
Theodore 'Tiger' Flowers
Tiger Flowers war der erste schwarze Boxer, der Weltmeister im Mittelgewicht wurde. Er boxte in einer Zeit in der sich der Ku-Klux-Klan über Amerika ausbreitete und fand dort seinen eigenen Weg. Der Junge aus Georgia war kein Mann der großen Worte, wie es nach ihm zahlreiche Schwarze Sportler waren.
Viele warfen ihm vor, er hätte sich trotz seiner Popularität vor der Gesellschaft weggeduckt. Andere sehen ihn als Wegbereiter für eine breitere Akzeptanz der schwarzen Bevölkerung. Anlässlich seines 114. Geburtstags erinnert sportal.de an einen der größten Boxer des Mittelgewichts, den man auch als "vergessenen Champion" betiteln könnte.
Die Bibel im Ring
"Gelobet sei der Herr, mein Hort, der meine Hände lehret streiten und meine Fäuste kriegen, meine Güte und meine Burg, mein Schutz und mein Erretter, mein Schild, auf den ich traue, der mein Volk unter mich zwinget", betet Theodore, genannt Tiger, Flowers in seiner Ringecke.
Ihm gegenüber wartet Harry Greb. Einer der fiesesten und stärksten Boxer der 1920er Jahre. "The Human Windmill". Wir schreiben den 26. Februar 1926. Die Luft im New Yorker Madison Square Garden ist stickig. Es riecht nach Schweiß. 16.311 Zuschauer warten gebannt auf die kommenden Runden.
Es geht um die Krone im Mittelgewicht. Harry Greb ist der Titelverteidiger. Einen aggressiveren Boxer hatte es zu der Zeit kaum gegeben. Ein Mann der für seine Nehmerqualitäten berühmt war und der mit hoher Schlagfrequenz die Gegner der Reihe nach - auch aus höheren Gewichtsklassen - auf die Bretter schickte.
Der schwarze Blitz
Flowers aber war ebenfalls ein Kraftpaket, der die Fights gegen Halbschwergewichtler nicht scheute und dessen enorme Schlagzahl beeindruckte. Er sei so schnell mit seinem linken Jab hieß es, dass auf der Kamera nur ein schwarzer Blitz zu sehen gewesen sei, wenn die Fotografen versuchten seine Schläge zu dokumentieren.
Der weiße Greb gegen den schwarzen Flowers. Elf Jahre nach der Niederlage von Schwergewicht Jack Johnson gegen Jess Willard durfte erstmals wieder ein schwarzer Boxer um einen Weltmeistergürtel boxen. In einer Zeit in der ein ungeschriebenes Gesetzt besagte, dass ein weißer Boxer jederzeit einen Kampf gegen einen schwarzen Mann ablehnen darf, bekam Flowers endlich die Chance nach über einem Jahrzehnt den Titel zu holen.
Dass einflussreiche Ring Magazine hatte ihn aufgrund hervorragender Leistungen als Herausforderer Nummer eins eingestuft und ganz Amerika wartete nun gespannt auf die Ringschlacht, die auf 15 Runden angesetzt war. Beide waren sich bereits Jahre zuvor im Ring begegnet und eigentlich war klar, dass der Sieger am Ende nur Greb heißen kann.
Wer ist der wahre Weltmeister?
Es gibt verschiedene Aufzeichnungen über den Kampfverlauf. Während die meisten Boxexperten jener Zeit den Weltmeister klar vorne und "maximal ein Unentschieden" (Frank Getty von United Press) sahen, waren andere inklusive der Ringrichter konträrer Meinung. Greb sei nicht in Form und wenn überhaupt nur gleichwertig gewesen. Zudem hätte ein Cut in der dritten Runde deutlich gemacht, dass Flowers die klareren Treffer hatte.
So verließ Flowers New York als Sieger. Was beide damals noch nicht ahnten war, dass sie innerhalb der nächsten beiden Jahre das gleiche Schicksal teilen würden. Davon aber später mehr.
