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Steffen Kretschmann: Der Boxer aus der Doku-Soap
Steffen Kretschmann: Der Boxer aus der Doku-Soap
Steffen Kretschmann sind Schmelings Handschuhe noch zu groß

Mit Hilfe einer Doku-Soap soll sich die Schwergewichtshoffnung des Hamburger Arena-Boxstalles einen Namen machen. sportal.de hat mit Steffen Kretschmann gesprochen und beleuchtet seinen ersten Schritt zurück auf dem langen Weg, der ihn irgendwann in die Spitze des Schwergewichts führen soll. Hinter dem großen Aufwand von Promoter und TV-Sender steckt vor allem die verwegene Hoffnung, irgendwann den legitimen Nachfolger von Max Schmeling zu finden.

Erinnern Sie sich noch an den 21. Juni 1932? Es war der bis heute letzte Tag, an dem Deutschland einen Box-Weltmeister im Schwergewicht stellte. Der legendäre Max Schmeling unterlag Jack Sharkey im New Yorker Madison Square Garden durch eine äußerst umstrittene Mehrheits-Entscheidung nach 15 engen Runden. Zwei Jahre zuvor hatte "Maxe" als erster und bisher einziger Deutscher den WM-Titel in der Königsklasse von eben diesem Sharkey durch einen Disqualifikations-Sieg in der 4. Runde gewonnen.

In den fast 80 Jahren danach haben immer wieder deutsche Schwergewichtler vergeblich versucht, in die übergroßen Fußstapfen Schmelings zu treten. Karl Mildenberger unterlag 1966 in Frankfurt gegen den "Größten" Muhammad Ali. Axel Schulz nahm 1995 und 1996 gleich drei Anläufe und scheiterte an George Foreman, Francois Botha und Michael Moorer. Luan Krasniqi verlor 2005 klar gegen Lamon Brewster.

Lucky Punch - Der Traum zerplatzte früh

Mit Steffen Kretschmann steht jetzt ein neuer Kandidat bereit, der von einem Titelkampf zwar noch weit entfernt ist, von seinem Promoter Ahmet Öner des Hamburger Arena-Bostalls, aber schon bei seinem Profi-Debüt im November 2006 als "große deutsche Hoffnung" im Schwergewicht angepriesen wurde. Zwar entwickelte sich "Kretsche" in seinen ersten drei Profi-Jahren gut. Die Gegner waren allerdings auch handverlesen. Der Rechtsausleger aus Halle (Saale) zeigte eine gute technische Ausbildung, gepaart mit einem ordentlichen Punch. Ernsthaft gefordert, wurde er allerdings nicht.

Bis zum 26. Juni 2009 im saarländischen Völklingen. Fast auf den Tag genau 77 Jahre nachdem Max Schmeling seinen WM-Titel abgeben musste, schien für Steffen Kretschmann der Traum von der großen Profi-Karriere schon zu platzen, als er gerade so richtig beginnen sollte. Statt des erwarteten 14. Sieges im 14. Profi-Kampf kassierte Kretschmann gegen Denis Bakhtov seine erste Niederlage. Ein Lucky Punch erwischte den Deutschen in der ersten Runde. Nach nicht mal drei Minuten war alles vorbei.

Der erfahrene Russe war ein erster Prüfstein der unbequemen Sorte. Bakhtov hatte einige Ringschlachten auf dem Buckel. Zum Beispiel gegen Öners andere Schützlinge Sinan Samil Sam (November 2004) und Juan Carlos Gomez (Juni 2006) - wo Bakhtov allerdings chancenlos geblieben war.

Öner war geschockt

"Wir wussten, dass Bakhtov stark ist, auch dass er richtig hauen kann, aber die Niederlage war trotzdem ein Riesen-Schock", erzählt Öner im Rückblick. "Für mich ist eine kleine Welt zusammengebrochen. Vor allem, weil ich meinen TV-Vertrag mit SAT.1 zu dem Zeitpunkt schon so gut wie in der Tasche hatte. Die Eckdaten waren klar, der Sender wollte Kretschmann. Ein Sieg gegen Bakhtov hätte ihn in den Ranglisten nach vorne gebracht, wir hätten EM- und internationale Meisterschafts-Kämpfe organisieren können - und dann das..."

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Was "das" genau war, weiß bis heute niemand so richtig. Immer und immer wieder haben auch Kretschmann und sein Trainer Hans-Jürgen Witte sich die Video-Aufnahmen von jenem 26. Juni angesehen. So richtig begreifen können sie es trotzdem nicht. "Man sieht ja nicht mal einen echten K.o.-Schlag", erkennt auch Kretschmann selber. "Natürlich habe ich Treffer kassiert, aber keiner von denen sieht so schlimm aus, dass es mich hätte umschmeißen dürfen." Seine einzige Erklärung bis heute wäre ein medizinisches Problem.

