Spektakuläre Knockouts, martialische Kampfansagen, wackelnde Giganten und ein Event der Superlative, das Boxjahr 2009 hatte einiges zu bieten. sportal.de wirft einen Blick auf die zurückliegenden Highlights.
Fighter des Jahres: Manny Pacquiao Der Philippiner ist derzeit das Nonplusultra in der Welt des Faustkampfes und aktuell unumstritten bester Pound-for-Pound-Boxer. So schaffte der Pac Man das Kunststück, Champion in gleich sieben unterschiedlichen Gewichtsklassen zu werden. Angefangen vom Weltmeistertitel im Fliegengewicht, den er 1998 gewann, boxte sich der heute 30-Jährige im Laufe der Jahre bis ins Weltergewicht hoch. Spätestens seit seinem Sieg im "Dreamfight" im Dezember 2008 gegen den legendären Oscar de la Hoya benötigt der philippinische Volksheld eigentlich keinen offiziellen Titel mehr, um sich als bester Boxer der Welt zu fühlen und von Fans und Experten als solcher anerkannt zu werden.
Zuletzt besiegte er den Puerto Ricaner Miguel Cotto durch TKO in Runde zwölf und wurde dadurch auch Weltmeister im Weltergewicht. Ein ganz besonderes Kompliment hielt derweil Promoter Bob Arum für seinen Schützling parat: "Manny ist der beste Kämpfer, den ich jemals gesehen habe und das schließt Leute wie Muhammad Ali, Sugar Ray Leonard und Marvin Hagler mit ein."
Event des Jahres: Super Six World Boxing Classic Zugegeben: Die Idee, sechs namhafte Boxer einer Gewichtsklasse im Rahmen eines Turniers gegeneinander antreten zu lassen, um anschließend den Superchamp zu küren, klang ebenso reizvoll wie größenwahnsinnig. Und doch: Der amerikanische Pay-TV-Gigant Showtime und der deutsche Sauerland-Boxstall machten ebendies möglich und hoben die Veranstaltung "Super Six World Boxing Classic" aus der Taufe. Beim 50 Millionen Dollar-Event, einer Art Champions League des Boxens, trifft Europa auf Amerika. Arthur Abraham (Deutschland), Carl Froch (England) und Mikkel Kessler (Dänemark) stehen Jermain Taylor, Andre Ward und Andre Dirrell (alle USA) gegenüber.
Doch Teams gibt es nicht. Übrig bleibt am Ende nur ein Faustkämpfer. Der Gewinner wird der Superchamp - ausgestattet mit dem WBA- und dem WBC-Weltmeistergürtel im Supermittelgewicht. Rund 15 Monate lang, von Oktober 2009 bis ins Frühjahr 2011, läuft das Turnier. In der Vorrunde kämpft jeder Boxer gegen drei Gegner. Der Sieger erhält bei K.o. drei Punkte, bei Punktsieg zwei Zähler und bei Unentschieden immerhin noch einen Punkt. Die vier Punktbesten ermitteln dann in einem Halbfinale das Endduell um den Besten der Besten. Einen Gewinner aber gibt es schon jetzt: den Boxfan.
Comeback des Jahres: Floyd Mayweather Jr. Rund 21 Monate nach seinem K.o.-Sieg gegen den Engländer Ricky Hatton und dem anschließend verkündeten Rücktritt kehrte der ehemalige Pound-for-Pound-König am 19. September gegen den Mexikaner Juan Manuel Marquez zurück in den Ring. Das einseitige Gefecht beherrschte Mayweather Jr. dabei nach Belieben und das abschließende Urteil der Punktrichter (120:107, 119:108 und 118:109) spiegelte seine deutliche Überlegenheit eindrucksvoll wider.
Von seinen boxerischen Qualitäten, den blitzschnellen Reflexen und dem intelligenten Defensivstil, der seinesgleichen sucht, hat der mittlerweile 32-Jährige nichts eingebüßt. Ein entscheidender Grund für Mayweathers Rückkehr war übrigens Manny Pacquiao, der ihm die "niedergelegte" Pound-for-Pound-Krone entrissen hatte. Der ultimative Superfight zwischen Mayweather und Pacquiao, dem die gesamte Box-Welt entgegenfiebert und der klarstellen soll, wer denn nun der bessere Boxer ist, findet am 13. März 2010 statt und dürfte den bisherigen Einnahme-Rekord in den Schatten stellen.