Am 5. August 1895 wurde er in Camilla/Georgia geboren. Den größten Teil seiner Kindheit verbrachte er aber in Brunswick an der Atlantikküste. Die Stadt wurde einst als Hauptstadt der Schrimp-Fischerei bezeichnet und auch Flowers verdiente früh im Hafen ein bisschen Geld für die Familienkasse. Er war zwar nicht in der Fischerei tätig, doch die Arbeit sollte indirekt sein Leben bestimmen.
Phillie als Geburt einer Legende
Und das in vielerlei Hinsicht. Zum einen lernte er früh das Arbeitsleben kennen und damit Bescheidenheit und zum anderen kam er durch die Hafenarbeit zum Boxen. Anfang des ersten Weltkrieges wurden in Philadelphia dringend Hafenarbeiter benötigt und so ging auch Flowers dorthin, um Arbeit zu bekommen. Eines Tages besuchte er die Trainingshalle von Schwergewichts Champion Philadelphia Jack O'Brien. Andere Quellen besagen allerdings, dass er bereits in Brunswick gesparrt haben soll. Flowers selbst soll einmal behauptet haben, bereits mit 15 Jahren das Boxen erlernt zu haben.
Wie auch immer, in Philadelphia konnte er sich mit starken Kämpfern messen und lernte schnell dazu. Mit dem Ende des Krieges ging er zurück nach Georgia in die dortige Hauptstadt Atlanta. Im Gym um die Ecke vertiefte er unter Aufsicht von Walk Miller sein Können, lebte aber auch gleichzeitig stärker denn je seine Religion aus.
Als Diakon einer methodistischen Kirche wurde er schnell zu einer der wichtigsten Personen für die schwarze Community in Atlanta und bekam im Ring den Beinamen "The Georgia Deacon". In dieser Zeit begann er mit seiner Profi-Karriere, musste aber aufgrund seiner Hautfarbe viele kleine Kämpfe bestreiten und nach Mexiko gehen, damit er überhaupt von der Gage leben konnte.
Onkel Tom oder Vorbild oder beides?
Flowers akzeptierte dies in einer Zeit in der der Ku-Klux-Klan steigende Mitgliederzahlen verzeichnete. Jahre später galt Flowers als Prototyp des "Uncle Tom". Er tat zwar viel für die Menschen in seiner Umgebung, ergriff aber öffentlich nie das Wort gegen die Unterdrückung und beugte sich der gesellschaftlichen Ordnung. Er war eher der stille Typ, was aber auch ein Grund dafür war, dass er ebenso bei der weißen Bevölkerung gut ankam. Etwas spöttisch gemeint nannten ihn Kritiker den "weißesten Schwarzen".
Welche Rolle Flowers aber in der Brückenschlagung zwischen den Rassen spielen sollte, erahnte Anfang der 20er Jahre noch niemand. Flowers nutzte den Boxring, um Begeisterung auszulösen und egal ob nun weiß oder schwarz, Hoffnung zu geben. Das Interesse an ihm war groß - Flowers wusste das.
Um die Karriere von Flowers zu beschreiben, versuchten viele Journalisten in der Zeit die Gründe in der angeborenen Athletik schwarzer Sportler zu finden. Anders als bei anderen vornehmlich weißen Boxern, wurde bei Flowers anfangs nie sein taktisches Geschick im Ring und seine Beständigkeit außerhalb gelobt, sondern seine Fähigkeiten im Ring bis zum Schluss zu fighten. Mit den späteren Erfolgen änderte sich dieser Umstand und die Tageszeitungen berichteten vermehrt und vor allem konstruktiver über schwarze Sportler.
Mit seiner Art verkörperte Tiger quasi die Mitte und den Übergang zwischen dem bereits angesprochenen und aufgrund der Hautfarbe gedemütigten Jack Johnson und dem später gefeierten Patrioten Joe Louis. Doch während sowohl Johnson als auch Louis heute noch immer präsent sind, haben viele Flowers und seine Erfolge längst vergessen.
Dieser überzeugte seiner Zeit aber vor allem durch harte Arbeit im Ring. So boxte er zunächst noch mit unterschiedlichem Erfolg Größen wie Jamaica Kid, Kid Norfolk, Lee Anderson oder Johnny Wilson, den er sogar K.o. haute.
