
Wladimir Klitschko kämpft im März gegen Eddie Chambers
A Country for Old Men, Ein Mann geht seinen Weg, Klitschko haut den schnellen Eddie, der Phönix aus der Doku-Soap und Goliath gegen Goliath. Das sind keine Filmtitel, sondern Geschichten des Boxjahres 2010. sportal.de wagt eine Vorschau auf Abraham, Sturm, Mayweather und Co.
Felix Sturm: Ein Mann geht seinen Weg
Während Arthur Abraham im Rahmen des Super-Six in Amerika boxt, strickt sein deutscher Antagonist Felix Sturm fleißig an der eigenen Zukunft. Sturms (Ex-)Stall Universum spricht zwar nach wie vor von einem gültigen Vertrag mit dem WBA-Mittelgewichts-Champion, doch Sturm hat nach dem Vorbild seines einstigen Gegners Oscar de la Hoya schon seine eigene Promotion ausgerufen. In Köln baut der 31-Jährige fleißig am eigenen Gym und im Sommer soll es zum ersten Kampf unter eigener Regie kommen. 2010 könnte Sturms Jahr des eigenen Weges werden!
Jürgen Brähmer: Die verlorene Freiheit des Jürgen B.
Für einen anderen deutschen "Vorzeige-Boxer" droht 2010 das endgültige Karriere-Ende. "Jahrhundert-Talent" Jürgen Brähmer vom Hamburger Universum-Stall wurde wegen Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Auch wenn sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung in Berufung gehen, gibt es schon deutliche Signale von Universums TV-Partner ZDF, dass kein Interesse mehr an den Kämpfen des 31-jährigen Halbschwergewichts-Weltmeisters mehr besteht. 2010 wird somit wohl nicht Jürgen Brähmers Jahr!
Roy Jones Jr. vs Bernard Hopkins: A Country for Old Men
Wenn am 3. April 2010 Roy Jones Jr. auf Bernard Hopkins trifft, werden eingefleischte Fans ob der großen Namen vor allem eines denken: Dieses Duell kommt viel zu spät! So mancher Beobachter erwartet von den Box-Opas (Roy Jones ist 41, B-Hop sogar 45 Jahre alt) alles andere als den Kampf des Jahres. Für Roy Jones "Junior" wünschen sich inzwischen auch treue Anhänger, dass er seine Karriere auf dem Höhepunkt beendet hätte.
Seit seiner ersten Niederlage gegen Antonio Tarver im Mai 2004 ist der ehemalige Sechsfach-Weltmeister, der WM-Gürtel in vier verschiedenen Gewichtsklassen sammeln konnte, auf Legenden-Abschieds-Tour und musste dabei so manche bittere Niederlage einstecken. Seinen letzten Kampf gegen den Australier Danny Green verlor er durch TKO in der ersten Runde.
Helmut Kohl und Felix Sturm: In einer fernen Zeit
Hopkins konnte seine Legende zwar durch den Sieg gegen den ungeschlagenen Kelly Pavlik im Oktober 2008 um eine Sensation weiterspinnen. Aber dieses späte Re-Match hätte er sich sparen können. Vor unvorstellbaren 17 Jahren kämpften die beiden schon einmal gegeneinander, Helmut Kohl war Bundeskanzler und Felix Sturm war 14 Jahre alt.
1993 gewann Roy Jones Jr. über zwölf Runden nach Punkten. Vor sechs oder sieben Jahren, als Hopkins vier und Jones sechs WM-Titel hielt und beide auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit waren, wäre der Rückkampf ein echter Mega-Fight gewesen. 2010 gehen bei diesem Opa-Kampf die Lichter aus!
Pacman und Mayweather: das Kreisen umeinander
Die beiden zurzeit am hellsten strahlenden Sterne am Box-Himmel kreisen umeinander, ohne sich zu treffen. Alles freute sich auf den schon terminierten Kampf der Kämpfe: Manny Pacquiao gegen Floyd Mayweather Jr., da missfielen "Money" Pacquiao die strengen Dopingkontrollen, die "Money" Mayweather vertraglich festlegen wollte.
Jetzt sind die Fronten verhärtet, die beiden scheinen Lichtjahre auseinander zu liegen und schauen sich erst einmal in anderen Galaxien um. Dabei droht Mayweather eine Supernova. Am 1. Mai trifft er auf "Sugar" Shane Mosley, den amtierenden WBA-Weltmeister im Weltergewicht.
Clottey und Mosley: Der doppelte Ausweg
Manny Pacquiao hat am 13. März mit Joshua Clottey sicher die leichtere Aufgabe zu bewältigen. Clottey ging bei drei Niederlagen zwar noch nie k.o., musste sich aber in seinem letzten Kampf Miguel Cotto geschlagen geben, der seinerseits gegen Pacquiao im November letzten Jahres chancenlos verlor.
