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Ali vs. Patterson: Kampf für Black Power
Ali vs. Patterson: Kampf für Black Power
Muhammad Ali erteilt Floyd Patterson eine Lektion

Muhammad Ali holte sich 1964 von Sonny Liston den WM-Titel, gewann 1974 den legendären "Rumble in the Jungle" gegen George Foreman und ein Jahr später den "Thrilla in Manila" gegen Smokin' Joe Frazier. Ein anderer Kampf des "Größten" ist im kollektiven Gedächtnis der Boxfans weniger präsent - doch geschichtlich gesehen spannender als alle anderen Ringschlachten: sportal.de analysiert, wie Ali durch und nach dem Fight gegen Floyd Patterson am 22. November 1965 zu einem Protagonisten der Black-Power-Bewegung wurde.

Der Emanzipationskampf der schwarzen Bevölkerung nahm Anfang der 60er Jahre Fahrt auf. Angeführt von Dr. Martin Luther King kämpfte die Bürgerrechtsbewegung für mehr Rechte. Am 28. August 1963 lauschten 250.000 Menschen beim "Marsch auf Washington" Kings "I have a dream"-Rede. US-Präsident Lyndon B. Johnson reagierte in den Jahren 1964 und 1965 mit Gesetzen, die den Farbigen mehr Rechte verliehen. Auf ihre Lebensbedingungen im Alltag wirkte sich das jedoch kaum positiv aus. Insbesondere junge Schwarze wollten daher nicht mehr geduldig auf weitere Zugeständnisse warten. Sie wurden selbstbewusster und radikaler - eine neue Stimmung entstand, die die zweite Hälfte der 60er Jahre prägen sollte: Black Power. Schwarzer Stolz, schwarze Kraft!

Floyd Patterson hält seinen Mund

Der Boxsport präsentierte sich damals weit weniger kompliziert als heute: Es gab einen einzigen Titelträger. Von 1956 bis 1959 und von 1960 bis 1962 war Floyd Patterson dieser symbolische "Mr. Amerika". Er war bis zur Ära Mike Tyson der jüngste Schwergewichts-Champ aller Zeiten und durchbrach als erster das Gesetz des „They never come back". Außerhalb des Rings war Patterson weit weniger kämpferisch. Zum "richtigen Verhalten" eines Box-Weltmeisters sagte er einmal: "Die Öffentlichkeit möchte einen beliebten Champion. Und manchmal ist Beliebtheit nur zu erreichen, wenn man seinen Mund hält."

Und das tat Patterson: Als der beste Boxer der Welt 1957 in Kansas City nicht in ein weißes Restaurant durfte, kaufte er sich Käse und Cracker und ging zurück ins Hotel. Als er mit seiner hellhäutigen Frau in ein weißes Stadtviertel zog und dort von pöbelnden Nachbarn wieder vergrault wurde, nahm er das hin und verkaufte sein 140.000-Dollar-Haus wieder - für 20.000 Dollar unter Preis. Doch nutzte er seinen Titel, durch den ihm die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sicher gewesen wäre, um diese Vorfälle lautstark zu kritisieren? Nein. "Patterson war der Darling des amerikanischen Box-Establishments: leise sprechend, bescheiden, die Verkörperung dessen, was ein 'guter Neger' sein sollte", schrieb einst Box-Experte Thomas Hauser.

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Muhammad Ali findet, er sei der Schönste

Muhammad Ali interpretierte nach seinem WM-Sieg über Sonny Liston 1964 die Rolle als schwarzer Box-Weltmeister anders. Er versuchte, der dunkelhäutigen Bevölkerung das Gefühl eines schwarzen Selbstvertrauens zu vermitteln. In einer Zeit als Drogerien Hautbleichemittel für Farbige verkauften und Essenzen, um krauses Haar zu glätten, rief Ali sich nicht nur zum besten, sondern auch zum schönsten Boxer der Welt aus. Und er ging in die Ghettos, wie Malcolm X in seiner Autobiographie notierte: "Wenn Cassius und ich manchmal in den Schwarzenvierteln spazieren gingen, blieben die Schwarzen staunend stehen, weil sie nicht glauben konnten, dass er sich lieber unter ihnen aufhielt als unter Weißen. Cassius verblüffte die Schwarzen, wenn er zu ihnen sagte: 'Ich gehöre zu euch. Es gibt mir Kraft, mit meinem schwarzen Volk zusammen zu sein'."

