
Rocky Marciano: Baseball war seine Leidenschaft
"Würde man alle bisherigen Schwergewichts-Weltmeister in einen kleinen Raum sperren - Marciano wäre der einzige, der da wieder herauskäme", schrieb das renommierte Ring Magazine einst und huldigte damit der immensen Schlagstärke und außergewöhnlichen Nehmerqualität des ehemaligen Weltklasse-Boxers, der exakt vor 86 Jahren das Licht der Welt erblickte. sportal.de erinnert an Rocky Marciano, der es schaffte, bis heute als einziger Schwergewichts-Champ während seiner gesamten Karriere ungeschlagen zu bleiben.
Als Sohn italienischer Einwanderer wuchs Rocco Francis Marchegiano mit drei Schwestern und zwei Brüdern in Brockton, Massachusetts, auf. Als Jugendlicher hatte er mit dem Boxen zunächst nicht viel am Hut, interessierte sich vielmehr für die Sportarten American Football und insbesondere Baseball, denen er in diversen Teams nachging. Lediglich ein ausgestopfter Postsack, der von einem Baum im Hinterhof seines Wohnhauses hinabhing, hätte möglicherweise erahnen lassen können, dass ihm eine einzigartige Faustkampf-Karriere bevorstehen sollte.
Baseball statt Boxen
Nach seiner Schulzeit hielt sich Marciano als Erdarbeiter, Schuhverkäufer und Mitarbeiter einer Eis- und Kohle-Firma über Wasser, ehe er 1943 in die Armee einberufen wurde, für die er während des zweiten Weltkrieges zwei Jahre lang in Wales diente. Dort begann er auch - angetrieben durch seinen Onkel - den Boxsport für sich zu entdecken. Seinen ersten Profikampf absolvierte Marciano am 17. März 1947 gegen Lee Epperson, den er bereits nach drei Runden K.o. schlug.
Seine wahre Leidenschaft galt jedoch noch immer dem Baseball und so heuerte er bei den Chicago Cubs, wo er einen Vertrag in der Minor League erhielt, an. Für eine Karriere in der klassenhöheren Major League reichte es aber nicht und so konzentrierte er sich schließlich gänzlich auf das, was er am besten konnte: Boxen. Schon nach kurzer Zeit war Marciano aufgrund seines bedingungslosen Kampfstils, der nur den Weg nach vorn kannte, und seines harten Punches berühmt-berüchtigt.
Nervös wie ein Hydrant
Zudem verfügte er über ein gutes Auge, exzellente Reflexe und grandiose Nehmerqualitäten ("Wenn Marcianos Kinn nicht aus Stahl ist, dann zumindest aus Gussbeton!", staunte Arthur Daley von der New York Times). Aufgrund seiner geringen Körpergröße von lediglich 1,78 Metern und seines niedrigen Gewichts von rund 85 Kilo (heutzutage wäre Marciano ein Cruisergewichtler) perfektionierte er seine Kampfhaltung in den folgenden Jahren so, dass er in einer leicht vornübergebeugten Kauerstellung und ständig pendelnd von seinen meist größeren und schwereren Gegnern nur sehr schwer zu treffen war. Aus der Halbdistanz suchte er dann stets den Infight und bearbeitete seine Rivalen mit einer hohen Schlagfrequenz.
Außerdem war er enorm konditionsstark, so dass ihm auch bei längeren Fights nie die Luft ausblieb und verfügte über ein unerschütterliches Selbstbewusstsein und starke Nerven ("Vor einem großen Kampf war Marciano in etwa so nervös wie ein Hydrant", schrieb das Life Magazine 1952). Seinen eigenen Boxstil beschrieb Marciano einmal mit den Worten: "Wozu soll ich mit meinen Gegnern Walzer tanzen, wenn ich sie in einer Runde K.o. schlagen kann?" Auch das Wort Angst ("Bei keinem meiner Kämpfe verspürte ich jemals wirklich Furcht") suchte man in seinem Wortschatz vergeblich.
Meister der Kurzarbeit
So beendete er die ersten 16 Fights allesamt vorzeitig, ganze neun seiner Gegner erlebten dabei nicht einmal das Ende der ersten Runde mit. In seinen ersten 22 Kämpfen stand er lediglich 62 Runden im Ring, was für seine vernichtende Schlagkraft sprach. Schwierigkeiten mit dem Brockton Blockbuster hatten jedoch nicht nur seine Kontrahenten, sondern auch ein gewisser Ringsprecher, der Rockys Nachnamen Marchegiano nicht aussprechen konnte. Infolgedessen trug dieser seine Kämpfe fortan unter dem umgänglicheren Pseudonym Rocky Marciano aus, nachdem zunächst auch Rocky Mack zur Auswahl gestanden hatte.
Erst am 23. Mai 1949 schaffte es Don Mogard als erster Boxer, gegen Marciano über die vollen zehn Runden zu gehen. In der Folgezeit erboxte sich der Italo-Amerikaner immer mehr Reputation und so wurde sein Kampf gegen Rex Layne am 12. Juli 1951 zum ersten Mal landesweit im Fernsehen übertragen. Für Furore sorgte Marciano am 26. Oktober 1951, als er den legendären, aber in die Jahre gekommenen Ex-Champ Joe Louis in der achten Runde K.o. schlug und damit dessen großartige Karriere beendete. Zeitzeugen sind der Meinung, dass sich Marciano bewusst ein wenig zurückhielt, um sein Idol nicht ernsthaft zu verletzen.