Trotzdem sind die Auftritte des Pacman immer absolute Höhepunkte. Das Duell mit Clottey wird zudem dadurch aufgewertet, dass es im Football-Stadion der Dallas Cowboys und damit mit Sicherheit vor beeindruckender Kulisse stattfinden wird. Mayweather vs Mosley ist schon von der Ansetzung her ein potenzieller "Fight of the Year". Definitiv also zwei Kämpfe, auf die man sich 2010 freuen darf!
Wladimir Klitschko: Fast Eddie, schnell besiegt?
Für den 20. März dürfen sich wieder alle deutschen B- und C-Promis ein neues Outfit zulegen. Wladimir Klitschko kehrt nach neun Monaten in den Ring zurück. Sein Gegner Eddie Chambers besiegte im Juli 2009 etwas überraschend Alexander Dimitrenko. Der 14 Zentimeter kleinere "Fast" Eddie muss sicher aber in erster Linie Sorgen darum machen, nicht zu einem weiteren schnellen Opfer zu werden. Es steht zu befürchten, dass der Kampf das Klitschko-Dilemma lediglich um eine Episode bereichern wird.
Es gibt im Schwergewicht momentan einfach keinen Gegner für einen wirklich großen Kampf, mit dem die Klitschkos ihre Klasse unter Beweis und sich in die Tradition epochaler Duelle wie Louis vs Schmeling, Ali vs Foreman oder Tyson vs Holyfield stellen können. Letzte Hoffnungsschimmer liegen bei Gegnern wie Povetkin, Haye oder Solis, doch in diesem Punkt verspricht das Boxjahr 2010 keine neuen Erkenntnisse!
Vitali Klitschko gegen Niko Valuev: Goliath gegen Goliath
Bruder Vitali wird laut Meldung der Bild am 29. Mai in Gelsenkirchen gegen Nikolai Valuev boxen. Der Russe Valuev hatte zuletzt seinen WBA-Titel an David Haye verloren. Dem Kampf im Wege steht nur noch die Einigung mit Co-Promoter Don King, der um die 4 Millionen Dollar Börse fordert. Klitschko-Manager Bernd Bönte: "Ausgeschlossen. Selbst wenn Valuev vier Gürtel hätte und ungeschlagen wäre."
Valuev ist zwar boxerisch stark limitiert, sportlich wäre der Kampf also eher uninteressant. Doch das Publikum will den Goliath fallen sehen. Valuev war in seiner Karriere noch nie am Boden. Haut Vitali den Riesen um, wäre das Boxjahr 2010 um eine Attraktion reicher!
David Haye: Zwischenstopp John Ruiz
David Haye konnte den Goliath Nikolai Valuev stürzen, ist ein interessanter Boxer und so warten alle auf seinen großmündig angekündigten Kampf gegen einen der Klitschko-Brüder. Im letzten Jahr machten dem Hayemaker die schwierigen Verhandlungen und wohl auch Angst vor der eigenen Courage einen Strich durch die Rechnung. Jetzt boykottieren die Weltverbände einen großen Kampf. Die WBA hat Haye auferlegt, gegen John Ruiz anzutreten, der seinerseits schon zwei Mal gegen Valuev verlor. Solche überflüssigen Pflichtverteidigungen will auch 2010 keiner sehen!
Yuriorkis Gamboa: Sensationell, aber schon reif?
Keine Frage, der beim Hamburger Arena-Boxstall unter Vertrag stehende Kubaner Yuriorkis Gamboa ist ein sensationeller Boxer. Alle warten nun auf das Aufeinandertreffen des WBA-Champs Gamboa mit WBO-Weltmeister Juan Manuel Lopez. Der Sieger dieses Kampfes könnte der nächste Manny Pacquiao werden.
Doch noch spielt Promoter Bob Arum auf Zeit. "Es ist unsere Pflicht, diesen Kampf so groß wie möglich zu machen", sagte der Top Rank-Chef. "Ich will, dass dieser Fight das größte Duell im Federgewicht aller Zeiten wird." Arum promotet Lopez und ist in der Vermarktung von Gamboa Partner von Arena-Boss Ahmet Öner.
Vorher sollen Lopez und Gamboa aber "im Federgewicht aufräumen", also nach Möglichkeit alle vier großen WM-Titel auf sich vereinen. Auf dem Weg dorthin erwarten uns viel versprechende Duelle wie zum Beispiel Gamboa vs Chris John oder Lopez vs Elio Rojas. Zunächst dürfen sich die deutschen Box-Fans auf Gamboa freuen: Am 27. März wird Superstar Gamboa bei einer Arena-Veranstaltung in Hamburg boxen!
