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Der Ohrbiss: Mike Tyson gegen Evander Holyfield
Der Ohrbiss: Mike Tyson gegen Evander Holyfield
Evander Holyfield lässt sein angebissenes Ohr checken und soll erstmal weitermachen

Vor exakt zwölf Jahren ging der Rückkampf von Evander Holyfield und Mike Tyson durch den Ohrbiss von Iron Mike als einer der größten Skandale in die Boxgeschichte ein. Der Kampf der Superlative wurde durch eine Disqualifikation von Tyson nach der dritten Runde gestoppt. sportal.de erinnert an eine Boxnacht der besonderen Art.

Knapp 40 Sekunden waren in der dritten Runde noch zu absolvieren, als Tyson von Holyfield aus der Umklammerung geschubst wurde und The Real Deal wie von Sinnen schreiend durch den Ring sprang. Das Publikum im MGM Grand Garden von Las Vegas war erschrocken. Was war passiert? „Ich glaube er wurde gebissen", kommentierte ein völlig perplexer Ferdie Pacheco, Kommentator des US-Senders Showtime, die Szene.

Dann näherte sich Tyson erneut und schubste Holyfield von hinten gegen die Seile und drehte sich ab. Holyfield wandte sich in Richtung von Ringrichter Mills Lane und deutete mit schmerzverzerrtem Gesicht immer wieder auf sein rechtes Ohr. Das Blut lief aus der Bisswunde am Hals des Weltmeisters herunter.

Atlas prophezeite Böses

Im Lager von Tyson herrschte bereits vor diesem Kampf, der sämtliche Einnahmerekorde in den Schatten stellte, keine gute Stimmung. Diese äußerte sich darin, dass man zum Beispiel den Ringrichter Mitch Halpern nicht haben wollte, der bereits den ersten Kampf der beiden einige Monate zuvor betreut hatte, und ihn durch Lane ersetzen ließ. Tyson sah sich damals vor Kopfstößen Holyfields nicht ausreichend geschützt. Der Entdecker des New Yorkers, Teddy Atlas, fühlte bereits vor dem Kampf, dass sein ehemaliger Schützling im Begriff zu sein schien, etwas Dummes zu machen.

Ron Borges, ein Tyson-Kenner und Boxautor des Boston Globe, berichtete hinterher in einem Interview von einem Anruf von Atlas am Abend vor dem Fight. "Er wird etwas tun, um sich selbst zu disqualifizieren", sagte Atlas und vermutete Tiefschläge, Kopfstöße oder aber auch einen Biss.

Die Niederlage im ersten Aufeinandertreffen war für Iron Mike ein schwerer Schlag, war er bei den Buchmachern mit einer Quote von 25:1 doch der klare Favorit gewesen. Neben Buster Douglas war Holyfield der einzige Boxer gewesen, der Tyson gedemütigt und nicht nur bezwungen hatte. Dies so berichtet Borges, habe Tyson so in Angst versetzt, dass er nicht mehr anders konnte außer zu seinem weltberühmten Ohrbiss anzusetzen.

Die Halle steht hinter dem Weltmeister

Tyson, der außerhalb des Rings oft negativ auffiel, während eines Wettkampfes aber einen guten Ruf besaß, war von Beginn an der unterlegene Boxer. Holyfield suchte die Nahdistanz und pendelte Angriffsversuche clever aus, landete aber auch immer wieder mit seinem Jab im Ziel. Tyson machte dies wild, vor allem weil Holyfield oft klammerte und ihm wie im ersten Kampf mit dem Kopf voran im Infight gefährlich nahe kam. The Real Deal drängte seinen Gegner in Richtung Seile. Angefeuert vom überwiegenden Teil des Publikums. „Ho-ly-field, Ho-ly-field", hallte es zum Ende der ersten Runde durch das MGM Grand Garden in Las Vegas.

Die tiefe Ausrichtung von Evanders Kopf und die wilde Art von Tyson, der oftmals versuchte explosionsartig aus der Defensive an Holyfield heran zu kommen, führten in der zweiten Runde abermals zu einem heftigen Cut bei Tyson, nachdem sie mit den Köpfen zusammen gerasselt waren. Gute Treffer hatten die Wunde bereits in der ersten Runde verursacht, doch Tyson schaute immer wieder Hilfe suchend zu Lane und deutete an, dass die Tiefe des Cuts auf einen Kopfstoß zurückzuführen sei.

"Dieser Typ hat keinen Plan"

Das Blut lief Tyson an der rechten Wange runter und nun wurde er richtig sauer, zumal Mills Lane nach kurzer Unterbrechung auf unabsichtlichen Kopfstoß plädierte und weiter boxen ließ. Mit dem Eröffnungsgong zur dritten Runde hatte Tyson bereits sein Mundstück in der Ecke liegen gelassen, musste es auf Kommando des Ringrichters, der dies bemerkte, aber zurückgehen und es sich geben lassen. "Dieser Typ hat keinen Plan", raunte Sugar Ray Leonard, der sich den Kampf am Ring ansah, in diesem Moment leise zu seinem Nebenmann und bemerkte, dass Iron Mike zwar ordentliche Treffer setzte und ab und an zum Körper durchkam, doch auf der anderen Seite ein Fighter stand, dessen Standfestigkeit erschütterte.

