heute vor exakt 20 Jahren erlebte die Boxwelt eine an Dramatik kaum zu überbietende Ringschlacht. sportal.de blickt zurück auf das atemberaubende Duell zwischen Julio Cesar Chavez und Meldrick Taylor, das ein unglaubliches Ende nahm.

Der Mexikaner Chavez, amtierender WBC-Champ im Halbweltergewicht, galt zu diesem Zeitpunkt als bester pound-for-pound-Boxer der Welt und war in seiner Heimat ein Volksheld. In seinen 68 Fights war der 27-Jährige ungeschlagen geblieben, 56 davon gewann er durch K.o., eine gerade für einen aus einer leichteren Gewichtsklasse stammenden Kämpfer sagenhafte Quote. Nicht ganz so eindrucksvoll, wenngleich kaum weniger erfolgreich, las sich die Kampfbilanz seines amerikanischen Kontrahenten, die 24 Siege (15 K.o.) und ein Unentschieden auswies.

Thunder Meets Lightning

So ähnlich ihre sportlichen Meriten auch aussahen, so unterschiedlich gestaltete sich ihr Kampfstil. Während Chavez, zuvor bereits Weltmeister im Superfeder- sowie im Leichtgewicht, den typisch "mexikanischen Stil" bevorzugte, indem er - ohne sich selbst zu schonen - sofort in die Offensive überging und seine Gegner mit seiner enormen Punchpower ständig attackierte, bestach der vier Jahre jüngere Taylor, der sich bei den olympischen Spielen 1984 in Los Angeles die Goldmedaille im Federgewicht gesichert hatte, vor allem durch seine blitzschnellen Hände, die zur damaligen Zeit ihresgleichen suchten und eine exzellente Beinarbeit.

So stellte Chavez-Promoter Don King den Fight, der im Hilton Hotel in Las Vegas ausgerichtet wurde, nicht von ungefähr unter das explosive Motto "Thunder Meets Lightning". Am 17. März 1990 war also alles angerichtet für einen Titelvereinigungskampf der Superlative, in dem Chavez' WBC- und Taylors IBF-Gürtel auf dem Spiel standen. Chavez galt zwar als Favorit, doch wenn einem eine Chance gegen den als unbesiegbar geltenden Mexikaner eingeräumt wurde, dann war es der junge, aufstrebende Taylor.

Taylor schockt Chavez

Und der aus Philadelphia stammende Underdog überraschte Experten, Fans und seinen Gegner von Beginn an, indem er Chavez' Attacken nicht aus dem Weg ging, sondern munter mitboxte. Gewohnt flink auf den Beinen, tänzelte er sein Gegenüber permanent aus, um mit Jabs und schnellen Kombinationen zu punkten. Chavez begann zwar forscher als erwartet, doch wann immer er in den Infight kam, um seine berüchtigten Punches anzusetzen, antwortete Taylor mit blitzschnellen Kontern. Jeden Schlag, den Chavez austeilte, bekam er so - obgleich nicht mit derselben intensiven Härte - doppelt und dreifach zurück.

In den folgenden Runden setzte sich das Geschehen im Ring in ähnlicher Weise fort. Chavez befand sich zwar in ständigem Vorwärtsgang, doch Taylor wich nach wie vor nicht zurück und zermürbte seinen Rivalen mit seiner enormen Schnelligkeit, Schlaghäufigkeit und boxerischen Leichtigkeit. Nach etwa der Hälfte des auf zwölf Runden angesetzten Kampfes machte sich bei Chavez so langsam Frustration breit. Seine Treffer waren zwar hart, schienen bei Taylor jedoch keine spürbare Wirkung zu hinterlassen. Und er war nach wie vor nicht in der Lage, das Tempo zu bestimmen und seine gewohnte Dominanz auszuüben.

