Das Super Six World Boxing Classic-Turnier wurde als Champions League des Boxens angekündigt. Tatsächlich zeigten vor allem Arthur Abraham und Andre Ward begeisternde Leistungen. Mit Jermain Taylor steht auch die erste tragische Figur der Vorrunde fest. Der Amerikaner steht vor dem Aus aufgrund gesundheitlicher Bedenken nach den letzten Niederschlägen. sportal.de verrät, wer nachrücken könnte, lässt die ersten drei Kämpfe Revue passieren und sprach exklusiv mit Kalle Sauerland.
Andre Ward vs. Mikkel Kessler - Die Überraschung! Der WBA-Weltmeister Mikkel Kessler, vom deutschen Sauerland-Boxstall vertreten, reiste in die USA, um den von vielen unterschätzten Andre Ward zu boxen. Kessler, nicht nur von sportal.de als Favorit auf den Turniersieg angesehen, kam mit viel Erfahrung und erlebte vor 10.277 Zuschauern in der Oracle Arena in Oakland eine denkwürdige Niederlage.
Flinke Kombinationen und ungestüme Kopfarbeit
In einem technisch anspruchsvollen Kampf schaffte es Mikkel Kessler nicht, das Geschehen zu bestimmen. Er bekam den flinken Ward nicht zu fassen. Was er auch versuchte, scheiterte. Der Amerikaner zeigte sich beweglich im Oberköper, machte sich klein, kam dann immer wieder mit blitzschnellen Angriffen hervor. Aber Ward boxte nicht nur gut, sondern auch clever.
Durch sein ungestümes Vorangehen mit dem Kopf in den Gegner überforderte er Kessler und brachte ihm schließlich zwei böse Cuts bei. So wurde der Kampf letztlich in der elften Runde abgebrochen, der Ringarzt konnte eine Fortsetzung ob der Verletzung Kesslers nicht verantworten. Nach Auszählung der Punktzettel hatten alle drei Punktrichter Ward deutlich vorn.
Kalle Sauerland: "Der Gürtel bleibt im Turnier"
Der von sportal.de zu Beginn der Serie ausgerufene Geheimtipp Andre Ward siegte letztlich verdient, was dem deutschen Promoter des Dänen gar nicht schmeckte. Aber Kalle Sauerland betonte, warum er trotz Verlust des Gürtels zuversichtlich ist. "Das Schöne ist ja, es ist ein Turnier und der Gürtel somit nicht verloren, er bleibt im Turnier und Mikkel Kessler ist ja ebenfalls noch dabei."
Was der Kampf bewiesen hat
Was der Kampf aber vor allem bewies, ist, dass die zuvor kritisierten Amerikaner sehr wohl mithalten können. "Vorher wurden von gewissen Leuten, auch aus anderen Boxställen, dem Super-Six die Qualität abgesprochen und u.a. Andre Ward als Beispiel für fehlende Qualität genannt. Diese Leute sind auf einmal ziemlich ruhig geworden", so der trockene Kommentar von Kalle Sauerland gegenüber sportal.de.
Carl Froch vs. Andre Dirrell - Katz und Maus-Spiel in Nottingham! Der Underdog konnte auf fremdem Parkett eigentlich nur gewinnen, das tat er auch, nur nicht auf den Punktzetteln! Der Landsmann von Andre Ward, Andre Dirrell, hat eine ähnliche Art zu boxen. In Nottingham, der Höhle des Löwen Carl Froch, konnte er damit allerdings nicht gewinnen. Das lag nicht nur an dem umstrittenen Urteil der Punktrichter(2:1-Punktrichtersieg für Froch). Dirrell war zwar ähnlich schnell in den Ausweich- und den Meidbewegungen, allerdings konnte er längst nicht so eindrucksvoll kontern und eigene Treffer setzen wie Kollege Ward.
So blieb der Kampf ein Katz und Maus-Spiel, bei dem die Katze Froch letztlich auch durch den Heimvorteil seinen WBC-Gürtel behalten durfte und gefrustet einem weniger fliehenden Boxcharakter entgegensehnt. "Also was soll ich denn machen? Wenn einer sich nicht hinstellt und wie ein Mann kämpft, wie ein Krieger, dann kann ich nur das machen, was übrig bleibt.", so Froch nach dem Kampf gegenüber ESPN.
Arthur Abraham vs. Jermain Taylor - King Arthur gnadenlos! Der Kampf des King Arthur gegen den ehemaligen vierfachen Titelträger Jermain Taylor war für alle Boxfans und auch den Veranstalter Sauerland eine spektakuläre Eröffnung des Turniers. Arthur Abraham bot über zwölf Runden einen spannenden Kampf und schaffte kurz vor Schluss den Knock Out.
Punktlandung per Powerpunch
Dabei hatte der Kampf vor 14.000 Zuschauern in der ausverkauften O2-Arena in Berlin mit beiderseitigem Abklopfen begonnen. Taylor war zu Beginn der aktivere Athlet, spielte seine Schnelligkeit und seinen guten Jab aus. Abraham machte wie so oft den Spätstarter. Er kam erst nach der Hälfte der Runden auf, setzte wuchtige Haken über die Außenbahn, brachte einige harte Körpertreffer an und führte nach Punkten, als...
...er schließlich wie aus dem Nichts Taylor aus den Schuhen rammte. Zehn Sekunden vor Ende der zwölften Runde bereitete Abraham eine Attacke mit der Linken vor und schlug anschließend eine krachende rechte Gerade durch die Deckung von Taylor. Ein Volltreffer, der den Amerikaner auf die Bretter schickte. So spektakulär dies für die Boxfans war, so schmerzlich und vielleicht sogar folgenreich war der K.O. für den Amerikaner.
