
Mikkel Kessler will dich als Untertane für sein Königreich.
"Ich bin in einer guten Verfassung", kündigte Mikkel Kessler einigen Journalisten aus seiner dänischen Heimat an, die sich in Berlin das "neue Zuhause" des Super-Mittelgewichtlers einmal anschauten. Normalerweise bereitete sich der Viking Warrior auf seine Fights in seiner Heimatstadt Kopenhagen vor, doch seit kurzer Zeit gehört er zum deutschen Boxstall Sauerland.
Mit Kessler haben sich die Berliner einen Boxer von absoluter Weltklasse ins Boot geholt. Zwar hat dieser nach seinem Wechsel von Mogens Palle, seinem früheren Promoter, auch bald eine Klage wegen Vertragsbruchs zu überstehen, doch von einem möglichen Sieg des dänischen Boxstalls vor Gericht will weder Kessler noch das Sauerland-Team etwas wissen.
Ohnehin wird darüber eher weniger gesprochen, denn Kessler ist voll fokussiert auf seinen Fight am 12. September gegen Gusmyl Perdomo. Es wird seine vorerst letzte Titelverteidigung sein, bevor das von Vielen mit großer Spannung erwartete Super Six Mitte Oktober startet. Kessler selbst wird erst am 21. November mit seinem Vorrunden-Kampf gegen Andre Ward einsteigen.
Der amtierende WBA Super-Mittelgewichts-Champ Kessler gilt für viele als absoluter Top-Favorit und wurde auch von sportal.de-Redakteur Michel Massing zum größten Anwärter auf den Titel des Super-Champs erhoben. Es wird also Zeit, diesen herausragenden Boxer einmal näher zu betrachten.
Der alte Mann mit der Zigarre
Bereits mit 13 Jahren begann der Sohn eines Dänen und einer Britin mit dem Boxen. Im Sportzentrum von Christianshavn in Kopenhagen wurde er unter die Fittiche von Richard Olsen genommen, der ihn bis heute betreut. Kessler sei ein wahnsinniges Talent gewesen. "Er wollte sich immer verbessern", sagt Olsen über seinen Schützling. Der dänische Schwergewichtler Brian Nielsen hatte den jungen Kessler inspiriert und so ging er mit zwei Freunden zum Probetraining.
Das Gym stank nach Schweiß und Olsen rauchte wie ein Schlott Zigarren. Kessler hielt ihn eher für einen alten Mann als für einen Trainer. "Der Tag änderte mein Leben", erzählt er auf seiner Homepage, "ich wusste es nur noch nicht."
Schnell durfte Kessler sein Talent in einigen Amateurkämpfen zeigen, darunter auch ein Kampf gegen Sebastian Sylvester. Kessler demontierte fast jeden, der vor seine Fäuste kam und stieg nach sechs Jahren und einer vergleichsweise kurzen Amateurlaufbahn von nur 47 Fights auf. Seine dynamische Fußarbeit geparrt mit enormer Schlaghärt und Flexibilität waren bereits damals sichtbar. Mit 16 Jahren holte er sich in der Türkei den Titel des Junioren-Europameisters.
In seinem ersten Profikampf gegen den US-Amerikaner Kelly Mays, schickte er ihn mit Präzision in der ersten Runde unnachahmlich auf die Bretter. Knapp drei Autostunden von seiner Heimatstadt entfernt, ging er mit deutlich weniger Gewicht gegen den bis dato ungeschlagenen (fünf Knockouts in sechs Kämpfen) Mays in den Kampf. "Er nannte mich ein Babyface", erinnert sich Kessler, der vor diesem Fight mit Lampenfieber zu kämpfen hatte.
Vom Babyface zum lebenden Tattoo
Wenn man sich Kessler heute anschaut, hat er optisch einiges an sich verändert. Tattoos schmücken fast seinen halben Oberkörper. Damals, am 20. März 1998, schaute er respektvoll aus seiner Ecke heraus. Die Haare zu einem Mittelscheitel gekämmt. Doch während Mays die Gepflogenheiten des Sports bereits bestens interpretiert und mit seinen markigen Sprüchen für Respekt beim Teenager Kessler gesorgt hatte, antwortete dieser mit einem schnellen linken Haken und einige Sekunden später mit einer schönen rechten Geraden. Zack. Licht aus. In Amerika nannte man ihn den europäischen De La Hoya. Jung, dynamisch, stark.
Insgesamt 15 Kämpfe absolvierte Kessler in seiner Heimat bis er den Sprung über den Teich schaffte und in Las Vegas Israel Ponce (boxte später auch gegen Randy Griffin) nach zwei Runden aus dem Verkehr zog. Kessler wurde in dieser Zeit zu dem Boxer, der er heute ist. Als Junior war er erfolgreich und nun auf dem besten Wege sich in den Ranglisten langsam vorzuarbeiten. Hatte er als Jugendlicher lediglich seinen Namen klein auf der Schulter tätowiert, wurden die Tattoos kongruent zu seinem Ego größer. Es sei schon immer sein Ziel gewesen, als einer der größten Boxer in die Geschichtsbücher einzugehen, sagt Kessler gerne. Eigentlich nichts neues, irgendwann hat dies jeder Boxer einmal behauptet. Kessler aber wirkt bedingungslos. Kennt sich hervorragend aus und weiß was er kann.