Was nun folgte ging als einer der größten Boxskandale in die Geschichte ein. Eigentlich wollte Tyson seinen Gegner mit Körpertreffern mürbe machen und ihn mit seinen gefürchteten Kombinationen aus der Balance bringen. Als er aber nun merkte, dass Evander viel besser präpariert und kaum zu treffen war, fasste er in der Ecke einen Entschluss. Wenn es boxerisch nicht mehr geht, dann eben anders. Vielleicht aber hatte er diesen Entschluss ohnehin bereits in den Tagen vor dem Fight gefasst, so wie es Atlas prophezeit hatte.

Lane lässt sich überstimmen

Zunächst attackierte Tyson heftig in der dritten Runde, konnte aber bis auf einen starken linken Haken wenig Wirkung bei seinem Kontrahenten erzielen. Holyfield wirkte unbeeindruckt. Nun war es Tyson, der klammerte und Lane konnte sie kaum voneinander trennen. Nach dem sich Holyfield bei einem linken Haken gut wegduckte, positionierte Tyson seinen Kopf auf der rechten Schulter von Holyfield und biss ihm wie ein wildes Tier ein Stück seines Ohrs ab.

Mills Lane ließ die Wunde vom Ringarzt begutachten. Eigentlich wollte er Tyson bereits zu diesem Zeitpunkt disqualifizieren. "Ich kann den Bissabdruck sehen", sagte Lane, "er ist raus". Doch da der Ringarzt und der Fight-Commisioner ihn überstimmten und das Okay für eine Weiterführung des Kampfes gaben, wurde der Skandal fortgesetzt. Tyson wurde für seine Aktion mit zwei Punkten Abzug belegt.

Dieser behauptete, die Wunde sei die Folge von Schlagwirkung gewesen, worauf Lane ein lautes "Bullshit" folgen ließ, das sogar bis in die hinteren Reihen zu hören gewesen sein dürfte. Lane machte ihm deutlich, dass er beim nächsten Verstoß sofort abbrechen werde. Wenige Sekunden später biss Tyson erneut zu, diesmal ins andere Ohr. Der Kampf, den viele mit Faszination erwartet hatten, nahm eine unglaubliche Wendung, die außer Atlas wohl kaum einer für möglich gehalten hatte. Lane brach den Fight nach der Runde ab.

Tyson flippt aus

Es entwickelte sich ein riesiger Tumult. Tyson versuchte in die Ecke des Kontrahenten zu kommen und musste wie ein Wahnsinniger zurückgehalten werden. Die Energie seinen Gegner zu schlagen, die er eigentlich im regulären Kampf hätte aufbringen müssen, holte er jetzt raus und sorgte für eine absurde Show. Als alles bereits vorbei war und er keine Chance mehr hatte den Kampf fortzusetzen, flippte er förmlich aus und provozierte in alle Richtungen. Gefühlte hundert Leute waren im Ring und schoben sich bizarr hin und her.

Die Zuschauer skandierten wieder "Ho-ly-field, Ho-ly-field" und mehrere Securities hielten Iron Mike in seiner Ecke. Beim Verlassen des Rings schlug er weiter um sich in Richtung Publikum und Fotografen. Holyfield blieb Weltmeister und war hinterher einfach nur froh darüber, dass Lane die Situation richtig erkannt und gedeutet hatte.

Einsichtig oder gespielt?

Wenige Tage später zeigte er Reue in einem Fernseh-Statement, 1999 allerdings sagte er der BBC: "Ich würde es wieder tun unter genau diesen Umständen", und verwies darauf, dass es Holyfield erlaubt gewesen sei ihn mit Kopfstößen zu traktieren. Ron Borges sagte in dem bereits erwähnten Interview, dass die Entschuldigung von Tyson so geklungen hätte, als ob er sagen wollte: "Es tut mir leid Evander, ich bin schuldig, habe aber einen Grund gehabt." Diese Aussage traf den Kern von Tysons Intention und Borges sprach das aus, was viele Fans weltweit angesichts der Entschuldigung dachten.

Für sein unsportliches Verhalten wurde ihm am 9. Juli 1997 die Boxlizenz von der Nevada State Athletic Commission entzogen und ihm eine Strafe von drei Millionen Dollar aufgebrummt (angesichts der 30 Millionen, die er für die drei Runden einstrich, wohl zu verkraften gewesen). Die Lizenz erhielt er allerdings knapp ein Jahr später wieder zurück. Genau wie Holyfield boxte auch er wenige Jahre später gegen Lennox Lewis. Beide verloren ihre Kämpfe.

Auch wenn sowohl Tyson als auch Holyfield anschließend ihre Karriere fortsetzten, ihren Zenit hatten sie (vor allem aber Mike Tyson) längst überschritten. Sie waren würdige Weltmeister gewesen und haben dem Schwergewicht in den 1990 Jahren hochklassige Kämpfe geliefert. Doch so gut sie auch boxten, in erster Linie wird der Abend des 28. Juni 1997 in den Köpfen der Menschen hängen bleiben, wenn sie von Iron Mike und The Real Deal erzählen.

Julian König

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