Ein folgenschwerer Niederschlag
Taylor wurde mit Verdacht auf Gehirnblutung ins Krankenhaus eingeliefert. Er litt unter starken Kopfschmerzen und beklagte einen kurzzeitigen Gedächtnisausfall. Die Ärzte erklärten ihn für flugunfähig, was er missachtete und in die USA zurückkehrte. Seine Zukunft als Boxer steht seither in den Sternen und somit auch sein Verbleib im Super-Six-Turnier. Taylor verlor vier seiner letzten fünf Kämpfe, drei durch K.O.
Taylor ist mit 31 Jahren chronologisch gesehen kein altes Eisen, auch nicht der älteste Kämpfer im Teilnehmerfeld des Turniers. Die fünf letzten Kämpfe und vor allem die brutalen Niederschläge durch Froch (vor dem Turnier) und Abraham können einen Boxer jedoch schneller aus der Bahn werfen, als ihm lieb ist. Es stellt sich die Frage, wie gesundheitsgefährdend es für Taylor ist, seine Karriere fortzusetzen?
Als Leavander Johnson starb
Glaubt man den Worten seines Promoters Lou DiBella, dann sollte Taylor aufhören. Aus diesem Grund kündigte DiBella seinem Schützling kurzerhand, wodurch er auf viel Geld verzichtet. "Ich habe ihm gesagt, wie ich es allen meinen Boxern sage, dass meine Aufgabe als Promoter ist, ihn finanziell und sportlich weiter zu bringen, und das er unseren erbarmungslosen Sport mit intakter Gesundheit verlässt", so DiBella gegenüber ESPN. Das ganze hat eine Vorgeschichte, denn Lou DiBella verlor bereits einen seiner Boxer.
Der ehemalige IBF-Leichtgewichtschampion Leavander Johnson starb mit 35 Jahren. Er boxte am 17. September 2005 in Las Vegas seine erste Titelverteidigung gegen Jesús Chávez. Unmittelbar nach Kampfende wurde er mit einer Hirnblutung in ein Krankenhaus eingeliefert, eine Notoperation konnte ihn jedoch nicht mehr retten. Er verstarb fünf Tage später an Herz- und Nierenversagen.
Hinter Taylor bleibt ein Fragezeichen
Jermain Taylor hat sich letztlich noch nicht entschieden, ob er weiter macht. Der nächste Kampf gegen Andre Ward stünde sicherlich nicht unter einer so großen K.O.-Gefahr, da Ward kein Puncher, sondern ein Boxer ist. Dennoch sollte der Amerikaner sich fragen, ob er nicht auf seinen (nun) ehemaligen Promoter hören sollte und aufhört.
Lou DiBella: Box-Promoter mit Herz
Bringt Lou DiBella einen mutigen menschlichen Anspruch ins Boxbusiness ein? Sollten sich andere daran ein Beispiel nehmen? Sicherlich, denn die Gesundheit der Athleten steht oft genug hinter den finanziellen Beweggründen aller und dem sportlichen Ehrgeiz der Boxer nur an dritter Stelle. Dennoch scheint DiBella noch ein Ass in der Hinterhand zu haben, nachdem er Taylor kündigte.
Wir fragten Kalle Sauerland, was passiert, wenn Taylor das Turnier verlässt. "Wenn er austreten wird, steht schon fest, wer nachkommen wird. Es ist ein sehr guter Ersatz, das kann ich versprechen", so der Promoter gegenüber sportal.de. Die Lösung um Taylor und den möglichen Ersatzmann scheint kurz bevorzustehen. "Wir hoffen, das Thema vielleicht noch vor Weihnachten klären zu können."
DiBellas Ass im Ärmel
Kalle Sauerland äußerte sich auch über die Geschäftsgebaren der amerikanischen Promoter: "Was ich in den ersten sechs Monaten dieses Turniers gelernt habe, ist, dass wir hier in Europa andere 'working principles' haben." Seine Aussagen lassen den Schluss zu, dass hinter DiBellas Rückzug von Taylor neben den gesundheitlichen Bedenken auch ein weiterer geschäftlicher Gedanke steckt: "Es gibt vielleicht auch einen Verhandlungsgrund für DiBella", so Sauerland.
Sollte nämlich Taylor nicht mehr in den Ring steigen, dann liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Ersatzmann um den Supermittelgewichtsboxer Allan Green (29-1-0) handelt. Denn der Promoter von Green ist niemand anderes als Lou DiBella. Der finanzielle Ausfall, den DiBella durch die Kündigung Taylors erlitt, würde so schnell wieder aufgefangen. Sollte Taylor allerdings weiter machen, bekommt DiBella nichts, hat aber bewiesen, dass er die Gesundheit seiner Schützlinge achtet.
Die Champions League geht in Runde zwei
Wie dem auch sei, das Super-Six hat bislang alle sportlichen Erwartungen erfüllt, gar übertroffen. Mit Andre Ward steht ein neuer Stern am Himmel des Supermittelgewichts, das meint auch Kalle Sauerland: "Andre Ward ist für mich jetzt vielleicht sogar der beste Supermittelgewichtler der Welt." Den Deutschen bleibt Arthur Abraham, der eindrucksvoll bewiesen hat, dass mit seiner Finalteilnahme zu rechnen ist. Zuletzt wurde er noch vor den Klitschkos zu Deutschlands Boxer des Jahres gewählt. Gewinnt er das Super-Six, dann ist er weltweit ein Superstar.