Aufsteiger des Jahres: Arthur Abraham Nach zehn erfolgreichen Titelverteidigungen im Mittelgewicht wollte sich der Deutsche mit armenischen Wurzeln nicht mehr länger quälen. Zum einen fehlte die sportliche Herausforderung, zum anderen war King Arthur das zermürbende Gewichtmachen vor den Kämpfen einfach leid. Also legte er den WM-Gürtel nieder und rückte eine Klasse auf ins Supermittelgewicht. Hier bekam er zum Auftakt des Super-Six-Turniers am 17. Oktober keinen Geringeren als den Amerikaner Jermain Taylor vor die Fäuste.
Nach gewohnt verhaltenem Beginn beeindruckte der mit vier Kilogramm mehr auf den Rippen boxende Abraham mit zunehmender Kampfdauer durch seine enorme Physis und Schlagstärke. Die Art und Weise seines spektakulären K.o.-Sieges nach zwölf Runden verlieh dem 29-Jährigen in der Folge weltweit einen weiteren Popularitätsschub. So führt ihn das renommierte Box-Portal boxrec.com nach nur einem Kampf in der neuen Gewichtsklasse bereits auf dem ersten Platz in den Rankings - vor allen anderen Teilnehmern des Super-Six-Turniers.
Kampf des Jahres: Manny Pacquiao vs Miguel Cotto "Ich wusste nicht, woher die ganzen Schläge gekommen sind." Für den Puerto Ricaner Miguel Cotto gehörte der Kampf am 14. November gegen Manny Pacquiao eher zu den grausamen Erlebnissen, der WBO-Champ im Weltergewicht verlor gegen den großartig boxenden Pacman völlig verdient seinen Gürtel. Pacquiao dominierte den Fight und machte Cotto mit seinen schnellen Händen von der ersten Runde an das Leben schwer. "Ich habe vor dem Kampf immer gehört, er sei größer als ich und er sei stärker als ich", sagte Pacquiao nach dem Kampf, "deshalb habe ich versucht besonders aggressiv zu sein, um ihm seine Power zu nehmen."
Die Taktik des neuen Weltmeisters ging voll auf. Nach verhaltenem Beginn erhöhte Pacquiao ab der dritten Runde stetig das Tempo, prompt lag Cotto erstmals auf dem Boden. Der Weltmeister war bereits früh schwer gezeichnet und nach einem weiteren Niederschlag verließ sogar seine Frau samt Kind die Halle, um nicht weiter zuschauen zu müssen. Der Ringrichter brach den Kampf schließlich in der zwölften Runde ab. Pacquiao war einfach zu schnell für Cotto, der die Stärke und Dominanz seines Rivalen nach dem Kampf neidlos anerkannte: "Manny ist der beste Fighter, gegen den ich je geboxt habe."
Großmaul des Jahres: David Haye "Ich komme hierher, um die Welt zu schocken, denn ich bin die Zukunft des Schwergewicht-Boxens", hatte der Engländer vor dem anvisierten WM-Kampf gegen Wladimir Klitschko noch getönt. Um seine vollmundigen Aussagen zu unterstreichen, präsentierte sich The Hayemaker mit einem Fotodruck auf einem schwarzen T-Shirt, das ihn im Ring mit den abgeschlagenen Köpfen der Klitschko-Brüder in den Händen zeigte. "Nach dem Kampf wird er seine Karriere beenden, denn ich werde ihn vernichtend schlagen. Ich werde Vitali dazu nötigen, das Handtuch zu werfen und seinen Bruder aus dem Ring zu ziehen", so Haye weiter.
Doch es kam anders. Zunächst ließ der 29-Jährige den Kampf gegen Wladimir, wenig später dann auch gegen Vitali wegen angeblicher Verletzungsprobleme platzen. Stattdessen stieg Haye lieber gegen Nikolai Valuev in den Ring. Markigen Worten ("Valuev ist der hässlichste Mensch, den ich kenne, ein schwerfälliger Angreifer - wie ein Roboter, ein Zombie. Es könnte passieren, dass der Boxring zusammenbricht, wenn Valuev nach meinen Schlägen zu Boden kracht") ließ er jedoch Taten folgen und nahm diesem den WM-Gürtel ab.
Überraschung des Jahres: Andre Ward Vor seinem Kampf am 21. November gegen den Knockouter Mikkel Kessler im Rahmen des Super Six galt der unerfahrene Amerikaner lediglich als Außenseiter. Zwar pries sportal.de den erst 25-Jährigen als Geheimtipp an und auch der Däne ("Er ist der beste Techniker im Teilnehmerfeld und außergewöhnlich schnell") war vorab voll des Lobes für seinen Gegner, doch letztlich sprach vieles für einen Sieg Kesslers. Im Kampf erlebte der Topfavorit auf den Titel des Superchamps dann jedoch sein blaues Wunder. Insbesondere die blitzschnellen Hände, die variablen Kombinationen und die enorme Beweglichkeit waren Wards Trümpfe gegen einen taktisch überforderten Kessler, der kaum einmal entscheidende Treffer setzen konnte, so dass seine gefürchtete Schlagstärke meist wirkungslos verpuffte.