Aufgrund seines Verbundenheitsgefühls mit den dunkelhäutigen Amerikanern wurde Ali zum Helden vieler Schwarzer - und da Menschen ihren Helden nacheifern, ergriff das weiße Amerika die Furcht, der Boxer könnte die Farbigen beeinflussen. Noch einmal Malcolm X: "Die etablierte Macht hatte mit Erfolg ein Bild vom amerikanischen Schwarzen geschaffen, das ihn ohne Selbstvertrauen darstellt. Und nun kommt mit Cassius das genaue Gegenteil. Er sagt, er wäre der Größte. Und sie wussten, wenn die Leute anfingen, sich mit Cassius zu identifizieren, dass sie dann Schwierigkeiten bekommen würden. Denn plötzlich würden Schwarze auf den Straßen herumlaufen und sagen: 'Ich bin der Größte'."

Patterson vs. Ali bekommt politische Dimension

Als Muhammad Ali und Floyd Patterson am 22. November 1965 in Las Vegas aufeinander trafen, ging es also um mehr als um einen Gürtel. Das Aufeinandertreffen dieser exakten Gegenstücke musste eine politische Dimension bekommen. Patterson schwang sich bereits Monate vor dem Kampf zum Rächer der Vereinigten Staaten und des Christentums auf, sprach Ali mit dessen (nach dem Übertritt zum Islam abgelegten) Namen Clay an und nannte ihn eine Schande als Weltmeister: "Ich will ihm den Titel abnehmen und denen zurückholen, denen er gehört: Ganz Amerika und nicht nur den Black Muslims."

Patterson nahm so die Rolle einer "weißen Hoffnung" an. Ali ließ die Aussagen des Herausforderers nicht unbeantwortet. Er nannte Patterson einen tauben, stummen und blinden "so genannten Schwarzen", der die veraltete Haltung demütiger Farbiger repräsentiere - und dafür wollte er den "Champion der Weißen" bestrafen.

Die Wortgefechte führten zur Unterstützung Pattersons durch die Weißen. Sie sahen im Ex-Weltmeister "das Gute", im aktuellen Champion "das Böse". Bei der dunkelhäutigen Bevölkerung war dagegen Ali der Favorit. Im Ring standen sich also nicht nur Muhammad Ali und Floyd Patterson gegenüber, sondern eine black hope und eine white hope - oder genauer: eine dunkelhäutige "schwarze Hoffnung" und eine dunkelhäutige "weiße Hoffnung". Black-Panther-Aktivist und Schriftsteller Eldridge Cleaver analysierte: "In ihrer Essenz war die weiße Hoffnung auf einen Patterson-Sieg durch das Verlangen genährt, dass der Neger, der jetzt rebelliert und durch Ali in der Boxwelt personifiziert ist, an seinen 'Platz' zurückgezwungen wird. Auf der anderen Seite wollte die schwarze Hoffnung Onkel Toms Untergang beiwohnen und einen symbolischen Beweis für den Sieg des autonomen Negers über den unterdrückten Neger haben."

Ali-Sieg in Runde 12

Die Erwartung der Schwarzen erfüllte sich. Muhammad Ali besiegte seinen Kontrahenten nicht nur, er demütigte ihn. In der gesamten ersten Runde setzte der Weltmeister keinen ernsthaften Schlag an. In seinem Tanz entzog Ali sich mit Leichtigkeit Pattersons Angriffsbemühungen, der Champ verhöhnte den Herausforderer: "Komm schon, Amerikaner! Komm schon, weißer Amerikaner!" Ab der zweiten Runde begann Ali dann zuzuschlagen. Unaufhörlich umkreiste er Patterson, ließ seinem Gegner nicht den Hauch einer Chance, schlug linke Jabs und beidhändige Kombinationen - Patterson allerdings nicht zu Boden. Eine Bestrafung! Diese Bestrafung musste zwar Floyd Patterson über sich ergehen lassen, doch sie galt laut Ali nicht ihm: „Ich hatte während des ganzen Kampfs mit Patterson gesprochen, weil ich ihm klarmachen wollte, dass die Schläge eigentlich nicht für ihn bestimmt waren, sondern für das weiße Amerika."