Zwei Gegner, eine Nacht
Der Linksausleger mit der Reichweite von 193cm spulte ein unheimliches Kampfpensum runter. Fast wöchentlich stieg er in den Ring. Gegen Jerry Hayes und Hughie Clements stieg er 1924 sogar in ein und derselben Nacht in den Ring. Er besiegte beide durch K.o. und benötigte nicht einmal mehr als vier Runden - für beide versteht sich.
Der Weg bis zur Spitze war fast eine logische Folge akribischer Arbeit. Nach seinem Erfolg über Greb 1926 erntete er aber viel Kritik, da der Sieg in den Augen der Öffentlichkeit nicht verdient gewesen sei. Flowers nahm dies auf und gab Greb die Chance bei einem Rückkampf am 19. August desselben Jahres die Verhältnisse wieder richtig zu stellen.
Greb verlor wieder nach Punkten, wieder hart umstritten. Es sollte der letzte Kampf der menschlichen Windmühle gewesen sein. Er starb wenige Wochen später nach einer Augenoperation an den Komplikationen des Eingriffs.
Welches Spiel spielte Walker?
Anders als viele "Kollegen" von Flowers suchte dieser auch als Weltmeister die größten Herausforderungen. So nahm er wenig später trotz widriger Umstände einen Kampf gegen Mickey Walker an. Dessen Crew verlegte den Fight nach Chicago. An sich nichts besonderes, wäre nicht der fade Beigeschmack, dass es sich dabei um Taktik handelte. Flowers galt als Boxer, der locker sein Tempo über die volle Distanz gehen konnte und erst in den letzten Runden aufdrehte.
In Chicago war damals gesetzlich vorgeschrieben, dass ein Fight nicht länger als zehn Runden gehen durfte, ein Nachteil für Flowers. Den Kampf gewann Walker, allerdings gilt dieser als verschoben. Die zuständige Illinois Athletic Comission überprüfte das Urteil, änderte es aber trotz starker Indizien nicht ab. Der Ehrenkodex eines jeden Boxers würde normalerweise nach einem Rückkampf schreien, Walker und sein Team verweigerten diesen aber.
Zum Ärger von Flowers, der erneut den steinigen Weg über höhere Gewichtsklassen antrat ohne selbst an Gewicht zuzulegen. Wie vor seinem ersten WM-Kampf verprügelte er einen Halbschwergewichtler nach dem anderen, um vielleicht doch bald wieder die Chance im Mittelgewicht zu bekommen.
Greb und Flowers teilen ein Schicksal
1927 kursierten dann auch Gerüchte über einen Rückkampf gegen Walker. Für Flowers aber hatte das Schicksal einen anderen Weg vorherbestimmt. Vier Tage nach einem Kampf gegen Leo Gates verstarb er am 16. November wie Greb an den Folgen einer Augenoperation. Er wurde nur 32 Jahre alt.
Mehrere Kirchen veranstalteten Trauergottesdienste an denen 75.000 Menschen, schwarz wie weiß, teilnahmen und dem "Georgia Deacon" die letzte Ehre erwiesen. Clark Howell, Redakteur des örtlichen Atlanta Constitution beschrieb in einem Artikel vom 23. November als "beeindruckendes Ereignis", da nie zuvor eine solche Trauerfeier für einen schwarzen gegeben hatte.
An diesem Tag trauerte eine ganze Stadt. Als die Menschen von dem Tod erfuhren, wurde sofort jegliches öffentliches Leben eingestellt. Die Väter ließen ihre Arbeit ruhen und gingen nach Hause zu ihren Familien. Es sollte bis in die späten 60er Jahre die größte Gedenkfeier in Atlanta bleiben. Ähnliches erlebte die Stadt erst wieder bei Martin Luther King.
Schwarz? Weiß? Egal!
Die riesige Menschenmasse brachte ihn von der Kirche zum Lincoln Memoral Park, einem Friedhof nur für Afro-Amerikaner. Diese Reaktion kann rückwirkend als einzigartig betrachtet werden, denn Flowers erlangte in einem Sport derartigen Ruhm, der eigentlich als unedel galt. Die Reaktion der Menschen zeigte, dass der Tiger etwas geschaffen hatte, dass sich über die Rassentrennung hinweg setzte und die Menschen verbinden konnte.