Rocky holt die Rechte raus
Im folgenden Jahr erhielt Marciano dann endlich die langersehnte WM-Chance und der Herausforderer sollte auf eine harte Probe gestellt werden. Am 23. September 1952 ging der knapp zehn Jahre jüngere Marciano gegen Jersey Joe Walcott bereits in der ersten Runde zu Boden und wurde bis vier angezählt. Er erholte sich vom Niederschlag zwar schnell wieder, fand in den folgenden Runden jedoch nicht das richtige Konzept gegen seinen Landsmann und lag auf den Punktrichterzetteln nach zwölf von 15 angesetzten Runden bereits hoffnungslos zurück. Doch dann rettete Marciano eine krachende Rechte in der 13. Runde den Sieg im vom Ring Magazine zum Kampf des Jahres gewählten Fight. Den Rückkampf im folgenden Jahr beendete Marciano dann durch K.o. bereits in der ersten Runde.
Die nächste Titelverteidigung sollte nur vier Monate auf sich warten lassen. Diesmal wollte es Roland LaStarza, den Marciano bereits dreieinhalb Jahre umstritten nach Punkten bezwungen hatte, wissen. Doch auch im zweiten Duell stand der Herausforderer auf verlorenem Posten. Obwohl lange in Führung liegend, ging er in der elften Runde technisch K.o., nachdem er von Marciano zuvor durch die Ringseile geschleudert worden war.
Doppelpack gegen Charles
Der nächste Gegner, den Marciano am 17. Juni 1954 vor die Fäuste bekam, war Ezzard Charles. Der Ex-Weltmeister gestaltete das Geschehen im Ring in den ersten zwei Dritteln des Kampfes noch ausgeglichen, doch die letzten fünf Runden entschied Marciano gegen den immer müder werdenden Charles für sich und fuhr so den knappen Punktsieg nach Hause. Charles sagte nach dem Fight angesichts der Schlagkraft seines Gegners, er fühle sich, als sei er unter einen Mähdrescher geraten.
Der Kampf wurde von der Öffentlichkeit jedenfalls so begeistert aufgenommen, dass beide Rivalen lediglich drei Monate später erneut aufeinander trafen. Diesmal schickte Marciano Charles bereits in der zweiten Runde kurzzeitig zu Boden, doch der Herausforderer schlug zurück und brach dem Champ in Runde sieben dermaßen schwer die Nase, dass der Ringrichter sogar kurz überlegte, den Kampf vorzeitig abzubrechen, was einem TKO-Sieg Charles' gleichgekommen wäre. Doch Marciano durfte weiter boxen und knockte sein Gegenüber kurzerhand in der achten Runde mit einer harten Kombination aus. Das Ring Magazine wählte diesen Kampf zum besten des Jahres.
Auf dem Höhepunkt abgetreten
Nach einer weiteren erfolgreichen Titelverteidigung absolvierte Marciano am 21. September 1955 gegen Archie Moore (nach der K.o.-Niederlage sagte Moore: "Nach einem Kampf mit Rocky Marciano fühlst Du Dich so, als ob Dich jemand mit einer Keule geschlagen und mit Steinen beworfen hätte") den letzten Profikampf seiner Karriere und hängte danach seine Boxhandschuhe für immer an den Nagel. Dass er im Alter von 32 Jahren auf dem absoluten Höhepunkt seiner Laufbahn abtrat und nicht den Fehler so vieler Boxer vor und nach ihm machte, den richtigen Zeitpunkt des Rücktritts zu verpassen, trug zu seinem Legendenstatus sicherlich mit bei und verlieh ihm eine gewisse Unantastbarkeit.
Ein angedachtes Comeback vier Jahre später verwarf Marciano nach nur einem Monat Training wieder und zog eine Rückkehr in den Ring nie mehr ernsthaft in Erwägung. Da er seine Kampfbörsen gut angelegt hatte, konnte er nach seiner Karriere ein finanziell sorgenfreies Leben führen. Zudem moderierte er eine Zeit lang eine wöchentliche Box-Show, arbeitete als Schiedsrichter beim Wrestling (in der High School war er selbst ein begabter Wrestler) und fungierte als Referee und Kommentator bei Boxkämpfen. Am 31. August 1969, einen Tag vor seinem 46. Geburtstag, kam Marciano bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
Rocky vs. Ali
Kurz vor seinem Tod kam unter amerikanischen Sportjournalisten die Frage auf, wer denn in der Blüte seiner Schaffenskraft eigentlich der bessere Boxer gewesen sei, Marciano oder Muhammad Ali. Daraufhin wurde ein Computer mit diversen Daten der beiden Boxer gefüttert und das Ganze filmisch als Simulation in Szene gesetzt. Ergebnis: Marciano zwang Ali durch K.o. in Runde 13 in die Knie. Das gewagte Experiment wurde in der Fachwelt amüsiert zur Kenntnis, jedoch zu Recht nicht allzu ernst genommen.
In Erinnerung bleibt Rocky Marciano (Kampfrekord: 49 Fights/43 K.o.), der es in der Top Ten der besten Schwergewichtler aller Zeiten bei sportal.de auf den vierten Platz schaffte, als einer der erfolgreichsten Boxer aller Zeiten und als einer derjenigen, die während ihrer Karriere ungeschlagen blieben, was nur ganz wenigen Boxern (u.a. Joe Calzaghe und Sven Ottke) gelang.
Oliver Altgelt