Packende Infights

In den Augen der meisten Beobachter hatte der Favorit die ersten sechs Runden allesamt abgegeben. Die siebte und neunte Runde waren überwiegend bestimmt durch brillante, clinchfreie Infight-Action. Beide standen Schulter an Schulter und bearbeiteten den Körper des anderen. Eigentlich war alles beim Alten: Chavez schlug härter, Taylor häufiger. Doch die Treffer des Mexikaners hinterließen erste Spuren. Taylors Augen begannen allmählich zuzuschwellen, aus einem Cut tropfte Blut und obwohl er nach wie vor nicht in ernsthafte Bedrängnis geriet, ließen seine Reflexe langsam nach, was zur Folge hatte, dass er nur noch mehr einstecken musste.

Die zehnte und die elfte Runde waren brutal und insbesondere für Taylor eine schmerzhafte Lektion. Ganz offensichtlich zollte der 23-Jährige dem hohen Tempo nun Tribut und Chavez setzte immer wieder erfolgreich nach. Doch Taylors Kämpferherz war groß an diesem Abend und obwohl sichtlich gezeichnet, hielt er dagegen und beantwortete Chavez' Attacken mit eigenen Kombinationen. Doch wie schlecht es um The Kid wirklich stand, zeigte sich am Ende der elften Runde, als er nach dem Gong Chavez zunächst desorientiert in die falsche Ecke folgen wollte und erst vom Ringrichter Richard Steele aufgehalten werden musste.

Das Drama nimmt seinen Lauf

Nach Punkten lag Chavez vor der letzten Runde ohne Frage hoffnungslos zurück und das wusste er. Seine einzige Chance, den Kampf doch noch siegreich zu gestalten, lag in einem K.o. und so bettelte der Coach mit den Worten "Tu es für Deine Familie" förmlich um eine finale Energieleistung seines verzweifelten, aber dennoch entschlossen wirkenden Schützlings. Auf der anderen Seite leisteten sich Taylors Trainer Lou Duva und George Benson einen folgenschweren Fehler, indem sie ihrem Boxer klarmachten, dass alles vom Ausgang der letzten Runde abhinge und er diese unbedingt noch gewinnen müsse, anstatt den Vorsprung über die Zeit zu retten.

Der Gong ertönte und die große Frage, die über allem schwebte, war: "Würde Taylor diese Runde stehend beenden können?" Chavez setzte seinen Rivalen nicht mit wütenden Attacken unter Druck - dafür war er mittlerweile selbst viel zu entkräftet - sondern arbeitete vielmehr mit wohlplatzierten harten Punches. Taylor, der sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten konnte, wich seinerseits weiterhin keinen Schritt zurück und probierte es selbst mit Kombinationen. Nach etwa einer Minute holte er zu einem wilden Schwinger aus, der sein Ziel jedoch deutlich verfehlte und ihn aus der Bewegung heraus selbst zu Boden riss.

Das Ende naht

Taylors Augen waren mittlerweile fast komplett zugeschwollen und er blutete aus Mund und Nase. Dennoch leistete er noch immer beachtliche Gegenwehr und bildete nach wie vor kein leichtes Opfer. Chavez lief die Zeit davon. Die Uhr zeigte noch 25 Sekunden an, da landete Chavez eine knallharte Rechte an den Kopf Taylors, der diesen kurz einknicken und taumeln ließ. Doch auch jetzt - hoffnungslos unterlegen - versuchte der Amerikaner nicht, sich zurückzuziehen und bis zum Gong zu retten, sondern stürmte unkoordiniert und instinktiv schlagend vorwärts, nur um acht Sekunden später erneut hart von Chavez' Rechter getroffen zu werden.