Steffen Kretschmann: Der Phönix aus der Doku-Soap
Das Schwergewicht ist derzeit arm an wirklich großen Kämpfern. Das deutsche Schwergewicht ist nahezu pleite, möchte man meinen. Aber Sat.1 und der Hamburger Boxstall Arena treten in diesem Jahr an, das Gegenteil zu beweisen. Steffen Kretschmann soll den Phönix aus der Asche geben.
"Kretschmann? Nie gehört!", denken Sie jetzt? Genau hier setzt Sat.1 an und bringt zuvor eine Dokusoap unter dem Titel "Der Kampf seines Lebens" mit dem der Nobody aus Halle/Saale. Dabei wird Kretschmanns Vorbereitung auf den Rückkampf gegen Denis Bakhtov verfolgt, einen Gegner, den ebenfalls nur Fachleute kennen und der Kretschmann im letzten Sommer überraschend schlug.
Ob der sympathische Kretschmann die Dämonen der Vergangenheit besiegen und über einen Erfolg die neue deutsche Schwergewichts-Hoffnung werden kann, ist ein Rätsel, das sich vielleicht 2010 lüften wird!
Die zweite Runde im Super-Six
6. März 2010: Arthur Abraham (31-0-0, 25 K.o.) vs Andre Dirrell (18-1-0, 13 K.o.)
17. April 2010: Andre Ward (21-0-0, 13 K.o.) vs Allan Green (27-1-0, 19 K.o.),
Carl Froch (26-0-0, 20 K.o.) vs Mikkel Kessler (42-2-0, 32 K.o.)
Das verspätete Eintreffen seiner Arbeitserlaubnis kostete Sakio Bika die Chance gegen Arthur Abraham und Co. anzutreten. Nachdem Jermain Taylor sich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Super-Six-Turnier zurückziehen musste, sollte es eigentlich einen Ausscheidungskampf um den frei gewordenen Platz zwischen Allan Green und Bika am 5. Februar geben.
Bei Vertragsunterschrift zu diesem Kampf fehlte dem in Sydney (Australien) lebenden Bika aber eine gültige Arbeitserlaubnis für die USA. Zwar hatte er die nötigen Papiere schon Anfang November eingereicht, doch auch in den Vereinigten Staaten mahlen die Mühlen der Behörden langsam. Als die Frist zur Einreichung der Papiere am 21. Januar ablief, konnte Bika die Erlaubnis nicht beibringen.
"Sakio war sehr enttäuscht", so sein Trainer David Birchell anschließend. "Ich habe ihn erst einmal für ein paar Tage aus dem Gym geschickt, damit er den Kopf frei bekommt." Die Arbeitserlaubnis traf dann am 26. Januar ein, fünf Tage zu spät für Sakio Bika. Somit bekommt Allan Green einen Freifahrtschein für Runde zwei des Turniers der besten Supermittelgewichtler.
Allan Green: Traum begonnen, schon zerplatzt?
Dieser Freifahrtschein gleicht aber eher der Aufgabe, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen. Allan Green startet ohne Punkte (zur Erinnerung: Abraham hat drei Zähler, Forch zwei, Ward zwei), und er sieht sich gleich einem der stärksten Kämpfer des Teilnehmerfeldes gegenüber: WBA-Champion Andre Ward!
Wenn ihm da der Felsblock mal nicht gleich wieder den Hang hinunterrollt und die ganze Freude über den Einstieg ins Turnier verpufft. Denn mit null Punkten nach zwei Runden wird er das Halbfinale wohl kaum erreichen. Wir wünschen Allan Green bei dieser Sisyphos-Aufgabe trotzdem viel Glück.
Arthur Abraham: Wenn er trifft, gewinnt er auch!
Glück braucht Arthur Abraham bei seinem Kampf gegen Andre Dirrell wohl nicht. Erreicht Abraham seine Normalform, sollte er den Amerikaner bezwingen können. Dirrel bereitete dem Briten Froch zwar einige Probleme und Mikkel Kessler rieb sich die geschwollenen Augen, als er gegen Dirrells Landsmann Andre Ward verlor.
Doch Arthur Abraham ist ein taktisch disziplinierter, schlagstarker Boxer, der aus einer kaum zu knackenden Doppeldeckung agiert. Mit seiner enormen Physis und seinen gefährlichen Haken kann man davon ausgehen, dass er den Kampf gewinnen wird, wenn er den flinken Dirrell trifft. Das Super-Six ist auch 2010 das Boxevent des Jahres!
Michel Massing