Der Moment der Entscheidung: Ali schlägt Foreman zu Boden
In der Geschichte des Boxens hat es in der Vergangenheit viele legendäre Kämpfe gegeben. Einer jedoch ragt aus der Masse der ultimativen Ringschlachten noch heraus. sportal.de erzählt die packende Geschichte des als Rumble in the Jungle berühmt gewordenen Mega-Fights zwischen Muhammad Ali und George Foreman, der heute sein 35-jähriges Jubiläum feiert.
Als Promoter in einem seiner allerersten Kämpfe fungierte Don King. Der Mann, der wegen Totschlags einst knapp vier Jahre im Gefängnis gesessen hatte, garantierte jedem Boxer die für damalige Verhältnisse gigantische Börse von fünf Millionen Dollar. Als Hauptfinanzier konnte er Zaires Diktator Mobutu gewinnen, der sich durch das bevorstehende Spektakel, dem die gesamte Sportwelt entgegenfieberte und das weltweit im Fernsehen und Radio live übertragen wurde, positive Werbung für sein Land und ganz Afrika versprach.
Foreman entthront Frazier
Foreman hatte am 22. Januar 1973 für Furore gesorgt, als er den amtierenden Champion Joe Frazier auf eindrucksvolle Art und Weise entthronte: Innerhalb der ersten beiden Runden schickte der damals 24-Jährige seinen Gegner ganze sechs Mal zu Boden, ehe der ungleiche Kampf abgebrochen wurde und sich Foreman als neuer, uneingeschränkter Weltmeister feiern lassen durfte.
Das Schicksal einer TKO-Niederlage nach nur zwei Runden gegen Big George widerfuhr nur wenig später ebenfalls einem gewissen Ken Norton, jenem Mann, dem es neben Frazier zuvor als einzigem gelungen war, Ali zu bezwingen. Die Vorzeichen vor dem am 30. Oktober 1974 in Kinshasa, der Hauptstadt des ehemaligen Zaire (heute Demokratische Republik Kongo), stattfindenden Events waren eindeutig.
Ali chancenlos?
Dem sieben Jahre älteren Ali traute kaum jemand zu, den körperlich robusteren und schlagstärkeren Foreman in ernsthafte Bedrängnis zu bringen. Und nicht wenige prophezeiten sogar, dass Foreman Alis großartige Karriere durch einen schnellen und deutlichen K.o. beenden würde.
Schließlich war dieser zuvor in all seinen 40 Profikämpfen, in denen er sagenhafte 37 K.o.-Siege verbuchen konnte, ungeschlagen geblieben. Ali indes schien seine besten Tage bereits hinter sich gelassen zu haben. Hatte der technisch brillante Ring-Ästhet Ali eine Chance gegen den kompromisslosen K.o.-Schläger Foreman?
Die etwas andere PK
Der mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein - nicht selten an der Grenze zur Arroganz - ausgestattete Ali hatte jedenfalls seine ganz eigene Erfolgsformel parat: "Für diesen Kampf habe ich mir etwas Neues ausgedacht. Ich habe mit einem Alligator gerungen, mit einem Wal gerauft, dem Blitz Handschellen angelegt und den Donner eingebuchtet. Ich bin böse. Letzte Woche habe ich einen Felsen getötet, einen Stein verletzt und einen Ziegel krankenhausreif geprügelt. Ich bin so gemein, dass ich sogar Medizin krank mache."
"In der vergangenen Nacht habe ich den Lichtschalter in meinem Schlafzimmer betätigt und war im Bett bevor es dunkel wurde. Ich bin so schnell, dass ich durch einen Hurrikan laufen kann, ohne nass zu werden. Wenn George Foreman auf mich trifft, wird er seine Schulden bezahlen. Ich kann untergehen und dabei das Wasser austrinken und einen Baum töten. Wartet bis ihr Muhammad Ali seht", sagte The Greatest in einer seiner legendären Pressekonferenzen unmittelbar vor dem Fight.
Ein Cut hat Folgen
Ursprünglich hatte dieser bereits am 25. September 1974 steigen sollen, doch eine beim Sparring erlittene Cutverletzung Foremans brachte den Terminplan gehörig durcheinander und so wurde das Ringduell auf den 30. Oktober verlegt. Trotz der langen Wartezeit entschieden sich beide Boxer, im Land zu bleiben, den Kampf zu promoten und die Herzen der Menschen zu erobern.