Das "Warum" quälte die Beteiligten

Ein nicht auskurierter Trommelfell-Riss soll die Lucky Punch-Bedingungen gefördert haben. "Ich kann mir vorstellen, dass der erste Treffer, den ich von Bakhtov kassiert habe, wegen der alten Ohr-Geschichte meinen Gleichgewichtssinn empfindlich gestört hat. Alles andere war dann nur eine Folge dessen." Dennoch - Kretschmann versagte beim ersten Härtetest. Ein solcher Mann soll also irgendwann den großen Schritt machen und die Schmeling-Nachfolge antreten? Viele Boxer kommen nach einer solchen Niederlage nie wieder zurück. Der Hallenser rappelte sich auf und hatte von da an nur noch das Rematch im Kopf.

Am 27. März trifft Steffen Kretschmann nun in Hamburg erneut auf Denis Bakhtov. "Dieses Re-Match ist wichtig für ihn, damit er eine Chance hat, seine eigenen Dämonen zu besiegen", dramatisiert Öner. Was er nicht sagt, ist, dass es natürlich auch für den Fernsehpartner SAT.1 wichtig ist, eine Geschichte rund um Kretschmann erzählen zu können - es soll die Geschichte eines Comebacks werden. Als "Heldenreise" bezeichnen die TV-Macher den Weg von der Niederlage zurück in den Ring und hoffentlich auch zurück in die Erfolgsspur.

Heldenreise oder Riesenpleite?

"Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht", erklärt der Promoter, der gemeinsam mit dem Sender das Konzept einer vierteiligen Doku-Soap entwickelte, die heute (02.03.) startet und den Boxer Steffen Kretschmann dem deutschen Publikum überhaupt erste einmal bekannt machen soll. Denn bisher kennt noch kaum jemand den schüchternen 29-Jährigen, der sich in seiner neuen Rolle als designierter Fernsehstar bisher noch sichtlich unwohl fühlt.

"Es ist natürlich vieles anders als sonst", so Kretschmann. "Ich bin es nicht gewohnt, dass mich ständig eine Kamera verfolgt und begleitet. Da fiel es mir gerade am Anfang schwer, mich auf mein Training und die Vorbereitung auf den Kampf zu konzentrieren. Natürlich weiß ich, wie wichtig auch dieser Teil des Geschäfts ist. Aber natürlich hilft es auch nicht, wenn ich am Ende berühmt bin und den Kampf verliere, weil die Vorbereitung unter den vielen öffentlichen Terminen leidet."

So klug als wie zuvor

Ob Steffen Kretschmann letztlich das Zeug dazu hat, vom aussichtsreichen Talent zu einem richtig guten Schwergewichtler zu werden, das werden wir auch nach dem Rematch gegen Bakhtov nicht wissen. Denn auch wenn "Kretsche" die Aufgabe Bakhtov im zweiten Anlauf lösen sollte, wird es für eine Prognose, ob er wirklich einmal ein Schmeling-Erbe werden kann, noch deutlich zu früh sein.

Um sich einen Titelkampf zu verdienen - und das scheint Kretschmann zu wissen -, reicht es eben nicht, die Hauptrolle in einer TV-Dokumentation zu spielen. Dafür muss er erst in die europäische und dann in die Weltspitze vorstoßen, große Gegner besiegen und sich einen Titelkampf verdienen. Das Duell mit Bakhtov ist auf dem Weg dorthin ein verhältnismäßig kleiner erster Schritt und könnte für Kretschmann doch schon zu groß sein. Denn gewonnen hat der zurückhaltende Hallenser den "Kampf seines Lebens" noch lange nicht.

Ein gutes Omen

Was ein gutes Omen für Kretschmann auf dem Weg zum großen Ruhm sein könnte: Auch der große Max Schmeling verlor früh in seiner Karriere einen Kampf, den er eigentlich hätte gewinnen sollen. Schmelings "Bakhtov" hieß am 10. Oktober 1924 Max Diekmann, der den damals noch nicht so großen Schmeling in dessen fünftem Profi-Kampf ausknockte.

Übrigens: Schmeling brauchte noch zwei Anläufe, um seine "Dämonen zu besiegen". Nach einem Unentschieden gegen Diekmann am 12. Februar 1926 folgte ein halbes Jahr später in Berlin der Triumph: Schmeling besiegte Diekmann durch K.o. in der 1. Runde. Vier Jahre später war er Weltmeister und jedes Kind kannte seinen Namen, ganz ohne Doku-Soap.

Michel Massing

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