Schon früh lernte Kessler seine Gegner in Videoaufzeichnungen selbst zu studieren. In seiner Wettkampfvorbereitung steht die Verbesserung der Schlaghärte ganz oben auf der Agenda. Ausdauer und Spritzingkeitstraining komplettieren seine Stärken. Eine Verletzung seines Landsmannes Mads Larsen brachte ihm dann 2004 die erhoffte WM-Chance gegen Manny Siaca. Der Wikinger ist ein absoluter Knockouter, räumte nacheinander den besagten Siaca, Anthony Mundine, Eric Lucas und Markus Beyer aus dem Weg.
Beyer über dem Zenit, Calzaghe auch?
So vereinigte er gegen den deutschen Beyer den bereits 2004 errungenen WBA-Titel mit dem des WBC. Beyer sei über seinem Zenit, hatte Kessler vor dem Kampf festgestellt und ließ dem sympathischen Wahl-Bremer keine Chance. Nach drei Runden war Beyers Karriere als Weltmeister beendet. Es wuchs der Traum, der absolute Champion des Super-Mittelgewichts zu werden. Er wollte das "Kessler Kingdom" und forderte Joe Calzaghe heraus.
Zwischendurch machte er sich gegen Librado Andrade fit für zwölf Runden und boxte den offiziellen WBC-Herausforderer nach allen Formen der hohen Kunst aus. Calzaghe war bereits Champion als Kessler sein Debüt gab und wurde deshalb zum Wunschziel des Dänen. Während seiner gesamten Karriere beobachtete er den Waliser, unterlag aber einer Fehleinschätzung.
Ähnlich wie bei Beyer war sich Kessler sicher, den wesentlich älteren Calzaghe in Rente schicken zu können. Es wurde aber zu einer Demontage des Kriegers. Es ist schön der Champion zu sein, sagt Kessler rückblickend, schöner jedoch sei es, zwei oder gar drei Titel zu besitzen. In seiner Heimat war er längst zum Volkshelden aufgestiegen, seine Kämpfe brachen alle dänischen Rekorde. Er wollte mehr und fiel hart.
Der "Stolz von Wales" erteilt eine Lehrstunde
Es war ein intensiver Kampf zweier Boxer, deren Schlagfrequenz enorm hoch war. Doch der „Stolz von Wales" war einfach der bessere Mann im Ring. Über 1000 Schläge setzte Calzaghe an, traf zwar in der Quote weniger als Kessler (28 gegenüber 30 Prozent), doch hatte er die klareren Treffer. Nach Punkten wurde Kessler in einer 3:0-Entscheidung entthront. Calzaghe sei nicht sein bester Gegner gewesen, betont Kessler bis heute. Aber der einzige, der ihn besiegen konnte.
Nicht nur Mikkel Kessler dürfte von Calzaghes Auftritt überrascht gewesen sein. Auch die Buchmacher hatten den Dänen vorher als Sieger vorne gesehen. Der Traum vom Kingdom war zunächst zerplatzt. Kessler bekam jedoch sehr schnell wieder die Chance um die Krone zu boxen. Wieder sollte Mundine (Calzaghe hatte die Gürtel abgelegt) sein Gegner sein, doch dieser legte den Gürtel ebenfalls ab und stieg eine Gewichtsklasse auf. Gegen den Spotlight-Boxer Dimitri Sartison rückte Kessler in einem Fight um den vakanten Titel der WBA das kaputte Bild des Ausnahmeboxers wieder ins rechte Licht. 12 Runden lang dominierte er den Kasachen, um ihn dann in der letzten Runde auf die Bretter zu schicken.
Im letzten Jahr boxte er dann gegen Danilo Häußler in Oldenburg und ließ ihm keine Chance. Ungleicher hätte ein Fight kaum sein können. Sauerland wollte dem Mann aus Frankfurt/Oder zum Ende der Karriere ein Geschenk machen, der Fight wurde aber zur Farce. Kessler machte kurzen Prozess und schickte sich noch einmal nachhaltig auf den Verpflichtungsplan des Berliner Boxstalls. Bereits seit langer Zeit hatte man ihn beobachtet.
Jetzt zieht man am selben Strang. Perdomo ist der erste Gegner, den Kessler unter der neuen Flagge boxen wird. Ein Gegner, den man sicherlich achten aber nicht fürchten muss. Es wird ohnehin ein Warm-Up für das anstehende Super Six. Kessler sagt von sich, er sei gut drauf. Er wird es beweisen müssen, wenn er den Traum vom "Kingdom" reanimieren will.
Julian König