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Ezzard Charles im Porträt
Ezzard Charles im Porträt
Ezzard Charles (r.) holt sich den WM-Gürtel gegen Jersey Joe Walcott

Es ist schon bemerkenswert: Obwohl Ezzard Charles im Halbschwergewicht nie einen WM-Titel für sich beanspruchen konnte, wählte ihn das renommierte Ring Magazine in dieser Gewichtsklasse zum besten Boxer aller Zeiten. Die meisten Experten sahen seine Hochzeit im Halbschwergewicht, bekannt wurde er jedoch vor allem durch seine Kämpfe im Schwergewicht, wo er auch Weltmeister wurde. sportal.de erinnert an einen legendären Boxer, der heute vor 88 Jahren das Licht der Welt erblickte.

Geboren am 07. Juli 1921 in Lawrenceville/Georgia wuchs Charles in ärmlichen Verhältnissen auf, ehe es ihn im Alter von neun Jahren nach Cincinnati/Ohio verschlug, wo er bei seiner Großmutter lebte. Hier begann er als Teenager eine Amateur-Karriere, in der er 1939 den National AAU Titel im Mittelgewicht errang und in 42 Kämpfen ungeschlagen blieb.

Seinen ersten Profi-Fight absolvierte die Cincinnati Cobra, wie er aufgrund seiner Beweglichkeit und boxerischen Eleganz genannt wurde, am 12. März 1940 gegen Melody Johnson. Nach 15 Siegen in Serie erlitt er am 09. Juni 1941 gegen Ken Overlin seine erste Niederlage. Da er während des zweiten Weltkrieges in der US Army diente, bestritt er zwischen 1943 und 1946 kaum Kämpfe.

Die Dominanz im Halbschwergewicht

Nach dem Krieg feierte Charles am 18. Februar 1946 eine umjubelte Rückkehr in den Ring, als er in seiner Heimatstadt Cincinnati Al Sheridan in der zweiten Runde ausknockte. Im Gedächtnis haften blieben jedoch insbesondere seine Duelle gegen den legendären Archie Moore, den er in den folgenden Jahren drei Mal bezwang. Wie kein anderer dominierte Charles zu dieser Zeit das Halbschwergewicht und boxte jeden, der Rang und Namen hatte. Von seinen 40 Kämpfen zwischen 1946 und 1951 verlor er lediglich einen.

Ein verhängnisvoller Kampf am 20. Februar 1948 hätte dann fast seine Karriere vorzeitig beendet. Charles gewann gegen Sam Baroudi durch K.o. in der zehnten Runde. Doch sein junger Gegner sollte diesen Fight nicht überleben, er erlag seinen schweren Verletzungen, die er sich zugezogen hatte. Charles war daraufhin so geschockt, dass er kurzzeitig mit dem Gedanken spielte, mit dem Boxen aufzuhören. Doch er machte weiter, änderte als Konsequenz aber seinen Stil, der ihn fortan etwas vorsichtiger boxen ließ, um seine Kontrahenten nicht zu sehr zu verletzen.

Charles entthront Walcott

Trotz seiner unumstrittenen Klasse und Dominanz blieb Charles ein WM-Kampf jedoch verwehrt und so beschloss er schließlich, sein Glück im Schwergewicht zu versuchen. Nachdem er seine ersten Fights auch in der Königsklasse erfolgreich bestanden hatte, durfte der mittlerweile fast 28-Jährige am 22. Juni 1949 um den vakanten WM-Gürtel der National Boxing Association gegen den favorisierten Jersey Joe Walcott in den Ring steigen. Charles brillierte dank seiner Schnelligkeit und exzellenten Technik und besiegte seinen Rivalen einstimmig nach Punkten.

Nach drei erfolgreichen Titelverteidigungen ging es am 27. September 1950 gegen den legendären Ex-Champ Joe Louis, der zwar satte 15 Kilo mehr auf die Waage brachte, seinen Zenit jedoch bereits überschritten hatte und seinen ersten Kampf nach über zweijähriger Pause bestritt. Charles fügte seinem Idol die erst zweite Karriere-Niederlage nach dessen K.o. gegen Max Schmeling zu und wurde nach dem souveränen Punktsieg nunmehr als unbestrittener Weltmeister anerkannt.

Der ungeliebte Champion

Was er jedoch nicht erobern konnte, waren die Herzen der Massen. Zum einen hatte Charles gerade den ungemein beliebten Joe Louis deklassiert, zum anderen konnten viele Leute seinem filigranen Boxstil nichts abgewinnen. So wurde die Cobra von so manchem als langweiliger, ausdrucksloser Boxer und aufgeblasener Halbschwergewichtler angesehen. Die Brillanz, mit denen dieser seine zumeist schwereren Gegner analysierte und in der Regel gekonnt ausboxte, verstanden nicht viele. Was gewünscht war, waren Spektakel, mitreißende Ringschlachten. Dafür aber stand Ezzard Charles eher nicht.