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Diesmal ging er zu Boden, doch er war noch immer Herr seiner Sinne und rappelte sich erstaunlich schnell wieder auf. So war Taylor wieder auf den Beinen, als der Ringrichter ihn bis fünf angezählt hatte. Steele zählte bis acht weiter, ehe er Taylor - mittlerweile waren nur noch sieben Sekunden zu boxen - fragte, ob er denn okay sei und weiterkämpfen könne. Dieser blickte jedoch fatalerweise am Referee vorbei in Richtung seines Trainers Duva, der inzwischen auf die Ringseile geklettert war, um seinem Mann letzte Anweisungen zu erteilen. Steele fragte zum zweiten Mal "Are you okay?" und als Taylor erneut nicht reagierte, brach er den Kampf vier Sekunden vor dem Ende ab.

Hitzige Debatten

So hatte Chavez, der auf den Punktzetteln nach elf Runden noch mit 1:2 (105:104, 102:107, 101:108) zurückgelegen hatte, das scheinbar Unmögliche doch noch möglich gemacht und die mitreißende Ringschlacht durch technischen K.o. nach offiziell 2:58 Minuten in der zwölften Runde letztlich für sich entschieden. Im Anschluss an den Kampf kam es aufgrund Steeles ungewöhnlicher Entscheidung, das Duell so kurz vor Ende abzubrechen, zu kontroversen und hitzig geführten Diskussionen.

"Als Chavez mit seiner berüchtigten Rechten traf, ging Taylor zu Boden, als sei kein Leben mehr in ihm. Als er wieder aufstand, fragte ich ihn zwei Mal, ob alles okay sei, aber er hat nicht reagiert. Ich habe gesehen, dass er genug hatte und musste diesen Kampf daher abbrechen, um ihn zu schützen", rechtfertigte Steele sein Vorgehen im Nachhinein. Kritiker warfen dem Ringrichter vor, Taylor nicht genügend Zeit für eine Reaktion gegeben zu haben und die rote Lampe, die das zehn Sekunden später folgende Kampfende signalisierte, nicht beachtet zu haben. Einige sprachen sogar davon, dass Steele von Don King bestochen worden sei.

Taylor erholt sich nicht mehr

Viele hielten den Abbruch jedoch auch für gerechtfertigt, da ein weiterer Schlag verheerende Folgen für Taylor hätten bedeuten können. Ringarzt Dr. Flip Homansky, der den Amerikaner gleich nach dem Fight ins Krankenhaus schickte, umschrieb die Verletzungen Taylor folgendermaßen: "Meldrick hat eine Gesichtsfraktur erlitten und er hat pures Blut uriniert. Sein Gesicht war auf eine groteske Art und Weise geschwollen. Dieser Junge, sein ganzer Körper, sein Hirn, sind schlimm zugerichtet worden."

Tatsache ist: Am Abend des 17. März 1990 hat Meldrick Taylor zweifelsohne den Kampf seines Lebens absolviert. Ein Kampf, den er nicht hätte verlieren dürfen und an dem er letzten Endes zerbrach. Der Preis, den er dafür bezahlen musste, war hoch. Nach der Niederlage gegen Chavez boxte er gegen den Rat vieler Ärzte zwar noch bis zum Jahr 2002 weiter, war jedoch nur noch ein Schatten seiner selbst und laboriert mittlerweile an Dementia Pugilistica, einer Nervenkrankheit, die eine Verminderung der Koordinationsfähigkeit sowie Sprachstörungen zur Folge hat und bei ehemaligen Boxern häufiger vorzufinden ist.

Chavez hingegen erhöhte seinen ohnehin schon heldenhaften Status, den er in seiner mexikanischen Heimat genoss durch diesen Triumph noch und blieb bis zum Jahr 1994 in 90 Kämpfen ungeschlagen, ehe er seine Boxhandschuhe 2005 endgültig an den Nagel hing. Das renommierte Box-Magazin The Ring erhob die legendäre Auseinandersetzung zwischen Chavez und Taylor zum "Fight of the Year", später sogar zum "Fight of the Decade". Für Fans und Box-Experten gehört das Duell der beiden Ausnahmeathleten bis heute zu den unvergesslichen Highlights in der Geschichte des Faustkampfes.

Oliver Altgelt

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