Dies gelang Ali eindeutig besser. Während sich der grimmig wirkende Foreman bei der Bevölkerung keine Freunde damit machte, dass er mit einem deutschen Schäferhund auftrat, was viele an die belgische Polizei in der Kolonialzeit erinnerte, traf Ali den Nerv der Einheimischen, indem er offen auf sie zuging, keinerlei Berührungsängste zeigte und sie mit seinem Charisma einfing. Die Sympathie-Bekundungen gingen sogar so weit, dass er mit dem Ruf "Ali, bomaye!" ("Ali, töte ihn!") angefeuert wurde.
Die Show beginnt
Am 30. Oktober war es endlich soweit: Das Stadion des 20. Mai in Kinshasa war mit rund 60.000 Zuschauern zum Bersten gefüllt. Als Herausforderer marschierte zunächst Ali in den Ring. Foreman griff derweil in die Trickkiste des taktischen Nervenspiels und ließ seinen Kontrahenten satte acht Minuten warten. Eine Zeit, die Ali dazu nutzte, das ihn ohnehin favorisierende Publikum nur noch mehr auf seine Seite zu ziehen. Beim Staredown redete Ali unaufhörlich auf Foreman ein, der das provokative Vorgeplänkel scheinbar emotionslos hinnahm.
1. Runde
Unmittelbar nach dem Gong stürmt Ali auf Foreman zu und setzt die ersten Akzente. Leichtfüßig tänzelnd trifft Ali seinen Widersacher vermehrt mit der Rechten und überrascht den amtierenden Champion mit seiner offensiven Gangart. Doch Foreman schlägt zurück und von Beginn an entwickelt sich ein packendes Gefecht. Als Foreman Ali zunehmend in die Ecke drängt und mehr und mehr die Initiative übernimmt, versucht Ali, ihn sich vom Leib zu halten, wird jedoch immer wieder in die Defensive gedrängt und mit harten Körpertreffern eingedeckt.
2. Runde
In der Rundenpause spielt Ali den Animateur und die Fans danken es ihm mit lautstarken "Ali, Ali"-Rufen. Den Ton im Ring gibt jedoch weiter Foreman an, der Ali wieder in die Ecke drängt, zudem mit einer harten Rechten an Alis Kopf punktet. Ali lässt sich nun bewusst mehr und mehr in die Ringseile fallen, was Foreman natürlich dazu einlädt, dessen Körper mit harten Schlägen zu bearbeiten. Doch auch aus der Defensive heraus bleiben Alis Hände, vor allem sein linker Jab und plötzliche Kombinationen, brandgefährlich.
3. Runde
Die vergangenen acht Kämpfe in den letzten drei Jahren hat Foreman nicht mehr als zwei Runden boxen müssen, nun muss er es. Zunächst punktet Ali mit einer schnellen Kombination, dann stellt ihn sich Foreman wieder zurecht und feuert seine Fäuste ab, was das Zeug hält. Die zahlreichen Körpertreffer, die mit ungeheurer Wucht auf Ali einprasseln. scheinen aber an diesem abzuprallen. In der Mitte der Runde klemmt Ali Foremans Kopf mit der Linken ein und raunt ihm zu: "Ist das alles, was Du drauf hast, George?" Foremans wütende Reaktion: Er schlägt noch härter zu. Noch zehn Sekunden auf der Uhr. Ali landet eine explosive Rechts-Links-Kombination, die Massen springen begeistert auf. Beim Gong hat der Ringrichter Mühe, die beiden voneinander zu trennen.
4. Runde
Ali steht in den Seilen, studiert Foremans Bewegungen ganz genau und lässt eine krachende Links-Rechts-Links-Kombination los, die seinen Gegner mächtig durchschüttelt. Foreman scheint nun zunehmend müde zu werden. Die vielen Schläge, die mittlerweile nicht mehr die Intensität der vergangenen Runden aufweisen, und die hohen Temperaturen zeigen ihre Wirkung. Das Bild bleibt dennoch dasselbe: Foreman drängt Ali weiter in die Seile, der wiederum die klareren Treffer setzt.