Als der Kampf in der zwölften Runde abgebrochen wurde, hatte der Champion den Herausforderer vernichtend geschlagen. In seiner typischen Schreibweise fasste Cleaver die Bedeutung des Erfolgs zusammen: "Muhammad Ali brachte dem weißen Amerika eine psychologische Lektion bei, die an Schockwirkung derjenigen Fidel Castros in der Schweinebucht gleichkam. Wenn sich die Schweinebucht als rechte Gerade an das psychologische Kinn des weißen Amerika betrachten lässt, dann war Las Vegas ein vollendeter linker Haken unter die Gürtellinie."

"I ain't got no quarrel with them Vietcong"

Der Jubel der dunkelhäutigen US-Bevölkerung über den Ausgang des Duells war grenzenlos. Alis Verständnis seiner Rolle als farbiger Sportstar traf die Einstellung der Schwarzen im Jahr 1965, während Pattersons Verhalten anachronistisch wirkte. Aus dem ehemals "weißen Schwarzen" Schwergewichts-Weltmeister wurde ein "schwarzer Schwarzer", ein freier schwarzer Schwergewichts-Weltmeister. Aus dem gutmütigen Floyd Patterson mit der Lebenseinstellung "einfach den Mund halten" wurde Muhammad Ali, der keiner Erwartung entsprechen wollte und dies dem weißen Amerika in aller Deutlichkeit mitteilte: "I don't have to be what you want me to be. I'm free to be me."

Der Kampf gegen Patterson war für Ali so etwas wie der Startschuss. Bald dehnte sich die Rebellion des Weltmeisters aus, als Ali mit dem legendären Satz "I ain't got no quarrel with them Vietcong" das militärische Vorgehen der Vereinigten Staaten in Vietnam kritisierte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Schwergewichts-Champions in Zeiten des Krieges immer patriotisch zu ihrem Land gestanden: Joe Louis während des Zweiten Weltkriegs, Rocky Marciano im Koreakrieg. Von Ali forderten die US-Bürger das gleiche Verhalten. Doch er tat das genaue Gegenteil: Der Schwergewichts-Champion leistete sich eine eigene Meinung zur Weltpolitik, die zusätzlich von der des weißen Amerika abwich. "Ich war entschlossen, ein Nigger zu sein, den die Weißen nicht kriegen. Verstehst Du, weißer Mann? Ein Nigger, den du nicht kriegst."

Ali darf nicht mehr boxen

Was geschah? Amerikas Machtelite stellte Ali kalt. Während gleichaltrige Prominente wie Football-Star Joe Namath oder der mit der Tochter von Präsident Johnson liierte Schauspieler George Hamilton nicht eingezogen wurden, sollte Ali in die Army. Doch er weigerte sich - woraufhin ihm seine Boxlizenz entzogen wurde und er zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Gegen Kaution blieb er zwar auf freiem Fuß, durfte aber drei Jahre lang nicht boxen. Die Dichterin und Bürgerrechtlerin Sonia Sanchez schrieb damals: "Es war ein Krieg, in dem unverhältnismäßig viele junge Brüder umkamen, und da stand dieser schöne, witzige, poetische junge Mann auf und sagte nein! Der Weltmeister im Schwergewicht, ein magischer Mann, verlagerte seinen Kampf aus dem Ring heraus in die Arena der Politik und blieb standhaft. Was das für eine Botschaft war!"

Cassius Clay begann zu einer Zeit mit dem Profi-Sport, als von farbigen Athleten und besonders von schwarzen Schwergewichts-Weltmeistern Gehorsam verlangt wurde. So wie Floyd Patterson hatten sie sich gar nicht oder nur im Sinne der Machtelite in politische Belange einzumischen. Doch als Cassius Clay erst der neue Champion und dann Muhammad Ali wurde, trat ein Wandel ein. Ali nahm Positionen ein, die sich von jenen des weißen Amerika unterschieden. Er agierte absolut unabhängig - "I'm free to be me" - und wurde so zu einer der aufregendsten Persönlichkeiten der 60er Jahre und zum Symbol einer neuen Bewegung. Ali lebte vor, wofür er stand. Für ein wachsendes Selbstvertrauen der Schwarzen und für eine zornige Haltung gegenüber dem weißen Amerika - Muhammad Ali stand für Black Power.

Alexander Schmolke

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