Ward dagegen zeigte sich explosiv in den Angriffen und mit immer wieder blitzartig herausschnellenden Jabs. Taktisch brillant hatte der Olympiasieger von 2004 Kessler nie richtig in den Kampf kommen lassen und gewann letztlich, nachdem der Kampf in der elften Runde wegen einer Verletzung des Dänen abgebrochen worden war, verdient nach Punkten. "Für mich ist ein Traum wahr geworden. Es wird sicherlich eine Weile dauern, um all das, was heute geschehen ist, endgültig zu realisieren. Dies ist ein Moment, den ich nie vergessen werde", sagte der euphorisierte Ward nach seiner tollen Vorstellung, die ihm neben zwei Punkten auch den WBA-Gürtel einbrachte.
Absteiger des Jahres: Nikolai Valuev Nein, es war beileibe nicht das Jahr des russischen Riesen. Zunächst war da die Farce um den geplanten WM-Rückkampf gegen Ruslan Chagaev in Helsinki. Der für die Ausrichtung verantwortliche finnische Verband verbot die erste Schwergewichts-WM in seinem Land aus medizinischen Gründen. Als Grund für die Entscheidung wurde die Hepatitis-Erkrankung Chagaevs angegeben. Dabei hätte der Kampf stattfinden können, wenn Valuev binnen 24 Stunden nach dem Duell einer Schutzimpfung zugestimmt hätte.
Tat er aber nicht und auch gegen Wladimir Klitschko, der einen Ersatz-Gegner für den verletzten David Haye suchte, wollte der 2,13 Meter große Boxer nicht in den Ring steigen. "Ich habe seit einer Woche nicht mehr trainiert. Außerdem habe ich mich auf einen 1,85 Meter großen Gegner vorbereitet, nicht auf einen Zwei-Meter-Mann", sagte der zaudernde Valuev wenig überzeugend. Den WBA-Gürtel, den er sich in der Folge am Grünen Tisch "erkämpfte", verlor er schließlich gegen David Haye. Hier demonstrierte er abermals eindrucksvoll seine boxerischen Defizite und wurde trotz deutlicher physischer Vorteile (45 Kilo schwerer, 22 Zentimeter größer) phasenweise vorgeführt. Nach dem einseitigen Fight wurden Stimmen laut, die Valuev zum Aufhören rieten und auch sportal.de schließt sich dieser Meinung an.
K.o. des Jahres: Arthur Abraham gegen Jermain Taylor In Sachen Dramaturgie hätte es wohl auch Thriller-Altmeister Alfred Hitchcock nicht besser inszenieren können. Die 14.000 begeisterten Zuschauer in der restlos ausverkauften O2-Arena in Berlin hatten sich bereits damit "abgefunden", dass Arthur Abraham seinen Supermittelgewichtskampf gegen Jermain Taylor im Rahmen des Super-Six-Turniers zwar gewinnen, seinen 24 K.o.-Siegen im 31. Fight aber wohl keinen weiteren hinzufügen würde. Sie sollten sich irren!
Ganze zehn Sekunden vor Schluss bereitete Abraham eine Attacke mit der Linken vor und schlug anschließend eine krachende rechte Gerade durch die Deckung von Taylor. Ein Volltreffer, der den Amerikaner ("Er hat mich kalt erwischt") in der zwölften Runde auf die Bretter schickte und Abraham doch noch die drei Punkte sicherte. "Ich bin halt ein Spätstarter", sagte der glückliche Sieger auf die Frage, warum er die ersten drei, vier Runden Taylor überließ. "Auch ich war nervös, aber ich hatte seine Schläge unter Kontrolle." Das zeigte er ab der fünften Runde und vor allem durch den Abschluss nach Maß - zehn Sekunden vor dem finalen Gong.
Tragödie des Jahres: Der Tod von Arturo Gatti Am 11. Juli wurde der Kanadier mit italienischen Wurzeln tot in einem Ferienappartement im brasilianischen Porto de Galinhas aufgefunden, wo er gemeinsam mit seiner Frau und seinem einjährigen Sohn Urlaub machte. Nachdem Amanda Rodrigues einen heftigen Streit mit ihrem Mann, bei dem es auch zu Handgreiflichkeiten gekommen sei, eingeräumt hatte, war sie zunächst unter Mordverdacht geraten. Nach eingehenden Untersuchungen kam dann jedoch heraus, dass sich der bei seinem Tod unter Alkoholeinfluss stehende Gatti selbst erhängt hatte.