Der weiße Sportreporter Morgan Blake zeigte sich weitsichtig und sagte auf der Trauerfeier, dass Atlanta "stark genug sei, um sich über Vorurteile und Rassentrennung hinweg zu setzten, um den Charakter und die Leistungen von Flowers zu feiern." Der Boxer und der Mensch Theodore "Tiger" Flowers hatte es in einer besonders kritischen Lage Amerikas geschafft, Respekt und Ehre nicht nur in der schwarzen Bevölkerung zu erlangen, sondern auch in der weißen. Ein wirklich besonderer Umstand zu dieser Zeit.
In Amerika entflammte nach der Rede von Blake eine landesweite Diskussion über Akzeptanz, Benehmen und Temperament der schwarzen Bevölkerung. Die Autorin Grady Edney nannte Flowers daraufhin den "weißesten Schwarzen der Sportwelt", was keinesfalls rassistisch gemeint war. In ihren Augen hatte Flowers mit seinem Leben die Mitglieder des KKK verspottet und ein Leben wie er es sich wünschte gelebt.
Der weiße Mann will ein Biest im Ring
Eldridge Cleaver, einer der führenden Sprecher der Black Power Bewegung, sagte 40 Jahre später, dass man in Amerika von einem schwarzen Champion einen starken Körper erwarte. Dass er ein Biest im Ring sein sollte, außerhalb aber lieb und nett wie eine Schmusekatze. Diese Anspielung kam nicht von ungefähr, da Flowers diesen Typus zumindest teilweise verkörpert hatte oder Cleaver zumindest in seiner Polemik dies ankreiden wollte. Zwar war Flowers kein Biest im Ring und den Spitznamen Tiger hatte er auch nicht wegen seiner Unberechenbarkeit, aber wie bereits erwähnt war er abseits des Rings ein Gentleman und hinterfragte anders als später beispielsweise Muhammad Ali nie die Nation.
Anders als man es aber annehmen könnte, war Ali trotz seiner unheimlich wichtigen Rolle für die schwarze Bevölkerung in Amerika nicht unbedingt viel beliebter als es einst Flowers war. Allerdings verkörperte Ali damals ein neues Selbstbewusstsein einer unterdrückten Gesellschaft, die dazu führte, dass Sportler wie Flowers heute überhaupt zurück in unser Gedächtnis geführt werden.
Flowers hatte mit seiner Art den von Vorurteilen besetzten Amerikanern die Illusion genommen, wie in ihren Augen schwarze Männer zu sein hatten. Der Tiger trug im gesellschaftlichen Leben einen Anzug und lebte ein Leben vor, das als zivilisiert angesehen wurde. Seine weißen Kritiker allerdings schafften diesen Spagat nicht. Dieser Umstand war es, den Grady Edney gemeint hatte.
Sogar Bertholt Brecht widmete ihm in einem Gedicht über die größten Boxer seiner Zeit einen Vers. In diesem behauptete der Dichter zwar, dass Flowers in seiner Karriere niemals K.o. ging, doch so ganz stimmte es nicht. Er ging bei mehr als der Hälfte seiner 19 Niederlagen auf die Bretter (sein Kinn sei seine größte Schwachstelle gewesen, heißt es). Bei insgesamt 161 dokumentierten Kämpfen ist seine Quote mit 135 Siegen (55 K.o.´s) aber überragend gewesen. 1993 nahm die International Boxing Hall of Fame den ersten schwarzen Mittelgewichtsboxer aller Zeiten in ihren Reihen auf.
So bemerkenswert der Erfolg von Flowers auch war, er zeigte auch ganz deutlich, dass ein schwarzer Mann damals nur den Respekt bekommen konnte, wenn er es schaffte sich anzupassen. Trotzdem war die Person Flowers für die spätere Bevölkerungsentwicklung in Amerika ein wichtiger Bestandteil. Leider einer, der viel zu wenig Beachtung bekommt.
Julian König