Zum dritten Mal hat Kelly Pavlik die Gürtel der WBC und WBO im Mittelgewicht verteidigt, die er seit seinem sensationellen K.o.-Sieg gegen Jermain Taylor im September 2007 trägt. Sein Gegner hieß aber weder Arthur Abraham noch Felix Sturm, die seither vergebens auf einen Vereinigungskampf gegen den US-Amerikaner warten. In Pavliks Heimatstadt Youngstown/Ohio forderte ihn Marco Antonio Rubio heraus, der Mexikaner hatte keine Chance und gab in der neunten Runde auf.
Ob es nun Feigheit ist, wie sie Abraham Pavlik in einem Interview mit sportal.de vor einigen Monaten unterstellte, oder die beiden Deutschen, wie die New York Times vermutete, einfach nicht bekannt genug für einen Kampf in Amerika sind, bleibt vorerst offen.
Vom Superchamp zur Legende
Um sein großes Ziel später einmal mit Legenden wie Sugar Ray Leonard, Thomas Hearns oder Roberto Duran in einem Atemzug genannt zu werden zu erreichen, läge jedoch nahe, die Titel im Mittelgewicht zu vereinigen, der Superchamp zu werden. Doch Pavlik hat ein Problem: sein Image. Zwar eilt dem 26-Jährigen längst der Ruf voraus der beste Puncher seiner Gewichtsklasse zu sein und aus früheren Tagen haftet ihm sein Kampfname "The Ghost", den er wegen seiner Wendig- und Schnelligkeit bekam, an, allerdings hinkt sein Bekanntheitsgrad über den Bundesstaat Ohio hinaus seiner boxerischen Klasse bei weitem hinterher.
Pavlik gehört nicht der Sorte US-Sportler an, die einen extrovertierten Lebensstil pflegen. Er wohnt auch nicht in einer protzigen Villa in Beverly Hills oder auf Long Island, sondern in einem Reihenhaus in Youngstown - seiner Heimatstadt. Sein Promoter Cameron Dunkin bei Top Rank, bei denen Pavlik seit seinem 18. Lebensjahr unter Vertrag steht, arbeitete oft daran, ihm ein anderes Image zu verpassen. Ließ ihn vor Kämpfen seine Vorbereitung medienwirksam in Atlantic City absolvieren, anstatt wie gewohnt im heimischen Youngstown's South Side Boxing Club.
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Von solcherlei Ausflügen ist er längst abgekehrt und auch Top Rank hat mittlerweile eingesehen, dass aus dem bodenständigen Pavlik kein Stereotyp des Glamour-Boxens zu machen ist. Zwar war der Standortwechsel für ihn damals kein Problem, lieber aber war Kelly sein Trainingsraum, indem seine Karriere vor knapp 17 Jahren begonnen hatte.
Beständigkeit als Schlüssel zum Erfolg
Im Alter von neun Jahren zog er erstmals die Boxhandschuhe über und war fortan Schüler von Jack Loew, der ihn noch heute betreut. Damals wie heute war der Trainingsraum nur ein Steinwurf vom elterlichen Wohnzimmer entfernt. Nicht etwa, dass Pavlik noch daheim wohnen würde, aber in der Kampfvorbereitungsphase bezieht er die Couch seiner Eltern - so wie er es immer schon tat vor seinen Kämpfen.
Diese ruhige, der Heimat verbundene Art hat ihn in Youngstown zu einem Helden gemacht, verhinderte aber bislang die ganz großen Kämpfe. Als sich die Diskussionen um mögliche Gegner für Shootingstar Manny Pacquiao (dem derzeitigen Pound-for-Pound-Champion) drehte, war sein Name eher einer, der nicht hoch im Kurs stand. Kurzzeitig munkelte die Szene, Pavlik würde einen Kampf gegen Joe Calzaghe bekommen, doch nachdem "The Ghost" in einem Showkampf gegen Bernard Hopkins (der TV-Sender HBO hatte zuvor mehrere Herausforderer, darunter auch Rubio abgelehnt) peinlich nach Punkten verlor, war dies außer Reichweite und ist seit dem Rücktritt des Walisers ohnehin undenkbar.
Dabei kann die Punktniederlage gegen Hopkins als Fauxpas gesehen werden. So verlor er jede Runde, konnte sein sonst so berüchtigtes Power-Punching nicht einsetzen und verfehlte ungewohnt häufig das Ziel. Der Kampf in Atlantic City ist aber längst abgehakt und so kommt es auch nicht von ungefähr, dass die jetzige Titelverteidigung im Chevrolet Centre von Youngstown stattfindet.