Der Boxer, der gerade einmal 37 Jahre alt wurde, war von 1995 bis 1997 IBF-Weltmeister im Superfedergewicht. 2004 sicherte er sich den WM-Gürtel des WBC im Halbweltergewicht, verlor diesen aber eineinhalb Jahre später gegen Floyd Mayweather Jr. aus den USA. In Erinnerung bleiben insbesondere seine drei legendären Fights gegen Micky Ward sowie sein mitreißender, leidenschaftlicher Kampfstil, der die Fans begeisterte. Nach zwei aufeinanderfolgenden Niederlagen beendete er 2007 seine Karriere. Gatti bestritt als Profi 49 Kämpfe, von denen er 40 gewann.
Jubiläum des Jahres: Universum Am 24. Februar feierte der von Promoter Klaus-Peter Kohl gegründete Boxstall sein 25-jähriges Jubiläum. An besagtem Tag, einem Donnerstagabend im Jahr 1984, standen in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg sieben Kämpfe auf dem Programm. Knapp 2000 Zuschauer hatten sich eingefunden, um unter anderem den damaligen deutschen Meister im Halbschwergewicht, Manfred Jassmann, sowie die damals noch weitgehend unbekannten Rocchigiani-Brüder Ralf und Graciano zu sehen.
Wenige Jahre später unterschrieb mit Markus Bott der erste Boxer bei Universum. Die große Zukunft des Boxstalls wurde schon zu der Zeit mit einem Logo symbolisiert, auf dem zwei Boxhandschuhe auf die Erdkugel einschlagen. In den 25 Jahren richtete Kohl weit über 2000 Kämpfe aus und hatte insgesamt 32 Weltmeister und Weltmeisterinnen, darunter Dariusz Michalczewski, die beiden Klitschkos, Regina Halmich, Felix Sturm oder Ruslan Chagaev, um nur einige zu nennen, unter Vertrag.
Ehrung des Jahres: Wilfried Sauerland Der 69-jährige Promoter und Chef der Berliner Sauerland Event GmbH wurde am 9. Dezember als zweiter Deutscher nach Max Schmeling in die International Boxing Hall of Fame berufen. "Wilfried Sauerland hat sich in den vergangenen 30 Jahren auf außergewöhnliche Art und Weise um den Boxsport verdient gemacht. Er hat seinen Platz in der Hall of Fame mehr als verdient. Diese Auszeichnung, welche die höchste im Boxsport ist, würdigt sein Engagement und seine Verdienste", sagte IBHOF-Präsident Ed Brophy.
"Ich habe mich unglaublich über die Auszeichnung gefreut. Es ist die größte Ehre, die jemandem im Boxen zuteil werden kann, vergleichbar etwa mit einem Oscar. Ich konnte es erst gar nicht fassen. Das hätte ich wirklich nicht zu träumen gewagt, als ich vor 30 Jahren in Afrika den ersten Kampf veranstaltet habe", freute sich Sauerland, der seinen ersten Boxabend Anfang der 70er Jahre in der sambischen Hauptstadt Lusaka vor 70.000 Zuschauern veranstaltet hatte. In Deutschland promotet der Exportkaufmann seit 1980 Box-Veranstaltungen.
Aufreger des Jahres: Attentat auf Ahmet Öner Am 25. August wurde der Chef des Arena-Boxstalls in Hamburg Opfer eines hinterhältigen Attentats. Der Deutschtürke hatte am Abend in Begleitung das Büro eines Sponsors im Hamburger Stadtteil Borgfelde verlassen, als offenbar zwei Täter auf ihn warteten und das Feuer eröffneten. Laut Zeugenaussagen sollen drei Schüsse gefallen sein. Öner und seine Begleiter retteten sich zurück ins Bürogebäude und alarmierten die Polizei. Die Täter konnten derweil unerkannt fliehen.
Der 37-jährige Öner ("Wo Erfolg ist, da sind auch Neider") wurde dabei von einer Kugel im linken Bein getroffen, jedoch nicht ernsthaft verletzt. "Als ich realisiert habe, was da gerade passiert, das Mündungsfeuer und die Gestalten gesehen habe, die sich da hinter den Autos versteckt und auf mich gewartet hatten, da wollte ich erst auf sie losgehen. Aber Chicko, mein Begleiter und Chef einer eigenen Sicherheitsfirma in Berlin, hat nur gerufen: 'Die schießen, wir müssen sofort wieder rein.'" Die Hintergründe der Tat blieben bislang unklar.