5. Runde
Foreman probiert es weiterhin im Vorwärtsgang. Ali praktiziert nach wie vor seine spezielle "Rope-a-Dope"-Taktik: Anders als in den meisten seiner vorangegangenen Fights, in denen er seine schnellen Reflexe und Beweglichkeit ausspielte, um den Gegner tänzelnd auszupendeln und diesen nie an sich herankommen zu lassen, lehnt er sich nun tief in die Seile zurück und lässt sich Foreman, der dadurch kaum einmal eine Möglichkeit hat, zu Alis Kopf durchzukommen, müde schlagen. Über eine Minute bleibt Ali, der nun auch nicht mehr frisch wirkt, an exakt derselben Stelle wie ein lebendiger Sandsack in den Seilen stehen und lässt Foreman zuschlagen. Dann, 35 Sekunden vor dem Gong und praktisch mitten aus dem Nichts, ist Ali wieder da und trägt diverse Kombinationen vor, die Foreman hart zusetzen. Das Publikum ist begeistert.
In der Rundenpause wird vergeblich versucht, die Ringseile zu straffen, um zu verhindern, dass sich Ali zu weit zurücklehnen und die Schläge Foremans so abfedern kann. Ali setzt klare Treffer vorwiegend mit der Linken, provoziert Foreman mit den Worten: "Sie haben mir gesagt, Du hättest einen richtigen Punch, George! Sie haben mir gesagt, Du schlägst so hart wie Joe Louis. Ich denke, das war gelogen!" Dann lehnt sich Ali wieder in die Seile, was seinen Coach Angelo Dundee allmählich zur Weißglut treibt. "Geh von den Seilen weg, verdammt nochmal", ruft er seinem Schützling zu. Worte, die ungehört verhallen. Auch am Ende dieser Runde setzt Ali erneut schöne Rechts-Links-Kombinationen an den Kopf Foremans.
7. Runde
In der Rundenpause animiert ein aufgeputschter Ali die Fans, ihn noch mehr zu unterstützen. Und sie tun es. Wieder schallt es lautstark "Ali, Ali" durch das Stadion. Die Schläge Foremans werden zunehmend kraftloser und langsamer, der 25-Jährige wirkt ein wenig hilflos und resignierend, findet einfach kein Konzept, Ali zu knacken. Aber man weiß ja, insbesondere im Schwergewicht kann ein gezielter Punch jederzeit das vorzeitige Ende bedeuten. Der an Intensität kaum zu übertreffene Kampf steht auf des Messers Schneide. Foreman schlägt einen schmerzhaften Uppercut, aber auch diesen steckt Ali mühelos weg. Der 32-Jährige hat das Geschehen im Ring weitgehend unter Kontrolle, scheint lediglich auf den richtigen Moment zu warten, eine Entscheidung herbeizuführen.
8. Runde
Ali lässt Foreman mit gezielten Jabs alt aussehen. Der reagiert zunächst mit wilden Schwingern, die ihn fast aus dem Ring werfen. Doch Foreman mobilisiert noch einmal seine letzten Kräfte und bringt Ali mit harten Körper- und Kopftreffern in Bedrängnis. Wieder steht Ali in den Seilen, wieder versucht Foreman Wirkungstreffer zu erzielen. Doch wieder reicht es für Big George nicht. 22 Sekunden zeigt die Uhr noch bis zum Ende dieser Runde an, da ergreift Ali die Initiative und befreit sich mit mehreren rechten Händen aus seiner Ecke. Die Menge tobt. Nun hat Ali endgültig Blut geleckt, packt eine unglaubliche Kombination aus, die er mit einer harten Rechten an die Schläfe Foremans beendet. Big George fällt schwer getroffen auf den Ringboden und wird wenig später angezählt. Doch noch bevor er wieder aufstehen kann, ertönt der Gong.
Und sie kommen doch zurück
Die Überraschung war perfekt! Der als unbesiegbar geltende Foreman war geschlagen. Dank einer taktischen Meisterleistung und geradezu unmenschlich anmutenden Nehmerqualitäten holte sich Muhammad Ali den Weltmeistertitel, den er durch einen Sieg gegen Sonny Liston vor zehn Jahren erstmals errungen hatte und drei Jahre später aus politischen Gründen (Kriegsdienstverweigerung) wieder abgeben musste, zurück.
Zugleich war er nach Floyd Patterson erst der zweite Schwergewichtsprofi, der das ungeschriebene Gesetz "They never come back" brach. Das, was George Foreman und Muhammad Ali an diesem Abend im Ring veranstalteten, darf getrost als Sternstunde in der Geschichte des Boxsports bezeichnet werden.