Nach vier weiteren erfolgreichen Titelverteidigungen wurde der Weltmeister zum dritten Mal von Walcott, dem er bereits zwei Niederlagen zugefügt hatte, herausgefordert. Doch am 18. Juli 1951 sollte der Herausforderer das bessere Blatt auf seiner Seite haben. Charles ging nach einem linken Haken Walcotts in der siebten Runde zu Boden und stand nicht mehr auf. Das Ring Magazine wählte den packenden Fight zum Kampf des Jahres.

Ein Jahr später, am 05. Juni 1952, kam es zur Revanche gegen Walcott und Charles hätte der erste Schwergewichtler in der Boxgeschichte werden können, der sich einen verlorenen WM-Gürtel zurückerkämpft. Doch erneut zog er den Kürzeren und musste nach 15 Runden eine denkbar knappe Punktniederlage hinnehmen.

Charles scheitert zwei Mal an Marciano

Die nächste Chance auf einen Titelfight kam am 17. Juni 1954. Gegner war niemand Geringeres als der ungeschlagene Weltmeister Rocky Marciano. In den ersten zwei Dritteln des Kampfes gestaltete der zwei Jahre ältere Charles das Geschehen im Ring ausgeglichen, indem er der gefürchteten Schlagkraft des Punchers Marciano geschickt auswich und durch seine technischen Fähigkeiten und noch immer exzellente Beweglichkeit zu überzeugen wusste. Doch die letzten fünf Runden entschied Marciano gegen den immer müder werdenden Charles für sich und fuhr so den knappen Punktsieg nach Hause. Charles sagte nach dem Fight, er fühle sich, als sei er unter einen Mähdrescher geraten.

Der Kampf wurde von der Öffentlichkeit so begeistert aufgenommen, dass beide Rivalen lediglich drei Monate später erneut im Ring aufeinander trafen. Bereits in der zweiten Runde schickte Marciano Charles kurzzeitig zu Boden, doch der Herausforderer schlug zurück und brach dem Champ in Runde sieben dermaßen schwer die Nase, dass der Ringrichter kurz überlegte, den Kampf vorzeitig abzubrechen, was einem TKO-Sieg Charles' gleichgekommen wäre.

1959 ist endgültig Schluss

Doch Marciano durfte weiter boxen und knockte sein Gegenüber kurzerhand in der achten Runde mit einer harten Kombination aus. Einige Leute glaubten, dass sich Charles nach der schweren Verletzung Marcianos bewusst etwas zurückgehalten habe, aus Angst davor, dass diesem ein ähnliches Schicksal wie dem sechs Jahre zuvor tödlich verünglückten Baroudi ereilen könnte. Bewiesen wurde diese Behauptung jedoch nie.

Für das Ring Magazine war es der Kampf des Jahres und Charles blieb derweil die bittere Erkenntnis, dass es auch im dritten Versuch nicht mit der Wiedererlangung des WM-Titels geklappt hatte. In der Folgezeit wurde deutlich, dass die vielen Kämpfe eine Menge Substanz gekostet hatten und Charles besser zurückgetreten wäre. Doch finanzielle Probleme ließen ihn immer wieder in den Ring steigen und so folgten noch diverse Niederlagen, ehe Charles 1959 die Boxhandschuhe endgültig an den Nagel hängte.

"Der beste Boxer seiner Ära"

Nach seiner aktiven Zeit versuchte sich Charles, der im übrigen ein exzellenter Kontrabassist war und in den 40er und 50er Jahren mit zahlreichen Jazz-Größen auf der Bühne stand, als Wrestler, Türsteher und Sicherheitsbeauftragter in Ohio. Nach dem Umzug nach Chicago freundete er sich mit Marciano sowie dem legendären Muhammad Ali, der wie Charles in der 85. Straße wohnte, an.

Charles, der 1975 im Alter von 53 Jahren starb, wurde 1990 in die International Boxing Hall of Fame aufgenommen. In Erinnerung bleibt Charles, der von seinen insgesamt 119 Kämpfen 93 gewann (52 durch K.o., 25 Niederlagen, 1 Unentschieden), als einer der begnadetsten Boxer aller Zeiten. Das Schlusswort gebührt einem der renommiertesten Sportjournalisten Amerikas, Red Smith: "Eines Tages wird die Öffentlichkeit vielleicht die Vergleiche mit Joe Louis verwerfen und Ezzard Charles als das anerkennen, was er war - der beste Boxer seiner Ära."

Oliver Altgelt

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