Der lange Weg zum Titel
Über sechs Jahre hinweg wurde Pavlik langsam und beständig zum Weltmeister aufgebaut, nachdem er als Amateur 1999 Juniorenchampion der USA wurde und ein Jahr später zum Profi aufstieg. Er sei kein besonderer Boxer gewesen, sagt sein Trainer. Aber schnell und vor allem wendig war er. Zu schnell und zu wenig für seine Gegner. Von allen Seiten deckte er seine Kontrahenten mit Schlagkombinationen zu und trieb sie durch den Ring.
Zwar erinnerten seine vergangenen Kämpfe an den "Ghost" von damals, doch längst hat er seine Taktik umgestellt, setzt viel mehr auf die Wirkung seiner Schlaghärte, die ihm den Titel härtester Puncher seiner Gewichtsklasse vom Ring Magazine einbrachte. Diesen inoffiziellen Titel erlangte er beim Ausscheidungskampf der WBC gegen Edison Miranda am 19. Mai 2007.
Den Schlagabtausch dominierte Pavlik, trieb Miranda mehrfach in die Seile und traktierte ihn mit seinem rechten Jab. Wie man es von ihm kannte, feuerte er eine Kombination nach der anderen heraus und suchte die Nahdistanz. Dass bei diesem Stil seine Deckung nicht immer oben ist, scheint kaum zu stören - seine Gegner kommen sowieso kaum zu einer passenden Antwort. So auch Miranda nicht, der von Ringrichter Steve Smoger in der siebten Runde erlöst wurde - Technischer K.o.!
Steward: "Pavlik ist überbewertet"
Der nächste auf der Liste war Taylor, dessen Trainer Emanuel Steward Pavlik als "überbewertet" einstufte. In der zweiten Runde des WM-Kampfs schien Steward Recht zu behalten. Pavlik stand völlig offen vor seinem Gegner und schluckte gefühlte 20 Treffer, bevor er kurz zu Boden ging und angezählt wurde.
Es entwickelte sich ein brutaler Schlagabtausch, in dem beide Boxer unnachahmlich austeilten und einsteckten. Angefeuert von 6000 mitgereisten Einwohnern seiner Heimatstadt lag er auf den Punktzetteln zwar zurück, doch begann er den Kampf zu seinen Gunsten zu drehen. In der siebten Runde traf eine harte Rechte Taylor am Kopf und drängte ihn fast ohne Gegenwehr in die Ecke. Nach zwei Aufwärtshaken und einer Geraden war Schluss.
Zuhause empfing man ihn wie einen Helden. In der einstigen Hochburg der Metallindustrie der 60er Jahre, die seit Schließung der Werke von der Bevölkerunganzahl um die Hälfte auf knapp 80.000 Einwohner schrumpfte, brachte er längst nicht mehr geglaubten Glanz zurück. Die New York Times nannte ihn den "Stolz von Youngstown". Die Menschen lieben ihn und rechnen ihm hoch an, dass er geblieben ist. Er habe alles in Youngstown, alles was er bräuchte, begründete Pavlik seine Treue.
Auch im Rückkampf machte er einen "guten Job"
Taylor nutzte die vertraglich vereinbarte Rückkampf-Klausel und wollte beweisen, dass der Sieg des ehemaligen Herausforderers nur ein Zufallsprodukt war. Fünf Monate später war Pavlik besser eingestellt, ließ sich nicht überraschen und zeigte einen dominanten Kampf. Mit fast 850 Schlägen feuerte er fast doppelt so viele wie sein Gegner ab und traf auch wesentlich besser. Am Ende siegte er folgerichtig einstimmig nach Punkten mit 116:112, 117:111 und 115:113.
Dem demontierten Taylor blieb nur die Erkenntnis, dass Pavlik einen "guten Job" gemacht hatte und wohl doch mehr ist als ein überbewerteter Junge aus dem Mittleren Westen. Noch ist es ein langer Weg, um mit Leonard oder Duran auf einer Stufe zu stehen, doch Pavlik ist auf einem guten Weg dorthin. Er verfolgt einen Plan und für diesen nimmt er sich Zeit, überlegt genau, gegen wen und wann er den nächsten Schritt geht - das hat seine bisherige Karriere gezeigt.